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Friedrichshafen: Auf Traumreise mit dem Zeppelin

Veröffentlicht am 06.12.2017

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDer Traum vom Fliegen fasziniert die Menschen bis heute – obwohl Flugtickets teils bereits für kleines Geld zu kriegen sind und das Fliegen damit längst nicht mehr nur wenigen vorbehalten ist. Im Gegenteil: Am Himmel über Deutschland ging es gerade diesen Sommer so geschäftig zu wie noch nie zuvor!

Die Rekordmarke von 10.000 Flügen pro Tag wurde allein in diesem Juni, so verlautete die Deutsche Flugsicherung (DFS) im Spätsommer, gleich mehrfach überschritten. Insgesamt wurden im ersten Halbjahr 1,5 Millionen Flüge registriert, bis Jahresende erwartet die DFS das Überschreiten der Drei-Millionen-Marke – mehr Flüge als jemals zuvor. Ein Flugaufkommen also, das sich in dieser Menge so mancher Pionier der Lüfte wohl kaum jemals so vorgestellt hat. Und ganz sicher auch nicht gedacht hat, wie viele Menschen heute an Bord eines einziges Flugzeuges gehen können – und in welch kurzer Zeit sie dabei große Distanzen zurücklegen …

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDoch ohne ihre Visionen wäre all dies heute nicht möglich! Kein Wunder also, dass die Anfänge der (kommerziellen) Luftfahrt und ihre unerschrockenen Helden noch immer die Menschen beeindrucken. Und wo man ihnen und ihren Geschichten irgendwie nahe kommen kann, magisch davon angelockt werden. Die einen besuchen Oldtimer-Flugtage und staunen, was die Doppeldecker von einst bis heute fliegerisch drauf haben. Die anderen schauen sehnsüchtig den Rundflügen legendärer Flugobjekte nach – ob es nun die gute alte "Tante JU" mit dem unverkennbaren Sound ihrer drei Neun-Zylinder-Motoren ist oder das leise Surren des modernen Zeppelin NT.

Letzterer ist am Bodensee von Anfang März bis in den November hinein am Himmel allgegenwärtig, wo er von Friedrichshafen aus seine Runden dreht und den Passagieren aus 300 Metern Flughöhe ein etwas anderes Sightseeing ermöglicht – für 30, 40, 45, 60, 90 oder 120 Minuten Flugdauer.

Und obwohl dessen Tickets ihre Preise haben, wer an seinem Wunschtermin abheben will, muss früh dran sein und fix buchen – oder bleibt am Boden. Oder auch auch nicht! Denn er könnte alternativ zumindest imaginär abheben, einer fast perfekten Illusion sei Dank: Im Zeppelin Museum Friedrichshafen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerIn dem denkmalgeschützten Bauhaus-Gebäude an der Friedrichshafener Bodensee-Promenade unweit des (Bus-)Bahnhofs taucht der Besucher ein in die weltweit größte Sammlung zur Luftschifffahrt. Ums in Zahlen zu sagen: Auf über 4.000 Quadratmetern und verteilt auf drei Etagen warten inklusive zweier Bereiche für (kunstvolle) Wechselausstellungen rund 1.500 Exponate darauf, entdeckt zu werden.

Ein absolutes Highlight sind die begehbaren Passagierräume des LZ 129 "Hindenburg", die originalgetreu von der umschließenden Außenhaut über die innenliegende Metallkonstruktion bis hin zu vollausgestatteten Kabinen und Gesellschaftsbereichen zu sehen sind – und je nach Station im Laufe des Museumsrundgangs einen anderen Blickwinkel in und auf sie erlauben. Man glaubt beinahe, jedem Augenblick müssten einem Passagiere und Personal begegnen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerUnd so, wie man dort in die Szenerie reingezogen wird, ergeht es einem auch bei zahlreichen der Vitrinen, in denen detailverliebte Arrangements aus historischen Fotos, Dokumenten und originalen Gegenständen den Betrachter in den Bann ziehen – vor allem, wenn es um das wohl unschönste, aber bekannteste Kapitel in der Zeppelin-Geschichte geht, die missglückte Landung und das dramatische Ende des LZ 129 "Hindenburg" am 6. Mai 1937 auf dem Flugplatz von Lakehurst bei New York. Einige Ausstellungsstücke sind nämlich unmittelbar mit Einzelschicksalen der Menschen an Bord verbunden. Da bildet sich dann und wann, bei aller Faszination, doch unweigerlich ein Kloß im Hals.

Der jedoch eine Ecke weiter so schnell verschwindet wie er sich gebildet hat, weil ein neues Luftschiff-Kapitel mit anderen Akzenten aufgeschlagen wird. Etwa in der Zeppelin-Wunderkammer, die einem Sammlerkabinett des 16. Jahrhunderts gleich, von Boden bis zur Decke den Zeppelin ganz anders und ziemlich "untechnisch" zeigt – auf Tassen und Tellern, aus Blech geformt oder auf Münzen gestanzt, als Spielzeug oder Stiftebox, als Zeppelinwurst (in Dosen) oder Luftschiffaschenbecher. Nichts, was es nicht gibt, hier ganz kunstvoll, da Kitsch pur.

Apropos Kunst: Das Zeppelin Museum verfügt mit fast 4.000 Werken über eine Kunstsammlung, die die größten Meister aus Süddeutschland vom Mittelalter bis zur Neuzeit versammelt und einen Bogen bis zur zeitgenössischen Kunst spannt. Teile davon werden in wechselnden Sammlungspräsentationen – etwa im 2. Obergeschoss – gezeigt. In Kombination mit Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst spiegeln diese Schauen, so die Selbstdarstellung des Hauses, "den Anspruch des Zeppelin Museums wider, die eigene Sammlung aktiv in aktuelle kunsttheoretische und gesellschaftspolitische Diskurse zu integrieren".

Ein Ansatz, der in der noch bis 8. April 2018 zu sehenden Sonderausstellung "SCHÖNE NEUE WELTEN" sehr gut nachvollziehbar ist. Sie spielt mit virtuellen Realitäten in der zeitgenössischen Kunst – und lässt für mutige Mitmachbesucher illusionäre Welten in VR-Headsets entstehen, die der "unbebrillte" Beobachter meist nur aufgrund von dessen Bewegungen erahnen und miterleben kann: Eine Erfahrung, die den einen wie den anderen mal amüsiert, dann irritiert, meist jedoch fasziniert. Wie etwa bei Halil Altindere und seiner VR-Installation "Journey to Mars", die scheinbar nah am Museumsthema Luftfahrt dran ist (da ohne sie die Raumfahrt nicht möglich wäre), doch sich eigentlich des Themas Flüchtlingskrise annimmt – und große wie kleine Museumsbesucher in ihren Bann zieht. Wie das ganze Haus.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerBei den Tickets gibt es übrigens interessante Kombi-Angebote, die sich preislich lohnen – und im Fall des Dornier Museums, das nur wenige Autominuten entfernt am Bodensee Airport liegt, auch inhaltlich stimmig sind (und auch nicht unbedingt an einem Tag eingelöst werden müssen, was zugegebenermaßen zum Input-Overkill führt ... wie am eigenen Leib erfahren). Passenderweise ist dessen Kernbotschaft, dass jeder Mensch ein Pionier sein kann. In dem – einem Flugzeughangar nachempfundenen – Ausstellungsgebäude unweit des Flughafenterminals sind 100 Jahre Luft- und Raumfahrtgeschichte erlebbar, Blick auf die Start-/Landebahn und den gegenüberliegenden Hangar des Zeppelin NT inklusive. Besonders spannend hier ist der eben angesprochene Aufbruch zu den Sternen, der bei Dornier in einem "begehbaren All" skizziert wird. Und natürlich die legendären Dornier Klassiker der Lüfte ... in deren Gesellschaft sich dann auch plötzlich wieder ein Luftschiff-Modell wiederfindet. Und manch anderes, das den Bodensee mit der Welt und/oder seine Ufer verbindet.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerExtratipp: Auch unweit von Frankfurt, wo 1936 der Flug- und Luftschiffhafen Rhein-Main eröffnet worden war (der damals allerdings noch ganz anders aussah als der heutige internationale Rhein-Main-Flughafen) und bis zum tragischen Lande-Unglück der "Hindenburg" der Zeppelin-Transatlantikverkehr startete, gibt es ein Zeppelin-Museum! Die kleine Schau findet sich – nomen est omen – in der ehemaligen Luftschiffersiedlung Zeppelinheim, heute ein Stadtteil von Neu-Isenburg. Hier hatte die Deutsche Zeppelin Reederei einst für ihr Bord- und Bodenpersonal Flughafen- und damit arbeitsplatznahe Wohnhäuser errichtet. Ähnlich wie in Friedrichshafen kann man unter anderem einen kleinen nachgebildeten Ausschnitt eines Passagierdecks "begehen", Ausblick auf Rio de Janeiro inklusive.

Das kleine Museum ist im Gegensatz zur Schau in Friedrichshafen, die von Mai bis Oktober täglich, von November bis April dienstags bis sonntags geöffnet ist, jedoch nur freitags von 14-17 Uhr und samstags, sonntags sowie an Feiertagen zugänglich (je 11-17 Uhr).

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