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Auszeit im Kloster: Die Zisterzienser, ihre Weine und eine Rose

Veröffentlicht am 09.06.2017

(c) S. Sahmer: Ausblick vom Klosterrundweg(c) S. Sahmer: Ausblick vom KlosterrundwegEin, in seiner geschlossenen Gesamtheit, am besten erhaltenes Beispiel mittelalterlich-sakraler Baukunst ist die ehemalige Zisterzienserabtei Kloster Eberbach im Rheingau. Wenn sie auch nicht wie Kloster Maulbronn UNESCO-Weltererbe-Status besitzt, so ist die Anlage oberhalb von Eltville (zur Wein-, Sekt- und Rosenstadt gehört sie offiziell) und Kiedrich (das gotische Weindorf ist der nächste "Nachbar") doch das Ziel unzähliger Kulturinteressierter und Pilger – obgleich das Kloster 1803 säkularisiert wurde. Wer am frühen Morgen mit bei den Ersten ist, die die Anlage, ob drinnen die Klausur oder draußen den Klosterrundweg, durchstreifen, kann sie noch in und mit Ruhe auf sich wirken lassen, so wie zu jenen Zeiten, als hier das Schweigegebot der Zisterzienser galt. Und bevor die alten Mauern immer mehr zum heutigen Leben erwachen: Führungen, Konzertaufbauten, Weinproben, Wandergruppen … hier tobt an manchen Tagen das pralle Leben. Was der Anlage einen ganz eigenen Charme verleiht und sie letztlich auch so besonders macht.

Auf Veranlassung von Bernhard von Clairvaux 1136 im – damals wie heute – eher abgeschiedenen Kisselbachtal fern vom Rheinufer gegründet (wenngleich heute auch bestens erreichbar, sei es zu Fuß, per Auto oder ÖPNV-Linienbus), kann man in und um die Klosteranlage herum noch immer viel Zisterzienser-Geschichte atmen. Aber hinzu kommen noch jahrhundertelange Weinkultur und ein Hauch große weite Kinowelt (an beidem waren die Mönche nicht ganz unschuldig). Damit sind dann auch die drei Hauptbesuchsgründe (neben Events, darunter vor allem Konzerte wie die des Rheingau Musik Festivals) auf den Punkt gebracht. Das Beste daran: Man muss sich als Tagesgast gar nicht entscheiden! Lässt man sich mit einer guten Portion Zeit auf Kloster Eberbach ein, bekommt man unweigerlich von allem etwas mit – und kann doch (seine) Schwerpunkte setzen. Mal aktiv, dann lehrreich, dort weinlastig, hier cineastisch.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDie weitläufige Anlage, die stilistisch den Bogen von der Romanik bis – in kleinen Teilen – hin zum Barock spannt, wurde vor nunmehr über 30 Jahren weltweit als Schauplatz der Innenaufnahmen der Kino-Verfilmung von Umberto Ecos "Der Name der Rose" bekannt. Seitdem ist der Blockbuster, der unter der Regie von Jean-Jacques Annaud Leinwandstars wie Sean Connery, Christian Slater und F. Murray Abraham im Winter 1985/86 zu den Dreharbeiten in den Rheingau holte, unweigerlich mit dem Kloster verbunden. Seit diesem Jahr gibt es neu dazu eine kleine 270°-Videoinstallation mit Originalszenen sowie Anekdoten rund um die Dreharbeiten zu "Der Name der Rose" – u.a. höchst lebendig kommentiert vom einstigen Betriebsleiter der Staatsweingüter Kloster Eberbach und ersten Geschäftsführer der 1998 gegründeten gemeinnützigen Stiftung Kloster Eberbach, Günter Ringsdorf. Kein Zweifel: Die Dreharbeiten und ihr Drumherum haben nachhaltig Eindruck hinterlassen! Einen besseren Chronisten und Kommentator für diese ereignisreichen Wochen hätte man nicht finden können als den "Abt von Kloster Eberbach", wie man ihn einst augenzwinkernd-respektvoll hinter gar nicht so vorgehaltener Hand nannte.

(c) S. Sahmer: Mönchsdormitorium(c) S. Sahmer: MönchsdormitoriumKleine Filmkritik: Die Tonspuren der Installation sind leider (noch) nur mäßig abgemischt, da darf gerne nachgebessert werden. Auch ist die generelle Lautstärke (noch) zu dezent, worunter die Wirkung der kurzweilig geschnittenen Mini-Doku leidet. Ist der kleine Raum am Ende des Mönchsdormitorium beim Treppenabgang zur Basilika (wo auf der Seite ggü. jene berühmte Tür ist, wo's im Film zur geheimnisvollen Bibliothek geht, und sich einige Stufen tiefer im einstigen "Tresor" noch eine Handvoll alter Filmrequisiten bestaunen lassen) gut gefüllt, wird’s, so selbst erlebt, mit dem Verstehen kritisch, denn Füße scharren usw. bleiben ja nicht aus – das ist echt schade! Die Untertitelung auf Deutsch/Englisch ist zwar hilfreich, aber nicht dafür gedacht; ein optimaler Ton wäre besser. Denn dass auch er sein Publikum findet, ist dem mit Bedacht aufbereiteten Kurzfilm wirklich zu wünschen! Zumal sich für die Führungsstopps im 74 Meter langen Mönchsdormitorium mit seinem sagenhaften Kreuzrippengewölbe sicher hinreichend Alternativ-Standorte für deren Erklärungen finden lassen, um sich lautstärkentechnisch nicht in die Quere zu kommen. Und wenn sich das Filmteam damals mit den Gegebenheiten des Klosters arrangieren konnte … sollte es im Hinblick auf das neue Rundgang-Highlight doch auch eine Lösung geben, oder?

Doch seine eigentliche Weltgeltung (weswegen die Filmcrew bei Set-Casting u.a. auf das Kloster kam, gesucht wurde "Mittelalter pur") verdankt Eberbach den Zisterziensern, die hier den Weinbau über 700 Jahre kultivierten. Im Mittelalter betrieben sie vom Rheingau aus den wohl florierendsten Weinhandel der gesamten damaligen Welt! Bis heute zeugen die zwölf historischen Weinpressen im Laienrefektorium von den Erträgen ihrer zahllosen Weinberge. Doch die Pressen sind längst ungenutzte Schauobjekte wie auch die Fässer im Cabinet-Keller, der einstigen Fraternei: Wein lagert im Kloster heute nämlich nur noch in der Vinothek im Hospitalbau – gemacht wird er woanders.

(c) S. Sahmer: Weinschatzkammer  im Hospitalbau(c) S. Sahmer: Weinschatzkammer im Hospitalbau(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDen Klosterladen kann man zwar von der Klosterzufahrt aus betreten, spannender ist es jedoch, nach Ende des offiziellen/gebührenpflichtigen Klosterrundgangs erst noch individuell-ergänzend den Hospitalbau (dessen Keller in der Säulenhalle man leider nur im Rahmen von Events zu Gesicht bekommt) auf dem gebäudenahen Fußweg zu umrunden und an der Nordseite in den Eiskeller hinabzusteigen. Dessen Flusssteinboden ist zwar ziemlich uneben, aber die Schritte zur Glastür am Raum-Ende lohnen: Von hier kann man einen kostbaren Nebenraum des besagten Hospitalkellers einsehen – die Weinschatzkammer der Staatsweingüter, sozusagen eine önologische Bibliotheca subterra! Durchs angrenzende moderne Treppenhaus gelangt man nach wenigen Stufen in die Vinothek und dem käuflich erwerbbaren Weinangebot der Neuzeit, das die Erfolgsgeschichte des "Weinklosters" fortschreibt.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerApropos umrunden: Die 1,1 Kilometer lange Klostermauer, deren Verlauf angeblich ein wilder Eber mit seinen Hauern in den Boden gegraben haben soll (und von dem das "sprechende" Wappen auf der Schranktür im Mönchsrefektorium zeugt), kann man in Teilen abgehen, zumindest aber immer im Blick behalten. So erschlendert man sich den inneren Klosterbezirk und umrundet einmal, übrigens ganz eintrittsfrei, die Klausur bzw. den gebührenpflichtigen Bereich der Abtei (deren Eintritt bei Vorlage eines ÖPNV-Tickets um einen Euro ermäßigt wird!).

Mit vielen überraschenden Perspektivenwechseln kommt der vor zwei Jahren eröffnete "Historische Klosterrundweg" daher, auf dem man auch an trubeligen Tagen "klösterliche" Ruhe findet. Er hat eine Länge von rund drei Kilometern und erfordert nach dem offiziellen Einstieg am Besucherparkplatz Ost stellenweise etwas Trittsicherheit (da ist er auch definitiv nicht kinderwagentauglich, das ist nur seine Westschleife bis zum Hof Gaisgarten, aber insgesamt ist die Strecke durchaus familientauglich). Sein Verlauf verdeutlich einem aber den ganzen weiteren Klosterbezirk mit all jenen Gegebenhieten, wo und wie Bernhard von Clairvaux seine Klöster idealerweise angesiedelt haben wollte: An einem kleinen Wasserlauf mit wirtschaftlich nutzbaren Flächen in einer möglichst abgeschiedene Tallage. Et voilà – alles da (von dem Thema Umsetzung des "idealtypischen" St. Galler Klosterplans in der Abtei selbst ganz zu schweigen)! In einer guten Stunde hat man die sechs Stationen abgelaufen (mit Kindern dauert's ggf. etwas länger) , fast immer geht's durch oder am Wald entlang, weswegen der Weg auch an heißen Sommertagen eine ideale Kurzwanderstrecke ist.

Was sich noch umrunden lässt? Der nahe Steinberg, der legendäre Lieblingsweinberg der Eberbacher Mönche (und auch meiner), wo am alten Domänenhof mit seinem schmucken Fachwerk seit 2008 die Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach nun auch ihren topmodernen, in den Hang hinein gebauten, daher großteils "unsichtbaren" Steinbergkeller betreiben.

(c) S. Sahmer: Steinbergsmauer unweit des oberen Tores(c) S. Sahmer: Steinbergsmauer unweit des oberen Tores(c) S. Sahmer: Steinbergsmauer unweit der Domäne(c) S. Sahmer: Steinbergsmauer unweit der DomäneBenannt wurde der Steinberg nach der fast drei Kilometer langen, ihn umlaufenden – und "ablaufbaren" – Bruchsteinmauer, die nicht nur gegen Traubenklau, sondern auch vor dem Einsickern von Kaltluft schützt. Wandert man an ihr innen vorbei, merkt man, wie sich hier die Wärme intensiv(er) hält und so das Mikroklima dieser Weinlage beeinflusst. Nur die Trauben der exakt an ihr wachsenden Reben werden übrigens für den sogenannten "Mauerwein" gelesen, der auch im "Schwarzen Häuschen" ausgeschenkt wird. Das mittendrin liegende Wingertshäuschen sieht aus wie eine hübsche Gartenlaube (andernorts findet man in Weinbergen auch mal kleine Türme und Tempelchen oder nur schlichte Schuppen) und diente dereinst in erster Linie als Unterstand für die Winzer, die im Weinberg arbeiten. Bei schlechtem Wetter etwa oder um mal eine Pause einzulegen. Heute ist es eine kleine kulinarische Anlaufstelle für Ausflügler und v.a. Wanderer auf dem Rhein- oder Klostersteig (und all die anderen (Weit-)Wanderwege, die den Steinberg kreuzen oder passieren) – und ein vortrefflicher Pausenplatz für eine kleine Brotzeit mit Weck, Worscht und natürlich Wein. Von den Staatsweingütern Kloster Eberbach selbstverständlich und vom Steinberg im Besonderen.

Man kann vom Kloster auch über den Bernharduspfad, einen schattigen Naturpfad oberhalb der Straße Richtung Hattenheim, in zehn, zwölf Minuten dorthin laufen – oder quert vorher schon die waldige Anhöhe bzw. deren vorgelagerte Wiese, um den oberen Torbogen der Steinmauer zu erreichen: Von hier aus hat man einen grandiosen Panoramablick über den gesamten Steinberg und weite Teile des Rheingaus bis weit hinüber auf die andere Rheinseite! Schon allein dafür lohnt den Anstieg, denn er toppt die traumhafte Aussicht vom "Schwarzen Häuschen" durch den deutlichen Höhenunterschied noch einmal – und ist damit jeden Schweiß wehrt, der einem an heißen Sommertagen in dieser sonnenüberfluteten Südlage unweigerlich von der Stirn rinnt. Was für eine Lage, welch ein Blick, was für eine Ruhe!

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer: Kreuzgang(c) S. Sahmer: KreuzgangSo einen Tag Auszeit in und um Kloster Eberbach sollte man öfter einlegen. Zumal sich hier, der umtriebigen Stiftung sei dank, seit Jahren beständig eine Menge tut, was (s)ein Neu-Erleben immer wieder zum Erlebnis macht. Zugegeben, Bernhard von Clairvaux würde sich bei einigem etwas verwundert die Augen reiben und mancher Trubel wäre ihm wohl doch zu viel, aber ganz vieles würde ihm sicher auch gefallen – denn etliches sieht nach Säkularisation und höchst weltlicher Zweckentfremdung (Ställe in der Basilika!), vor allem aber nach den Sanierungen der letzten 20 Jahre heute wieder so aus, wie er sich die Abtei gewünscht hatte. Wein gibt’s auch immer noch, sehr guten sogar.

Und wenn man gleich in der Früh kommt (und die "richtigen" Wege geht), dann kann man das Kloster (und den Steinberg) ja auch in und mit Ruhe auf sich wirken lassen. Und etwas davon mit nach Hause nehmen.

(c) S. Sahmer: Laienrefektorium(c) S. Sahmer: Laienrefektorium

(c) S. Sahmer: Brunnen im Kreuzgarten(c) S. Sahmer: Brunnen im Kreuzgarten

(c) S. Sahmer: Basilika(c) S. Sahmer: Basilika

(c) S. Sahmer: Steinberg, oberes Tor(c) S. Sahmer: Steinberg, oberes Tor

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