Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.
Texterlei

schreiben · redigieren · lektorieren

HP Mayer: 111 Orte im Rheingau, die man gesehen haben muss

Veröffentlicht am 11.04.2017

Es gibt Bücher, die machen es einem nicht so einfach. Oder besser gesagt, man macht es ihnen nicht einfach. Weil man bestimmte Erwartungen an sie hat, sie vor allem aber mit eine großer Portion eigener Vorstellungen überfrachtet - und ihnen deswegen anfangs viel zu wenig Raum lässt, sie selbst zu sein. Bei diesem Reiseführer, der in meinen Augen eigentlich ein Ausflugs-Guide für Eigentlich-schon-Kenner ist und uneigentlich die Liebeserklärung eines Autors an seine Heimat, war dem so. Ich hab mich eine ganze Weile, Verzeihung: viele Seiten, mit HP Mayers "111 Orte im Rheingau, die man gesehen haben muss" schwer getan. Weil ich eben auch so ein kleine Liste - 111 Orte umfasst sie wohl nicht, ein paar Dutzend aber schon - im Kopf habe. Obwohl ich kein waschechter Rheingau(n)er bin wie er, aber eben bekennende Zugereiste und Heimischgewordene.

Ehrlich gesagt, habe ich auch das ein oder andere vermisst - und mit dem einen oder anderen bin ich auch nicht so ganz einverstanden. Aber dann, 240 Seiten später, hat diese "Löffelliste" - denn in dieser Tradition ist die inzwischen auf weit über 200 Ausgaben angewachsene Themenreihe des Kölner Emons Verlag wohl zu sehen - mich dann doch in ihren Bann gezogen. Weil sie mich Seite um Seite gelehrt hat, meine eigene Brille abzusetzen und diesen wunderbaren Landstrich zwischen Flörsheim-Wicker (dem östlichsten Punkt des Rheingaus) und Lorchhausen (rheinabwärts der westlichste) mal mit den Augen eines anderen zu sehen. Zuzulassen, dass es außer "meiner" Domäne, der Rosenstadt Eltville und dem sogenannten vorderen Rheingau, eben noch ganz viel anderes gibt, das entdeckt werden will: Eben auch mal die ein oder andere eher ausgefallene Shoppingidee jenseits edler Tropfen, vor allem aber leicht versteckte Orte oder Naturflecken mit ganz eigenem Charme - jenseits vieler, selbstverständlich auch vorkommender Weingüter, Gutsausschänke und Restaurants. An den äußersten Ausläufern, im Hinterland jenseits des Gebücks und auf den Höhen (das Flussanrheiner, Verzeihung: -anrainer, wie ich gerne mal vernachlässigen) und auch nur schon im Nachbarort. Oder sogar vor der eigenen Haustür.

Wer denkt, den Rheingau (da Bewohner) zu kennen und/oder gerne und oft hier unterwegs ist (als (Tages-)Tourist), der wird an vielen Stellen im Buch schnell nachvollziehen, warum der Tipp da steht. Und sich dem vorgeschlagenen "Must-See" anschließen. Oder eben auch seine ganz eigene Meinung dazu haben, warum er genau das eben so NICHT und anders sieht. Dann wieder stolpert man in den stets doppelseitig mit Text und Bild aufgemachten Tipps (inklusive Adresse, Anfahrt per ÖPNV wie PKW, Öffnungszeiten und teils überraschenden "Tipp im Tipp") plötzlich über Plätze und Anregungen, die selbst den bestinformierten und umtriebigsten Rheingauer und/oder Rheingau-Fan zum Innehalten bringen: Das habe ich so ja noch nie gesehen respektive gehört! Oder: Das heißt so? Das ist die Geschichte dahinter?

Ich persönlich etwa dachte bislang, so ziemlich jede Ecke rund um Schloss Johannisberg zu kennen, aber den 110-Stufen-Weg, den bin ich noch nie gegangen. Auch die Geschichte von dem Martinsthaler Wartehäuschen am einstmals wohl kleinsten Bahnhof der Welt war mir neu - obwohl ich schon von der "dampfenden" Schmalspurbahn gehört hatte, die dereinst von Eltville nach Schlangenbad zockelte. Entdeckt werden will von mir auch noch die Aussicht vom Boß-Tempel auf den von mir so geliebten Steinberg (tolle Lage, tolle Weine, tolle Geschichte, tolle Aussicht...), dem legendären ersten Weinberg der Zisterzienser von Kloster Eberbach.

Kurzum: Gekauft hatte ich es mir nach einem flinken Durchblättern im Laden nicht, aber als Geschenk war es seitenweise eine echte Überraschung, auf die ich mich am Ende gerne und wissbegierig eingelassen habe. Der vergleichsweise stolze Preise von 16,95 Euro (im hart umkämpten Markt der kompakten Reiseführer doch eher eine Ausnahme) sind angesichts der hochwertigen Verarbeitung des Taschenbuchs und in Anerkennung des großen Rechercheaufwands (ok, daran mögen Leser/Käufer zuletzt denken, aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, man kann in der scheinbar überschaubaren Weinregion Rheingau während eines Sommers eine stattliche Anzahl Kilometer "erfahren") für mich gerechtfertigt, hatte mich aber zugegebenermaßen mit vom Kauf abgehalten (zum Hauptgrund siehe Anfang). Aber wie gut, wenn man Geburtstag und Familie hat - und sich mal auf einen Perspektivenwechsel einlässt ... um eben auch mal das Unbekannte im Bekannten zu entdecken.

Cookie-Regelung

Diese Website verwendet Cookies, zum Speichern von Informationen auf Ihrem Computer.

Stimmen Sie dem zu?