Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.
Texterlei

schreiben · redigieren · lektorieren

Evelyn Holst, Uschi von Grudzinski: Gipfelglück

Veröffentlicht am 19.05.2017

Hohe Berge, heile Welt? Das ist hier die Frage – oder auch nicht. Denn das Gradonna Mountain Resort im Bergdorf Kals ist eigentlich der perfekte Ort für Urlaubsträume. Zumindest, wenn nicht ganz bestimmt sogar, wenn man dort "in echt" absteigt: Denn der Dreh- und Angelpunkt des kurzweiligen Romans "Gipfelglück" des Hamburger Autorinnen-Duos Evelyn Holst und Uschi von Grudzinski ist das gleichnamige, vielfach ausgezeichnete, also tatsächlich existierende Vier-Sterne-Superior Haus inmitten der Osttiroler Berge.

Mein erster Gedanke: Hey, Ihr Zwei habt das Meer quasi vor der Tür, auf jeden Fall aber Kreuzfahrtschiffe im Hamburger Hafen – und Ihr schreibt als erstes gemeinsames Buchprojekt über Menschen in einem österreichischen Berghotel? Darauf muss man erst mal kommen! Mein zweiter: Das muss wohl wahre Bergliebe sein – und die kann auch den Flachlandtiroler voll erwischen. Soviel vorweg: Hat sie, in diesem Fall sogar ganz eindeutig.

Denn wenn es auch vordergründig um "Menschen im Hotel" (bei einigen "Gipfelglück"-Protagonisten musste ich unweigerlich immer wieder an jene im Roman von Vicki Baum denken) und das Gradonna im Besonderen geht, Osttirol, der Nationalpark Hohe Tauern und der allgegenwärtige Großglockner spielen eine so liebenswert-präsente Nebenrolle, das kann nicht nur ein einziger Rechercheaufenthalt gewesen. Zwei reichen auch nicht. Und es waren auch viel mehr und vor allem echte Bergurlaube mit ganz vielen Alpenerlebnissen, wie mir denn auch Autorenhälfte Uschi von Grudzinski verraten hat: Sie kennt die Region von zahllosen Wanderferien mit der Familie, die sie jedoch meist in einer Ferienwohnung verbringt, nur um hier bloß keine falsche Vorstellungen vom Autorenleben zu wecken.

Ich sag’s ja, echte Bergliebe. Und ganz ehrlich? Das merkt man! Gerade wenn die diversen Romanhelden ihre Wanderschuhe anziehen und vor die Hoteltüre treten, dann geht es so detailreich in die Osttiroler Berge, diese Almen, Hütten und Gipfel muss man einfach selbst erwandert haben, um es so beschreiben zu können: Ich jedenfalls habe mich an so manche eigene Tour (wenn auch ganz woanders, denn in Osttirol war ich noch nicht) erinnert und konnte daher auch so manches Keuchen oder Angstschweißperlchen der Charaktere nachvollziehen, wenn man dann doch ein Ticken zu forsch losmarschiert ist und/oder Wegführungen (und den eigenen Mut) unter-, wahlweise überschätzt hat. Ranwandern und stetig die Herausforderung steigern ist seither meine Devise ...

Aber ich schweife etwas ab – oder auch nicht, spricht es doch für den Roman und die Autorinnen, dass viele Szenen so lebendig sind, dass man sich förmlich in Berghöhen versetzt fühlt! Bleiben wir also beim Buch und seiner Story: Auch im Paradies kann sich niemand vor seinem Schicksal verstecken, lernen auch diese Menschen in diesem Hotel, ob sie nun Hotelgast sind oder -mitarbeiter.

Monika Landmann etwa wird von einem tragisch-schönen Ereignis aus Teenager-Zeiten eingeholt und muss so plötzlich wie unerwartet um ihre Ehe bangen. Göttergatte und Frührentner Hans Peter lebt derweil als hübscher Running Gag des Buches seine Ambitionen als Krimi-Autor gedanklich aus – und muss dabei lernen, dass das (Roman-)Leben immer noch die besten Geschichten schreibt. Victor Gold wiederum, ein alternder Schlagerstar, sieht sich ausgerechnet bei der Präsentation seiner Biografie mit einer Lebenslüge konfrontiert: Kriegt er da noch die Kurve? Die reiche Witwe Waltraud van Hoge muss dagegen die Erfahrung, dass man Menschen nicht wie Marionetten lenken kann (selbst wenn die womöglich für Geld fast alles tun), beinahe mit dem Leben bezahlen. Fremdgeher Dr. Michael Grundmann lernt, dass der Spagat zwischen Stand- und Spielbein durchaus schmerzhaft sein kann, und die pubertierende Leonie bringt sich und andere Menschen leichtsinnig in Lebensgefahr, weil sie die Macht der Berge unterschätzt. Geht das gut aus? Verrate ich nicht. Selber lesen und mitfiebern!

Denn das waren noch längst nicht alle Urlauber, die im Laufe der 288 Romanseiten einen ereignisreichen Hotel-Aufenthalt im Gradonna verleben – und einem mit jedem Umblättern mehr ans Herz wachsen. Für manchen mögen es vielleicht anfangs der Charaktere zu viel sein, ich für meinen Teil habe mich mit ihnen köstlich amüsiert und auch nicht den Überblick verloren.

Bliebe noch das Hotelpersonal, das sich als raffinierte Mischung aus echten Personen und ausgedachten Typen entpuppt – wie man auch dem Autorinnen-Dank auf Seite 4 entnehmen kann. Gerade unter den erfundenen Einheimischen ist nämlich längst nicht alles Gold was glänzt. Oder warum hat Bergführer Sepp (ich seh‘ den Typen regelrecht vor mir, seine Art, sein Auftreten, sein Aussehen … solche Naturburschen mit dem Herz auf dem rechten Fleck und doch so verpeilten Blick auf das eigene Leben gibt’s vermutlich überall in den Alpen) panische Angst davor, seinem Herzen zu folgen? Und was halten Vroni und Franz kurzzeitig vor ihrer Adoptivtochter Resi geheim (die ihr Herz übrigens an den scheinbaren Hallodri Sepp verloren hat)? Hut ab, dass es da die Mitarbeiter (echte wie erfundene) vom Gradonna trotzdem mit Charme und Erfahrung schaffen, zwischen Feueralarm, Buchpräsentation und Hotel-Alltag stets der Fels in der Brandung, Verzeihung: der über alles thronende Großglockner zu bleiben. Mit dem richtigen Weitblick und dem rechten Maß an Empathie, damit jeder Gast sich wohl fühlt. Denn wie denkt Sepp im Buch (Seite 259) so schön: "Im Gradonna war der Gast nicht König, sondern Kaiser. Eine eiserne Regel, die niemand aus dem Personal verletzen durfte."

Jaaa! Spätestens da, wollte ich auch nach Kals. Oder zumindest weg, in die Berge, in so ein schönes Hotel. Um mich mit dieser herrlich unterhaltsamen Lektüre ins Restaurant zu setzen oder an den Pool zu legen, um – wie Hans Peter im "Gipfelglück" – klammheimlich, mich vielleicht etwas hinter dem Buch versteckend (über das man ganz sicher mit dem ein oder anderen dann zufällig  ins Gespräch kommt – schon des Titels und Covers wegen!), ein klitzekleinwenig meine Miturlauber zu beobachten. Was sowieso das Schönste am Unterwegssein ist: Einfach mal schauen, was um einen drum herum so passiert, wem man so begegnet.

Ich bin mir sicher, ich würde feststellen, soweit hergeholt sind selbst die erfundenen Buch-Charaktere nicht, wenn sie auch im wahren Leben anders heißen mögen oder aussehen. Und wo auch immer sich solche Schicksale zufällig treffen, ob wie im Roman im Gradonna Mountain Resort zu Füßen des Großglockners oder sonstwo  auf der Welt, was man zu sehen – oder wie hier zu lesen – bekommt, ist immer spannend, unterhaltsam und manchmal auch umwerfend komisch. Denn die besten Geschichten schreibt eben noch immer das (Roman-)Leben.

Das Rezensionsexemplar habe ich von Uschi von Grudzinski zur Verfügung gestellt bekommen; nochmals herzlichen Dank, es war mir ein Lesevergnügen!