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Deine Spuren in Schnee: Schneeschuhwandern

Veröffentlicht am 15.12.2017

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWarum heißen die Dinger eigentlich Schuhe? Irgendwie erinnern sie mich eher an Flossen! Immerhin: Bei näherer Betrachtung sind rechts und links leicht zu unterscheiden. Auch die Riemen und Schnallen wie ihre Handhabung sind selbsterklärend. Das "Einsteigen " ist kein Problem, nix rutscht weg oder kippelt, der breiten Auflage und den Krallen sei Dank. Nun noch kräftig alles festzurren, damit die eigenen Schuhe im Schneeschuh stabilen Halt haben, Trekkingstöcke geschnappt – und schon kann’s losgehen.

Nicht so schnell! Ja, die Bewegungsabläufe sind vertraut, man muss keine vorgegebene Spur halten, aber doch viel breitbeiniger gehen als beim normalen Wandern. Zudem es gibt ein, zwei Dinge, die man vorab doch besser mal angeleitet ausprobiert haben sollte; die Nutzung der Krallen zum Beispiel. Und dann ist da der Anfängerfehler, viel zu forsch loszugehen. Lieber nicht: Entdecke die Langsamkeit, heißt die Devise!

Schneeschuhe haben nämlich ihr eigenes Tempo – wie man selbst auch. Also nur nicht an anderen orientieren, sondern seinen eigenen Tritt finden. Das alles ergibt in der Summe ein bedächtigeres Schritttempo, auch für sonst flotte Marschierer. Es gilt, gemächlich aber stetig voranzuschreiten, sonst rinnt der Schweiß schnell in Strömen und das Herz schlägt einem bis zu Hals. Anders gesagt: Erste Erfahrungen sammelt man am besten bei einer begleiteten Schneeschuhtour. Der Vorteil? Ausrüstung und Einführung sind inklusive und für Einsteiger sowie Gelegenheits-Schneeschuhwanderer damit ideal! Und den einen oder anderen Profi-Tipp zu erhalten, ist auch nicht verkehrt. Theorie und Praxis sind halt zweierlei.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDenn erinnern Sie sich an Ihren letzten Strandspaziergang? Weicher Sand geht ganz schön in die Beine, richtig? Dann haben Sie eine erste Ahnung, was Sie bei einer Schneeschuhtour erwartet: Beinmuskeltraining pur! Auch der Kreislauf wird gefordert und trainiert. Denn es geht um die gesunde Bewegung in der Natur – zusammen mit der Praktizierbarkeit für jedermann und jedes Alter einer der Hauptvorteile dieser Wintersportart, die immer mehr Fans findet.

Während also die letzten noch an ihren Riemen rumnesteln, stelle ich denn auch fest: Wir sind bei dieser Tour in der Tat ein Mehrgenerationenprojekt, zwischen zwölf und 65 Jahren ist alles an diesem Morgen dabei. Und auch die Motivation ist vielfältig: Da sind die Freundinnen, die in ihrem Bergurlaub jeden Tag einen anderen Wintersport ausprobieren. Die Schlittenfans wiederum suchten eine dynamische Alternative zur Bergbahn, um nach oben zu kommen, die Skifahrer einen Kontrast zum Pistentrubel. Und das Gros will, wie ich, einfach mal "anders" winterwandern.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer"Für geübte Wanderer" stand in der Tourenbeschreibung vom Gesundheitseck von Garmisch-Partenkirchen Tourismus; wir wähnen uns alle auf diesem Fitnesslevel. Doch früher oder später wird jeder von uns merken, Schneeschuhwandern ist noch mal intensiver. Wir werden spüren, wie die Beine schneller schwerer werden, obwohl wir sonst längere Touren gehen.

Noch trennen uns von dieser Selbsterfahrung 500 Höhenmeter. In den mehr als zweieinhalb Stunden bis dahin lernen wir achtsames Gehen, damit sich unser Belastungspuls im gesunden Ausdauerbereich einpendelt und die Kräfte trotz der endlosen Anstiege bis zum Ziel reichen. Wir nutzen bewusst die Trekkingstöcke, um unsere Knie zu entlasten oder auch mal die Balance halten.

Nebenbei lernt jeder von uns etwas Demut – vor den Schneeschuhen und vor der Natur, die uns ganz natürlich verlangsamt: An Steigungen wollen die Schritte an vereisten Stellen besonders kräftig gesetzt werden, damit die vorderen Krallen gut greifen können. Automatisch werden die Schritte kleiner, der Einsatz der Trekkingstöcke intensiver. Geht es doch mal leicht bergab, gilt es vor allem im tieferen Schnee, die "breiten Schlappen " und hinteren Krallen zu nutzen. Man lässt sich quasi in den nächsten Schritt fallen, doch was leichtfüßig aussieht, kostet trotzdem Kraft. Und auf ebenen Abschnitten, beim ruhigen "Dahinschreiten", will doch jeder Schneeschuh angehoben werden. Das alles geht in die Beine. Und wie.

Doch dann ist es plötzlich da, das Gespür für den Körper – und die Natur. Immer öfter verstummen die Gespräche ganz, jeder ist mal mehr, mal weniger mit seinem Schritt, Puls und Atmung beschäftigt. Und lauscht immer bewusster der Winterlandschaft: Fast lautlos ziehen wir Spuren durch frischen unberührten Pulverschnee, während Altschnee grimmig knirscht und geräuschvoll unter unseren Schritten bricht. Ist der Weg vereist, suchen sich die Krallen laut knarzend ihren Halt.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerSchneeschuhwandern ist also nicht nur leise. Aber es verliert nie seine achtsame Ruhe und sein bedächtiges Tempo. Beides bringt den Wanderer stetig voran. Letztlich sogar schneller als gedacht; denn ich gestehe, mittendrin dachte ich nicht, dass wir es unter drei Stunden schaffen würden. Doch wohlig erschöpft sitzt unsere Truppe am Ende oben bei der Hütte in der Sonne, die Schneeschuhe säuberlich aufgereiht abgestellt … Entspannter Ausklang unseres ganzheitlichen Fitnesstrainings mit ganz viel Naturgenuss.

In dem Zusammenhang: Gerade die Unabhängigkeit von geräumten Wegen macht den Reiz des Schneeschuhwanderns aus. Doch erfahrene Guides führen ihre Gruppen erst ab einer geschlossenen Schneedecke ab 20 Zentimeter Höhe querfeldein. Dann sind die Gräser und Pflanzen darunter einfach besser geschützt. Da die Touren über viele Höhenstufen hinweg ausgeübt werden können, streifen sie dabei oft die Lebensräume seltener oder scheuer Tierarten. Wer alleine loszieht, sollte daher auf Natur-/Wildschutzgebiete besonders Rücksicht nehmen!

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWo man das alles erleben kann? Schneeschuhwandern wird zwar bevorzugt in den mittleren Höhenlagen der Alpen angeboten, doch kommen Tourengeher je nach Schneelage auch im Oberharz oder im Sauerland auf ihre Kosten. Im Schwarzwald finden sich ebenso Trails wie etwa auf dem Ochsenkopf im Fichtelgebirge.

Ich habe, wie schon erwähnt, diesen Wintersport in Garmisch-Partenkirchen getestet. Dort gibt es je nach Winterwetter etwa ab Mitte/Ende Dezember bis in den März hinein gegen Gebühr begleitete Touren, Materialausleihe inklusive. Der Wochenplan am Gesundheitseck verrät, ob, wann und wohin es losgeht. Die Routen sind mal anspruchsvoller, dann wieder leichter – je nach "angewandertem" Berggasthof- oder Bergbahnstation-Ziel. Daher gilt dort wie überall: Am besten im Vorfeld beraten lassen – gefordert werden sollte man von der Strecke zwar schon, aber nicht überfordert. Nicht jede Tour ist für jeden die richtige, vor allem nicht für Unsportliche.  Selbstüberschätzung bringt, wie bei anderen Sportarten auch, also gar nichts. Im eigenen (Sicherheits-)Interesse wie dem der anderen Tourengeher. Denn bei aller Anstrengung soll's ja doch Spaß machen und man "mitkommen". Also mutig sein, aber nicht übermütig.

Last, but not least noch ein Lesetipp: In Conrad Stein Verlag gibt's den kompakten Reiseführer "Schneeschuhwandern".

Die Tour habe ich im Winter 2015/16 unternommen und wurde unterstützt von Garmisch-Partenkirchen Tourismus.