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Bonn: Deutsche Geschichte(n) seit 1945 im "Haus der Geschichte"

Veröffentlicht am 30.01.2018

 (c) S. Sahmer(c) S. SahmerAufgrund einer Gebäudesanierung, die eine mehr als halbjährige Schließung des Museums – einem der fünf der sogenannten Museumsmeile Bonn an der B9 unweit des einstigen Regierungsviertels – erforderlich machte, eröffnete im Dezember 2017 das Bonner "Haus der Geschichte" neu. Seitdem ist nicht nur das Glasdach neu und dicht – auch die Dauerausstellung wurde während der Schließung überarbeitet: Tausende Museumsobjekte wurden dafür bewegt, der Ausstellungsbereich ab den 1980er Jahren komplett neu geplant und auf-/umgebaut. Neben den Herausforderungen der Wiedervereinigung werden dort jetzt auch Bereiche wie Digitalisierung, internationaler Terrorismus, Migration und moderne Medien thematisiert.

So kann man sich nun wieder auf eine einzigartige Zeitreise durch die jüngere deutsche Geschichte seit 1945 machen, die keinen Besucher unberührt lässt – ob alt oder jung: Die Ausstellung beginnt mit den Nachkriegsjahren, den Neuanfängen unter den Siegermächten und der Teilung Deutschlands. Warum entstand der Kalte Krieg? Wie entwickelten sich die beiden deutschen Staaten und welche Verbindungen bestanden zwischen der Bundesrepublik und der DDR? Was führte zur Wiedervereinigung und welchen Herausforderungen steht Deutschland seitdem (noch) gegenüber?

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerAnders gesagt: Man taucht ein in die deutsche Vergangenheit und findet sich am Ende um einige Erkenntnisse zum Hier & Jetzt in der Gegenwart wieder. Wenn man sich drauf einlässt. Doch die Schau zieht einen mit ihren vielfältigen Ansätzen schnell in ihren Bann. Unbemerkt verfliegt die Zeit – real beim Rundgang wie auch in den geschilderten Meilensteinen. Drei, besser vier Stunden sollte man für einen Besuch auf jeden Fall einplanen. Selbst dann bleibt letztlich nur die eine Erkenntnis: Ein Wiederkommen muss einfach sein!

Und wenn über verpflichtende KZ-Gedenkstätten-Besuche für Schüler/innen diskutiert wird (was im Freistaat Bayern schon der Fall ist), dann sollte meines Erachtens auch eine Schau wie diese Pflichtbaustein jedes Geschichtsunterrichts rund um den Themenblock "jüngere deutsche Geschichte" sein: Zur Stiftung "Haus der Geschichte" gehört auch der "Tränenpalast Berlin", der den Alltag der deutschen Teilung thematisiert; die Dauerausstellung "Teilung und Einheit. Diktatur und Widerstand" im "Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig", ein weiterer der insgesamt vier Standorte, ist allerdings bis Jahresende zwecks Umbau und Neugestaltung geschlossen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDoch zurück nach Bonn. Hier bilden politische Ereignisse den roten Faden der Dauerausstellung – und lassen so noch einmal die Entwicklung des heutigen Deutschlands Revue passieren: Wann waren Wahlen hüben wie drüben? Welche politischen Ereignisse vom Kniefall in Warschau bis Spionagefall in Bonn veränderten die BRD mit welchen Folgen? Und welche Entwicklungen hinter dem Eisernen Vorhang von Glasnost und Perestroika bis hin zu Solidarność die DDR?

Dabei ist es schon ein bisweilen seltsames Gefühl, bis wann einen der Geschichtsunterricht zu Schulzeiten noch dadurch begleitete oder was man persönlich als Zeitzeuge anfangs noch unbewusst in Kindheit und Jugend, später dann als Erwachsener und Wähler mitbestimmend miterlebt hat. Und bekommt eine Ahnung davon, dass das eine Menge Geschichte und Entwicklung war und ist, zumal sich gerade für uns Kinder der späten 1960er, frühen 1970er Jahre mit der Volljährigkeit einmal quasi die Welt veränderte, in die wir einst hineingeboren worden sind.

Wobei ich bewusst nicht sage, dass man spürt, alt zu sein – wenn mich auch dieses Gefühl, auf dem besten Weg dorthin zu sein, ab und an leise beschlichen hat … Denn eines macht die Schau und ihr Publikum ganz klar: Hier steckt jede Menge Leben und Bewegung drin, ist für jede Generation viel Erkenntnisreiches dabei, bekommt man Antworten auf (bislang) ungestellte Fragen, weil man einst dafür noch zu jung, zu abgelenkt, zu ich weiß nicht was war.

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(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerSo begegnet man passend zu Wahl-/Regierungs-Perioden vielfältigen Objekten und Zeugnissen aus Alltag, Kultur, Wirtschaft und Weltgeschehen. Alles hat (s)eine ganz eigene Geschichte. Manche Teile sind in ihrer Wirkung eher klein und fast intim, dennoch beispielhaft für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, andere sind groß – selbst wenn sie nur ein kleines Foto oder ein zerknitterter Redenzettel sind – und haben machtvolle Veränderungen bewirkt. Dazwischen gibt es klassisch allerlei Schautafeln und Erklärungen (in angenehmen Leselängen und bestens auf den Punkt gebracht) sowie ganz state of the art Multimedia- und interaktive Stationen, die zugleich interkommunikativ wirken.

Wie ich selbst erleben durfte: Denn ich muss wohl doch laut gedacht haben, wie das mit den ganzen EU-Erweiterungen war. Am Ende stand ich mit sechs mir wildfremden, doch an dem Thema ebenfalls höchst interessierten Überdieschulternschauern zusammen und wir diskutierten gemeinsam über Länder, Gründe und Beitrittsdaten. So wurde die EU auf der virtuellen Karte letztlich zu dem, was sie heute ist. Eine nicht ganz einfache Gemeinschaftsarbeit. Grenzenlos wie in echt, mit ebenso vielfältigem Denkansätzen und Sprachen.

(c) S. Sahmer - Blick in die HdG-Sonderausstellung "Mein Verein"(c) S. Sahmer - Blick in die HdG-Sonderausstellung "Mein Verein"(c) S. Sahmer - Blick in die HdG-Sonderausstellung "Mein Verein"(c) S. Sahmer - Blick in die HdG-Sonderausstellung "Mein Verein"Eine tolle Ergänzung sind die wechselnden Sonderschauen. Noch bis zum 4. März 2018 etwa ist "Mein Verein" zu sehen – und überzeugte mich mit überraschenden Blickwinkeln. Über 600.000 Vereine gibt es in Deutschland, so erfährt man dort. Knapp die Hälfte aller Deutschen sei gegenwärtig Mitglied in mindestens einem von ihnen. Die kleine Schau schlägt dabei einen großen Bogen, was alles darunter fällt. Für die einen ist es der Karnevals-, Fußball- oder Schützenverein, für den nächsten sind es die Laubenpieper, für andere Hilfsorganisationen wie eine ehrenamtliche Tafel. Auch der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche wäre ohne einen projektbezogenen Förderverein nicht denkbar gewesen. Ein Topping, das mich mit seiner ungewöhnlichen "Komposition" an Beispielvereinen echt überrascht hat!

Man darf gespannnt sein, was als nächstes kommt. Ich ärgere mich zwar noch immer, dass ich "Inszeniert. Deutsche Geschichte im Spielfilm" vepasst habe; aber, auch das soll mal erwähnt sein, das Haus hat ein prima Archiv, von den unterschiedlichsten zugänglichen Datenbanken (bzw. Sammlungen) ganz zu schweigen.

Übrigens: Durch die Dauerausstellung werden mittwochs um 17.30 Uhr und sonntags um elf Uhr öffentliche Begleitungen angeboten, für die keine Voranmeldung nötig ist. Diese Führungen sind – wie der Eintritt zum ganzen Haus oder auch die Audio-Guides – kostenfrei! Samstags und sonntags sind ergänzende Touren im Kanzlerbungalow, im Bundesrat sowie im Kanzlerzimmer plus Kabinettssaal verfügbar.

Nur einige der Gründe, weswegen ich wieder kommen werde. So ist im Winter der Museumsgarten geschlossen, den würde ich gerne noch sehen wollen. Zudem beginnt der "Weg der Demokratie" am "Haus der Geschichte". Und zum U-Bahn-Eingang des Museums sollte ich auch noch runter; dort beleuchten unter anderem der erste Dienst-Mercedes von Konrad Adenauer und der Eisenbahnsalonwagen der Bundeskanzler die Zeit der einstigen Bundeshauptstadt Bonn …

Die für mich bis kurz nach meinem Abitur erlebte Gegenwart war. Für die meisten der Museumsgäste an meinem Besuchstag war sie ganz offensichtlich erlernte Geschichte (und deren Abitur noch Zukunft). Auch davon erzählt das Haus Geschichten. Es lohnt sich, überall die Augen und Ohren offen zu halten.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer

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