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Holger Wetzel: 42 Minuten Hamburg

Veröffentlicht am 13.11.2018

Ich sag's gleich vorweg – mit dem Layout dieses Buchs fremdele ich stellenweise doch sehr. Vielleicht bin ich ja für fliegende Buchstaben, aus denen man sich Wörter zusammensetzen muss, und ablenkende Spielereien inzwischen zu old style. Vielleicht bin auch kein echtes Mädchen, wenn ich anmerke, dass ich mich mit dem für große Teile des Umschlags und als Kontrastfarbe genutzten, schreienden Pink farblich so gar nicht anfreunden kann.

Aber die Geschmäcker sind bekanntlich immer verschieden – und vielleicht finde ich mit jedem Reinlesen doch noch Gefallen daran oder verstehe zumindest besser, warum Optik und Haptik des Buchs gerade so und nicht anders sind. Wer weiß.

Denn noch öfter darin blättern und lesen, das werde ich in jedem Fall noch, denn längst habe ich noch nicht alle "42 Minuten Hamburg – Geschichten aus der Hamburger Ringlinie" gelesen (Vergangenheitsverlag, 304 Seiten, € 19,99). Denn die zugrundeliegende Idee war es, die mich neugierig auf das Buch gemacht hat, nicht die Aufmachung: Hamburg im Kreis zu entdecken. Mit der (heutigen) U3. Um zwar immer die gleiche Runde durch die Hansestadt zu drehen und sie doch jedes Mal anders zu erleben, neu zu erfahren. Im wahrsten Wortsinn.

Weil eben der Einstieg immer ein anderer ist und der Mitfahrer sowieso. Ein, zwei, drei der Namen kennt man (allen voran Tagesschausprecher Thorsten Schröder), andere vielleicht, je nachdem ob man Hamburger ist oder schon oft zu Besuch dort war, aber die meisten sagten mir persönlich erst mal nichts. Und die machten mich besonders neugierig. Promis interviewen kann jeder, aber "einfach so" Menschen finden, die was zu erzählen haben? Das hat was!

Sehr viel sogar. Denn nicht nur jeder Gesprächspartner ist anders (und die, wie der Verlag sie betitelte, Originale sind bei Weitem nicht alle original Hamburger), offensichtlich hat auch jedes Gespräch eine andere Dynamik entwickelt – obwohl alle gleichlang dauerten (eigentlich). Eben 42 Minuten. So lang, wie die Hamburger Ringlinie braucht, um dort wieder anzukommen, wo man eingestiegen ist. So liest man mal echte Interviews im Frage-Antwort-Modus, dann klassische Portraits mit O-Tönen oder eben Reportagen, wo man mit Autor Holger Wetzel auf seinen "Fahrgast " trifft und es sich anfühlt, als würde man mit jeder Zeile just in dem Moment mit den beiden unterwegs sein. Was dann doch nicht immer oder ausschließlich in einem U-Bahn-Waggon ist, wie man zu lesen bekommt.

Herausgekommen sind große und kleine Geschichten, die einem ein Hamburg kennenlernen und entdecken lassen, das man so in klassischer Reiseliteratur wohl schwerlich finden wird. Vielleicht kam der Verlag daher auf den sperrigen Begriff Ausflugs-Literatur für das Buch?

Denn ja, auch die unternimmt man. An der jeder Haltestelle bzw. jedem Kapitelende. Doch auch dort bleibt es bei der Zeitvorgabe von (eigentlich) 42 Minuten (denn manchmal wird auch ein verlängernder Schlenker empfohlen, den kann man dann wohl nur joggend in der Zeit absolvieren): Was kann man ich von dort aus in einer knappen Dreiviertelstunde spazierend entdecken? Was ist architektonisch oder historisch rund um die eigentliche Haltestelle und darüber hinaus interessant? Manches (er)kennt man, manches aber eben auch nicht. Illustriert sind die Erkundungsgänge mit historischen sowie aktuellen Fotos, ergänzt wurden sie mit Gastro- und Shoppingtipps sowie kulturellen Sidekicks, die so wohl auch nicht jeder hat.

Mein Fazit? Ein Buch, das sich nicht wirklich einordnen lässt und gerade deswegen so spannend ist. Ob es in meinen Reiseführer-Regal landen wird? Da bin ich mir noch nicht sicher. Aktuell dreht es erst noch seine Runden an meinen Leseplätzen in der Wohnung.

Es ist eben kein klassischer Hamburg-Führer – und führt einen doch durch die Stadt. Es geht zwar um viele Menschen und ihre Geschichten – und doch immer um die Ringlinie und ihre Historie. Das Buch blickt manchmal tief ins Gestern – und ist doch ganz im Hier und Jetzt. Es ist ein kleiner Schmöker für das angeblich so schlechte Hamburger Wetter (das auf den Portraitfotos an den Haltestellen auch mal zu sehen ist), denn man kann so schön mit ihm im Warmen (im U-Bahn-Waggon) sitzenbleiben – und doch juckt es einen, an jeder Station auszusteigen, ob nun die Sonne scheint oder doch Schietwetter herrscht.

Was mir die ersten Geschichten vermittelt haben? Es wird Zeit, dass ich mal wieder gen Norden reise. Und U-Bahn fahre. Wer weiß, vielleicht treffe ich dabei ja den einen oder anderen der Protagonisten. Wenn nicht dort, dann weiß ich, wo ich alle sonst so finden könnte. Im Orchestergraben zum Beispiel, am Radiomikrofon, auf einer Hafenbarkasse. Im Chefsekretariat, Teppichladen und Architekturbüro. Oder an einem Radl-Stand mit vielversprechenden Kochtüten. Klingt spannend? Sag ich doch! Bis dahin lese ich noch ein bisschen. Und fahre mit im Kreis herum. Und fange fliegende pinke Buchstaben ein. Vielleicht wird die haptisch-optische Umsetzung dann doch noch meins. Wer weiß.

Die Ringlinie und ihre Fahrgäste jedenfalls haben es mir angetan. Sehr sogar. Weshalb ich sage: Für Hamburger, echte wie bekennende, und ausgewiesene Fans der Hansestadt ist "42 Minuten Hamburg" ein prima Präsent, weil auch sie Neues über diese (ihre) Stadt lernen werden – und für künftige Hamburg-Reisende ist das Buch mal ein ganz anderer Ansatz, sich der Stadt lesend zu nähern und vielleicht sogar vor Ort so unterwegs sein. Mit der Ringlinie. Für einige 42 Minuten.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Autor zur Verfügung gestellt.

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