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Burgbelebung: Wenn die Ruine plötzlich zu Leben erwacht

Veröffentlicht am 17.05.2016

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerStellen Sie sich vor, Sie besuchen eine Schloss- und Festungsruine, wohlwissend, dass außer einem kleinen Informationszentrum eigentlich nur noch wenig an die Bauten früherer Zeiten erinnert, da irgendwann nach kurzen, aber heftigen kriegerischen Handlungen von aller Pracht und Herrlichkeit fast nur noch Außenwände übrig geblieben sind und alles andere zerstört wurde, was über die Jahrhundert durch Fehden, Pfründe und Erbschaften an Reichtum (und Macht) angehäuft und repräsentativ zur Schau gestellt wurde. Sagen wir mal, das Ganze steht in der Pfalz unweit von Bad Dürkheim. Und da Sie zu dem Zeitpunkt noch nicht auf dem höchsten Punkt von all dem gestanden und einen echten Überblick über das Ganze gewonnen haben (sprich der Aussichtsplattform auf dem mächtigen Westbollwerks), sind Ihre Erwartungen auch noch relativ bescheiden.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer (c) S. Sahmer(c) S. SahmerSie gehen also davon aus, dass Sie nur einen ungefähren Eindruck von jenem Leben bekommen werden, wie es wohl über die Jahrhunderte zwischen den noch erhaltenen Mauern stattgefunden hat. Sie stellen sich daher ein auf viele dicke Wände, hohe Brüstungen, leere Fenster, fehlende Decken und Dächer sowie herausfordernde Treppen jenseits aller uns heutzutage vertrauten DIN-Normen (barrierfrei kannte man im Mittelalter auch noch nicht, Kids wiederum kraxeln hier drauf los, als sei der ungleiche Tritt das normalste auf der Welt).

Aber Sie erhoffen sich ein paar Schautafeln oder sogar einige Fundstücke, die einem wenigstens andeutungsweise vermitteln, was 500 Jahre Burgleben eigentlich bedeuten. Und wie aus einer kleiner trutzigen Burg, errichtet zum Schutz des in Blickweite befindlichen Benediktinerklosters Limburg, über die Jahrhunderte eine repräsentative Residenz wurde, die zuletzt ein "befestigtes" Renaissanceschloss war, das unzweifelhaft demonstrierte, dass seine Bewohner - nämlich das Geschlecht der Leininger (heute eines der ältesten Hochadelsgeschlechtern Deutschlands, das jedoch seit 1803 in Amorbach unweit des unterfränkischen Miltenberg im bayerischen Odenwald residiert) - es verstanden hatten, aus ihrem Wege- und Schutzrecht (und auf andere Weise mehr) Kapital zu schlagen. Nennen wir das Ganze Hardenburg, hoch gelegen über dem Isenach-Tal, umgeben von Hardt-Ausläufern des Pfälzerwaldes.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerAber Sie wünschen sich nichtsdestotrotz jenen wohligen Schauer des Erahnens, während Sie durch Torbögen schreiten, Treppentürme erklimmen, von Bollwerken herunterschauen und über Wehrgänge laufen (und dabei einem kundigen Guide lauschen). All diese Steine: Nur leblose Zeitzeugen oder doch Bewahrer lebendiger Vergangenheit? Hmm ... Und dann? Dann kommt alles ganz anders! Denn an dem Tag scheint das Rad der Zeit zurückgedreht worden zu sein, schon auf dem Weg dorthin begegnen Sie einem Landsknecht.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerEin Wunder? Eine Fata Morgana? Nein, Burgbelebung! Oder wie es Neudeutsch so schön heißt: "Living History" oder "Reenactment" (als große Beispiele seien hier mal die Landshuter Hochzeit oder die Memminger Wallensteinfestspiele genannt, vielleicht schaffe ich es ja auch irgendwann mal dahin). Gelebte Geschichte also, die für eine Weile (meist über mehrere Tage) eine Art Zeitfenster öffnet und den staunenden Besucher einlädt, sich auf eine ganz andere Weise auf die Vergangenheit einzulassen: Mit viel Tamtam und Getöse, Geknalle und Pulverdampf, Rangeleien und Schwertgerassel - und noch mehr Leidenschaft für alles Mittelalterliche.

Multimediaguide? Führung? Alles so gut wie schön und detailverliebt oder State-of-the Art - aber nichts gegen schwelende Feuerstellen, machtdemonstrierende Zeltlager, eilige errichte Schlafstätten in zugigen Kammern, emsige Mägde, träge Knechte, streitbare Landsknechte, maulfaule Torwächter, einen vermittelnden Burgvogt, den ratgebenden Medicus und allerlei Szenen mehr, auf die man unerwartet und unverhofft trifft. Vieles scheint dem Besucher spontan und folgt doch einem vorgegebenen Basis-Script. Denn man will zwar die Fantasie des Beobachters anregen, aber das Spiel ist nicht nur "Fantasie und Schneegestöber".

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerUnd plötzlich spielt es keine Rolle mehr, dass Zwischendecken und Bedachungen fehlen, die Fenster längst leer und die Brunnen verschüttet sind, die Bollwerke überrannt und die letzten Burgbewohner eigentlich schon lange begraben sind. Hach - andere Männer spielen im heimischen Keller mit ihrer Eisenbahn, die Mannen hier "erobern" für ein Wochenende eine Burg (ok, Frauen sind auch darunter, aber man merkt doch schnell, wer hier die größte Spielfreude und das Sagen hat). Und hauchen ihr zur eigenen und der Freude der Zuschauer spielerisch, dabei sorgsam gewandet, perfekt gerüstet und in Anlehnung an die tatsächliche Geschichte der eben noch scheinbar toten Mauern neues Leben ein. Achtsam und mit Bedacht, wenn auch spielerisch.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerGar nicht so einfach, sich da noch auf die gebuchte Führung zu konzentrieren, wenn im Schlosshof unüberhörbar das pralle Mittelalter tobt (by the way: nicht jeder Große, vor allem weiblichen Geschlechts, kann mit der Knallerei umgehen und manch Kleiner bekommt es zeitweise mit der Angst zu tun, um nachher um so eifriger alles nachzuspielen... in sicherer Entfernung im nahe gelegenen Biergarten, bewaffnet mit Plastikschwertern).

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Auch muss man damit rechnen, dass mal ein direkter Weg "verwehrt" wird oder eine Blickachse "belebt" wird. Improvisation ist eben alles, bei den burgbelebenden Akteuren wie dem überraschten Besucher. So geht Burgleben, wenn die Burg belebt wird ... 

Was echt spannend ist! Für alle Seiten, denn die Gelegenheit zur Interaktion macht das Ganze so reizvoll. Immer wieder kehrt (für manche Ohren erholsame) Ruhe ein - und der streitbare Landsknecht von eben geht für kleine "Groupies" ganz charmant auch mal in die Knie, damit Muttern mit dem Smartphone Bilder machen kann. Anderswo klärt der Medicus auf, dort kocht die Magd, hier stickt das Burgfräulein, drüben erklärt ein Wachmann Gewandung und Ausrüstung, dort erhascht man einen Blick in karge Unterkünfte, die einst schon Luxus waren. Ja, Burgbelebung hat was - denn "ran an und rein in die Geschichte" ist die Devise.

Und das lockt offensichtlich viele: Die  Premiere der mehrtägigen Erlebnistage auf der Hardenburg (die es an Pfingsten übrigens ohne Aufschlag auf den normalen Eintritt zu bestaunen gab, möge das familienfreundlich so bleiben!) ist jedenfalls gelungen. Man munkelt, am Pfingstsonntag hätte man sogar einen neuen Besucherrekord aufgestellt. Und es sieht so aus, als würde die Burgbelebung zukünftig mindestens alle zwei Jahre wiederholt. Prima! Beim nächsten Mal habe ich dann nämlich 1.)  mein Teleobjektiv dabei und werde mich 2.) ganz dem dreidimensionalen Geschehen hingeben. Denn eine Führung hatte ich ja nun schon ...

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerMein Tipp: Web im Auge behalten. Wer nicht warten mag: Auf der Schloss- und Festungsruine gibt's schon länger ein traditionelles Burgfest - und zwar immer am letzten Septemberwochenende. Mit großen Mittelaltermarkt und authentischem Lagerleben sowie Gauklerauftritten und allerlei mehr. Auch eine Art Burgbelebung. Und für alle, die's ingesamt friedvoller mögen (wenn auch Rangeleien und Gebrülle optisch wie akustisch mehr her machen). Aber das Mittelalter war eben rau ... und der Wohlstand der Leininger auf der Hardenburg kam auch nicht von ungefähr, sonst wäre ihre gräfliche Residenz nicht so groß und ihr Einfluss in und um Bad Dürkheim nicht so mächtig geworden. Aber das ist noch mal eine andere Geschichte (zu der man übrigens allerlei bei einer Stadtführung durch Bad Dürkheim erfährt - wie auch zu Wein, Winzern und dem legendären Wurstmarkt).