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Rosenheim: Wo Serien-Fans es ganz genau wissen wollen

Veröffentlicht am 27.04.2017

Immer öfter profitieren Orte und ganze Regionen davon, allgegenwärtige TV-Kulissen zu sein. Und verstehen es, sich darüber neue Zielgruppen zu erschließen, die gerne kommen und auch länger bleiben. Vor allem aber haben diese ganz konkrete Vorstellungen, was sie zu sehen wünschen: Drehorte nämlich. Auch Fan-Tage sind beliebt, kann man bei diesem doch einen Blick auf seine Serienstars erhaschen und ein Autogramm ergattern, manchmal kann sogar die eine oder andere Requisite erstehen. Doch viele Serien- oder Film-Fans wollen meist nur genau dort Zeit verbringen, wo ihre TV-Lieblinge "leben". Und vielleicht sogar die Chance haben, einen Außendreh live mit zu verfolgen.

Kurz, die Reisemotivationen, den heimischen TV-Sessel zu verlassen und "medial angeregt" on tour zu gehen, sind vielfältig. Zumal viele Zuschauer gerne auch noch das ein oder andere kulturell interessante, historisch spannende oder wohltuend erholsame mitnehmen, was mit der Lieblingsserie im eigentlichen Sinne gar nichts zu tun hat, aber manches erklärt oder fortspinnt, wozu die Fiktion keine Gelegenheit bietet …  meistens jedenfalls!

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerSeitdem 2006 etwa die ARD-Telenovela "Rote Rosen" (immer werktags um 14.10 Uhr) an den Start ging, finden immer mehr Gäste den Weg in die Lüneburger Heide – und das längst nicht nur zur Heideblütenzeit! Die Lüneburger selbst haben sich an ihr mediales Dasein gewöhnt. Die zwei Außendrehtage pro Woche, meist montags und dienstags, sind für sie keine Besonderheit mehr, sondern Alltag. Hier hat so mancher schon als Statist mitgearbeitet, um im richtigen Augenblick, ohne den Hals zu verdrehen und neugierig stehen zu bleiben, durchs Bild zu laufen.

Touristen sind willkommene Zaungäste und Zuschauer. Denn gedreht wird außerhalb des Studios nun mal gerne da, wo Lüneburg am schönsten ist: Im historischen Wasserviertel rund um die Ilmenau mit Stintmarkt und Altem Kran etwa, wo dereinst das "weiße Gold" gen Ostsee verschifft wurde. Oder Am Sande, dem großen Hauptplatz mit den vielen (Backstein-)Giebelhäusern, von wo aus man in wenigen Schritten am Wasserturm ist, von dessen Plattform nicht nur die Touristen runter schauen, sondern auch so mancher Panoramablick für die Serie gedreht wird. Und natürlich rund ums Rathaus mit Markplatz, dessen weitläufiger Komplex rund 800 Jahre Stadtgeschichte widerspiegelt. Die Serienmacher sind eben sehr geschickt beim Einbinden realer Szenerien und Ereignisse in und um Lüneburg in ihre fiktiven Geschichten. Als hier etwa 2012 der Hanse-Tag stattfand, bestimmten dessen Vorbereitungen und Ablauf sogar das Seriengeschehen mit!

Klar, beim "Rote Rosen"-Stadtspaziergang wollen alle vor allem mehr, wenn nicht alles über die Dreharbeiten wissen, aber die Touristiker sind nicht weniger geschickt als die Drehbuchschreiber: So dienen etwa die Filmszenen in einem Abbruchhaus im Senkungsgebiet – Folge des jahrhundertelanges Abbaus des Salzstockes, der unter der Stadt liegt – als Aufhänger, um die "salzige" Vergangenheit zu erzählen und um aufs Deutsche Salzmuseum und die Soletherme hinzuweisen. Fragen nach entfernteren Außendrehs führen zu Ausflugstipps in die Heide und Nachbarorte. Der Brückenschlag zwischen TV-Kulisse und touristischen Städteziel funktioniert. Denn am Ende des Rundgangs hört man nicht nur Insider-Fachsimpelei über die Serie, sondern auch Pläne für den weiteren Aufenthalt …

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDoch es geht auch ganz anders!

In Rosenheim etwa, der weißblauen Bilderbuchstadt in Oberbayern – Schauplatz der ZDF-Serie "Rosenheim Cops", die erstmals 2002 ausgestrahlt wurde. Seither flimmert sie allwöchentlich dienstags um 19.25 Uhr ohne Sommerpause ununterbrochen über den Bildschirm. Und zeigt dabei die sogenannte Perle im Inntal zwischen Chiemsee und Wendelstein stets bei herrlichstem Sonnenschein, auf dass sie mit südlichem Flair und alpenländischem Charme die Serien-Fans begeistert. Pastellfarbene Häuserfassaden mit Arkaden, weitläufige Plätze und imposante Zwiebeltürme machen den Reiz der Stadt an Inn und Mangfall aus.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerAuch nach 15 Jahren scheint kein Serienende in Sicht – und die passenden Erlebnisführungen sind seit zehn Jahren ein Dauerbrenner: Ihre Besonderheit? Hier spielen ganzjährig wirklich nur Drehorte, Staffeln, Schauspieler und Szenen eine Rolle! Jeden Samstag um 16.00 Uhr versammeln sich treue Fans zwischen zehn und 70+ Jahren vor der kleinen Touristinfo im Parkhaus P1 am extra dafür erstellten Rosenheim Cops-Schild (von Juni bis September auch mittwochs um 18.00 Uhr und sonntags um 11.00 Uhr). Die Wahrscheinlichkeit, dass die Mindestteilnehmerzahl von fünf Personen nicht erreicht wird, geht gegen Null; selbst an einem mehr oder weniger verregneten Aprilsamstag sind es gleich drei Führungen parallel, die die Innenstadt mit "Serien-Augen" erkunden. Ich gestehe, solch einen Ansturm (und das wirklich über alle Generationen hinweg; da fachsimpelt der Papa mit Sohnemann, dort die Oma mit Teenager-Enkeltochter) hatte ich ebenso wenig erwartet wie diese hundertprozentige Konzentration auf die Serie. Die Stadtführerin gibt unumwunden zu: Genau das ist gefragt, kein anderes Führungsangebot sei auch nur annähernd so gut gebucht. Und dabei hat’s hier durchaus spannende Alternativthemen, etwa "Vom Salz zum Bier" oder die "Kaffeehausgeschichten".

Ich bin baff. Wie auch von den Fans, die Straßenszenen, Hausecken und Türeingänge in Nullkommanichts wieder erkennen und sofort den TV-Kulissen Schauspieler, Fälle, Szenen und Staffeln/Folgen zuordnen. Obwohl gerade weit und breit kein Kamerateam in Sicht ist und, das sei noch mal erwähnt, an diesem Tag das Wetter so miserabel ist, dass die Stadtführerin nicht müde wird zu betonen, dass dies normalerweise nie so sei, denn "bei den Rosenheim Cops scheint ja immer die Sonne". Stimmt, ich hab mir ein paar Folgen in der Mediathek angeschaut, Regenstiefel werden hier nur angezogen, wenn am feuchten Ufer des Chiemsees ermittelt wird – ansonsten Sonne satt!

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWer sich der Tour anschließt, erläuft sich also das Herz der Rosenheimer Innenstadt, kommt unter anderem beim renommierten Ausstellungszentrum Lokschuppen und dem Rathaus im einstigen ersten Rosenheimer Bahnhof vorbei, findet sich im Rieder-, einem ehemaligen Apothekergarten oder auch im Salinenpark wieder. Aber warum dort kein Salz mehr gesotten wird, dass die "gute Stube", der Max-Josefs-Platz, früher der Innere Markt und die Schranne war oder der Ludwigsplatz eigentlich der Äußere Markt, entstanden aufgrund der Markterweiterung Rosenheims im 15. Jahrhundert, das alles liest der neugierige Stadtbesucher besser im Flyer "Rundgang durch die Altstadt" nach. Stadtgeschichte findet auf der Tour nur insofern statt, dass Plätze und Gebäude zwar beim Namen genannt werden – um dann aber sofort in ihre "Rolle" am ZDF-Set umfunktioniert zu werden. Lediglich das Mittertor durfte in der Serie bleiben, was es wirklich ist; das älteste Gebäude samt einzig erhaltenem Markttor Rosenheims und heute Städtisches Museum.

Die Rathaus-Tür: In der Serie der Eingang zum Kommissariat (c) S. SahmerDie Rathaus-Tür: In der Serie der Eingang zum Kommissariat (c) S. SahmerAnsonsten verfolgt der eher Serien-Unkundige (also ich) ebenso fasziniert wie fassungslos, dass die meisten anderen Führungsgäste tatsächlich nur an deren TV-Realität interessiert sind. So auf die Fiktion bezogen waren die "Rote Rosen"-Fans ehrlich gesagt nicht. Ob das am Serien-Genre liegt!? Kein Wunder, dass die Führerin immer wieder betont, dass hier aber "alles wirklich nur Fassade" sei – denn keine einzige Innenaufnahme wird in Rosenheim gedreht (das war in den Anfängen noch anders, da wurde aus dem echten Rathaus wirklich der fiktive Dreh- und Angelpunkt Kommissariat). Sobald die Protagonisten ein Zimmer betreten, stehen sie schon lange nur in Studiokulissen der Bavaria-Filmstudios. Tja, das nennt man dann wohl schöner Schein.

Dabei ist es hier wirklich schön! Ok, das Wetter hätte schöner/besser sein können. Aber wie alles mit Sonnenschein aussieht, das kann ich mir ja im Fernsehen anschauen … Und eins ist da wirklich clever gemacht: Die Auflösung des jeweiligen Falls erfolgt bei den "Rosenheim Cops" immer erst in der allerletzten Sendeminute. Und auch unser Guide hat seinen heißesten Tipp bis zum Schluss aufgehoben. Nämlich den, wo man ehestens einen der Schauspieler an Außendrehtagen mal "privat" erwischen könnte, wenn sie sich ein Feierabendbier genehmigen … Wo? Wird nicht verraten! Sonst ist doch der ganze Gag der Führung weg.