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Und es hat Zisch gemacht: Der Kaltwasser-Geysir in Andernach

Veröffentlicht am 17.05.2018

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerEr ist der höchste seiner Art. Weltweit. Und stand schon länger auf meiner Liste, da genau das richtige für einen entspannten Tagestrip. Wenn man denn so im 150 Kilometer-Umkreis wohnt. Sonst sollte man sich für dieses Fleckchen Mittelrhein vielleicht doch ein, zwei Übernachtungen gönnen. Schließlich gibt es diesseits und jenseits des Flussufers noch das eine oder andere mehr, das sich ganz prima dazu kombinieren lässt. Gerade in der Vulkaneifel, dann kann man nämlich so schön im Thema bleiben …

Denn der Andernacher Kaltwasser-Geysir wäre ohne das Kohlenstoffdioxid aus einem Magna-Vorkommen unter der Ost-Eifel, einem geologisch gesehen recht jungen Vulkangebiet (wobei "jung" in dem Zusammenhang relativ ist, um es mit Albert Einstein zu sagen), gar nicht möglich. So aber hat das Rhein-Städtchen eine "explosive" Attraktion, die Besucher in himmlischen Herrscharen anzieht. Vor allem bei Sonnenschein. Von daher Tipp 1: Früh da sein, denn es gibt am Tag nur vier Termine, um den Geysir tatsächlich live vor Ort zu erleben – und da es dorthin vom Geysir-Zentrum per Schiff geht, sind die Kapazitäten naturgemäß irgendwann dann doch begrenzt. Ich hatte im Internet den Hinweis entdeckt, dass es auch für Individualbesucher die Möglichkeit gibt, Tickets zu reservieren – und sicherheitshalber an einem sonnigen Frühlingswochenende doch mal samstags nachgehört, wie es denn wohl sonntags für die 11:15-Uhr-Entdeckungs(schiffs)reise aussähe. Es kam Entwarnung, wenn ich denn am Sonntagmorgen auch deutlich vor 10:00 Uhr im Geysir-Zentrum einchecken würde.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerIch tat wie mir geheißen und das war auch vom Vorlauf her ideal, denn 75 Minuten war ich schon an den verschiedenen Stationen zugange – es gibt doch etliches zu lesen und auch vieles medial anzuschauen, vor allem aber "kraftvoll" auszuprobieren.

So reist man nicht nur imaginär 4.000 Meter unter die Erde (Die Schachteinfahrt wird im Aufzug wirklich perfekt simuliert!) und sprudelt am Ende 60 Meter darüber wieder raus, sondern lernt unterwegs auch interaktiv allerlei, was eigentlich dem Naturschauspiel auf der Namedeyer Werth unterirdisch alles vorausgeht, wie es zur Entdeckung des Geysirs kam, warum er einst versiegte und und und.

In dem Zusammenhang Tipp 2: Die Ausstellung hat zwar viele gute gemachte spielerische Elemente, die den Nachwuchs einbeziehen, ist aber nichts für Kindergartenkinder oder noch jünger – denn es braucht neben Neugierde doch schon ein wenig Konzentration und Lernerfahrung für die eine oder andere Wissens-Station, sonst sind Langeweile und Quengelei vorprogrammiert. Das macht weder Eltern noch anderen Besuchern Freude. Das Natur-/Stadtdetektive-Programm des Geysir-Zentrums richtet sich nicht ohne Grund erst an Kinds ab acht Jahren … Und mitbringen sollte man mindestens eine Stunde Umschau- und Ausprobier-Zeit, besser noch 75-90 Minuten. Um sich dann stressfrei auf dem Schiff am nahen Anleger einzufinden.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDenn keine Sorge, jeder kommt zur auf seinem Ticket angegebenen Abfahrtzeit auch mit. Und nein, die Fahrt dauert nicht so lange, dass man sie nicht notfalls auch stehend auf dem Sonnendeck verbringen könnte – zumal man, möchte man fotografieren, dann sowieso damit beschäftigt ist, von Back- nach Steuerbord zu turnen und zurück. Um den perfekten Schuss und die richtige Perspektive zu finden. Ich hab dann noch einen ruhigen schattigen Sitzplatz unter Deck genossen, bevor der dritte Teil des Geysir-Erlebnisses anstand. Die gut 20 Minuten auf dem Wasser sind übrigens auch weniger der vielen Flusskilometer geschuldet als den An- und Ablege-Manövern – und dem Paralleleinsatz der MS Namedy als Fähre nach Leutesdorf am gegenüberliegenden Ufer. Auf direktem Wege ginge es deutlich schneller.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerUnd auch, wenn der Geysir nur etwa alle zwei Stunden nach ein kurzen, aber überraschend lautem Fauchen und Zischen sowie minimal aufsteigenden Wasserdampf von jetzt auf gleich seine beeindruckende Fontäne mit aller Kohlenstoffdioxid-Macht in die Höhe schießt – es bleibt genügend Zeit, sich auf das Spektakel einzustellen und es zu betrachten. Deswegen mein Tipp 3: Dafür muss man nicht von Bord stürmen und auch nicht im Eilschritt über den Steg und an Land gen Ausbruchstelle/Bohrloch stürzen. Den kleinen Spaziergang durch das Areal des Naturschutzgebietes (das ursprünglich eine Rhein-Insel war, heute jedoch eine Landzunge ist) sollte man nämlich genießen – trotz der Trassen der darüber laufenden B9 und der vielbefahrenen linksrheinischen Bahnstrecke. Der hiesige geschützte Auwald ist nämlich Standort und Lebensraum seltener Pflanzen- und Tierarten, insbesondere Rast- und Brutplatz bedrohter Vögel. Und hat, trotz Bundesstraße und Bahn, doch etwas von Idylle (solange kein Zug vorbeirauscht oder der Geysir ausbricht). Den hier lebenden Fledermausarten bin ich allerdings nicht begegnet; ich denke, denen war es schlicht zu sonnig, die sind ja eher in der Dämmerung und Nacht unterwegs.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerKurzum, das Werth ist der perfekte Gegensatz – und Rahmen – für den höchsten Kaltwasser-Geysir der Welt. Knapp zwei Stunden dauert es, bis sich in seinem Bohrbrunnen wieder eine mit Gas gesättigte Wassersäule gebildet hat, die so mächtig unter Druck steht, dass sich das Kohlenstoffdioxid kraftvoll seinen Weg bahnt: In der Spitze reicht der Druck für Fontänen mit bis zu 60 Meter Höhe. Ist der Brunnen nach circa acht Minuten durch die Eruption geleert, beginnt der Zyklus von neuem. Tagein, tagaus wiederholt sich so das Naturspektakel etwa alle 115-120 Minuten. Mein Tipp 4: Man kann sich mit allen vorne an der Absperrung drängen, man kann es aber auch lassen – und einfach weiter hinten auf dem kleinen Zuschauerplateau entspannter den Kopf in den Nacken legen. Näher an das Bohrloch und auch mal vom Wasser probieren darf man sowieso nur unter Aufsicht und erst nachdem der größte Druck entwichen ist (Achtung: Drumherum ist es patschnass!). Dann haben sich die ersten schon wieder auf den Rückweg zum Schiff gemacht – und man kann immer noch in Ruhe ein paar Nahaufnahmen machen, auch wenn die Fontäne nicht mehr gar so gewaltig ist. Man sollte das Ganze ja auch nicht nur durch Kameraobjektiv und via Smartphone erleben, ein "echter Hingucker" ist das Spektakel nämlich allemal (und überpünktlich an Bord war ich trotzdem)!

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerZurück geht es offiziell wieder per Schiff – diesmal ohne Fährbetrieb. Aber wer gut zu Fuß ist, kann sich überlegen, direkt nach Verlassen des Geysir-Geländes (es ist per Zaun abgesichert), einfach rechts auf den Radler- und Spazierweg abzubiegen und die etwas über zwei Kilometer Richtung Andernach downtown zurückzumarschieren. Rund die Hälfte des Weges führt durch Auenwald, dann geht es direkt am Rheinufer weiter. Vorbei am "Alten Krahnen" (bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurden mit ihm noch Wein, Tuff- und Mühlsteine verladen) führt der Weg über Andernachs Rheinanlagen zurück zum Geysir-Zentrum. Wer Glück hatte, hat dort einen schattigen Abstellplatz auf dem kleinen Parkplatz ergattert. Es empfiehlt sich jedoch, gerade an wetterschönen Wochenenden, seinen Wagen gleich vorne am großen Parkplatz vor dem Bollwerk abzustellen. Am Wochenende steht man dort gebührenfrei – und der kurze Spaziergang flussabwärts zum Geysir-Zentrum und Schiffsanleger ist ein schöner Besuch-Auftakt bzw. -Abschluss.

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Von Blatt & Blüte inspiriert: Keramik & Kunst trifft Kraut & Co. im Kannenbäckerland

Veröffentlicht am 15.05.2018

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerVon den Westerwälder Höhen bei Wirges bis runter ans Mittelrheintal bei Bendorf zieht sich der Landstrich mit dem auf dem ersten Höreindruck seltsam klingenden Namen. Dahinter verbirgt sich seit dem späten 18. Jahrhundert Deutschlands wohl berühmteste Keramik- und Tonregion. Ihr Name rührt von dem daraus (kunst-)handwerklich entstandenen Geschirr her, das man hier aber schon seit dem Mittelalter herstellt: Kannen und Krügen aus weißem oder braunen sowie grau-blauen (der berühmtesten Gestaltung) salzglasierten Steinzeug. Und gerade auf diesem prangen gerne mal Blätter und Blüten – mal ganz einfach, dann ganz fein ausgearbeitet und selbst der florale Jugendstil machte vor den Westerwälder Töpferscheiben nicht halt. Was also lag näher, als das eine mit dem anderen auf einem Kurztrip dorthin zu verbinden?

Gesagt getan, zumal da vor einiger Zeit ein Hoteltipp auf meinem Tisch gelandet war, der zum einen in einem Ortsteil von Höhr-Grenzhausen lag, wo bekanntlich das "Herz der Keramik" schlägt, und das zum anderen eine KräuterAuszeit im Programm hat. Na also, passt doch!

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerAls Standort für Natur- und kunstvolle Erkundungen entpuppte sich das Hotel Zugbrücke in Grenzau im wahrlich idyllischen Brexbachtal denn auch als ideale Entscheidung (wobei vielen bei dem Namen anderes einfallen dürfte: Tischtennis nämlich – richtig, hier ist ein Olympiastützpunkt und der TTC Zugbrücke Grenzau zudemhöchst erfolgreich!). Auch, weil es in der Tat im extra ausgesuchten Package rundum "kräuterig" zuging – im Spa mit passenden Ölen oder auf dem Teller mit entsprechender Würze, beim geführten Kräuterspaziergang oder im anschließenden Workshop.

Dem verdanke ich nun zwei Tiegel mit selbst angerührtem Kräutersenf, der zwar noch ein Weilchen dunkle Ruhezeit braucht, um dann ausbalanciert kräuterwürzig daherzukommen – vor allem aber die Erkenntnis, dass Senfmachen gar nicht so schwer ist. Ich glaube, da wird demnächst mal eine kleine sommerliche Kräuterernte plus Senfproduktion anstehen … dann kann ich zum Herbst hin wunderbar überall "meinen Senf dazu geben", wenn es wo ein kleines Präsent braucht.

Der Hotelname rührt übrigens in der Tat von einer echten Zugbrücke her, die dann gleich wieder den Bogen zum Kannenbäckerland schlägt: Denn nicht nur Tonerde bestimmte hier früher (und eben vielerorts bis heute) das Leben. Neben den gar nicht so kleinen Töpfereien auf den Höhen standen am Fluss zudem einst große Eisenhütten, deren Kunst(guss)fertigkeit nicht minder berühmt war (dazu später noch mehr). Und all das, ob Grundprodukt(e) oder fertige Waren, wollte nunmal von A nach B transportiert werden.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDie Brexbachtalbahn verläuft noch immer von Neuwied-Engers über Bendorf, Grenzau und Ransbach-Baumbach nach Siershahn. Zumindest ihr Gleise, denn Züge fahren hier (fast) keine mehr, ausgenommen einige wenige Sonderfahrten auf dem oberen Gleisabschnitt hinter dem Bahnhof Grenzau. Zu dem man vom Hotel aus über einen kräutergesäumten Waldweg, wo man ebenso viel Heilkräftiges wie Würziges finden kann, in einer knappen Viertelstunde gelaufen ist.

1884 nach zwölfjähriger Planungs- und Bauzeit eröffnet, hatte die Bahn nicht nur tausenden Menschen Arbeit gegeben, sondern auch die für damalige Verhältnisse unvorstellbar Summe von acht Millionen Goldmark verschlungen. Der Grund? Auf den knapp 22 Kilometern gibt es 36 Brücken und Viadukte sowie sieben Tunnel! Immerhin: Allein die acht Kilometer von Bendorf-Sayn nach Grenzau, für die ein Fuhrwerk dereinst gute vier Stunden benötigte, schaffte die Eisenbahn nun bei einer Steigung von 140 Metern in nur knapp 20 Minuten. Ganz abgesehen davon, dass sie viel mehr transportieren konnte. Trotzdem: 1989 wurde der regelmäßige Personenverkehr eingestellt, bis 2001 dann auch der Güterverkehr stillgelegt.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerGüter gibt es aber noch immer eine Menge. Beim nach wie vor stattfindenden Tonabbau haben zwar Maschinen deutlich leistungsfähiger viele Arbeitsplätze weg- und übernommen, doch wenn es um die (kunstvolle) Weiterverarbeitung geht, ist eben weiterhin das meiste Handarbeit – wie man vor allem bei einem Bummel durch die Brunnenstraße von Höhr-Grenzhausen erleben kann. Ruhig neugierig den Kopf in offene Atelier-Türen stecken! Auch wenn man womöglich erst niemanden sieht, ein Gesprächspartner findet sich immer schnell. Und die Atmosphäre dort ist eine ganz eigene: Kreativ-inspirierend bis genial-chaotisch – und mit Töpferwaren in allen Stadien der Produktion.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerIch hatte zum Lern-Einstieg ganz klassisch das Keramikmuseum Westerwald besucht. Zitat: "Auf etwa 2500qm Ausstellungsfläche zeigt das im Jahr 1982 fertig gestellte und 2007 auf fast doppelte Größe erweiterte Keramikmuseum Arbeiten aus der mehr als 5 Jahrhunderte währenden Geschichte der Keramik." Und durch die schlendert man sich so langsam von der untersten bis zur obersten Ebene barrierefrei, tönerne Exponate treffen dabei auf Modellöfen, Maschinen und Werkzeuge – und es gibt einen spannenden Exkurs zum Thema technische/Industriekeramik, die von Hüftgelenk und Küchenmesser bis zu Feuerschutz reicht. Ich gestehe, einiges hat mich gerade da echt überrascht. Irgendwie hatte ich immer nur den Römer- und vor allem Bowletopf aus Kindheitstagen im Kopf (zu letzterem gibt es eine eigenen Bereich im Museum).

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerEin wunderbares Entrée war mir die Anfang Juni auslaufende Sonderausstellung "Höhr-Grenzhausen bittet zu Tisch!", wo für jeden Geschmack ein ebensolcher eingedeckt dabei ist – und anschaulich die Virtuosität und Verschiedenheit der regionalen Keramiker-Szene im Kannenbäckerland zeigt. Ein Konzept, das auch der etwas überregionaler ausgerichtete Showroom im sogenannten "Keramik Kasino" mit angeschlossenem Laden verfolgt (einst ein Lichtspieltheater). Ein wundervoller Ort, um sich in liebevoll arrangierten Stillleben und kunstvollem Steingut zu verlieren … übers Schauen und Fotografieren wurde fast mein bestellter Kaffee und Kuchen kalt, der im Kasino Café auf mich wartete. Und am Ende stand die Qual der Wahl, was denn nun erstehen – so viel schönes, handschmeichelndes, stilvolles, augenerfreuendes! Wie gut, dass nur Barzahlung geht, sonst hätte ich womöglich mein Budget gesprengt. Zumal hier so herrlich die Formen und Farben von Blatt & Blüte auf Keramik & Co. trafen. Zuhause wurden die neuen Becher gleich mal passend mit Kräutertee eingeweiht. Ein bisschen Thementreue musste sein. Bis zum Ende.

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Brüssel – Teil III: Comics von klein bis groß

Veröffentlicht am 30.04.2018

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerSich von jetzt auf gleich zurück in die eigene Kindheit zu versetzen, um dann seinen einstigen Helden wie Lucky Luke, Asterix oder Tim & Struppi wiederzubegegnen – in Brüssel geht das ganz einfach und auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen: Vielerorts prangen kunterbunte, detailreiche Comic-Szenen weithin sichtbar an großen Häuserwänden oder erwarten einen unverhofft hinter der nächsten Straßenecke. Rund 50 sollen es inzwischen sein, seitdem 1991 das erste Großbild entstand. Man kann sie geführt erleben oder selbst auf Streifzug gehen, wie ich es getan habe. So oder so, es lohnt sich!

Zumal man neben diesen "Fresken von heute" entlang des Wegs der sogenannten Comic Book Route auch an vielen Museen und Denkmälern vorbeikommt. Eine ganz andere Art also, eine Stadt kennenzulernen. Unterwegs begegnet man – natürlich – Tim & Struppi, aber auch Ric Master, beides mir insofern nahestehende Figuren, da ja von Haus erst mal journalistisch unterwegs, wobei sie dann in zweiter Linie fast immer irgendwie die Welt retten. Oder so ähnlich. (Passiert mir eher weniger, aber ich bin ja auch kein Comic-Held ...)

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWem die Brüsseler Fassadenbilder in Sachen "BD", wie die Belgier Comic-Bände kurz nennen, noch nicht reichen, der kommt spätestens im Centre Belge de la Bande Dessinée, dem Comics Art Museum (untergebracht im 1906 erbauten Jugendstil-Kaufhaus Waucquez von Victor Horta, das leider von modernen Bauten drum herum fast erdrückt wird und auch eine etwas deutlichere Ausschilderung verdient hätte), auf seine Kosten:

Hier begegnet man vielen Comic-Legenden – vom ersten Scribble bis zum fertigen Heft und seiner Vermarktung, als minikleine Figur bis zur mehr als mannshohen Skulptur, auf Papier und als Filmsequenz. Einen reich sortierten Buchladen gibt’s obendrein, wo sich natürlich alles nur um Comics dreht, mit den Helden von gestern bis heute.

Auch in der angeschlossenen Brasserie Horta hängen Comics-Plakate. Zwei widmen sich dabei dem Museum(sbau) und seinem Architekten selbst. Und auf den Bistrotischen wird für jeden, der etwas zu essen bestellt, mit einem comicverzierten Papiertischset eingedeckt. Witzig. Ich durfte mit den Schlümpfen speisen.

Tipp: Direkt auf der anderen Straßenseite ist das kleine Musée Marc Sleen, wo sich alles um den Erfinder der Comic-Figur Nero (im französischsprachigen Original heißt er Nibbs) dreht – doch dafür reicht meine Zeit leider nicht mehr. Ein Wochenende hat halt doch seine zeitlichen Grenzen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerTim & Struppi-Fans sollten in jedem Fall noch in der "Boutique de Tintin" (so Tims französischer Name, Struppi wiederum heißt im Original Milou) keine zehn Schritte vom Grand Place entfernt vorbeischauen (in der Rue de la Colline). Das abenteuerlustige Gespann aus der Feder des legendären Zeichners Hergé kommt bekanntlich auch den kniffligsten Geheimnissen auf die Spur, die die beiden rund um den Globus reisen lassen. Alle ihre Geschichten kann man hier erstehen – und einiges andere mehr. Und selbstverständlich trifft man auch auf Kapitän Haddock, Professor Bienlein oder Schulze und Schultze … sowie Besuchern aus aller Welt. Da klingeln die Kassen und klicken die Smartphone-Kameras.

Kurzum: Mehr Comics, die sogenannte "neunte Kunst", auf kleinstem Raum (und in einem Wochenende) zu erleben, geht wohl kaum, meine ich. Es heißt übrigens, an die 400 Zeichner würden schon nur für die belgischen Verlage arbeiten, die jährlich allein bereits 30 Millionen Comic-Heft verlegen. Um es mit Comic-Sprache zu sagen: Wow!

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Brüssel – Teil II: Glas, Beton und große EU-Politik

Veröffentlicht am 25.04.2018

(c) S. Sahmer (c) S. Sahmer (c) S. Sahmer(c) S. SahmerOb Milchquote, Apfeldurchmesser oder Salatgurkenkrümmung, Pizza-Größe, Pommes-Bräune oder Kleidergrößen-Vereinheitlichung – nichts was nicht von den Behörden der Europäischen Union (EU) geregelt wird. Und wenn es dann auch eher so Entscheidungen wie die Feinstaub-Richtlinie in "Tagesschau "oder "heute journal" auf Platz eins schaffen, die EU-Bürokratie befasst sich mit weitaus mehr als Otto Normalverbraucher es sich vorstellen kann. Neben der ganz großen Politik natürlich. Doch wenn auch Brüssel als "Hauptstadt Europas" betitelt wird, nicht nur in seinem Europa-Viertel wird diese entschieden:

Zugegeben, das multinationale Europäische Parlament, dessen Abgeordnete aus aktuell 28 Nationen derzeit rund 500 Millionen Bürgerinnen und Bürger vertreten, ist ein in vielerlei Hinsicht besonderes Parlament. 24 Amtssprachen kennzeichnen seine Arbeit, und die Arbeitsorte verteilen sich auf drei europäische Länder. Sitz des Parlaments ist Straßburg, wo jährlich zwölf Plenarsitzungen stattfinden. In Brüssel wiederum finden Ausschuss- und Fraktionssitzungen statt und manchmal auch Plenarsitzungen, die im Sprachgebrauch der Parlamentarier "Mini-Sitzungen" genannt werden. Luxemburg ist der dritte Arbeitsort des Europäischen Parlaments; dort befindet sich ein Teil der Parlamentsverwaltung, des sogenannten Generalsekretariats. Der andere Teil des Sekretariats ist in Brüssel untergebracht.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerKlingt alles abstrakt? Nun, so ungefähr kommt auch die Architektur der Mega-Bauten in Brüssels Europa-Viertel daher.

Am Wochenende herrscht hier weitestgehend Totentanz, umso stahlglatter, glasspiegelnder und betongrauer wirkt das Viertel, das einst ein gutbürgerliches mit viel Jugendstil und schönen Gärten war. Solche Straßenzüge muss man nun leider suchen, aber es gibt einige noch (etwa in der Rue Archimède, die vom Schuman-Kreisel abgeht) oder zumindest kurze Häuserzeilen (wie in der Rue Charlemagne); die meisten fielen jedoch der Abrissbirne zum Opfer. Übrig geblieben sind dabei auch so Solitäre wie die denkmalgeschützte Fassade des einstigen Bahnhofs Bruxelles-Luxembourg (heute als "Station Europe" der Ausgangpunkt für Parlamentsführungen). Sie steht nun eingequetscht zwischen den beiden Flügeln des Altiero-Spinelli-Baus, einem Erweiterungsbaus des markanten Glasbaus des Europäischen Parlaments. Dessen unübersehbare Kuppel mit dem Parlamentssaal wird allerdings nur scherzhaft "Caprice des dieux" genannt (Laune der Götter) – weil sie dem gleichnamigen französischen Weichkäse "formal" ähnelt.

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Brüssel – Teil I: "Jugendlich" die Stadt erleben

Veröffentlicht am 20.04.2018

(c) S. Sahmer: Blick von der Basilika auf dem Koekelberg Richtung Atomium(c) S. Sahmer: Blick von der Basilika auf dem Koekelberg Richtung Atomium(c) S. Sahmer: auf dem Grand Place(c) S. Sahmer: auf dem Grand PlaceMit der Hauptstadt Belgiens verbindet jeder was anderes. Die einen denken sofort an das bekannteste Wahrzeichen, das Atomium, den nächsten fällt als erstes das Manneken Pis ein und anderen vielleicht noch spontan der Grand-Place – wie Brüssels  "gute Stube", der von barocken und gotischen Prachtbauten eingerahmte Rathausplatz, heißt.

Viele denken bei Brüssel vermutlich mit dem Magen: Dann wird von kräftigem Bier gesprochen und knusprigen Fritten, von variantenreichen Waffeln und natürlich edlen Schokoladenkreationen. Und wenn’s ans Shoppen geht, dann erzählen die älteren Semester vermutlich von feinster Brüsseler Spitze (der man inzwischen leider erstaunlich selten begegnet), während die Youngsters glänzende Augen in Sachen Comics bekommen (omnipräsent).

Stimmt alles und wird der facettenreichen Metropole mit ihren 1,2 Millionen Einwohnern doch nicht wirklich gerecht. Oder zumindest nur annähernd. Denn Brüssel, das ist auch ganz viel Kunst & Kultur (nicht nur, aber allen voran der Maler mit dem Bowler-Hut, René Magritte, und der Chansonnier Jacques Brel, den viele irrtümlich gerne zum Franzosen machen) – und: Auffallende Architektur!

(c) S. Sahmer: Brüsseler Rathaus mit Belfried(c) S. Sahmer: Brüsseler Rathaus mit Belfried(c) S. Sahmer: die mittlere Fotografie in der unteren Reihe zeigt den Justizpalst(c) S. Sahmer: die mittlere Fotografie in der unteren Reihe zeigt den JustizpalstDas Atomium, ein 165-milliardenfach vergrößertes Abbild eines Eisenkristalls, ist da ganz sicher noch mal zu nennen. Oder der historische Rathausturm, denn der 96 Meter hohe sogenannte Belfried überragt die Innenstadt weithin sichtbar. [Tipp: Für Führungen durch den Profanbau sollte man früh dran sein, um sich in der Tourist-Info rechts vorne im Rathaus-Gebäude ein Ticket für die Tour seiner Sprachwahl zu besorgen – unser Versuch scheiterte an einem Frühlings-Sonntagmorgen kläglich, noch eine zeitlich passende englisch- oder deutschsprachige Tour zu ergattern. Was für ein Andrang!]

Auch das Palais Royal ist unschwer übersehbar, wenn der Königspalast auch längst nicht so protzt wie der monströse Justizpalast, mit seiner mächtigen Kuppel in 104 Metern Höhe. Was jedoch wirklich unübersehbar von überall in der Stadt und doch so ganz anders verortet steht, da eben ein ganzes Eck vom Stadtzentrum entfernt, ist die Basilique Nationale du Sacré-Cœur auf dem Koekelberg. [Tipp: Mehr zum erwähnten Guide hier.]

(c) S. Sahmer: Kuppel der Basilique Nationale du Sacré-Cœur auf dem Koekelberg(c) S. Sahmer: Kuppel der Basilique Nationale du Sacré-Cœur auf dem Koekelberg(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWie der Justizpalast hat auch dieser Sakralbau gigantische Ausmaße und wurde vom, bei den Belgiern eher ungeliebten, König Leopold II. in Auftrag gegeben (das ist der mit der Kolonie Kongo, ein unrühmliches Kapitel in der Geschichte Belgiens …). 1905 begonnen, wurde der Sakralbau jedoch erst knapp 65 Jahre später vollendet. Da ruhte besagter König schon ewig unter der Erde und hatten Finanzierungsprobleme sowie zwei Weltkriege die Planungen ordentlich durcheinander gewirbelt. Der ursprüngliche Entwurf wurde nach jahrelangem Baustopp schließlich verworfen und ein neuer Architekt gesucht. Der Flame Albert Van Huffel gewann die Ausschreibung und schuf sodann das weltweit größte Gebäude im Art-déco-Stil. Im Jahr 1970 war es dann soweit: Die bereits 1952 zur Basilica minor erhobene Kirche war endlich fertiggestellt.

Ihre Kuppel hat nun einen Durchmesser von 33 Metern, so dass die Basilika auf eine Gesamthöhe von 93 Metern kommt. Die fünf Euro "Fahrgeld" für den Panoramaaufzug dorthin lohnen, denn nur so gelangt man auf die in rund 53 Meter Höhe befindliche Aussichtsplattform, die einen grandiosen 360°-Ausblick auf ganz Brüssel eröffnet (selbst bei leichtem Dunst).

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer (c) S. Sahmer Von außen hat mich die Basilika mit ihrer Größe mächtig beeindruckt, vor allem, da wir ihr entgegengelaufen sind – sprich den ganzen Koekelberg zu Fuß hoch sind und dann durch den davor liegenden Parc Elisabeth. So kann man einige Art-déco-Elemente/-Linien des Baus gut erkennen.

Im Inneren schließe ich mich jedoch den Worten meines Dumont direkt-Reiseführers an, denn, Zitat: "…der riesige Raum [wirkt] kühl. Bündelpfeiler aus poliertem Stein, eine Vielzahl von Seitenkapellen und eine Galerie machen ihn trotz seiner Leere unübersichtlich." Unterschreibe ich voll und ganz. Vor allem aber den Nachsatz "Traumhaft ist der Blick von der Kuppel auf Brüssel".

(c) S. Sahmer; Blick vom MIM Richtung Rathaus und weiter zum Koekelberg(c) S. Sahmer; Blick vom MIM Richtung Rathaus und weiter zum KoekelbergZumal in Sachen Art déco/Art nouveau doch mehr geht. Viel mehr. Aber da war das ganze Kirchenbauprojekt eben schon längst aus dieser wunderbaren Kunst-Epoche gefallen – und das ausgerechnet in Brüssel!

Denn wie kaum eine zweite Stadt in Europa prägte der Jugendstil die belgische Hauptstadt (zugegeben, dem Jugendstil rühmen sich andere Städte mehr, darunter Budapest, Glasgow, Helsinki, Nancy, Paris, Prag, Riga und Wien, aber auch deutsche Orte wie vor allem Darmstadt mit der Mathildenhöhe). Florale Linien treffen hier allerorten auf fließende Formen, Schnörkel auf Gusseisen: Über 1.000 Wohnhäuser, Hotels, Kontore/Handelshäuser und mehr entstanden in der Hochphase zwischen 1893 bis 1910 – allen voran die Bauten Victor Hortas und namhafter Kollegen wie Paul Cauchie oder Paul Saintenoy.

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