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Zu Besuch bei Fürstens: Unterwegs im Schaumburger Land

Veröffentlicht am 21.08.2018

Mit (Orts-)Namen ist das so eine Sache, man verbindet sie fast immer mit einer Erinnerung. Das können Menschen sein und deren Eigenschaften (schöne wie nervende), dann wieder Orte und ihre Gerüche. Schaumburg war und ist so ein Begriff, mit dem ich persönlich unter anderem Schulwandertage, Filzpantoffel und eben einen ganz bestimmten musealen Geruch, diese Mischung aus Bohnerwachs, Schweiß und anderem mehr verbinde, der früher alten Gemäuern so gemein war.

Besagte Schaumburg – eigentlich Schloss Schaumburg, aber so redete bei uns keiner von ihr – steht in meiner Heimat, im Nassauer Land. Genauer gesagt sie thront hoch über Balduinstein an der Lahn, was ein Katzensprung von Diez entfernt liegt, wo ich dereinst das Licht der Welt erblickte. Den Rhein-Zufluss, den viele mit Kanuwandern verbinden, sieht man vor dort oben meiner Erinnerung nach nicht wirklich, dafür aber endlos weit übers Land. Das war und ist damals wie heute von Dörfern, Feldern, Wiesen und Wäldern geprägt ist. Touristiker würden wohl sagen: lieblich. Oder: beschaulich.

Die erste Burg soll hier um 915 entstanden sein, es tauchen Namen wie Schowenburg oder Schauenburg auf; weil, ich hatte es davon, man schaut ja so weit übers Land. Wie das in Adelskreisen so ist, es wurde geheiratet, gestorben und vererbt – an Haupt- und Nebenlinien, es wurde Erbmasse geteilt und wieder zusammengeführt … Kurz: Besitzer kamen und gingen. Im 19. Jahrhundert dann besaß ein österreichischer Erzherzog die Schaumburg – und baute sie 1850-55 im neugotischen Stil zum heutigen Schloss um. Ganz so, wie man in dieser Zeit auch am Rhein Burgen und Schlösser (wieder) aufbaute. Damals soll es sogar ein richtig beliebter wie belebter Treffpunkt für Adlige aus ganz Europa gewesen sein.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerLang ist’s her und heute residiert in der Dreiflügelanlage der Schaumburg längst kein Blaublütiger mehr. Führungen gibt es ebenfalls keine. Dafür zerstob in den letzten 30 Jahren so mancher Plan, wie da Schloss aus seinem Dornröschenschlaf erwecken. Bislang blieb es dabei. Schade. Denn andernorts sieht man, es geht auch ganz anders. Da bleiben Schlösser lebendig bis heute.

Im "Schaumburger Land" zum Beispiel, einem gar nicht so kleinen Flecken Erde westlich von Hannover und Deister. Im Norden grenzt es an das Steinhuder Meer, im Süden kann man sich ungefähr das Weserbergland und die Weser als imaginären Abschluss denken.

Zugegeben: Die Filzpantoffel, die gab's dort (leider) nicht. Zumindest nicht in dem Schloss, in dem ich "geführt" war. Dafür aber allerlei Geschichten rund ums Adelsgeschlecht der Schaumburger (eine Verbindung zum Ort meiner Kindheit besteht jedoch definitiv nicht), dazu Rösser von ebenso edlem Blut. Und auch das Rumfahren und -stromern im einstigen Fürstentum lohnt sich auch, denn die hochherrschaftlichen Spuren finden sich allerorten und sorgen so für ein abwechslungsreiches (Kultur-)Programm.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerFangen wir in Bückeburg an, gleichwohl meine kleine Reise über Land nicht dort begann. Aber die Schaumburger, später Schaumburg-Lipper sie sind ein Adelshaus mit großer Tradition und dort steht ihr Stammhaus: Einst prägten sie ihr Land mit prachtvollen Bauwerken und aufgeklärten Ideen, heute mit modern präsentierten Traditionen und attraktiven Event (wie etwa die Landpartie oder der Weihnachtszauber zeigen), vor allem rund um Schloss Bückeburg. Ausgewählte Räumlichkeiten im Schloss können geführt erlebt werden und wenn die Tour mit rund 50 Minuten auch kurz und die Räume überschaubar sind – es lohnt sich! Zugegeben, wir hatten eine sehr launig parlierende Führerin, die die Fakten und Zahlen amüsant zu verpacken wusste, so dass man ihr die knappe Stunde gerne folgte. Auch das größte Privatmausoleum der Welt im Park kann, wer mag, geführt oder am Wochenende individuell erleben. In seiner Kuppel verbirgt sich ein gewaltiges Goldmosaik. Mein Fazit, des 1911-16 erbauten Prachtbaus? Beeindruckend ja, aber auch etwas "unterkühlt".

Auch die Inselfestung Wilhelmstein im Steinhuder Meer geht auf die Schaumburger Herrscher zurück – und das dortige kleine Schloss Hagenburg samt Kanal war einst ihre Sommerresidenz (heute befindet sich dort ein Kunst- und Auktionshaus). Dort kam man gar trefflich spazieren, etwa entlang des Kanals zum Steinhuder Meer oder im angrenzenden Moorgarten. Leider habe ich die seit 1913 mit Rhododendren bepflanzte Schlossallee nicht im blühenden Zustand erlebt; vor allem im Mai muss sie beeindruckend sein. Ein Blütenmeer im wahrsten Wortsinn.

Apropos Steinhuder Meer: Mit einer mittleren Wassertiefe von gerade einmal 1,35 Meter (im Sommer auch weniger) ist der See ein beliebtes Bade-, Surf- und Segelrevier sowie Ausflugsziel. Trotz zweier künstlich angelegter Inseln – besagter Festung Wilhelmstein und einer Badeinsel – wird hier Naturschutz großgeschrieben. Seit über 40 Jahren bilden See und Umgebung einen über als 300 Quadratkilometer großen Naturpark. Entstanden ist das Steinhuder Meer gegen Ende der letzten Eiszeit, war damals noch dreimal so groß wie heute. Davon zeugen seine vermoorten Randgebiete – und die erklären auch, warum der See eben Meer heißt. Im Norddeutschen hat das Wort Meer seinen Ursprung nämlich in Mori, was so viel wie Sumpf oder stehendes Gewässer bedeutet.

Die Inselfestung der Schaumburger kann ebenso besichtigt werden (Überfahrten dorthin sind möglich ab Steinhude oder Marburg) wie ihr zweites – eigentlich erstes – Fürsten-Mausoleum in der Martinikirche von Stadthagen. Die ältere Familiengrablege sieht von außen zwar wie eine unscheinbare Apsis aus und kann sich in ihren Dimensionen nicht mit jenem im Park von Schloss Bückeburg messen, innen aber überrascht sie gewaltig!

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerGraf Adolf III. von Holstein-Schaumburg gründete um 1224 hier dereinst die erste Siedlung, an einem damals wichtigen Handelsweg, einem sogenannten "Hellweg". 1344 gab's schließlich auch die Stadtrechte. Seine Blütezeit erlebte die "Stadt der Weserrenaissance" dann als Schaumburger Residenz im 16./17. Jahrhundert. Diese Epoche ist eng mit den Namen Graf Otto IV. und vor allem Fürst Ernst von Schaumburg verbunden; denn letzterer ist auch der Bauherr des besagten Mausoleums in der Martinikirche, für das kein Geringerer als Adrian de Vries, der legendäre Hofbildhauer der Habsburger, den Sarkophag schuf. Erstaunlich: Die hiesigen Bronzen sind die einzigen von ihm, die bis heute an ihrem Originalstandort stehen. Und: Das Mausoleum ist siebeneckig. Wer nur einen Hauch Interesse an Kunst und Architektur hat, sollte unbedingt dort reinschauen. Denn wann immer ein Interessent kommt, wird es ihm gegen kleines Entgelt aufgeschlossen und alles erklärt – und wer mag, erfährt auch noch ein wenig was über die Kirche als solche, die unter anderem über eine historische Predigtuhr verfügt.

Ganz kostenfrei kann man dagegen durch die adrette Stadthagener Altstadt laufen. Gerade rund um den Marktplatz bekommt man regelrecht Genickstarre ob all der sehenswerten Hausgiebel, außerdem gilt es den einen oder anderen Spruch zu entziffern oder so Merkwürdigkeiten wie etwa eine Walross-Rippe unter einem Erker des Alten Rathauses zu entdecken (einem der wenigen Häuser mit steinerner Schmuckfassade). Das wuchtige Stadtschloss, einst als Wasserburg gebaut, kann man nur von außen erleben, dort befindet sich heute das Finanzamt. Aber man kann im alten Schlosspark flanieren und der Parkplatz dort ist übrigens ein idealer Ausgangspunkt für die Stadtbesichtigung.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerMein Extra-Tipp: Es gibt heute nur noch fünf Hofreitschulen weltweit, dabei gab es sie einst zu Hunderten, denn hier lernten Ross & Reiter alles, um als Einheit zu funktionieren, um nicht nur bei der Jagd zu brillieren, sondern vor allem in der Schlacht zu überleben.

Die berühmteste ist sicherlich die Spanische Hofreitschule in Wien, aber es gibt auch noch je eine in Frankreich (Cadre Noir), Portugal (Belem) sowie Spanien (Jerez de la Frontera) – und eben eine im Schaumburger Land! Genauer gesagt die Fürstliche Hofreitschule Bückeburg. Nach 50 Jahren Pause wurde sie 2004 als "lebendiges Pferdemuseum" und Familienunternehmen zu neuem Leben erweckt und steht nun unter der Schirmherrschaft des Hausherren, SHD Alexander zu Schaumburg-Lippe.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerIm Fürstlichen Reithaus von 1609 kann man seither kurzweilig moderierte Reitkunstvorführungen oder öffentliche Trainings verfolgen. Wo man so en passant dann nicht nur mit dem Augen Ross & Reiter folgt, sondern eben auch allerlei über die Geschichte der Hofreitschulen im Allgemeinen und die Anlage eines Reithauses im Besonderen erfährt, über die Pferde & Rassen, über die Figuren & Übungen.

Und im historischen Marstall von 1621 kann man ergänzend die Schulhengste in ihren Boxen und allerlei Exponate wie etwa Sättel aus aller Welt sowie quer durch die Jahrhunderte bewundern (und einige sogar ausprobieren). Über 250 Termine gibt es im Jahr und viele lassen sich prima mit Events auf oder eben einer Führung durch Schloss Bückeburg kombinieren. Denn die Zeiten sind so aufeinander abgestimmt, dass man problemlos von A nach B flanieren kann!

Fotografieren ist übrigens mit Beginn der Vorführungen nicht mehr erlaubt, aber zur Freude der Besucher präsentieren sich die "Protagonisten" im Anschluss noch mal vor dem Reithaus für die Kameras – bevor es zum Absatteln in den Marstall gegenüber geht. Und irgendwie tut es auch gut, einfach mal zu schauen und zu hören; ohne ständiges (und störendes) Klicken und Blitzen.

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