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Rüdiger Edelmann: Rhön so schön. Reise in offene Fernen

Veröffentlicht am 01.06.2017

Gleich drei Bundesländer werben mit der Rhön – liegt sie doch im Grenzgebiet von Bayern/Franken, Hessen und Thüringen. Einst war genau das ihr deutsch-deutsches (Teilungs-)Schicksal, heute ist gerade das Grüne Band der einstigen Grenze eines der Pfunde mit dem das Mittelgebirge kräftig wuchert. Immerhin: 1991 wurde die Rhön länderübergreifend von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt. Ziel war und ist es, das sogenannte "Land der offenen Fernen" als Lebensraum für Mensch und Natur zu erhalten. Und das idealerweise unter dem Motto "Schutz durch Nutzung".

Was es damit auf sich hat, das hat auch Rüdiger Edelmann in seinem zweiten Reiselesebuch "Rhön so schön" (nach "Märchenhaftes Kassel und Nordhessen"), erschienen in der wunderbaren Reihe "Lieblingsplätze zum Entdecken" des Gmeiner-Verlags (vielen Lesern auch durch regionale Krimis bekannt), erfahren dürfen, dessen 1. Auflage im Sommer 2016 erschien.

Und der Leser bekommt besagtes Motto auf dem Titelbild auch gleich mal plakativ-knuffig, stoisch Gras kauend von ihm gezeigt: Das Rhönschaf, eine fast schon ausgestorbene Schafrasse, wurde zum neuen Sympathieträger für die Region – und zu einem hervorragenden Landschaftspfleger obendrein. Oder wie der Autor gleich im Lieblingsplatz 1 so schön titelt, es "Määht für eine Region" (Seite 13). Was im Übrigen auch für den Rhöner Weideochsen gilt, der es allerdings (noch?) nicht ins Buch geschafft hat. Vielleicht weil ihm die kuschelige Schafwolle abgeht? Wer weiß, vielleicht heißt es ja in der 2. Auflage irgendwo "Muuht für eine Region“ …

Ganz dem Konzept der Titelreihe folgend nimmt Rüdiger Edelmann den Leser jedenfalls mit auf eine auf eine sehr persönliche Entdeckungstour zu 77 Orten, Menschen, Stimmungen und Entdeckungen in diesem auf seine Art so außergewöhnlichen Mittelgebirge. Erfrischend ehrlich führt er den Leser an jene Lieblingsorte, die die im Kern 1.500 Quadratkilometer große Rhön in seinen Augen in ihrer Vielfalt präsentieren und ausmachen: Natürlich, aktiv, historisch, lecker, deutsch-deutsch, spannend und entspannend (so die sieben Hautkapitel) hat er sich überall dort umgeschaut, wo das Rhön-Motto "Einfach erhebend" großgeschrieben wird.

Und auch wenn die Aufmachung des Guides (stets doppelseitig gestaltete Tipps mit Text hier und Bild dort, inklusive Kontaktdaten plus einem abschließenden "Tipp zum Tipp") und der persönliche Schreibstil mich an die Themenreihe "111 Orte" des Kölner Emons Verlag erinnern, beide Titelreihen sind doch grundverschieden: Während die Kölner ihre Autoren das Unbekannte im Bekannten aufspüren lassen, also sich an die (möglichen wie echten) Kenner einer Stadt oder Region wenden, so fühlt sich bei den "Lieblingsplätzen" des Gmeiner-Verlags auch der bestens an die Hand genommen und gut beraten, der noch nie dort unterwegs war. Die launigen Beiträge sind quasi Motivation pur, loszufahren und alles nachzuerleben.

Sicher, ein klassischer Reiseführer sieht anders aus – aber das Ganze nennt sich ja auch bewusst Reiselesebuch. Und Reisen und Lesen, das kann man mit (auch dank inkludierter Karte) und in diesem Band ganz hervorragend! Zumal Rüdiger Edelmann den persönlichen Touch noch verstärkt, in dem er elf Rhön-Bewohner vorstellt und zu Wort kommen lässt, die perfekte Botschafter ihrer (selbstgewählten oder hineingeborenen) Heimat sind: Josef Kolb etwa, für den das schon erwähnte Rhönschaf eine Herzenssache ist (Seite 21). Oder Matthias Fahls‘ Geschäftsidee von Schäferwagenhotel (um beim schafigen Thema zu bleiben, Seite 185). Aber auch David Altheide gehört zu ihnen, der als „Wanderer zwischen den Welten“ (Seite 135) am Grenzmuseum Point Alpha an jene Zeiten erinnert, als das ebenfalls schon angesprochene Grüne Band noch eine tödliche Grenze war.

Wohin einem das Buch noch entführt? Selbstredend auf den höchsten Berg der Rhön, die Wasserkuppe, den legendären "Berg der Flieger", von wo aus man weit über das raue "Land der offenen Fernen" schaut, das einst am Rand lag und nun wieder mittendrin angekommen ist. Was auch einer der Gründe ist, weshalb die Täler, Wälder und Moore des heutigen Biosphärenreservats noch weitgehend intakt geblieben sind. Einen Kontrast dazu bilden die hiesigen Residenzstädte wie Fulda oder Meiningen oder die alten Kurbäder, allen voran Bad Kissingen und Bad Brückenau. Kulinarische Innovationen (Stichwort Brennessel-Schnaps), dazu kuriose Museen (etwa das gewichtig-witzige Pfundsmuseum Kleinsassen) machen, so erzählen es die Beiträge höchst lebendig, die Rhön zum Erlebnisgebirge – und das Buch "Rhön so schön" zu einer wahren Fundgrube an Ausflugszielen und Rundfahrtstationen. Ich jedenfalls habe mir schon das ein oder andere für den Sommer vorgenommen. Und vielleicht kriege ich ja dann auch so ein knuffiges Rhönschaf vor die Linse. Määh.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Autor zur Verfügung gestellt; die 2. Auflage ist übrigens gerade in Arbeit.