Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.
Texterlei

schreiben · redigieren · lektorieren

Tom Hillenbrand: Der Kaffeedieb

Veröffentlicht am 10.08.2018

Anfang Oktober ist es wieder soweit – dann wird hierzulande seit 2006 pünktlich zum Monatsanfang der "Tag des Kaffees" gefeiert. Kein Wunder, Deutschand ist schließlich ein Kaffeeland: Rund 162 Liter Kaffee trinken wir Bundesbürger laut Deutschem Kaffeeverband jährlich im Schnitt pro Kopf, und damit deutlich mehr als jedes andere Getränk. Kaffee habe damit sogar Wasser und Bier abgehängt! Gelesen habe ich auch, dass 86 Prozent aller Erwachsenen hierzulande mindestens einmal täglich Kaffee trinken. Weltweit gesehen lägen wir Deutschen daher voll im Trend, denn jedes Jahr würden auf dem gesamten Globus rund 400 Milliarden Tassen Kaffee getrunken. Die Kaffeebohne sei so zum zweitmeist genutzten Rohstoff hinter Öl geworden.

Doch der koffeinhaltigen schwarz-braunen Brühe wird nicht nur bei uns gehuldigt – und längst nicht überall am 1. Oktober. Brasilien etwa feiert im Mai. In den USA, wo gefühlt jeder mit einen coffee to go rumläuft, und die mit einem Rohkaffee-Verbrauch von 4,1 kg pro Kopf übrigens noch unter dem EU-Durchschnitt von 4,8 kg liegen und damit sogar deutlich unter dem deutschen Durchschnittsverbrauch von 6,4 kg (diese Werte hatte der Deutsche Kaffeeverband bereits 2010 genannt), begeht man den "Tag des Kaffees" bereits am 29. September. Italien und Frankreich, die doch so gerne ihren Espresso und Café au lait zelebrieren, haben sich noch nicht zu einem koffeinhaltigen "Feiertag" durchringen können; hingegen die Österreicher, die mit Einspänner, Mokka, Melange und Co. sowie einer großen Kaffeehaus-Tradition punkten, auch am 1. Oktober feiern.

Kurz gesagt: Nicht nur in deutschen Landen spielt das aromatische Getränk seit langem und beharrlich (s)eine aufmunternde Rolle. Dabei schlürften es im 15. Jahrhundert zunächst nur die Araber und das anfangs zunächst nur aufgrund seiner anregenden medizinischen Wirkung. Erst dann kam der Genuss hinzu. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurden Kaffeehäuser zaghaft peu à peu in ganz Europa en vogue. Im 17. Jahrhundert eroberte die Kaffeebohne endgültig den Okzident. Jeder wollte Kaffee trinken (vor allem aber auch gewinnbringend anbauen und verkaufen) – und irgendwann wurde das Monopol der Türken, in deren Hoheitsgebiet damals die originär rein arabischen Kaffeeplantagen lagen, listig gebrochen und jeder kam dran. Nun ja, fast. Denn Kaffee wächst ja nicht überall, aber eben auch sehr gut in den damaligen spanischen und niederländischen Überseekolonien. Seither trinkt man ihn überall. Ob schwarz, mit Zucker, Milch oder Gewürzen, gefiltert oder mit Satz, jede Nation schwört heute auf ihre eigenen Kaffee-Rituale. Auch wir Deutschen, wo 1673 in Bremen das erste Kaffeehaus eröffnete. Und der berühmte Filterkaffee à la Melitta Bentz wurde von der Dresdnerin erstmals 1908 aufgebrüht.

Und warum erzähle ich das alles? Weil ich während langer Autobahnkilometer ein wunderbares Hörbuch über die kultige Bohne genossen habe. Eines, bei dem ich unterwegs bei Stopps mal wieder betont langsam Fahrtenbuch geschrieben und meinen Kram zusammengepackt habe, um ein Kapitel fertig hören zu können. Um schließlich am Ende der Reise doch noch 20 Minuten in der Garage im Wagen sitzen zu bleiben, um es fertig hören zu können. Wie es heißt? "Der Kaffeedieb"! Nach dem gleichnamigen Roman von Tom Hillenbrand.

Der entführt in das Jahr 1863 – und so auch das Hörbuch: "Europa befindet sich im Griff einer neuen Droge. Ihr Name ist Kahve. Sie ist immens begehrt – und teuer, denn die Osmanen haben das Monopol darauf. Und sie wachen streng darüber. Aber ein junger Engländer hat einen waghalsigen Plan: Er will den Türken die Kaffeebohnen abluchsen …

Lange haben die Europäer das Heidengebräu verschmäht und lieber Bier getrunken, aber am Ende des 17. Jahrhunderts verfällt Europa dem Kaffee. Philosophen in London, Gewürzhändler in Amsterdam und Dichter in Paris: Sie alle treffen sich in Kaffeehäusern und konsumieren das Getränk der Aufklärung.

Aber Kaffee ist teuer. Und wer ihn aus dem jemenitischen Mokka herausschmuggeln will, wird mit dem Tod bestraft. Der Mann, der es trotzdem wagen will, ist der junge Obediah Chalon, Spekulant, Händler und Filou. Er hätte allen Grund sich umzubringen, nachdem er an der Londoner Börse Schiffbruch erlitten hat. Nur ein großes Geschäft, ein ganz großes, könnte ihn vor dem Ruin bewahren. Und so geht er aufs Ganze: Mit finanzieller Unterstützung der Vereinigten Ostindischen Compagnie stellt er eine Truppe internationaler Spezialisten zusammen, um den Türken den Kaffee zu klauen. Die spektakuläre Reise scheint zunächst zu gelingen, doch dann sind immer mehr Mächte hinter ihnen her …"

Ich verspreche, mit dem Kaffeedieb Obediah und seinen Kumpanen geht es auf eine ebenso große wie rasante Reise quer durch Europa bis auf die Arabische Halbinsel – und zurück. Es gibt jede Menge Abenteuer zu bestehen, aber auch allerlei geschichtliche Fakten zu erfahren, bei denen man viel über Kaffee lernt. Vom Anbau bis zum Trinken. Und man findet sich, wie sollte es bei Hillenbrand anders sein, in einem spannenden (letztlich lukullischen) Wirtschaftskrimi wieder – aber diesmal eben auch in einem farbenprächtigen Historien-Roman.

Fazit: Das (Hör-)Buch ist ganz großes Kopfkino, zu dem Sprecher Hans Jürgen Stockerl seinen Teil beiträgt. Auch nach über 700 Minuten, sprich 12 Stunden, war ich seiner Stimme nicht müde. Und das über den größten Teil meiner Fahrt- und Hörstrecke sogar ganz ohne Kaffee. Kaum zu glauben.

Cookie-Regelung

Diese Website verwendet Cookies, zum Speichern von Informationen auf Ihrem Computer.

Stimmen Sie dem zu?