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Einmal entlang 8° Ost reisen: Das Klimahaus Bremerhaven

Veröffentlicht am 11.09.2017

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerFrühjahr 2010. Da liegt es, einem Ufo gleich, inmitten der Havenwelten. Zumindest war das die Assoziation, die auch mir spontan kam, als ich das Klimahaus Bremerhaven zum ersten Mal gesehen habe (und wie man hört, endlichen anderen auch). Es war ein Regentag, eine steife Brise wehte schon seit dem frühen Morgen – ideales Museums- und Ausstellungswetter also. Guter Plan. Er hatte jedoch einen Haken. Auf die Idee waren noch viele andere gekommen.

Und so standen an den Kassen lange Schlangen und der Trubel dahinter im großen, mehrstöckigen Foyer ließ erahnen, dass es auch andernorts im Klimahaus voll sein würde. Zu voll für meinen Geschmack. Aber kein Wunder, das Haus hatte im Sommer zuvor erst eröffnet. So blieb es bei dem Plan.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerSpätsommer 2017. Bestes Küstenwetter zeichnet sich ab, wenn auch am frühen Morgen kurzzeitig Nebel aufsteigt. Ein typisches Schönwetterphänomen, wenn die Warmluft vom Land auf das kühlere Meer strömt. Aber eben nur ein dampfiges Intermezzo, mehr nicht. Jetzt aber. Da gab es doch einen Plan. Heute gibt’s keinen Haken. Bei schönem Wetter wollen alle schnell an den Strand. Heißt für mich: Erstmal auf ins Klimahaus.

Es wird endlich Zeit, dort auf eine ungewöhnliche Welt-Reise zu gehen – ohne dafür Bremerhaven zu verlassen. Und wie es inzwischen bereits über vier Millionen Gäste vor mir getan haben. Denn im Klimahaus Bremerhaven 8° Ost, wie es ganz offiziell heißt, begibt man sich auf eine außergewöhnliche Tour, die entlang des Längengrades 8 Grad und 34 Minuten Ost einmal um den Globus führt.

Vom Bahnhof Bremerhaven geht es in die Schweizer Berge, durch die Wüste der Sahelzone und das Packeis der Antarktis, entlang des Südseestrands von Samoa und wieder zurück an die Nordseeküste. Man begegnet unterwegs Menschen, die aus ihrem Alltag erzählen und berichten, wie sich ihr Leben und das jeweils vorherrschende Klima gegenseitig beeinflussen. Und folgt dabei den Spuren und der Reiseroute von Axel Werner, der für das Klimahaus alle insgesamt neun Reisestationen zusammen mit einem Kamerateam bereist hat – ein im wahrsten Wortsinn roter Faden (wie man auf jedem Globus an jeder Reise- bzw. Klima-Station erkennen kann), der durch die Schau leitet und sich in Filmausschnitten, Mitbringseln und einigen in die Ausstellung gekonnt integrierten und inszenierten Reisetagebüchern widerspiegelt. Bis man am Ende quasi in Axel Werners Bremerhavener Wohnung wieder ankommt.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerUnterwegs erlebt man, was er erlebt hat. Und schwitzt oder fröstelt, wie er. Denn jede Station entführt den Reisenden nicht nur an einen anderen Ort am 8. Längengrad Ost und zu neuen Protagonisten, sondern simuliert auch höchst raffiniert das dortige Klima. Du denkst, der Sommer auf Sardinien war heiß? Warte ab, bis Du in der Gluthitze von Niger durch den Wüstensand läufst! Und auf der tropischen Südsee-Insel Samoa mag es so warm sein wie in Kamerun, aber längst nicht so feucht und schwül wie im afrikanischen Regenwald.

Und ganz ehrlich? Gut, dass man keine 30 Schritte durch die bitterkalte Antarktis in die nachgebaute Neumayer-Station des Alfred-Wegener-Instituts braucht – was fegt da gleich zu anfangs ein eisiger Wind um einen. Bibber!

Heißt daher: Ein leichter Zwiebellook (Shirt plus dünne Sweatjacke) ist ratsam, auch eine Trinkflasche sollte man dabei haben, denn mittendrin strollt man ja unter anderem durch die Wüste. Also nicht alles an der Garderobe abgeben oder im Schließfach verstauen. Wahlweise kann man auch – was angesichts der langen Verweildauer und der Zielgruppe Familien auch sehr praktisch ist (für Kinderwägen gibt’s extra einen barrierfreien Weg, der zwar meist mit dem Hauptpfad identisch ist, dann aber auch mal Stufen etc. pp. clever "umgeht"!) – ab und ab einen "Ausweg" nehmen, um vom aktuellen Klima zu pausieren, ein WC aufzusuchen oder wie ich, flugs noch mein Wasser zu holen. Man sollte sich nur merken, wo man wieder "einsteigen" muss; doch da die Reisestationen teils bis in die Treppenhausgestaltung reichen, alles kein Thema. Und ein bisschen Abenteuer gehört ja dazu …

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(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWas einem neben dieser Klimareise noch erwartet? Viele Fragen, aber auch Antworten – und jede Menge Gedankenanstöße: Die separate Schau "Perspektiven" etwa veranschaulicht das Zusammenwirken von Mensch, Erde und Klima, außerdem gibt sie Auskunft über die zukünftigen Auswirkungen des Klimawandels – am Beispiel der vorher erlebten Reisestationen. Megaspannend und interaktiv geht es seit diesem Frühjahr im jüngsten Ausstellungsbereich "World Future Lab" zu, wo die Welt wortwörtlich im Mittelpunkt steht. An acht Spielstationen kann man hier die Welt verändern, lernt seine persönlichen Stärken kennen und erfährt nach jeder bewältigten Aufgabe, wie andere das Klima (noch besser) schützen. Mein Tipp: Unbedingt dort einchecken und alle Stationen absolvieren. Manches hat mit Wissen zu tun, anderes mit Weitsicht, das nächste mit Kreativität. Und es ist erstaunlich, wie die Jüngsten hier flink eine bessere Welt "erzocken", während man selbst noch abwägt, was als erstes tun. Ob der Klimawandel womöglich instinktiv-spielerisch besser in den Griff zu bekommen ist als mit jedem politischen Abkommen? Ich bin hier ganz schön ins Grübeln gekommen!

Und verbrachte im Klimahaus sage und schreibe knapp fünf abwechslungsreiche Stunden. Erst als ich im Sonnenschein wieder in die Havenwelten hinaustrat, bemerkte ich, wie die Zeit verflogen war – weil mein Magen dann sehr schnell, sehr lautstark nach einem Fischbrötchen verlangte. Das klingt nicht nur nach Faszination, das war auch faszinierend. Und intensiv. Und lehrreich. Unglaublich? Selbst erleben!

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerExtratipp: Auch das Überseemuseum in der Schwesterstadt Bremen hat das Thema Klima im Blick! Was einen da generell erwartet? Eine in Europa "einzigartige Sammlungskombination von Völker-, Handels- und Naturkunde" – worunter ich mir ehrlich gesagt im Vorfeld nicht wirklich viel, vor allem nichts Konkretes vorstellen konnte. Es klang in meinen Ohren etwas verstaubt (ich hatte da ungute Erinnerungen an andere völkerkundliche Häuser), doch weit gefehlt!

Ich habe nicht bereut, nach der zweistündigen Altstadt- und Schnoorviertel-Führung noch im Sturmschritt gen Bremer Hauptbahnhof geeilt zu sein, neben dem das Museum liegt. Bereits seit über 100 Jahren präsentiert es "Die Welt unter einem Dach" (wenngleich auch sicherlich nicht mit seinen heutigen modernen, auch medialen Präsentationsformen) und setzt sich dabei mit dem kolonialen Erbe der Hansestadt und ihrer (Handels-)Beziehungen in alle Welt auseinander. Wen das Fernweh ruft, der kann hier in den ständigen Ausstellungen gen Übersee reisen. Nach Amerika (der Bereich im 2. Stock wurde gerade Ende letzten Jahres neu eröffnet und widmet sich dem Doppelkontinent u.a. mit dem Themen "Einwanderung" und "Welthandel"), Afrika (eindrucksvoll der Bereich zu den Bodenschätzen/Ressourcen, der einmal mehr zeigt "Reiches Land, arme Menschen"), Asien (etwa über die legendäre Seidenstraße) oder Ozeanien (im Erdgeschoss gestaltet als überdimensionale Bodenkarte mit allerlei Südseeinseln, was sich dem Betrachter erst von oben richtig erschließt).

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerIn Ausstellungsbereich "Erleben, was die Welt bewegt" geht es gleichermaßen aktuell wie vorausblickend zu:

Denn Themen wie eben der Klimawandel (Solche Veränderungen gab’s übrigens schon früher, sonst hätten wir ja immer noch Eiszeit – aber nie zuvor lagen sie so sehr an konkreten Verhaltensweisen und deren direkten Folgen!), aber auch Kommunikation, Sex & Gender, Zeit, Menschenrechte, Migration oder Weltwirtschaft lassen sich in Zeiten der Globalisierung nun mal nicht auf einzelne Kontinente reduzieren oder gar auf diese begrenzen.

Ehrlich gesagt, war dieser interaktive Ausstellungsbereich im 1. Stock der mich am meisten packendste – was sicher daran lag, dass mich dort einiges auf meine mit Spannung erwartete "Reise" entlang des 8. östlichen Längengrads im Klimahaus Bremerhaven eingestimmt hat. Denn zuerst war ich "im Kleinen" entlang der Weser bis zu ihrer Mündung unterwegs, um dann "im Großen" 8 Grad und 34 Minuten Ost einmal die Erde zu umrunden. Und jede Reise hatte was. Sehr viel sogar.

Der Recherchebesuch in Bremerhaven wurde vom Klimahaus unterstützt.

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