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Tom Hillenbrand: Teufelsfrucht. Ein kulinarischer Krimi

Veröffentlicht am 04.08.2017

Ein Glas Rivaner, ein Stück Rieslingpastete und bloß nicht zu viel Stress - der Koch Xavier Kieffer führt ein beschauliches Leben in der Luxemburger Unterstadt, wo er das kleine Restaurant "Deux Eglises" (eigentlich "Zwo Kierchen") betreibt. Dass dem nicht immer so war, erfährt man im Laufe von "Teufelsfrucht", während Xavier Herd und Heimat Heimat und Herd sein lässt und sich auf eine kriminalistisch-kulinarische Reise in seine eigene Vergangenheit, die kochende Gegenwart einstiger Weggefährten, aber auch in die Geschmackswelt einer gar nicht so fernen Zukunft aufmacht. Und nebenbei durch Europa tourt.

Denn eines Tages liegt die Leiche eines Gastro-Kritikers in seinem Restaurant, in dem er doch bewusst dieser Welt der Sterne, Hauben, Kochlöffel & Co. abgeschworen hat, um authentische Luxemburger Küche anzubieten. Einfach, aber gut. Scheinbar bodenständig, doch von bester Qualität. Jedoch: Nicht nur der tote Tester wirbelt sein ruhiges Leben gewaltig durcheinander. Auch eine mysteriöse Brandserie französischer Sterne-Restaurants, vor allem aber das Verschwinden seines ehemaligen Lehrmeisters Paul Boudier zwingen Kieffer, herauszufinden, wer ihm hier warum die Suppe versalzen will.

Auf eigene Faust stellt er Nachforschungen an, die ihn unter anderem nach Paris und Genf, aber auch in die geheime Probierküche seines alten Küchenchefs führen. Hilfestellung bekommt dabei er von seinem finnischen Freund Pekka Vatanen, als in Luxemburg tätiger EU-Beamter auf Lebenszeit bezeichnenderweise zuständig für landwirtschaftliche Produkte und Lebensmittelnormen (soweit ich es den seinen ironisch-überspitzten Andeutungen über die "Normierung von Nüssen, insbesondere des Umfangs von Erdbeeren" entnehmen konnte) und der Chefredakteurin des fiktiven, aber durchaus echten Vorbildern erstaunlich nahekommenden "Guide Gabin", Valérie Gabin. Unterwegs stößt er auf eine mysteriöse, außergewöhnliche Frucht auf Papua-Neuguinea, die zwar selbst nicht schmeckt, aber anderes teuflisch schmackhaft macht, dazu auf gewissenlose Lebensmittelkonzerne, die immer trickreicher den Konsumenten verführen wollen, und einen egomanischen Fernsehkoch, der am Ende vor lauter Eitelkeit nicht merkt, das er gerade clever benutzt wird, um eben diesen ein Bein zu stellen. Immer tiefer taucht Kieffer in die von Konkurrenzkampf und Qualitätsdruck beherrschte Gourmetszene ein – und erkennt, was auf dem Spiel steht: Die Gesundheit der Konsumenten. Und am Ende sogar sein eigenes Leben.

Das liest sich ebenso spannend wie unterhaltsam, vor allem aber wird mit jeder umgeblätterten Seite immer deutlicher, dass sich hier jemand ganz schön in die Materie rund um Food-Scouts, Sterneküche, Lebensmittelchemie, Food-Design & Co. eingearbeitet hat und bei aller Fiktion einiges vermutlich schon viel real-gegenwärtiger ist, als es dem schmökernden Schlemmer lieb ist. Hinzu kommen die Charaktere, allen voran die Hauptfigur Xavier Kieffer, der dem Ganzen eine wohltuende Prise Erd- und Heimatverbundenheit gibt - spricht und denkt er doch gerne mal, vor allem aber kocht er aus Überzeugung stets Lëtzebuergesch! Und das Großherzogtum, die Stadt und die Mosel sind auch mehr als nur hübsche Kulisse für einen Kriminalfall. Im Gegenteil.

Kurzum: Wer gutes Essen liebt und fesselnde Krimis mag, ist hier genau richtig! Ich wundere mich nur, dass ich nicht schon viel früher über Tom Hillenbrand gestolpert bin, denn sein Xaver Kieffer ermittelt bereits seit 2011, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und stand schon auf der SPIEGEL-Bestseller- sowie der Zeit-Bestenliste.

Kennengelernt habe ich den Koch mit der Spürnase allerdings mit seinem zweiten Fall "Rotes Gold" und auch nicht als Taschenbuch aus dem Kiwi-Verlag (wo inzwischen bereits fünf Fälle von ihm gelöst wurden), sondern als Hörbuch von audio media. Da ist er mittlerweile mit Frankreichs berühmtester Gastrokritikerin - Valérie Gabin - liiert, was ihm Einladungen in die höchsten Kreise beschert. Als bei einem solchen Abend ein legendärer Sushi-Koch vor seinen Augen stirbt, wittert er - klar, was sonst - Mord! Denn in der Sushi-Küche gibt es Fische, die teurer sind als Gold ... und wertvoller als ein Menschenleben. Eingelesen wurde "Rotes Gold" von Gregor Weber, dessen TV-Karriere als Sohn Stefan in "Familie Heinz Becker" begann und der mit Maiximilian Brückner über zehn Jahre als Saarbrücker "Tatort"-Team ermittelte. Einen besseren Vorleser hätte man kaum finden können: Neben seiner Tätigkeit als Schauspieler absolvierte Weber bei Kolja Kleeberg in dessen Berliner Sterne-Restaurant VAU eine Koch-Ausbildung! Mehr Einfühlen und Auskennen geht wohl nicht - und das bekommt dem Hörbuch ganz wunderbar. Äh, köstlich.

Es war übrigens kein Problem, der eigentlichen Story in Unkenntnis von Band 1 zu folgen. Um sich die Charaktere vertrauter zu machen und manchen Halbsatz besser zu verstehen, würde ich aber raten, mit "Teufelsfrucht" einzusteigen. Ich bin nun auch hungrig auf mehr, zum Glück wird ja noch einiges serviert, "Tödliche Oliven" etwa.