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"Wir haben beschlossen, zusammen Schiffe zu bauen, große Schiffe."

Veröffentlicht am 23.10.2017

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerZugegeben, das ist nicht das bekannteste Zitat aus dem Kult-Film "Pretty Woman". Stellen wie "Der liegt in der Kurve wie auf Schienen" und vor allem "Schlüpfriges Scheißerchen!" rufen bei deutlich mehr Zeitgenossen wissendes Grinsen hervor. Aber wie ich so am Eingang zum Besucherzentrum der Meyer Werft vorbei Richtung Dockhallen schauen und gerade überschlage, wie viele Schiffsetagen darin Platz haben (und dann immer noch Luft nach oben ist!), kommt mir dann doch dieser eine Satz in den Sinn. Ich gestehe, im Film geht’s um Tanker, nicht um Kreuzfahrtschiffe – aber: In Papenburg, Deutschland ältester und längster Fehnkolonie, die ihrer vielen Kanäle und Brücken wegen gerne mal mit dem Beinamen "Venedig des Nordens" versehen wird, werden (und wurden) nicht nur Cruiseliner vom Stapel gelassen. Wer ein bisschen in die Werft-Geschichte eintaucht, wird erfahren, dass seit 1961 auch rund 60 Gastanker gebaut wurden.

Berühmt geworden ist die Meyer Werft – und damit Papenburg – aber mit den bislang über 40 hier gebauten Kreuzfahrtschiffen. Bis 2020 sollen es sogar schon über 50 sein. Das "zierlichste" zählte gerade mal 42.000 Bruttoregistertonnen, das größte 180.000. Dimensionen, die einen schwindlig werden lassen. Und wenn man dann noch erfährt, dass der erste Luxusliner, die 1984/85 gebaute Homeric, damals noch ganz traditionell quer vom Stapel gelassen wurde, da die flutbaren, gewaltigen Docks von heute damals noch Bauzeichnungen waren, wird einem noch mal ganz anders. Da gehört schon Mut dazu. Und Visionen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerEine Ahnung davon bekommt man bei einer Führung auf der Meyer Werft; ein Angebot, das inzwischen 250.000 Besucher im Jahr zum Anlassen nehmen, ins idyllische Emsland zu reisen. Den Besuch in der "Geburtsstätte" der Ozeanriesen verbinden die meisten dann gerne mit ein, zwei Tagen Aufenthalt mehr. Auch ich habe links und rechts des Hauptkanals von Papenburg noch das eine oder andere für mich entdeckt. Dieser etwa entpuppt sich als Open-Air-Schifffahrtsmuseum, liegen in ihm über die Stadt verteilt doch Nachbauten von sechs hier einst vielgebauten (etwa ein Schoner, ein schnelles Frachtschiff) bzw. -genutzten Schiffstypen (wie etwa einer Spitzmutte, einem Torf-Lastkahn). Gegenüber dem Rathaus ankert Papenburgs Wahrzeichen, die Brigg "Friederike von Papenburg", die man auch besichtigen kann. Dort wie vor allem im interaktiven Museum Zeitspeicher findet man auch Mitarbeiter der Tourist-Information.

Wer das mit Papenburgs Wurzeln als Torfabbau-Ort genauer wissen will, mit den Entwässerungskanälen, den kleinen Werften und schmalen Lastkähnen – der ist wiederum in der Von-Velen-Anlage genau richtig. Dort erzählen historische Unterkünfte von Torfpütten bis zu Kapitänshäusern die Geschichte der Stadt und zeigen ihr ursprüngliches Gesicht. Charaktere von einst beleben das Ganze in Form von lebensgroßen Bronzefiguren. Unbedingt dort probieren: Herzhaften Buchweizen-Pfannkuchen, am besten mit Preiselbeeren und einer Tasse Ostfriesentee mit knisterndem Kandis und Sahnewölkchen. Denn: Buchweizen war lange Zeit das einzige, was auf dem hiesigen Torfboden wuchs, und damit das Grundnahrungsmittel Nummer eins. Inzwischen gedeiht hier manch anderes, sehr gut sogar, aber dazu später mehr.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerKehren wird noch mal zum eingangs erwähnten Filmzitat "Wir haben beschlossen, zusammen Schiffe zu bauen, große Schiffe." und damit in die Meyer Werft zurück. Ihre Ursprünge liegen eigentlich mitten in der Stadt, wo heute das Forum Alte Meyer Werft mit Hotel, Stadthalle und kleinem Theater lockt. Wie zu den Werftanfängen 1795 sieht es dort nicht mehr aus und doch zeugt hier vieles von bedeutsamen Entwicklungsschritten der Werft. 1874 etwa startete man mit dem Bau von Eisenschiffen – und so findet man überall Relikte aus dieser Zeit wie etwa Lochstanzen oder Walzen. Das Restaurant Schnürboden beispielsweise ist die alte Maschinenbauhalle, ihr Laufkran mit dem riesigen Haken "schwebt" in unübersehbarem Minz-Anstrich noch immer oben unter dem Glasdach. Das 1975 daneben gebaute Trockenbaudock gibt es allerdings nicht mehr, an seiner Stelle ankern heute die Boote des Yachtclubs.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDer Kreuzfahrtinteressent von heute erlebt bei seiner Besucherzentrum-Tour die Neue Meyer Werft, deren Keimzelle 1985/86 der Bau des sogenannten Baudocks 1 war. Es ist heute die kleinere der zwei "Montagehallen", wobei klein relativ ist – denn 370x102x60 Meter sind echt beeindruckend. Und ihr Kran kann Schiffselemente von bis zu 600 Tonnen bewegen. Die größere toppt das noch einmal: 504x125x75 Meter und ein Kran, der 800 Tonnen heben kann. Da muss man schon ganz schön den Kopf in den Nacken legen, um bis zum Hallendach zu schauen. Apropos Schiffselemente: Auch das lernt man im Besucherzentrum, Schiffe werden hier wird nach dem Lego-Prinzip zusammengebaut, nur das die einzelnen Bausteine viel gewaltiger sind und selbst schon aus unzähligen Einzelteilen bestehen! Und während vorne ein Schiff "fast schon fertig" aussieht, wird hinten bereits an Teil-Elementen des nächsten gebaut. Echt faszinierend, wie da alles ineinander greift.

36(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerUnd auch sonst erfährt mal allerlei über den modernen Schiffbau der Superlative. Nach einem einführenden Film geht der Rundgang los. Erstes Highlight? Das sogenannte "Meer der kleinen Ozeanriesen" mit Modellen im Maßstab 1:100 von hier gebauten Cruiselinern. Die elektronische Seekarte verrät in Echtzeit, wo sich welches aktuell gerade befindet. Beeindruckend? Der Propeller eines Pod-Antriebs in Originalgröße. Vor seinen sechs Metern Durchmesser klicken die Kameras und Smartphones das erste Mal im Sekundentakt. Hautnah? Die 1, 2, 3 begehbaren Balkonkabinen in Originalgröße verschiedener Reedereien. Auch hier wird fotografiert was das Zeug hält, denn bei geschickt gewählter Perspektive kann man den Lieben daheim vormachen, man sei auf hoher See.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDas absolute Highlight? Der Panoramablick in die Produktionshalle des Baudocks 1. Von der Besuchergalerie aus scheint der Schiffbau zum Greifen nah und ist doch fern genug, um keine Details zu verraten. Selbst am Abend wird hier noch fleißig gewerkelt, denn Kreuzfahrtriesen entstehen nicht zwischen Nine2Five. Wenn 36 Monate nach Vertragsabschluss ein Schiff die Werft verlassen haben soll und die ersten Passagiere an Bord gehen, gilt es bis dahin einen straffen Zeitplan einzuhalten. Eines von vielen Details, die der Guide erzählt. Mein Fazit? Das muss man live gesehen haben, selbst wenn man, wie ich, wohl nie auf einem der ganz großen Cruiseliner einschiffen wird und es lieber kleiner, überschaubarer mag. Aber die Größendimensionen mal erlebt zu haben, das hat was.

Um noch einmal auf "Pretty Woman" zurück zu kommen – da gibt es noch die Szene mit dem TV-Abend. Zitat: "Ich habe eine tolle Idee: Wir machen uns eine vegetarische Nacht. Wir sitzen steif wie Brokkoli vor dem Fernseher und sehen uns alte Filme an."  In Sachen Grünzeug hat man in Papenburg wie beim Schiffsbau ebenfalls die Nase ganz weit vorn. Zwar nicht mit Brokkoli, aber mit Kräutern! Die werden von der Gartenbauzentrale eG, einer Genossenschaft mit weit über 100 Gartenbauern mit Betrieben in und rund um Papenburg, die gerne schon mal augenzwinkernd als "Basilikum-Connection" tituliert werden, deutschlandweit vertrieben. Höchst erfolgreich, denn 80 Prozent aller Küchenkräuter, die hierzulande auf Balkonen und Fensterbänken stehen (und später in Salat & Co. landen), werden hier produziert! Und längst nicht nur Basilikum. Auch Schnittlauch, Petersilie und Minze sowie anderes würziges Kraut mehr gedeiht hier inzwischen prächtig, dazu unter anderem Gurken und Tomaten sowie Topfpflanzen. Vorbei also die Zeiten, als hier nur Buchweizen wachsen wollte.

Wer’s selbst erleben will: In die gewaltigen Versandhallen der Genossenschaft kommt man als normaler Papenburg-Besucher zwar nicht – zu groß ist der Verladetrubel. Gabelstapler kurven dort temporeich rum, denn täglich wollen hier über 150 LKWs pünktlich beladen mit allerlei Kraut, Gemüse & Co. auf die Transportreise geschickt werden. Aber bei angeschlossenen Genossenschafts-Betrieben kann man als Gruppe (ab zehn Personen) unter dem Motto "Gartenbau und Genuss" nach Voranmeldung für eine Führung vorbeischauen – um dort dann mehr über ökologischen Gartenbau, die Genossenschaft und ihren grünen Daumen zu erfahren. Und natürlich das eine oder andere Küchenkraut "frisch vom Hof" erstehen.

Nach meiner Heimkehr aus Papenburg habe ich beim nächsten Einkauf in der Gemüseabteilung meines heimischen Supermarkts natürlich gleich mal die neu eingetroffenen Kräutertöpfe einer genaueren Untersuchung unterzogen – und siehe da: Das Emsland und Papenburg lassen grüßen. Gleich huscht mir ein Lächeln über Gesicht und ich bin gefühlt wieder da. Bei den ganz großen Schiffen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerIrgendwann komme ich zu ihnen zurück. Denn eine Sache fehlt mir noch, um das Schiffbau-Erlebnis komplett zu machen: Der Moment, wie ein Ozeanriese in der Werft seine Reise gen offenes Meer antritt! Bis dahin sind es nämlich noch rund 40 Kilometer über die kleine Ems. Um in Papenburg solche "… Schiffe zu bauen, große Schiffe." braucht es eben Mut und Visionen. Im Besucherzentrum Meyer Werft lernt man, dort hat man von beidem eine ganze Menge. Hut ab. Und allzeit eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Die Recherchen im Rahmen der VDRJ Jahrestagung 2017 wurden unterstützt von Papenburg Marketing und Partnern vor Ort.

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