Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Hingefahren      

Folgen Sie mir in die Natur, in Städte, Regionen - oder ins Museum.

Texterlei

schreiben · redigieren · lektorieren

"Wir haben beschlossen, zusammen Schiffe zu bauen, große Schiffe."

Veröffentlicht am 23.10.2017

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerZugegeben, das ist nicht das bekannteste Zitat aus dem Kult-Film "Pretty Woman". Stellen wie "Der liegt in der Kurve wie auf Schienen" und vor allem "Schlüpfriges Scheißerchen!" rufen bei deutlich mehr Zeitgenossen wissendes Grinsen hervor. Aber wie ich so am Eingang zum Besucherzentrum der Meyer Werft vorbei Richtung Dockhallen schauen und gerade überschlage, wie viele Schiffsetagen darin Platz haben (und dann immer noch Luft nach oben ist!), kommt mir dann doch dieser eine Satz in den Sinn. Ich gestehe, im Film geht’s um Tanker, nicht um Kreuzfahrtschiffe – aber: In Papenburg, Deutschland ältester und längster Fehnkolonie, die ihrer vielen Kanäle und Brücken wegen gerne mal mit dem Beinamen "Venedig des Nordens" versehen wird, werden (und wurden) nicht nur Cruiseliner vom Stapel gelassen. Wer ein bisschen in die Werft-Geschichte eintaucht, wird erfahren, dass seit 1961 auch rund 60 Gastanker gebaut wurden.

Berühmt geworden ist die Meyer Werft – und damit Papenburg – aber mit den bislang über 40 hier gebauten Kreuzfahrtschiffen. Bis 2020 sollen es sogar schon über 50 sein. Das "zierlichste" zählte gerade mal 42.000 Bruttoregistertonnen, das größte 180.000. Dimensionen, die einen schwindlig werden lassen. Und wenn man dann noch erfährt, dass der erste Luxusliner, die 1984/85 gebaute Homeric, damals noch ganz traditionell quer vom Stapel gelassen wurde, da die flutbaren, gewaltigen Docks von heute damals noch Bauzeichnungen waren, wird einem noch mal ganz anders. Da gehört schon Mut dazu. Und Visionen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerEine Ahnung davon bekommt man bei einer Führung auf der Meyer Werft; ein Angebot, das inzwischen 250.000 Besucher im Jahr zum Anlassen nehmen, ins idyllische Emsland zu reisen. Den Besuch in der "Geburtsstätte" der Ozeanriesen verbinden die meisten dann gerne mit ein, zwei Tagen Aufenthalt mehr. Auch ich habe links und rechts des Hauptkanals von Papenburg noch das eine oder andere für mich entdeckt. Dieser etwa entpuppt sich als Open-Air-Schifffahrtsmuseum, liegen in ihm über die Stadt verteilt doch Nachbauten von sechs hier einst vielgebauten (etwa ein Schoner, ein schnelles Frachtschiff) bzw. -genutzten Schiffstypen (wie etwa einer Spitzmutte, einem Torf-Lastkahn). Gegenüber dem Rathaus ankert Papenburgs Wahrzeichen, die Brigg "Friederike von Papenburg", die man auch besichtigen kann. Dort wie vor allem im interaktiven Museum Zeitspeicher findet man auch Mitarbeiter der Tourist-Information.

Wer das mit Papenburgs Wurzeln als Torfabbau-Ort genauer wissen will, mit den Entwässerungskanälen, den kleinen Werften und schmalen Lastkähnen – der ist wiederum in der Von-Velen-Anlage genau richtig. Dort erzählen historische Unterkünfte von Torfpütten bis zu Kapitänshäusern die Geschichte der Stadt und zeigen ihr ursprüngliches Gesicht. Charaktere von einst beleben das Ganze in Form von lebensgroßen Bronzefiguren. Unbedingt dort probieren: Herzhaften Buchweizen-Pfannkuchen, am besten mit Preiselbeeren und einer Tasse Ostfriesentee mit knisterndem Kandis und Sahnewölkchen. Denn: Buchweizen war lange Zeit das einzige, was auf dem hiesigen Torfboden wuchs, und damit das Grundnahrungsmittel Nummer eins. Inzwischen gedeiht hier manch anderes, sehr gut sogar, aber dazu später mehr.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerKehren wird noch mal zum eingangs erwähnten Filmzitat "Wir haben beschlossen, zusammen Schiffe zu bauen, große Schiffe." und damit in die Meyer Werft zurück. Ihre Ursprünge liegen eigentlich mitten in der Stadt, wo heute das Forum Alte Meyer Werft mit Hotel, Stadthalle und kleinem Theater lockt. Wie zu den Werftanfängen 1795 sieht es dort nicht mehr aus und doch zeugt hier vieles von bedeutsamen Entwicklungsschritten der Werft. 1874 etwa startete man mit dem Bau von Eisenschiffen – und so findet man überall Relikte aus dieser Zeit wie etwa Lochstanzen oder Walzen. Das Restaurant Schnürboden beispielsweise ist die alte Maschinenbauhalle, ihr Laufkran mit dem riesigen Haken "schwebt" in unübersehbarem Minz-Anstrich noch immer oben unter dem Glasdach. Das 1975 daneben gebaute Trockenbaudock gibt es allerdings nicht mehr, an seiner Stelle ankern heute die Boote des Yachtclubs.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDer Kreuzfahrtinteressent von heute erlebt bei seiner Besucherzentrum-Tour die Neue Meyer Werft, deren Keimzelle 1985/86 der Bau des sogenannten Baudocks 1 war. Es ist heute die kleinere der zwei "Montagehallen", wobei klein relativ ist – denn 370x102x60 Meter sind echt beeindruckend. Und ihr Kran kann Schiffselemente von bis zu 600 Tonnen bewegen. Die größere toppt das noch einmal: 504x125x75 Meter und ein Kran, der 800 Tonnen heben kann. Da muss man schon ganz schön den Kopf in den Nacken legen, um bis zum Hallendach zu schauen. Apropos Schiffselemente: Auch das lernt man im Besucherzentrum, Schiffe werden hier wird nach dem Lego-Prinzip zusammengebaut, nur das die einzelnen Bausteine viel gewaltiger sind und selbst schon aus unzähligen Einzelteilen bestehen! Und während vorne ein Schiff "fast schon fertig" aussieht, wird hinten bereits an Teil-Elementen des nächsten gebaut. Echt faszinierend, wie da alles ineinander greift.

Ganzen Eintrag lesen »

Einmal entlang 8° Ost reisen: Das Klimahaus Bremerhaven

Veröffentlicht am 11.09.2017

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerFrühjahr 2010. Da liegt es, einem Ufo gleich, inmitten der Havenwelten. Zumindest war das die Assoziation, die auch mir spontan kam, als ich das Klimahaus Bremerhaven zum ersten Mal gesehen habe (und wie man hört, endlichen anderen auch). Es war ein Regentag, eine steife Brise wehte schon seit dem frühen Morgen – ideales Museums- und Ausstellungswetter also. Guter Plan. Er hatte jedoch einen Haken. Auf die Idee waren noch viele andere gekommen.

Und so standen an den Kassen lange Schlangen und der Trubel dahinter im großen, mehrstöckigen Foyer ließ erahnen, dass es auch andernorts im Klimahaus voll sein würde. Zu voll für meinen Geschmack. Aber kein Wunder, das Haus hatte im Sommer zuvor erst eröffnet. So blieb es bei dem Plan.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerSpätsommer 2017. Bestes Küstenwetter zeichnet sich ab, wenn auch am frühen Morgen kurzzeitig Nebel aufsteigt. Ein typisches Schönwetterphänomen, wenn die Warmluft vom Land auf das kühlere Meer strömt. Aber eben nur ein dampfiges Intermezzo, mehr nicht. Jetzt aber. Da gab es doch einen Plan. Heute gibt’s keinen Haken. Bei schönem Wetter wollen alle schnell an den Strand. Heißt für mich: Erstmal auf ins Klimahaus.

Es wird endlich Zeit, dort auf eine ungewöhnliche Welt-Reise zu gehen – ohne dafür Bremerhaven zu verlassen. Und wie es inzwischen bereits über vier Millionen Gäste vor mir getan haben. Denn im Klimahaus Bremerhaven 8° Ost, wie es ganz offiziell heißt, begibt man sich auf eine außergewöhnliche Tour, die entlang des Längengrades 8 Grad und 34 Minuten Ost einmal um den Globus führt.

Vom Bahnhof Bremerhaven geht es in die Schweizer Berge, durch die Wüste der Sahelzone und das Packeis der Antarktis, entlang des Südseestrands von Samoa und wieder zurück an die Nordseeküste. Man begegnet unterwegs Menschen, die aus ihrem Alltag erzählen und berichten, wie sich ihr Leben und das jeweils vorherrschende Klima gegenseitig beeinflussen. Und folgt dabei den Spuren und der Reiseroute von Axel Werner, der für das Klimahaus alle insgesamt neun Reisestationen zusammen mit einem Kamerateam bereist hat – ein im wahrsten Wortsinn roter Faden (wie man auf jedem Globus an jeder Reise- bzw. Klima-Station erkennen kann), der durch die Schau leitet und sich in Filmausschnitten, Mitbringseln und einigen in die Ausstellung gekonnt integrierten und inszenierten Reisetagebüchern widerspiegelt. Bis man am Ende quasi in Axel Werners Bremerhavener Wohnung wieder ankommt.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerUnterwegs erlebt man, was er erlebt hat. Und schwitzt oder fröstelt, wie er. Denn jede Station entführt den Reisenden nicht nur an einen anderen Ort am 8. Längengrad Ost und zu neuen Protagonisten, sondern simuliert auch höchst raffiniert das dortige Klima. Du denkst, der Sommer auf Sardinien war heiß? Warte ab, bis Du in der Gluthitze von Niger durch den Wüstensand läufst! Und auf der tropischen Südsee-Insel Samoa mag es so warm sein wie in Kamerun, aber längst nicht so feucht und schwül wie im afrikanischen Regenwald.

Und ganz ehrlich? Gut, dass man keine 30 Schritte durch die bitterkalte Antarktis in die nachgebaute Neumayer-Station des Alfred-Wegener-Instituts braucht – was fegt da gleich zu anfangs ein eisiger Wind um einen. Bibber!

Heißt daher: Ein leichter Zwiebellook (Shirt plus dünne Sweatjacke) ist ratsam, auch eine Trinkflasche sollte man dabei haben, denn mittendrin strollt man ja unter anderem durch die Wüste. Also nicht alles an der Garderobe abgeben oder im Schließfach verstauen. Wahlweise kann man auch – was angesichts der langen Verweildauer und der Zielgruppe Familien auch sehr praktisch ist (für Kinderwägen gibt’s extra einen barrierfreien Weg, der zwar meist mit dem Hauptpfad identisch ist, dann aber auch mal Stufen etc. pp. clever "umgeht"!) – ab und ab einen "Ausweg" nehmen, um vom aktuellen Klima zu pausieren, ein WC aufzusuchen oder wie ich, flugs noch mein Wasser zu holen. Man sollte sich nur merken, wo man wieder "einsteigen" muss; doch da die Reisestationen teils bis in die Treppenhausgestaltung reichen, alles kein Thema. Und ein bisschen Abenteuer gehört ja dazu …

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer

Ganzen Eintrag lesen »

Eine Reise ins Ungewisse: Das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven

Veröffentlicht am 05.09.2017

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerEin Griff ins Archiv – und alles war wieder da: Im April 2010 war ich zum ersten Mal im Deutschen Auswandererhaus und habe mich mit der mir zufällig zugewiesenen realen Auswanderer-Identität der 1897 geborenen Johanna Ostermann eingeschifft für eine imaginäre Reise nach Amerika. Stand mir ihr an der Kaje, erklomm die Gangway und reiste in der 3. Schiffsklasse (oh Graus, nichts für mich!) über den Atlantik. Kam mit ihr an in der größten Einwanderungsstation der USA, auf Ellis Island, und hoffte mit ihr, dass sie die Fragen der Einwanderungsinspektoren richtig beantworten würde. Denn für den ein oder anderen endete hier der Traum von der legendären "Neuen Welt" und der Chance auf ein neues, besseres Leben. Immerhin: Wer nicht rein gelassen wurde, hatte insofern Glück, dass ihn die Reederei, die ihn in die USA gebracht hatte, auf eigene Kosten wieder in die alte Heimat mitnehmen musste … doch was für ein Schicksal! Kein Wunder, dass Ellis Island auch "Insel der Tränen" heißt.

Damals endete das Abenteuer Auswanderung noch im "Raum der Nachfahren", wo man abschließend erfuhr, welches neue Leben(sglück) "sein" Auswanderer am Ziel seiner Träume erfuhr. Dann kam das Ocean Cinema und zuletzt das Forum Migration, wo man auf Spurensuche nach ausgewanderten Vorfahren gehen konnte. Ich erinnere mich an die Stunden im Museum, als wäre der Aufenthalt erst gestern gewesen: Ich war hin und weg. Im wahrsten Wortsinne. Und auf einer echten Zeitreise, in der Zeit keine Rolle spielte.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerSeitdem hat sich im Deutschen Auswandererhaus viel getan: 2012 eröffnete der Erweiterungsbau, der sich der Einwanderung nach Deutschland seit dem 17. Jahrhundert annimmt. Und auch im Hauptgebäude veränderte sich einiges, wurden Ausstellungsbereiche neu gestaltet und ergänzt. Was war ich neugierig darauf! Und doch, über sieben Jahre sollten vergehen, bis ich endlich wieder in der "Galerie der sieben Millionen" stand, um mich dort mit (m)einer neuen Auswanderer-Identität vertraut zu machen, auf deren Spuren ich diesmal die (Zeit-)Reise über den Atlantik antreten würde.

Wie es der Zufall so will, es war – natürlich – wieder eine Frau: Ich reiste diesmal mit der erst 17-jährigen Martha Hüner 1923 gen Amerika. Und durfte nun erwartungsvoll mir ihr Ellis Island verlassen und dort ankommen, von wo aus es für viele im weiterging, nachdem sie das Schiff verlassen hatten – im Grand Central Terminal von New York, dem zu seiner Zeit größten Bahnhof der Welt. Ja, in echt ist er riesig und doch – auch hier ist die Imagination, wie in allen Museumsbereichen, perfekt und höchst eindrucksvoll. Dort habe ich dann im neuen Biographien-Bereich erfahren, wie es Martha später in den Staaten erging. Ich soll es verraten? Aber nein, dann wäre ja die Spannung raus für jeden, der zukünftig mir ihr "auswandert"!

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDamit war ein Teil meiner Neugierde befriedigt. Doch nicht weniger gespannt war ich darauf, was mich nach der Brücke im Erweiterungsbau erwarten würde. Sicher, ich hatte schon etliches im Web dazu gelesen und Fotos gesehen – aber mir war klar, das muss man selbst erleben. Denn dieses Haus versteht es so einzigartig, den Besucher Teil der Schau werden zu lassen.

Also ging’s mit einer Aus- bzw. Einwanderin, der 1963 geborenen Vietnamesin Mai Phuong Kollath, die 1981 nach Rostock kam (und bis heute in Deutschland lebt), weiter. Sie wurde meine zweite Identität auf Zeit, deren (persönliche) Erinnerungsobjekte nun gesucht und gefunden werden wollten, die in allerlei Szenen dort geschickt eingebaut/versteckt wurden. Nach einer Einführung am Kiosk taucht man dafür ein in eine Ladenpassage anno 1973 – Nostalgie pur!

Ob Eiscafé, Frisörsalon oder Fotogeschäft, Reisebüro, Lebensmittelladen oder Kaufhaus, überall steht die Frage im Raum, was ist Heimat? Was lässt man zurück, was nimmt man mit? Was zeugt von der Vergangenheit, was vom Aufbruch in eine neue Gegenwart und Zukunft? Und wie schon im Auswandererbereich erhält man mit seiner "persönlichen" iCard bei den Computer- oder Hörstationen durchs Halten gegen eine markierte Stelle auf seiner Reise durch die Zeit individuellen Zugang zu Informationen ganz unterschiedlicher Art. Zum Schicksal "seiner" Identität(en), zu historischen Hintergründen, und und und.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWo alles endet? Wie im echten Leben – auf dem Amt. Zwei Hürden müssen auch Einwanderer, die nach Deutschland kommen, meistern: Die Einreise und das Aufenthaltsrecht. Die mögliche Einbürgerung ist freiwillig. Im sogenannten Behördengang erfährt man daher alles, was Zuwanderer hierzulande von Amts wegen noch zu erledigen haben – und die offiziellen Statistiken zu berichten wissen. Und dort fand sich dann auch das Kino wieder, das nun als Roxy Cinema einen neuen Platz gefunden hat (tolle Kurzfilme, teils bereits "ausgezeichnet"!). Und das Forum Migration ist nun die neue Familienrecherche – denn auf echte Spurensuche nach ausgewanderter Verwandtschaft kann und darf man hier auch weiterhin gehen.

Ganzen Eintrag lesen »

Von flatterhaft bis wehrhaft: In Murten ist die Vergangenheit lebendig

Veröffentlicht am 29.08.2017

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWenn man jedes Jahr auf Familienbesuch in die Schweiz reist, ist das eine gute Gelegenheit, sich stets aufs Neue ein von dort aus gut erreichbares Zweitziel auszusuchen, um eine zusätzliche Schweizer Entdeckung zu machen. Obwohl: Eigentlich gibt es der Entdeckungen für mich immer zwei.

Denn Basel ist mir längst liebgewordenes Entrée und erster Zwischenstopp geworden. Kein Wunder, ist die Rheinmetropole und Grenzstadt doch die Schweizer Stadt mit der größten Dichte an Museen! Bis ich da mal durch sein werde, wird es wohl noch eine Weile dauern, schließlich hatte und hat Kunst hier eine lang Tradition. Und man setzt sich, wenn's drauf ankommt, auch für diese ein …

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerSo kämpfte man etwa 1967 unter dem Slogan "All You Need Is Pablo" für den Verbleib von zwei Picasso-Bildern im Kunstmuseum Basel (das heute aus nunmehr drei Gebäuden besteht, so viel hat es zu zeigen). Worum ging’s? Die Bilder "Die beiden Brüder" und "Sitzender Harlekin" hingen dort einst nur als Leihgabe des Kunstsammlers Rudolf Staehlin. Wegen finanzieller Engpässe der Familie sollten die Bilder jedoch ins Ausland verkauft werden. Diese hatte allerdings nicht mit dem Widerstand junger Basler gerechnet, die dem Kunstmuseum die beiden Werke erhalten wollten: Sie bewegten das Basler Stimmvolk dazu, über sechs Millionen Franken für den Kauf der Bilder aufzubringen. Wow! Die Bilder blieben, sind heute im Museumsbesitz und Teil der ständigen Ausstellung – und Picasso höchstpersönlich war von diese, "Liebesbeweis" so angetan, dass er der Stadt seinerseits noch drei weitere Gemälde und eine Zeichnung schenkte. Irre (Kunst-)Geschichte, oder?

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerBis heute bewundert man nun die Werke im zweiten Stock des Hauptgebäudes – und streift man weiter durch den 1936 entstandenen Hauptbau mit seinen fast schon monumentalen Treppenaufgängen und langen Zimmerfluchten und Fluren, entdeckt man dort zudem das "Who is Who" der Klassischen Moderne und der Europäischen Nachkriegsmoderne (von Chagall über Klee und Matisse bis Picasso u.a.m.). Auch die Sammlung des späten 19. Jahrhunderts (von Cézanne über Gauguin und Monet bis Renoir u.a.m.) hat es mir überaus angetan. Majestätisch: Unter dem Titel "Schweizer Berge" (unter anderem von Hodler, im Bild) gibt es eine kleine alpine Bilderschau, die einen im ersten Obergeschoss einmal rund um den Innenhof flanieren lässt.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerTipp: Noch bis 24. September 2017 ist in dem – im Frühjahr 2016 erst eröffneten – Neubau auf der gegenüberliegenden Straßenseite, den man über einen unterirdischen "Kunsttunnel" vom Hauptbau aus erreicht, die Sonderausstellung "Der verborgene Cézanne – Vom Skizzenbuch zur Leinwand" zu sehen. Sie war für mich die ideale Ergänzung zur Sammlung des 20. Jahrhunderts und zugleich ein spannender Einblick in die künstlerische Entwicklung und Ideenfindung Cézannes. Wer diesen Einblick verpasst, darf sich schon auf den nächsten freuen: Ab 16. September 2017 (bis 21. Januar 2018) gilt es dann, "Chagall – Die Jahre des Durchbruchs 1911-1919" zu erleben, ein ebenfalls eher ungewöhnlicher Blickwinkel, denn Frühwerke eines Großmeisters rücken selten so in den Fokus.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerVom "Skizzenbuch" und den "Schweizer Bergen" inspiriert, führte mich das zweite Schweizer Reiseziel dann in diesem Jahr raus in die Natur und rein in die Schweizer Geschichte, dahin, wo die Berge schon grüßen und die eidgenössische Historie zum Greifen nah ist: Ins kleine mittelalterliche Murten am Südostufer des gleichnamigen Lac de Morat (Murtensee) im Kanton Fribourg an der deutsch-französischen Sprachgrenze.

Das über 800-jährige Städtchen war deswegen über die Jahrhunderte eine Brücke zwischen den Sprachen und Kulturen. Dank der einzigen komplett erhaltenen und begehbaren Stadt(ring)mauer der Schweiz hat es dabei sein ursprüngliches Gesicht mit malerischen Altstadt-Gassen (moderne Leuchtreklame ist glücklicherweise ein absolutes No-Go!) und gemütlichen, später hinzugekommenen barocken Laubengängen erhalten. Abgesehen davon, dass es dort folglich extrem fotogen ist (digitale Bilder, ob per Smartphone oder Kamera, sind bekanntlich die Skizzenbücher von heute), verfügt das Städtchen darüber hinaus über eine sehr schöne und vor allem sehr lange Seepromenade mit grandioser Aussicht. Zudem ging es hier einstmals vor den Toren sehr wehrhaft zu und heute faszinierend flatterhaft.

Ganzen Eintrag lesen »

Insel Mainau: Die Blumeninsel im Bodensee

Veröffentlicht am 26.08.2017

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerEs grünt, es blüht, es flattert, es zirpt, es summt, es brummt. Oben zieht leise der Zeppelin seine Kreise, unten legen gefühlt im Minutentakt die Schiffe an und ab. Willkommen auf der Mainau!

Wer von den Schiffsanlegern oder über die Fußgängerbrücke vom landseitig liegenden Parkplatz zusammen mit vielen anderen Tagesgästen auf die mit ihren rund 45 Hektar Fläche drittgrößte Insel im Bodensee strömt, mag anfangs kaum glauben, dass es tatsächlich immer wieder Inselecken geben wird, wo man ganz für sich ist. Wo es nur grünt, blüht, flattert, zirpt, summt oder brummt – und man die Natur, wie es scheint, ganz für sich hat. Denn an vielen anderen Flecken auf dem blütenreichen Eiland, das so idyllisch im Überlinger See, einem Teil des Obersees, liegt, der sich wie ein Finger vom eigentlichen Bodensee wegstreckt, ist es trubelig – und trotzdem nie anstrengend oder wirklich laut. Das ist so erstaunlich wie wohltuend. Grün ist eben doch Balsam für die Seele. Und erdet. Beruhigt. Entspannt.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerSicher, alle wollen mal das Barockschloss sehen, in den Rosengarten oder die gewaltigen Palmen bestaunen (die aktuell ihre Kronen gen Spätsommerhimmel recken, denn das Palmenhaus wird gerade saniert bzw. alle Scheiben gereinigt – erst im Oktober wird es an seinen angestammten Platz zurückkehren). Hier und dort sieht man kleinere Hochzeitempfänge, im Schmetterlingshaus und Insektengarten ist sowieso immer was los, nicht nur bei den Faltern und Insekten, und im Kinderland mit seiner Wasserwelt an heißen Tagen erst recht. Die Wahrscheinlichkeit, die Blumen-Wassertreppe mal nur in ihrer blühenden Pracht und plätschernden Herrlichkeit zu fotografieren, ist auch eher gering. Irgendwer taucht ganz oben am Geländer, am mittleren Absatz oder unten dann doch im Bild auf. Aber sonst? Gibt es viele Wege, wo man in aller Ruhe flanieren kann (im übrigen großteils barrierefrei). Und man selbst an Tagen, wo tausend Sonnen am Himmel stehen, immer noch ein schattiges, angenehm kühles Plätzchen findet. Im Arboretum zum Beispiel, der faszinierenden Baumsammlung. Oder auf so mancher Bank am Seeufer, dank einer leichten Brise vom Wasser her. Das tut gut.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWürde ich je nach Konstanz ziehen, ich würde wohl als erstes eine Jahreskarte für die Mainau erstehen (top: Kids bis einschließlich 12 Jahre kommen gratis [mit] auf die Insel), um ja keine Jahreszeit auf ihr zu verpassen. Zumal man ja von Sonnenauf- bis -untergang auf ihr Verweilen darf. Wo gibt’s denn sowas? Ich hab bislang noch keinen anderen Garten besucht, wo das geht! Hunde sind (an der Leine) willkommen, Bollerwagen auch.

Ok, wer aus der Stadt mit dem Rad kommt, muss es vor der Insel abstellen/-schließen. Aber ansonsten lässt die gräfliche Familie, nunmehr in fünfter Bernadotte-Generation, die Besucher an sehr vielem auf ihrer wunderschönen Blumeninsel teilhaben – wozu eine vielfältige Gastronomie gehört, aber auch Konzerte und Events. Von den drei Highlights würde ich mir wohl zwei dann nie entgehen lassen: Jedes Jahr im Mai lädt die gräfliche Familie ein, Grünes & Schönes für Garten & Heim zu entdecken – beim "Gräflichen Inselfest". Passend zur pompösen Dahlienblüte im Herbst (die gerade zaghaft und doch schon farbenfroh begonnen hat, wie muss es dort erst aussehen, wenn das Blütenmeer seinen Höhepunkt erreicht hat!?) öffnet man die Tore des Barockschlosses zum "Gräflichen Schlossfest". Unter dem Motto "Noblesse Oblige" sind dort dann vor allem edle Schmuckstücke & Accessoires zu bewundern. Und dann gibt’s noch die Hochzeitsmesse "Verliebt, verlobt, verheiratet" im November.

Ja, es ist immer was los auf der Insel, selbst im Winter und bei (scheinbar) schlechtem Wetter. Herbstnebel, Raureif… Welche Magie wird wohl dann über der Blumeninsel liegen? So geht eben Natur und Jahreslauf. Ich als leidenschaftlicher Rheinanwohner und -beobachter würde da wohl auch zum ebenso leidenschaftlichen Inselschauer und Blumenbewunderer. Denn irgendwann heißt es ja dann wieder von Sonnenauf- bis -untergang: Es grünt, es blüht, es flattert, es zirpt, es summt, es brummt. Ich komme gerne wieder, wie viele andere – genau deswegen – auch!

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer