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Angelesen         

Lesetipps, mal sachlich, mal unterhaltend - aber ums Reisen geht's irgendwie immer. Zumindest aber um Reiseziele.

Texterlei

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Reinhard Tiburzy: DuMont direkt Brüssel

Veröffentlicht am 02.03.2018

Vorfreude ist die schönste Freude! Es gibt sogar Studien die belegen, dass dem vor allem dann so ist, wenn es sich dabei um ein Erlebnis handelt. Eine anstehende Reise zum Beispiel. Oder ein Konzertbesuch.

Ich persönlich steigere eben diese meine Vorfreude mit kleinen Vorbereitungen. Wenn es auf Reisen geht, gehört das Einlesen dazu. Unbedingt. Und zwar ganz altmodisch mit einem gedruckten Reiseführer. Und nein, ich leihe mir diesen nicht bei Freunden aus, die vielleicht vor kurzem erst dort waren – ich hätte gerne einen jungfräulichen. Selbst gekauft. Ganz für mich. Ungelesen.

Mit diesem besonderen Duft eines neuen Buchs. Anfangs schwer zu blättern, weil es noch nie ein Leser richtig aufgeschlagen und mit dem Finger die Falz langgefahren ist. Vor allem aber noch ohne Gebrauchsspuren, dafür offen für alles, was ich mit ihm anstelle: Ich möchte den Reiseführer erkunden, wie ich das Ziel erkunden werde. Mit ihm Dinge entdecken, wie ich dort vor Ort rumlaufen und mir vieles "in echt" ansehen werde. Leuchtende Textmarkerstellen treffen dann auf gekritzelte Anmerkungen und eingeklebte Post-its, was ich wo im Internet noch nachrecherchiert und für mich um weitere Infos ergänzt habe. Dazugehörende Faltkarten, die am Ende der Reise deutliche Gebrauchs- und Andersknickspuren tragen werden, sind sowieso ein Muss. Und später werden einige Tickets und anderes mehr dafür sorgen, dass sein Volumen etwas zugenommen hat. Herrlich!

Aktuell liegt der kompakte DuMont direkt Brüssel griffbereit in meiner Nähe und entführt mich immer mal wieder, kurzzeitig und seitenweise in die Welt von Magritte und Manneken Pis, Jugendstil und Europaviertel, Comic-Kultur und knusprigen Fritten. Autor Reinhard Tiburzy nimmt mich dafür mit auf 15 Wege durch die Stadt, die ich in meinem 48 Stunden dort sicherlich so nicht schaffen werden – mir aber die Qual der Wahl ein wenig abnehmen, auf was ich mich konzentrieren sollte und auf welchen Pfaden ich ihm doch wenigstens teilweise folgen könnte. Mit einem Tipp in der Rubrik "Das Beste zu Beginn" hat er mich schon gleich gepackt: Ja, ich will hoch hinaus, um etwas Überblick zu bekommen, aber es muss nicht das Atomium sein. So werde ich also – Achtung, Vorfreude! – dem sogenannten MIM aufs Dach steigen. Denn ein Musikinstrumentenmuseum, das auch noch in einem Jugendstilgebäude untergebracht ist, ist genau meins.

Wie der Reiseführer überhaupt. Denn es hat sich viel getan bei der Serie DuMont direkt. Ein Jahr ist seit dem jüngsten Relaunch vergangen, der auch diesmal mehr ist als ein optisches Facelifting. Die kompakte Reiseführer-Reihe gibt es schließlich schon 20 Jahre, hieß 1997 noch DuMont Extra und wurde schon zweimal, 2004 und 2011, überarbeitet. Nun also auf ein Neues – und ich muss sagen, mir gefällt die neue, auch im Layout aufgegriffene Kompass-Idee. Kleine Häppchen-Seiten wie (in meinem Fall) "Brüssel in Zahlen" oder "Kennen Sie die?" locken einen ins Buch rein. Kurzum: Obwohl der Guide lockerer und spielerischer in Machart und Sprache daherkommt als einige andere "liebevoll zerlesene" DuMont direkt Ausgaben im meinem Bücherregal (zu anderen Städten) – ich fühle mich abgeholt, an die Hand genommen, gut vorbereitet. Und verspüre einmal mehr Vorfreude.

Die hat auch übrigens jener Freund gesteigert, den es beruflich dorthin verschlagen hat und den ich besuchen werde: Per Post trafen dunkle Schokoladen-Pralinen ein. Mmh! Da muss ich doch gleich noch mal nachlesen, was "Stöbern & Entdecken" dazu sagt, welchem Chocolatier man wo über die Schulter schauen kann …

Thorsten Brönner: Das große Radreisebuch Europa

Veröffentlicht am 08.12.2017

Ein Fahrrad, etwas Zeit – aber wohin? Thorsten Brönners "Das große Radreisebuch Europa – 50 Traumtouren von Island bis Kreta" zeigt, dass es auf diese Frage viele spannende Antworten gibt. Und verspricht auf knapp 300 Seiten Radel-Genuss pur mit seinen höchstpersönlich "abgefahrenen" Ideen für ein- bis zweiwöchige Fahrradtouren vom kühlen Norden bis zum sonnenverwöhnten Süden, denen man per downloadbaren GPS-Tracks leicht folgen kann. Enthalten sind Klassiker wie die Tour München-Venedig, aber auch Geheimtipps, etwa im Baltikum oder auf dem Balkan. Es locken Strecken für Naturliebhaber und solche für Kulturbegeisterte. Im A5 großen, durchaus gewichtigen Touren-Buch, das also mehr zum Schmökern und Vorbereiten vorweg denn zum Mitnehmen gedacht ist,  finden sich dabei anspruchsvolle alpine Wege wie die Alpenpanorama-Route ebenso wie mediterrane Strecken auf Sardinien oder in der Toskana. Kurzum: Europa auf zwei Rädern ist hier zum Greifen nah!

Ähnlich dem Skipisten-Prinzip blau-rot-schwarz verraten auch hier ebensolche Farbpunkte, ob die Touren leicht, mittel oder schwer sind. Einsortiert sind die 50 Ideen in die Regionen Nord-, West-, Mittel-, Ost sowie Südeuropa, in Sachen Distanzen ist zwischen 124 und 1.492 Kilometern alles dabei. Aber aufgepasst: Nicht täuschen lassen! Manches ist lang, doch leicht(er) zu fahren wie etwa die 700 Kilometer-Route Nr. 36 entlang der Green Velo quer durchs polnische Masuren. Anderes scheint dagegen vergleichsweise kurz, kommt aber mit etlichen Steigungen unerwartet schwer daher wie die Strecke Nr. 20 durch die Provence in Südfrankreich.  Das genaue Studieren der jeweiligen Strecken- sowie Höhenkarten und des immer kurz auf den Punkt gebrachten Tour-"Charakters" schützt vor Überraschungen. Überhaupt: Zum praktischen Einstieg gibt’s immer auf einen Blick kurz und knapp Informationen zu Schwierigkeit, Distanz sowie zeitlichem Aufwand, aber auch zu Wegmarkierung, Bett & Bike, E-Bike oder An- und Rückreise.

Zum Autor zitiere ich der Einfachheit halber kurz mal den Bruckmann Verlag: "Thorsten Brönner wurde 1976 in Lohr am Main geboren und lebt seit Jahren in München. Schon in seiner Kindheit hat er zahlreiche Fahrradreisen in Europa unternommen. Später bereiste der begeisterte Tourenradler mehrere Regionen der Erde zwischen Alaska und Feuerland. In den letzten 25 Jahren hat Brönner mit dem Fahrrad 250.000 Kilometer zurückgelegt …" Wie diese Strecke zusammenkommt? Nun, seit 2005 ist er mehrere Monate im Jahr radelnd unterwegs – und hat dabei unzählige Rad(fern)wege in ganz Europa im wahrsten Wortsinn "erfahren".

Das merkt man auch im "großen Radreisebuch Europa" den Tourenbeschreibungen und Tipps am Wegesrand an. Ganz zu schweigen von seinen Fotos, die richtig Lust machen, sofort in die Pedale zu treten – mal sind es Streckenimpressionen, dann Tourstopps oder kleinen Szenen und Details am Wegesrand. Die Aufnahmen unterstreichen einmal mehr: Es geht ums Erleben der Routen, nicht ums reine Kilometer machen, wenn man bei den Touren auch sportlich-konditionell auf seine Kosten kommt. Doch der Untertitel des Buchs hätte auch von Genuss- statt Traumtouren sprechen können! Zumal die Texte keine trögen Wegbeschreibungen sind (dafür lädt man sich ja den jeweiligen GPS-Track von der Verlagswebseite runter), sondern den Leser, Verzeihung: Radler lustvoll an die Hand nehmen und ihn mit einer gelungenen Mischung aus Anekdoten und Mythen, Zahlen und Fakten sich die Strecke entlang träumen lassen.

Und wenn es mit der doch Kondition nicht so weit her ist, lässt sich vieles alternativ mit dem E-Bike umsetzen – dann kommen auch Untrainiertere auf ihre Kosten. Thorsten Brönner gibt auch dafür immer Hinweise, welche Strecken warum Pedelec-geeignet sind – Verleih-Tipp inklusive. Immer noch zögerlich, ob man sich solche Touren zutrauen kann? Dann nutzt man das Buch eben als perfekte Inspiration, wohin die Radreise "betreut" gehen könnte – und sucht sich einfach einen Veranstalter und darüber Gleichgesinnte, mit denen man das strampelnde Tourenabenteuer gemeinsam bewältigt.

Wie etwa den Radreise-Anbieter Die Mecklenburger Radtour, der entgegen seines Namens nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern aktiv ist, sondern auch in ganz Deutschland und Europa. Mit ihm kann man zum Beispiel auf dem polnischen Ostseeküste-Radweg "Von Swinemünde nach Danzig" in der Gruppe radeln; auf exakt jener Strecke, die Thorsten Brönner in seinem Touren-Tipp Nr. 35 beschreibt. Veranstalter Die Landpartie beispielsweise führt explizit die Kategorie "Geführte E-Bike-Reisen" im Portfolio. Seine Tour "Mit dem E-Bike über die Alpen" beginnt zwar bereits in Landsberg, aber ab Füssen folgt sie exakt jener Route entlang der historischen Via Claudia Augusta gen Gardasee, die Brönner in seinem Routen-Vorschlag Nr. 25 lebendig werden lässt. Und einen bestens darauf vorbereitet, was einem unterwegs erwartet ... in Sachen Ausblick wie Beinarbeit.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Tom Hillenbrand: Teufelsfrucht. Ein kulinarischer Krimi

Veröffentlicht am 04.08.2017

Ein Glas Rivaner, ein Stück Rieslingpastete und bloß nicht zu viel Stress - der Koch Xavier Kieffer führt ein beschauliches Leben in der Luxemburger Unterstadt, wo er das kleine Restaurant "Deux Eglises" (eigentlich "Zwo Kierchen") betreibt. Dass dem nicht immer so war, erfährt man im Laufe von "Teufelsfrucht", während Xavier Herd und Heimat Heimat und Herd sein lässt und sich auf eine kriminalistisch-kulinarische Reise in seine eigene Vergangenheit, die kochende Gegenwart einstiger Weggefährten, aber auch in die Geschmackswelt einer gar nicht so fernen Zukunft aufmacht. Und nebenbei durch Europa tourt.

Denn eines Tages liegt die Leiche eines Gastro-Kritikers in seinem Restaurant, in dem er doch bewusst dieser Welt der Sterne, Hauben, Kochlöffel & Co. abgeschworen hat, um authentische Luxemburger Küche anzubieten. Einfach, aber gut. Scheinbar bodenständig, doch von bester Qualität. Jedoch: Nicht nur der tote Tester wirbelt sein ruhiges Leben gewaltig durcheinander. Auch eine mysteriöse Brandserie französischer Sterne-Restaurants, vor allem aber das Verschwinden seines ehemaligen Lehrmeisters Paul Boudier zwingen Kieffer, herauszufinden, wer ihm hier warum die Suppe versalzen will.

Auf eigene Faust stellt er Nachforschungen an, die ihn unter anderem nach Paris und Genf, aber auch in die geheime Probierküche seines alten Küchenchefs führen. Hilfestellung bekommt dabei er von seinem finnischen Freund Pekka Vatanen, als in Luxemburg tätiger EU-Beamter auf Lebenszeit bezeichnenderweise zuständig für landwirtschaftliche Produkte und Lebensmittelnormen (soweit ich es den seinen ironisch-überspitzten Andeutungen über die "Normierung von Nüssen, insbesondere des Umfangs von Erdbeeren" entnehmen konnte) und der Chefredakteurin des fiktiven, aber durchaus echten Vorbildern erstaunlich nahekommenden "Guide Gabin", Valérie Gabin. Unterwegs stößt er auf eine mysteriöse, außergewöhnliche Frucht auf Papua-Neuguinea, die zwar selbst nicht schmeckt, aber anderes teuflisch schmackhaft macht, dazu auf gewissenlose Lebensmittelkonzerne, die immer trickreicher den Konsumenten verführen wollen, und einen egomanischen Fernsehkoch, der am Ende vor lauter Eitelkeit nicht merkt, das er gerade clever benutzt wird, um eben diesen ein Bein zu stellen. Immer tiefer taucht Kieffer in die von Konkurrenzkampf und Qualitätsdruck beherrschte Gourmetszene ein – und erkennt, was auf dem Spiel steht: Die Gesundheit der Konsumenten. Und am Ende sogar sein eigenes Leben.

Das liest sich ebenso spannend wie unterhaltsam, vor allem aber wird mit jeder umgeblätterten Seite immer deutlicher, dass sich hier jemand ganz schön in die Materie rund um Food-Scouts, Sterneküche, Lebensmittelchemie, Food-Design & Co. eingearbeitet hat und bei aller Fiktion einiges vermutlich schon viel real-gegenwärtiger ist, als es dem schmökernden Schlemmer lieb ist. Hinzu kommen die Charaktere, allen voran die Hauptfigur Xavier Kieffer, der dem Ganzen eine wohltuende Prise Erd- und Heimatverbundenheit gibt - spricht und denkt er doch gerne mal, vor allem aber kocht er aus Überzeugung stets Lëtzebuergesch! Und das Großherzogtum, die Stadt und die Mosel sind auch mehr als nur hübsche Kulisse für einen Kriminalfall. Im Gegenteil.

Kurzum: Wer gutes Essen liebt und fesselnde Krimis mag, ist hier genau richtig! Ich wundere mich nur, dass ich nicht schon viel früher über Tom Hillenbrand gestolpert bin, denn sein Xaver Kieffer ermittelt bereits seit 2011, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und stand schon auf der SPIEGEL-Bestseller- sowie der Zeit-Bestenliste.

Kennengelernt habe ich den Koch mit der Spürnase allerdings mit seinem zweiten Fall "Rotes Gold" und auch nicht als Taschenbuch aus dem Kiwi-Verlag (wo inzwischen bereits fünf Fälle von ihm gelöst wurden), sondern als Hörbuch von audio media. Da ist er mittlerweile mit Frankreichs berühmtester Gastrokritikerin - Valérie Gabin - liiert, was ihm Einladungen in die höchsten Kreise beschert. Als bei einem solchen Abend ein legendärer Sushi-Koch vor seinen Augen stirbt, wittert er - klar, was sonst - Mord! Denn in der Sushi-Küche gibt es Fische, die teurer sind als Gold ... und wertvoller als ein Menschenleben. Eingelesen wurde "Rotes Gold" von Gregor Weber, dessen TV-Karriere als Sohn Stefan in "Familie Heinz Becker" begann und der mit Maiximilian Brückner über zehn Jahre als Saarbrücker "Tatort"-Team ermittelte. Einen besseren Vorleser hätte man kaum finden können: Neben seiner Tätigkeit als Schauspieler absolvierte Weber bei Kolja Kleeberg in dessen Berliner Sterne-Restaurant VAU eine Koch-Ausbildung! Mehr Einfühlen und Auskennen geht wohl nicht - und das bekommt dem Hörbuch ganz wunderbar. Äh, köstlich.

Es war übrigens kein Problem, der eigentlichen Story in Unkenntnis von Band 1 zu folgen. Um sich die Charaktere vertrauter zu machen und manchen Halbsatz besser zu verstehen, würde ich aber raten, mit "Teufelsfrucht" einzusteigen. Ich bin nun auch hungrig auf mehr, zum Glück wird ja noch einiges serviert, "Tödliche Oliven" etwa.

Rüdiger Edelmann: Rhön so schön. Reise in offene Fernen

Veröffentlicht am 01.06.2017

Gleich drei Bundesländer werben mit der Rhön – liegt sie doch im Grenzgebiet von Bayern/Franken, Hessen und Thüringen. Einst war genau das ihr deutsch-deutsches (Teilungs-)Schicksal, heute ist gerade das Grüne Band der einstigen Grenze eines der Pfunde mit dem das Mittelgebirge kräftig wuchert. Immerhin: 1991 wurde die Rhön länderübergreifend von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt. Ziel war und ist es, das sogenannte "Land der offenen Fernen" als Lebensraum für Mensch und Natur zu erhalten. Und das idealerweise unter dem Motto "Schutz durch Nutzung".

Was es damit auf sich hat, das hat auch Rüdiger Edelmann in seinem zweiten Reiselesebuch "Rhön so schön" (nach "Märchenhaftes Kassel und Nordhessen"), erschienen in der wunderbaren Reihe "Lieblingsplätze zum Entdecken" des Gmeiner-Verlags (vielen Lesern auch durch regionale Krimis bekannt), erfahren dürfen, dessen 1. Auflage im Sommer 2016 erschien.

Und der Leser bekommt besagtes Motto auf dem Titelbild auch gleich mal plakativ-knuffig, stoisch Gras kauend von ihm gezeigt: Das Rhönschaf, eine fast schon ausgestorbene Schafrasse, wurde zum neuen Sympathieträger für die Region – und zu einem hervorragenden Landschaftspfleger obendrein. Oder wie der Autor gleich im Lieblingsplatz 1 so schön titelt, es "Määht für eine Region" (Seite 13). Was im Übrigen auch für den Rhöner Weideochsen gilt, der es allerdings (noch?) nicht ins Buch geschafft hat. Vielleicht weil ihm die kuschelige Schafwolle abgeht? Wer weiß, vielleicht heißt es ja in der 2. Auflage irgendwo "Muuht für eine Region“ …

Ganz dem Konzept der Titelreihe folgend nimmt Rüdiger Edelmann den Leser jedenfalls mit auf eine auf eine sehr persönliche Entdeckungstour zu 77 Orten, Menschen, Stimmungen und Entdeckungen in diesem auf seine Art so außergewöhnlichen Mittelgebirge. Erfrischend ehrlich führt er den Leser an jene Lieblingsorte, die die im Kern 1.500 Quadratkilometer große Rhön in seinen Augen in ihrer Vielfalt präsentieren und ausmachen: Natürlich, aktiv, historisch, lecker, deutsch-deutsch, spannend und entspannend (so die sieben Hautkapitel) hat er sich überall dort umgeschaut, wo das Rhön-Motto "Einfach erhebend" großgeschrieben wird.

Und auch wenn die Aufmachung des Guides (stets doppelseitig gestaltete Tipps mit Text hier und Bild dort, inklusive Kontaktdaten plus einem abschließenden "Tipp zum Tipp") und der persönliche Schreibstil mich an die Themenreihe "111 Orte" des Kölner Emons Verlag erinnern, beide Titelreihen sind doch grundverschieden: Während die Kölner ihre Autoren das Unbekannte im Bekannten aufspüren lassen, also sich an die (möglichen wie echten) Kenner einer Stadt oder Region wenden, so fühlt sich bei den "Lieblingsplätzen" des Gmeiner-Verlags auch der bestens an die Hand genommen und gut beraten, der noch nie dort unterwegs war. Die launigen Beiträge sind quasi Motivation pur, loszufahren und alles nachzuerleben.

Sicher, ein klassischer Reiseführer sieht anders aus – aber das Ganze nennt sich ja auch bewusst Reiselesebuch. Und Reisen und Lesen, das kann man mit (auch dank inkludierter Karte) und in diesem Band ganz hervorragend! Zumal Rüdiger Edelmann den persönlichen Touch noch verstärkt, in dem er elf Rhön-Bewohner vorstellt und zu Wort kommen lässt, die perfekte Botschafter ihrer (selbstgewählten oder hineingeborenen) Heimat sind: Josef Kolb etwa, für den das schon erwähnte Rhönschaf eine Herzenssache ist (Seite 21). Oder Matthias Fahls‘ Geschäftsidee von Schäferwagenhotel (um beim schafigen Thema zu bleiben, Seite 185). Aber auch David Altheide gehört zu ihnen, der als „Wanderer zwischen den Welten“ (Seite 135) am Grenzmuseum Point Alpha an jene Zeiten erinnert, als das ebenfalls schon angesprochene Grüne Band noch eine tödliche Grenze war.

Wohin einem das Buch noch entführt? Selbstredend auf den höchsten Berg der Rhön, die Wasserkuppe, den legendären "Berg der Flieger", von wo aus man weit über das raue "Land der offenen Fernen" schaut, das einst am Rand lag und nun wieder mittendrin angekommen ist. Was auch einer der Gründe ist, weshalb die Täler, Wälder und Moore des heutigen Biosphärenreservats noch weitgehend intakt geblieben sind. Einen Kontrast dazu bilden die hiesigen Residenzstädte wie Fulda oder Meiningen oder die alten Kurbäder, allen voran Bad Kissingen und Bad Brückenau. Kulinarische Innovationen (Stichwort Brennessel-Schnaps), dazu kuriose Museen (etwa das gewichtig-witzige Pfundsmuseum Kleinsassen) machen, so erzählen es die Beiträge höchst lebendig, die Rhön zum Erlebnisgebirge – und das Buch "Rhön so schön" zu einer wahren Fundgrube an Ausflugszielen und Rundfahrtstationen. Ich jedenfalls habe mir schon das ein oder andere für den Sommer vorgenommen. Und vielleicht kriege ich ja dann auch so ein knuffiges Rhönschaf vor die Linse. Määh.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Autor zur Verfügung gestellt; die 2. Auflage ist übrigens gerade in Arbeit.

Evelyn Holst, Uschi von Grudzinski: Gipfelglück

Veröffentlicht am 19.05.2017

Hohe Berge, heile Welt? Das ist hier die Frage – oder auch nicht. Denn das Gradonna Mountain Resort im Bergdorf Kals ist eigentlich der perfekte Ort für Urlaubsträume. Zumindest, wenn nicht ganz bestimmt sogar, wenn man dort "in echt" absteigt: Denn der Dreh- und Angelpunkt des kurzweiligen Romans "Gipfelglück" des Hamburger Autorinnen-Duos Evelyn Holst und Uschi von Grudzinski ist das gleichnamige, vielfach ausgezeichnete, also tatsächlich existierende Vier-Sterne-Superior Haus inmitten der Osttiroler Berge.

Mein erster Gedanke: Hey, Ihr Zwei habt das Meer quasi vor der Tür, auf jeden Fall aber Kreuzfahrtschiffe im Hamburger Hafen – und Ihr schreibt als erstes gemeinsames Buchprojekt über Menschen in einem österreichischen Berghotel? Darauf muss man erst mal kommen! Mein zweiter: Das muss wohl wahre Bergliebe sein – und die kann auch den Flachlandtiroler voll erwischen. Soviel vorweg: Hat sie, in diesem Fall sogar ganz eindeutig.

Denn wenn es auch vordergründig um "Menschen im Hotel" (bei einigen "Gipfelglück"-Protagonisten musste ich unweigerlich immer wieder an jene im Roman von Vicki Baum denken) und das Gradonna im Besonderen geht, Osttirol, der Nationalpark Hohe Tauern und der allgegenwärtige Großglockner spielen eine so liebenswert-präsente Nebenrolle, das kann nicht nur ein einziger Rechercheaufenthalt gewesen. Zwei reichen auch nicht. Und es waren auch viel mehr und vor allem echte Bergurlaube mit ganz vielen Alpenerlebnissen, wie mir denn auch Autorenhälfte Uschi von Grudzinski verraten hat: Sie kennt die Region von zahllosen Wanderferien mit der Familie, die sie jedoch meist in einer Ferienwohnung verbringt, nur um hier bloß keine falsche Vorstellungen vom Autorenleben zu wecken.

Ich sag’s ja, echte Bergliebe. Und ganz ehrlich? Das merkt man! Gerade wenn die diversen Romanhelden ihre Wanderschuhe anziehen und vor die Hoteltüre treten, dann geht es so detailreich in die Osttiroler Berge, diese Almen, Hütten und Gipfel muss man einfach selbst erwandert haben, um es so beschreiben zu können: Ich jedenfalls habe mich an so manche eigene Tour (wenn auch ganz woanders, denn in Osttirol war ich noch nicht) erinnert und konnte daher auch so manches Keuchen oder Angstschweißperlchen der Charaktere nachvollziehen, wenn man dann doch ein Ticken zu forsch losmarschiert ist und/oder Wegführungen (und den eigenen Mut) unter-, wahlweise überschätzt hat. Ranwandern und stetig die Herausforderung steigern ist seither meine Devise ...

Aber ich schweife etwas ab – oder auch nicht, spricht es doch für den Roman und die Autorinnen, dass viele Szenen so lebendig sind, dass man sich förmlich in Berghöhen versetzt fühlt! Bleiben wir also beim Buch und seiner Story: Auch im Paradies kann sich niemand vor seinem Schicksal verstecken, lernen auch diese Menschen in diesem Hotel, ob sie nun Hotelgast sind oder -mitarbeiter.

Monika Landmann etwa wird von einem tragisch-schönen Ereignis aus Teenager-Zeiten eingeholt und muss so plötzlich wie unerwartet um ihre Ehe bangen. Göttergatte und Frührentner Hans Peter lebt derweil als hübscher Running Gag des Buches seine Ambitionen als Krimi-Autor gedanklich aus – und muss dabei lernen, dass das (Roman-)Leben immer noch die besten Geschichten schreibt. Victor Gold wiederum, ein alternder Schlagerstar, sieht sich ausgerechnet bei der Präsentation seiner Biografie mit einer Lebenslüge konfrontiert: Kriegt er da noch die Kurve? Die reiche Witwe Waltraud van Hoge muss dagegen die Erfahrung, dass man Menschen nicht wie Marionetten lenken kann (selbst wenn die womöglich für Geld fast alles tun), beinahe mit dem Leben bezahlen. Fremdgeher Dr. Michael Grundmann lernt, dass der Spagat zwischen Stand- und Spielbein durchaus schmerzhaft sein kann, und die pubertierende Leonie bringt sich und andere Menschen leichtsinnig in Lebensgefahr, weil sie die Macht der Berge unterschätzt. Geht das gut aus? Verrate ich nicht. Selber lesen und mitfiebern!

Denn das waren noch längst nicht alle Urlauber, die im Laufe der 288 Romanseiten einen ereignisreichen Hotel-Aufenthalt im Gradonna verleben – und einem mit jedem Umblättern mehr ans Herz wachsen. Für manchen mögen es vielleicht anfangs der Charaktere zu viel sein, ich für meinen Teil habe mich mit ihnen köstlich amüsiert und auch nicht den Überblick verloren.

Bliebe noch das Hotelpersonal, das sich als raffinierte Mischung aus echten Personen und ausgedachten Typen entpuppt – wie man auch dem Autorinnen-Dank auf Seite 4 entnehmen kann. Gerade unter den erfundenen Einheimischen ist nämlich längst nicht alles Gold was glänzt. Oder warum hat Bergführer Sepp (ich seh‘ den Typen regelrecht vor mir, seine Art, sein Auftreten, sein Aussehen … solche Naturburschen mit dem Herz auf dem rechten Fleck und doch so verpeilten Blick auf das eigene Leben gibt’s vermutlich überall in den Alpen) panische Angst davor, seinem Herzen zu folgen? Und was halten Vroni und Franz kurzzeitig vor ihrer Adoptivtochter Resi geheim (die ihr Herz übrigens an den scheinbaren Hallodri Sepp verloren hat)? Hut ab, dass es da die Mitarbeiter (echte wie erfundene) vom Gradonna trotzdem mit Charme und Erfahrung schaffen, zwischen Feueralarm, Buchpräsentation und Hotel-Alltag stets der Fels in der Brandung, Verzeihung: der über alles thronende Großglockner zu bleiben. Mit dem richtigen Weitblick und dem rechten Maß an Empathie, damit jeder Gast sich wohl fühlt. Denn wie denkt Sepp im Buch (Seite 259) so schön: "Im Gradonna war der Gast nicht König, sondern Kaiser. Eine eiserne Regel, die niemand aus dem Personal verletzen durfte."

Jaaa! Spätestens da, wollte ich auch nach Kals. Oder zumindest weg, in die Berge, in so ein schönes Hotel. Um mich mit dieser herrlich unterhaltsamen Lektüre ins Restaurant zu setzen oder an den Pool zu legen, um – wie Hans Peter im "Gipfelglück" – klammheimlich, mich vielleicht etwas hinter dem Buch versteckend (über das man ganz sicher mit dem ein oder anderen dann zufällig  ins Gespräch kommt – schon des Titels und Covers wegen!), ein klitzekleinwenig meine Miturlauber zu beobachten. Was sowieso das Schönste am Unterwegssein ist: Einfach mal schauen, was um einen drum herum so passiert, wem man so begegnet.

Ich bin mir sicher, ich würde feststellen, soweit hergeholt sind selbst die erfundenen Buch-Charaktere nicht, wenn sie auch im wahren Leben anders heißen mögen oder aussehen. Und wo auch immer sich solche Schicksale zufällig treffen, ob wie im Roman im Gradonna Mountain Resort zu Füßen des Großglockners oder sonstwo  auf der Welt, was man zu sehen – oder wie hier zu lesen – bekommt, ist immer spannend, unterhaltsam und manchmal auch umwerfend komisch. Denn die besten Geschichten schreibt eben noch immer das (Roman-)Leben.

Das Rezensionsexemplar habe ich von Uschi von Grudzinski zur Verfügung gestellt bekommen; nochmals herzlichen Dank, es war mir ein Lesevergnügen!