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Mandelbütentour: Ein Bus, dunkle Erinnerungen und eine rosige Gegenwart

Veröffentlicht am 04.04.2017

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerEs gab eine Zeit, das waren Busfahrten für mich eine echte Herausforderung. Genauso wie Autofahrten. Mein Gleichgewichtssinn und die vierrädige Mobilität wollten einfach keinen gemeinsamen Nenner finden. Schon die Heimfahrt von der Klavierstunde konnte zum Höllentrip werden, von Urlaubsfahrten an die Ostsee – wo es bekanntlich wenig Berge, Passstraßen und entsprechende Serpentinen gibt – ganz zu schweigen:

Was habe ich unter Reisekrankheit gelitten! Egal welche Zäpfchen, Pillen oder Kaugummis es gab, ob ich gar nichts oder wenig gegessen hatte, ob es warm oder kalt war, sie schlug zu. Unbarmherzig verleidete sie mir Klassenfahrten, Ausflüge und Urlaube. Manchmal so nachhaltig, dass selbst der rettende feste Boden unter den Füßen viel Zeit brauchte, um alles wieder ins Lot zu bringen. Aber was nützte es, irgendwie muss man ja von A nach B kommen … Mit dem Führerschein und der Möglichkeit, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen, wurde alles besser. Mein Gleichgewichtssinn lernte endlich, dass das mit der Mobilität doch eine prima Sache ist. Nun ja, auf der Fahrerseite zumindest, auf der Beifahrerseite sollte es noch eine Weile dauern. Und Busse, vermied ich eben, wenn es ging.

Und nun also eine mehrstündige Busfahrt durch die Pfalz, noch dazu in einem Oldtimerbus. Ob das eine gute Idee war? Es war eine gute Idee! Eine sehr gute sogar!

Denn ich habe die Tour genossen. Gesund und putzmunter. In vollen Zügen und allen kurvenreichen Dorfstraßen zum Trotz, denn es ging in einem großen Rundkurs von Bad Bergzabern über Verkostungs- und Fotostopps in Gleiszellen-Gleishorbach, Siebeldingen und Pleisweiler-Oberhofen wieder zurück in jenen Kneipp-Kurort an der Südlichen Weinstraße, über den der Wasserpfarrer einst höchstpersönlich sagte: "Hätte ich es nicht in Wörishofen begonnen – hier hätte ich es tun müssen!"

Die dunklen Erinnerungen hatte gar keine Chance mir die Tour zu vermiesen, dafür sorgten schon die Panoramadächer des liebevoll restaurierten Kässbohrer Setra S9, durch die die Sonne – und die Mandelblüten – nur so strahlten. Farbe, Lackierung, Bezüge, Gepäckablage, Klimaanlage (= Schiebefensterchen), alles mutet an wie im Baujahr 1960, als der "Oldie" einst als Bahnbus unterwegs war. Daran erinnern heute nur noch die druckluftgesteuerten Schlagtüren, für die gilt: Ganz oder gar nicht, also richtig auf oder eben schwungvoll zu. Deswegen mangelt es auch an einem Reiseleiterplatz, weswegen die launigen Anmerkungen von Gästeführerin Silke Schunk von einem der heute 30 Sitzplätze kommen. Die waren dereinst mal mehr, aber da es nun vier kleine, schön kommunikative Salon-Tische im Bus gibt (stilecht mit rosig gefüllten Blumenväschen und Wein-/Sektglashaltern), mussten dafür entsprechend Sitzreihen entfallen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWas es noch zu dem nostalgischen Gefährt – das sein Besitzer Reiner Mörch mit Liebe fürs Detail von Grund auf neu aufgebaut hat und als "Kraichgau Adler" zum Flaggschiff seiner kleinen Oldtimer-Flotte (die man auch für Events & Co buchen kann) gemacht hat – zu sagen gibt, das mich und 28 Mitreisende durch die Pfälzer Weinberge und Winzerorte schaukelte? Sein (nicht originaler) Henschel Diesel(saug)motor mit 180 PS würde auf der Autobahn selbst moderne Reisebus abhängen – und brachte in den 1960er Jahren so manchen deutschen Urlauber über die Alpen in den Italien-Urlaub. Das wäre wohl nichts für mich gewesen, doch die mediterranen Seiten der Südpfalz habe ich ganz wunderbar "erfahren". Reisekrankheit? Pfh! Da hatte ich auch gar keine Zeit für, schließlich war es eine besondere Tour: Jetzt ist Pfälzer Mandelblüte und so gondelte der Bus – Schlagernostalgie inklusive à la "Komm ein bisschen mit nach Italien ..." – gemütlich durch ein Meer von Reben und rosa Blüten. Herrlich. Und höchst fotogen. Voller "Rosa Ausblicke", wie das Angebot offziell beworben wird.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDenn hier, im Windschatten des Pfälzerwaldes, herrscht ein besonderes Mikroklima, dass die Temperaturen in den Weinbergen und Tälern gegen Ende des Winters schnell(er) ansteigen lässt. Und der nussige Frühlingsbote, der eigentlich ein Rosengewächs ist, erblüht hier daher meist schon deutlich früher als anderswo. Von weiß über zart-rosé bis kräftig rosarot reicht seine Farbpalette, je nachdem, ob es sich um Süß- oder Bittermandeln handelt. Manche sind nur Zierde, andere essbar.

Angeboten werden Tages-, Abend- und Brunchtouren, die, wo auch immer sie in Bad Bergzabern starten oder unterwegs halten, die Mandel ins Zentrum rücken, dabei aber nie vergessen, dass man hier auf einer der ältesten touristischen Straßen hierzulande unterwegs ist: auf der Deutschen Weinstraße! 85 Kilometer lang, verbindet sie das Deutsche Weintor an der französischen Grenze bei Schweigen-Rechtbach als südlichsten Punkt der Ferien- und Gourmetroute mit dem Haus der Deutschen Weinstraße in Bockenheim an der Grenze zu Rheinhessen als nördliches Ende. Zur Einweihung 1935 wurden viele Mandelbäumchen neu angepflanzt, die dereinst viel zahlreicher entlnag der Wingerte vertreten waren als in den 1930er Jahren. Seither gehören sie wieder zur Pfalz und werden gehegt und gepflegt. Zum 50. Geburtstag der Weinstraße wurde kräftig nachgeforstet bzw. aufgepfropft (da ein Mandelbaum nach 50 Jahren seinem natürlichen Ende entgegen blüht). Heute gehört die Mandelblüte längst wieder zum unverzichtbaren Naturerlebnis und Highlight im Pfälzer Jahreslauf und Eventreigen, was sich weder die Tourismusverantwortlichen noch die Winzer entgegen lassen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDas Fotografieren ihre zweite Leidenschaft ist, sieht man etwa beim Tourstopp im Weingut von Sabine Wissing in Gleiszellen-Gleishorbach. Überall hängen Mandelblütenbilder, selbst die Kissen sind damit bedruckt. Da kommt jedem Gast vieles rosig vor (erst nach der Blütezeit wird umdekoriert) – und dem Mandelblütentourfahrer einiges mandelig: Bei einer auf Pfälzisch vorgetragenen Schauspielereinlage zum Thema "Mandelsteuer" (die  gab’s wirklich!) sowie Mandelgebäck à la Cantuccini und vor allem goldgelben Mandellikör – beides aus eigener Herstellung.

Blütenpracht pur genießt der Fahrgast beim Fotostopp an dem Mandelbäumchenallee im Geilweilerhof bei Siebeldingen, wo eigentlich Trauben im Mittelpunkt stehen, denn dort befindet sich die Bundesforschungsanstalt für Rebzüchtung. Man könnte hier auch den 1,5 Kilometer langen Rebenlehrpfad erkunden, doch der Mandelblütentourgast hat nur Augen für die rosaleuchtende Allee – und wie fotogen sich der Oldtimer vor der blühenden Kulisse macht (eine ähnliche Allee gibt's nur noch unweit der Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben, so der Tipp der Gästeführerin).

Letzter Unterwegs-Stopp der kurzweiligen Tour, auf der man immer wieder auf Mandelbäume in allen Farben & Blühstadien aufmerksam gemacht wird und Histörchen & Anekdoten zu ihnen sowie den durchfahrenen Orten, aber auch Fakten & Mythen rund um Mandelbaum, -schale und -kern erfährt, ist das Weingut Ullrich in Pleisweiler-Oberhofen. Noch eine Winzerin! Zur 2er-Weinprobe gesellt sich auch hier Mandeliges und der Mandelblütentourist ist kurz darauf um neue Erkenntnisse in Sachen Harmonie von Speise und Wein reicher (und natürlich auch zu Weingut, Winzerin und Weinen). Denn gereicht wird zum ersten Probierglas ein selbstgemachter Mandelfrischkäse mit Baguette, zum zweiten dagegen kräftige Salzmandeln. Köstlich. Und nebenbei gibt’s diesmal allerlei Kästchen weiterzureichen, deren Inhalte gefühlt und betrachtet werden wollen – so verschieden kommen also die Mandelsorten daher, wenn aus der Blüte eine Frucht geworden ist. Faszinierend.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerGestartet und geendet hat "meine" Mandelblütentour (die letzte Brunchtour in dieser Saison) übrigens an der Manufaktur Rebmann in Bad Bergzabern: Während der Mandelblüte ist auch hier in der Pralinen- & Schokoladen-Manufaktur Rosa die alles bestimmende Farben, nur dann darf man zu bestimmten Zeiten die Produktion "in echt" betreten (statt nur durch eine Glasscheibe den Chocolatiers bei der Arbeit zuzuschauen) und allerlei über die Mandel, den Kakao und feinste Schokoladen im Allgemeinen und ihre Verbindung mit der Mandel im Besonderen zu erfahren. Nach einem gemütlichen Brunch im angeschlossenen Café, wo sich Mandeln im Rührkuchen ebenso fanden wie im Teig für die frisch zubereiteten Waffeln, aber auch ihre herzhafte Seite zeigten als Suppe oder eine spannende Kombination mit Mettwurst eingingen, erfuhr man in der eigentlichen Produktion allerlei über die Kunst der Schokoladenherstellung – und in welchen "betonmischmaschinenartigen Monstren" Mandeln aufbereitet werden, bevor sie mit Schokolade & Co. zu köstliche Kreationen verarbeitet werden.

Das war’s, mein "Abenteuer Bus". Ganz ohne Reisekrankheit. Dafür genussvoll und mit vielfältigen rosigen Erkenntnissen. Nur eines ist schade: Je nach Großwetterlage kann die ganze Pracht ganz schnell vorbei sein, eine Garantie, dass jede Tour so rosig daherkommt, gibt es nicht. Und spätestens Ende April ist die Herrlichkeit naturgemäß sowieso vorbei. Doch keine Sorge, dann blüht anderes. Aktuell haben sich bereits die ersten Obstbäume angeschlossen und blühen noch bis in den Mai hinein, im Juni folgen dann (endlich) die Reben und Esskastanienhaine. Nur die Touren mit dem Oldtimerbus, die gibt’s so nur jetzt "in rosa"!

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerEin letzter Tipp, den man auch auf eigene Faust umsetzen kann (wie auch alle Stopps ganz individuell angefahren werden könnnen, mit dem eigenen Wagen oder auch per Fahrrad):

Abends erstrahlen in diesen Wochen zahlreiche Pfälzer Kirchen, Burgen & Schlösser beim "Rosa leuchten" passenderweise ganz anders als sonst im Jahr, rosa Folien machen’s möglich. Und da jede Lichtquelle und jedes Gestein oder Gebäudeanstrich anders damit korrespondiert, changieren auch deren abendlichen Rosa(licht)töne – ganz wie die Mandelblüten in der Natur!

Die Recherche wurde unterstützt von der Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH, dem Tourismusverein Südliche Weinstraße Bad Bergzaberner Land und Partnern vor Ort.