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Unterwegs im Elsass: Eine deutsch-französische Mélange

Veröffentlicht am 28.10.2018

(c) S. Sahmer: Colmar(c) S. Sahmer: Colmar(c) S. Sahmer: Strasbourg(c) S. Sahmer: StrasbourgUnweigerlich ist man in diesem Landstrich an der Nordostgrenze unseres Nachbarlandes unterwegs zwischen gestern und heute, Kriegsgedenken und Kaiserburgen, Deutschland und Frankreich:

Auf seinen 190 Kilometern Länge und 50 Kilometern Breite erstreckt sich das Elsass, jahrhundertelang ein Zankapfel mitten in Europa, heute jedoch ebenso friedlich wie entspannt zwischen dem Rhein und den Vogesen über die beiden Departements "Bas-Rhin" (Unterelsass) im Norden und "Haut-Rhin" (Oberelsass) im Süden, bietet dabei sanfte (Wein-)Hügeln ebenso wie schroffe Gebirgszüge und weite Ebenen. Wer da nichts für sich findet, der hat nicht genau hingeschaut.

Denn längst trifft im Elsass große Europa-Politik auf Frankreich en miniature, Storchennester auf Savoir-vivre – und das auch jenseits der Hotspots Colmar und Strasbourg! Spannungsreiche Akzente setzen dabei etwa der Hartmannswillerkopf und die Hochkönigsburg, die eindrucksvoll von jener deutsch-französischen Mélange zeugen, die einst mal zerstörend, dann aufbauend wirkte. Und doch zum Elsass gehört wie der Wein und alte Winzerorte oder der Kuglhupf und jede Menge (Genuss-)Kultur.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerZugegeben, man kann diesen Flecken Erde schnell durchfahren und die französische mautfreie A35 zwischen Strasbourg und Mulhouse einfach nur als Ausweichstrecke für die stau-anfällige A5 auf deutscher Seite nach Basel missbrauchen. Man kann hier aber auch in kleinen Etappen unterwegs sein, ruhig mal die parallel verlaufenden Landstraßen nutzend über die Dörfer fahren und dabei so manchen Abstecher machen – um die Elsässer Gegensätze wie Gemeinsamkeiten zu erkunden. In drei bis vier Tagen kann man so eine Menge erleben, auch mal faule Auszeiten genießen und am Ende doch feststellen, dass man mindestens so viel und noch etliches mehr bei aller erlebten Intensität doch noch nicht gesehen hat. Macht nix, dann heißt es eben: À la prochaine! Bis zum nächsten Mal!

Das war zumindest die Erkenntnis meiner letzten Tour, auf der ich (den zu diesem Zeitpunkt noch hochsommerlichen Temperaturen geschuldet) dann doch die eine oder andere Vorab-Idee genau das habe sein lassen – eine erste Idee, aber nicht mehr. Um auch so schon lange Sonnentage voller Unternehmungen erlebt zu haben.

Los ging’s im Süden, weswegen auch ich anfangs erst mal durch Elsass "brauste". Was man in der Grand République so brausen nennt – denn man sollte sich besser an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, die hier auf der Autobahn höchstens bei 130, meist bei 110, aber gerne auch mal bei nur 90 km/h liegen: Blitzer gibt es dort gut getarnt jedenfalls eine ganze Menge. Mir war‘s egal, ich was ja zum reisen dort, nicht zum rasen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerKeinen Halt gab es daher im Ecomusée d’Alsace, dort hätte ich mich mindestens so in der Zeitreise verloren wie auf dem Hartmannswillerkopf, einem im Ersten Weltkrieg hart umkämpften Bergmassiv im Süden des Elsass.

Nun pilgere ich gewöhnlich nicht zu einstigen Kriegsschauplätzen, aber angesichts des bevorstehenden 100. Jahrestags des Endes des Ersten Weltkrieges, war der "HKW" doch auf meine Liste gerutscht – und geblieben. Gut so, manches muss man sich doch immer mal wieder vor Augen führen. Gerade und vor allem die Unsinnigkeit eines (Stellungs-)Krieges. Die dortigen Anlagen aus Schützengräben, Bunkern, Stollen und Schutzräumen (von denen noch immer die Hälfte sichtbar ist!) sollen die imposantesten im ganzen Vogesenmassiv sein.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerUnd beeindruckend ist das Gelände, oh ja. Vor hundert Jahren stand hier fast kein Baum mehr, nun ist vieles vom Grün gnädig verdeckt – und mit jedem Schritt auf dem großen Rundwanderweg über das einstige Schlachtfeld, der sich hinter dem Monument National mit der darunter liegenden Krypta und dem Gräberfeld anschließt, kann man sich einer wachsenden Beklemmung kaum erwehren. Ich jedenfalls konnte es nicht, andere offenbar schon – aber denen wäre es wohl ähnlich ergangen, hätte sie sich nicht das Eintrittsgeld für das im Vorjahr eröffnete deutsch-französische Historial de la Grande Guerre gespart. Und auch manch grandioser Weitblick über die Vogesen und weit ins Rheintal (etwa am Monument du 15/2), kann nicht über darüber hinwegtäuschen, auf einem Schicksalsberg zu stehen.

Ich gestehe, irgendwann wollte ich nur noch weg. Bei allem Besuchertrubel und Sonnenschein einfach nur weg. Dorthin, wo das echte Leben tobt. Das zu finden war nicht schwer – ich musste mich nur entscheiden, wo an der Elsässer Weinstraße ich Halt machen wollte. Klar war, dass es noch südlich von Colmar sein sollte. Ich entschied mich für Eguisheim.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerAnno 1002 war es der Geburtsort von Papst Leo IX., ein Umstand, auf dem man bis heute sehr stolz ist. Die hiesigen Dinghöfe, die bunten Fachwerkhäuser mit allerlei Blumenschmuck, die alten Kopfsteinpflaster-Gassen, die kreisförmig den Verlauf der Stadtmauer nachzeichnen, dazu die achteckige Burganlage des Château Eguisheim im Herzen des Örtchens – man fühlt sich hier ins Mittelalter versetzt. Aber ins lichte, nicht in finstere! Denn hier locken heute kleine, liebevoll dekorierte Lädchen, Restaurants, Galerien und natürlich Vinotheken. Die Ein- und Ausblicke lassen einen fast vergessen, dass hier wie einst gelebt, gearbeitet und guter Wein gemacht wird ... und man durch Alltag und keine Kulisse läuft.

Was für ein Kontrast, aber genau das, was ich nach den vier Stunden auf dem "HKW" gebraucht hatte. Und die perfekte Einstimmung auf Colmar, wo ich am Abend  für zwei Nächte eincheckte.

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(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerEine gute Entscheidung, denn diese Stadt ist, ähnlich wie die UNESCO-gewürdigte Altstadt von Strasbourg, wie ein großes Freilichtmuseum:

Man muss nicht in jedes Haus reingehen, manchmal ist das bloße Schlendern durch die Gassen das größte Vergnügen, aber in einige sollte man auf jeden Fall hineinschauen. Sei es, weil es dort guten Wein gibt oder köstliche Elsässer Leckereien – oder weil sich hinter ihren Fassaden sehenswerte Museen befinden. Da sind die Geschmäcker sicher verschieden, zwei Tipps will ich aber geben: Auf den Spuren des Schöpfers der legendären "Lady Liberty" wandelt man im Musée Bartholdi, das in dessen Geburtshaus untergebracht ist. Wer denkt, dass nur die Wolkenkratzer Manhattans wahre Konstruktionswunder sind, ist vor allem nach dem Besuch der dritten Etage eines besseren belehrt – denn dort dreht sich alles um die Entstehungsgeschichte der Freiheitsstatue (La Liberté éclairant le monde), seiner wohl berühmtesten Kolossalstatue.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerKein Weg vorbei führt natürlich am Musée d’Unterlinden, das nicht zuletzt wegen des legendären Isenheimer Altars zu den meistbesuchten Museen Frankreichs zählt. Dorthin strömen sie denn auch alle, ob geführt oder mit AudioGuides bewaffnet, um dessen zehn gewaltige Tafeln zu sehen und zu studieren. Andernorts hat man Ausstellungsbereiche quasi für sich und gerade im Kreuzgang des einstigen Dominikanerinnen-Klosters herrscht wohltuende Ruhe. Genial die Museumsweiterung der Basler Architekten Herzog & de Meuron (von denen auch die Elbphilharmonie stammt), die den Vorplatz, die angrenzende ehemalige städtische Badeanstalt und den Neubau "Ackerhof" auf dem Gelände des alten Klosterbauernhofs umfasst.

Ich gestehe, inzwischen interessieren mich bei vielen Museen manchmal die architektonischen Lösungen, wie ihre umfangreichen Sammlungen zeitgemäß präsentieren, noch mehr als diese selbst. Hier war das mein i-Tüpfelchen. Über einen unterirdischen Gang, der zugleich Ausstellungsraum ist, ist alles miteinander verbunden. Das Moderne greift geschickt Materialien und Stilelemente des Alten auf – und steht doch unverkennbar für das 21. Jahrhundert. Großartig! Hier haben denn auch moderne Klassiker aus den 1930er bis 1950er Jahren einen perfekten Rahmen gefunden. Grandios.

(c) S. Sahmer: Colmar(c) S. Sahmer: Colmar(c) S. Sahmer: Strasbourg(c) S. Sahmer: StrasbourgWas macht man sonst in Colmar? Vieles, was auch mein Programm in Strasbourg bestimmen sollte:

Schlendern, schauen und schlemmen, Bootfahren (hier auf der Lauch rustikal in schmalen Holzkähnen, dort auf der Ill modern in klimatisierten Panoramaschiffen) und natürlich die Hot-Spots fotografieren, an denen hier wie da die Gerber ihren Anteil haben – denn was den Colmarern ihr Petite Venise ist den Straßburgern ihr Petite France! Hier wie dort lohnt es sich, mindestens zweimal hindurch zu flanieren, am besten zu verschiedenen Tageszeiten. Was im Übrigen auch für manch andere Ecke hier wie dort gilt, denn es gibt einfach so viel zu schauen und entdecken – und jede Tageszeit hat ihren eigenen Charakter. Wo abends das pralle Leben tobt, wirkt selbst an einem Werktag um neun Uhr morgens noch alles verschlafen …

Doch vor dem Erreichen des nächsten Halts Strasbourg hatte es einmal mehr noch Ideen für Zwischenetappen gegeben. Bei der Idee blieb es jedoch hinsichtlich der "Wiege des (rheinischen) Humanismus", Sélestat, stattdessen begab ich mich noch einmal auf einen Berg mit deutsch-französischer Geschichte und gönnte mir dafür dort mehr Zeit:

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDer Name ist Programm bei der Hochkönigsburg (Haute-Koenigsbourg) – erst windet sich die Straße lange bergauf, dann muss man je nach gefundenem Parkplatz noch ein ganzes Stück bergauf laufen. Und wenn ich gedacht hatte, der "HKW" sei offenbar das Sommerferien-Pflichtprogramm für gefühlt mindestens die Hälfte aller französischen Familien mit schulpflichtigen Kindern, so wurde das hier noch einmal getoppt!

Auch die Haute-Koenigsbourg zählt zu den am meisten besichtigten Sehenswürdigkeiten Frankreichs – obwohl auch sie (oder gerade deswegen?) für die "umkämpften" Zeiten des Elsass steht:

1899 begann Kaiser Wilhelm II. mit der vollständigen und originalgetreuen Restaurierung der im Dreißigjährigen Krieg zerstörten, nun ihm geschenkten Burgruine, um aus ihr ein Museum und so ganz "nebenbei" ein Symbol der Heimkehr der Region ins Deutsche Reich zu machen. Letzteres sollte bekanntermaßen einmal mehr nicht von langer Dauer sein, das Bauprojekt aber überdauerte. Und lädt nun zu einem eindrucksvollen Streifzug durch eine gewaltige Burgfeste ein, zu dessen Highlights sicherlich der historisierende Kaisersaal mit den detailreichen Fresken gehört – und der geniale Ausblick vom Großen Bollwerk über die Vogesen und die Rheinebene bis hinüber zum Schwarzwald.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWahlweise Richtung Strasbourg, das ich im zu diesem Zeitpunkt hochsommerlichen Dunst aber nur erahnen konnte. Na, ich will ehrlich sein, zumindest habe ich in die richtige Richtung geblickt. Was einen dort erwartet? Ich schrieb es schon:

Wie in Colmar ein überdimensionales Open-Air-Museum, diesmal überragt vom allgegenwärtigen Münster, dessen Besuch ein Must-do ist (allem Trubel zum Trotz, den manchmal nur eine Ansage über Mikro wieder zu angemessener Lautstärke und Co. verhelfen kann) und das mitsamt des Altstadt-Ensembles drum herum seit 1988 UNESCO-Weltkulturerbe ist. Übrigens: Selbst wenn man es anscheinend nicht sieht, ist das Münster da – faszinierend wie Häuserzeilen rund um den Place de la Cathédrale und die parallelen Straßen und Gassen einem anscheinend den Blick auf es verwehren, aber man sein Spiegelbild in Fenstern der oberen Etagen gewahr wird!

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerZwei Museumstipps habe ich auch für dort: Für manch eine museale Entdeckung lohnt es sich dabei etwas länger zu laufen, weil sie eben nicht direkt an den touristischen Pfaden liegen, auf denen alle unterwegs sind.

So etwa für das Musée Tomi Ungerer – Centre international de l'Illustration, das zwar direkt am jenseitigen Ill-Ufer, aber eben in der Neustadt liegt. Ich habe mich zudem nicht für den kürzesten Weg entschieden, sondern bin direkt am Ufer der Ill entlang quasi rund um die UNESCO-gewürdigte Altstadt dorthin gelaufen. Dauert zwar etwas, ist aber absolut empfehlenswert (sofern kein Hochwasser ist). Wie auch das Musée Tomi Unger in der neoklassizistischen Villa Greiner.

Es zeigt einen repräsentativen Querschnitt durch seine Arbeit – von den Kinderbüchern über die berühmten Werbegrafiken (meine Favoriten) bis hin zu seinen morbid-erotischen Zeichnungen (nicht ganz mein Fall). Damit die Papierarbeiten keine Lichtschäden nehmen, werden sie auf allen drei Stockwerken übrigens regelmäßig ausgetauscht. Also lohnt ein Wiederkommen, denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man dann, trotz Dauerausstellung, jedes Mal eine in weiten Teilen andere Schau sieht.

Beim Musée Alsacien erging es mir wie in Colmar beim Musée d’Unterlinden; eigentlich kam ich dorthin, um mehr über die Geschichte des Elsass zu erfahren (was auch angesichts der große Sammlung an Hausrat, Trachten, Uniformen, Spielzeug und anderem mehr außer Frage steht). Am Ende begeisterte mich auch hier vor allem der Museumsbau.

Der besteht aus drei mehrgeschossigen, nun miteinander verbundenen Stadthäusern direkt an der Ill aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Sie haben Vorder- und Hinterhäuser, es gibt zwei efeuumrankte Innenhöfe mit umlaufenden Galerien, mal steigt man in einen alten Keller hinab, dann einmal mehr durch eines der diversen Treppenhäuser. Barrierefrei geht zwar anders, aber es ist sehr atmosphärisch und mitreisend "zeitreisend", vor allem wenn man einen Raum betritt, der szenisch eingerichtet ist.

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