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Lesetipps, mal sachlich, mal unterhaltend - aber ums Reisen geht's irgendwie immer. Zumindest aber um Reiseziele.

Texterlei

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Maria Wiesmüller: Sissis Lieblingsrezepte

Veröffentlicht am 18.11.2018

Erschienen in der Reihe KOMPASS KÜCHENSCHÄTZE im eigentlich seit 50 Jahren vor allem für aktuelle, gps-genaue und benutzerfreundliche Wander- und Radkarten sowie Wander- und Skitourenführer bekannten KOMPASS Verlag (96 Seiten, € 6,95) sollte man sich vom ersten Eindruck nicht täuschen lassen:

Was, so klein ist das Kochbuch (in der Tat gerademal 9,5 auf knapp 16 Zentimeter!)? Quasi hosentaschentauglich? Was soll denn da Gescheites drin stehen? Asche auf mein Haupt, das mir sowas überhaupt durch den Kopf schoss. Ich wurde ganz schnell eines Besseren belehrt! Hier steckt eine Menge kaiserlich-königliche Donaumonarchie drin. Sozusagen die kulinarisch-köstliche Doppelmonarchie.

Neben der kurzweiligen, mehrteiligen Einführung, die natürlich auch die wichtigsten Lebensstationen von Sissi nachzeichnet, laden zum Beispiel verschieden große Sichtkästen zu lukullischen Streifzügen auf den Spuren der vielgereisten Kaiserin durch den k. und k. Vielvölkerstaat ein – und führen (sehr oft unter dem Motto "Interessant für Sie") mit ihren Anekdoten doch immer wieder zu regionalen Produkten und Spezialitäten.

Manches der 90 ausgewählten Rezepte mag den Leser dabei erstaunen, ist doch bekannt wie Figur-bewusst die bis ins Alter gertenschlanke Kaiserin war und wie kalorienreich gerade so manche Süß- und Mehlspeise der Alpen-Republik sein kann. Doch leicht nachzukochende Anleitungen dafür finden sich in dieser Sammlung ebenso wie Backideen für Torten und Gebäck – aber auch Ideen für alles, was ein Mehrgang-Menü „kaiserlich“ (üppig) macht. Beilagen-Ideen und Zubereitungs- oder Serviertipps runden die einzelnen Rezepte ab, so dass man sich bis zum letzten Arbeitsschritt an die Hand genommen fühlt.

Einziges Manko, wenn man es denn überhaupt so bezeichnen will: Die Bebilderung ist der Buchgröße geschuldet sehr reduziert und beschränkt sich auf ausgewählte Gerichte. Aber ich gestehe: Manchmal schüchtern mich Rezeptfotos auch fast ein, wohlwissend, dass das bei mir am Ende nie so perfekt aussehen wird. Da kann ich mir noch so oft vor Augen halten, dass es dafür ja extra Food-Stylisten gibt, die das Essen für diese Aufnahmen besonders raffiniert und ansprechend in Szene setzen. Mogeleien inklusive. Man hat dann eben ein Bild vor Augen und meint, dahin kommen zu müssen. Das kann anspornend wirken, aber eben auch zu Frust führen. Von daher habe ich in Sachen Fotos nichts vermisst.

Mich persönlich verbindet mit Sissi ja ihre Liebe zu Ungarn, weswegen mein suchender Blick im Stichwortverzeichnis übrigens als Erstes auf diese ihre Lieblingsrezepte fokussierte. Ich wurde nicht enttäuscht: Ob Dobos-Torte oder Gundel-Palatschinken, Pörkölt (was unserem Gulasch entspricht) oder Halászlé (Fischsuppe … hm, ich erinnere mich an den Besuch des entsprechenden Festes in Baja, leider Jahre her) – meine Favoriten waren schon mal da, wunderbar! Denn ja, nach Budapest müsste ich unbedingt mal wieder. Und an den Balaton. Und in die Puszta. Leider muss im Moment reichen, dass ich mich gut angeleitet dorthin kochen kann.

Doch vorher ein Zwischenstopp in Wien. Mit Kaiserschmarrn zum Beispiel. Köstlich! Der wurde übrigens eigentlich extra für die Kaiserin kreiert. In Bad Ischl, so heißt es. Sie mochte ihn jedoch der Rosinen wegen nicht, dafür mundete er umso mehr dem Kaiser. Der Rest? Ist Küchengeschichte! Den Weg ins Büchlein hat sein Rezept trotzdem gefunden, obwohl er nicht wirklich ihre Leibspeise wurde. Naja, ob Sissi oder Franzl, da wollen wir mal nicht so genau sein …

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Margareta Schildt Landgren: So schmeckt Schweden

Veröffentlicht am 15.11.2018

Nicht zu viel, nicht zu wenig, sondern genau richtig: So könnte man Lagom, die schwedische Lebensart beschreiben, die für Ausgewogenheit, Harmonie und den goldenen Mittelweg steht.

Das trifft auch auf die schwedische Küche zu, die diesem Prinzip folgend zwar scheinbar unaufgeregt und einfach ist, aber das Auge ebenso gekonnt anspricht wie sie den Gaumen berührt – und zu jeder Jahreszeit anders schmeckt. Was einem das Kochbuch "So schmeckt Schweden", erschienen bei Lifestyle Busse Seewald (128 Seiten, € 19,95), mit seiner eher ungewöhnlichen Rezept-Aufteilung in Frühling, Sommer, Herbst und Winter denn auch eindrucksvoll vor Augen führt.

Und die oft puristischen, dabei stets das Wesentliche fokussierenden Foodbilder unterstreichen: Man ist eben doch, was man isst! Ob nun herzhafte Köttbullar oder feine Zimtschnecken (um mal zwei beliebte Klassiker zu nennen, deren Koch- und Backanleitung hier natürlich nicht fehlen dürfen).

Übersichtliche Zutatenlisten und knappe, doch präzise Rezepte nehmen den Leser dabei ganz leicht an die Hand und versprechen ihm wie begleitenden Fotos auch: Das kriegt jeder hin! Auch Du! Das Perfekte liegt womöglich im "Unperfekten"? Herrlich!

Gut gefallen hat mir ein persönlicher Akzent, der sich durch das ganze Buch zieht: Kurze einleitende Zeilen pro Rezept lassen einen auf eine charmante Art durch die Heimat der Autorin und die Jahreszeiten reisen – und enthalten fast immer noch einen kleinen Produkt- oder Serviertipp. So lernt man ganz nebenbei das eine oder andere, ohne dass es belehrend wirkt. Oder es einem irgendwann über wird. Im Gegenteil. Aber das ist wohl auch kein Wunder: Schildt Landgren ist schließlich seit langem Food-Journalistin, Rezeptentwicklerin und Autorin von inzwischen rund zwanzig Kochbüchern – und weiß ganz offensichtlich wie man zum Schmökern und Schlemmen verführt. Mich hat sie jedenfalls voll erwischt.

Für Schweden-Fans ein köstliches Geschenk! Auch wenn man ja erst noch kochen muss … aber dann auf jeden Fall. Gerne auch herzhafte Köttbullar oder feine Zimtschnecken. Oder doch mal Neues wagen? Mit dem Kochbuch kein Problem. Also auf nach Schweden. Am Herd. Oder im Backofen.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Holger Wetzel: 42 Minuten Hamburg

Veröffentlicht am 13.11.2018

Ich sag's gleich vorweg – mit dem Layout dieses Buchs fremdele ich stellenweise doch sehr. Vielleicht bin ich ja für fliegende Buchstaben, aus denen man sich Wörter zusammensetzen muss, und ablenkende Spielereien inzwischen zu old style. Vielleicht bin auch kein echtes Mädchen, wenn ich anmerke, dass ich mich mit dem für große Teile des Umschlags und als Kontrastfarbe genutzten, schreienden Pink farblich so gar nicht anfreunden kann.

Aber die Geschmäcker sind bekanntlich immer verschieden – und vielleicht finde ich mit jedem Reinlesen doch noch Gefallen daran oder verstehe zumindest besser, warum Optik und Haptik des Buchs gerade so und nicht anders sind. Wer weiß.

Denn noch öfter darin blättern und lesen, das werde ich in jedem Fall noch, denn längst habe ich noch nicht alle "42 Minuten Hamburg – Geschichten aus der Hamburger Ringlinie" gelesen (Vergangenheitsverlag, 304 Seiten, € 19,99). Denn die zugrundeliegende Idee war es, die mich neugierig auf das Buch gemacht hat, nicht die Aufmachung: Hamburg im Kreis zu entdecken. Mit der (heutigen) U3. Um zwar immer die gleiche Runde durch die Hansestadt zu drehen und sie doch jedes Mal anders zu erleben, neu zu erfahren. Im wahrsten Wortsinn.

Weil eben der Einstieg immer ein anderer ist und der Mitfahrer sowieso. Ein, zwei, drei der Namen kennt man (allen voran Tagesschausprecher Thorsten Schröder), andere vielleicht, je nachdem ob man Hamburger ist oder schon oft zu Besuch dort war, aber die meisten sagten mir persönlich erst mal nichts. Und die machten mich besonders neugierig. Promis interviewen kann jeder, aber "einfach so" Menschen finden, die was zu erzählen haben? Das hat was!

Sehr viel sogar. Denn nicht nur jeder Gesprächspartner ist anders (und die, wie der Verlag sie betitelte, Originale sind bei Weitem nicht alle original Hamburger), offensichtlich hat auch jedes Gespräch eine andere Dynamik entwickelt – obwohl alle gleichlang dauerten (eigentlich). Eben 42 Minuten. So lang, wie die Hamburger Ringlinie braucht, um dort wieder anzukommen, wo man eingestiegen ist. So liest man mal echte Interviews im Frage-Antwort-Modus, dann klassische Portraits mit O-Tönen oder eben Reportagen, wo man mit Autor Holger Wetzel auf seinen "Fahrgast " trifft und es sich anfühlt, als würde man mit jeder Zeile just in dem Moment mit den beiden unterwegs sein. Was dann doch nicht immer oder ausschließlich in einem U-Bahn-Waggon ist, wie man zu lesen bekommt.

Herausgekommen sind große und kleine Geschichten, die einem ein Hamburg kennenlernen und entdecken lassen, das man so in klassischer Reiseliteratur wohl schwerlich finden wird. Vielleicht kam der Verlag daher auf den sperrigen Begriff Ausflugs-Literatur für das Buch?

Denn ja, auch die unternimmt man. An der jeder Haltestelle bzw. jedem Kapitelende. Doch auch dort bleibt es bei der Zeitvorgabe von (eigentlich) 42 Minuten (denn manchmal wird auch ein verlängernder Schlenker empfohlen, den kann man dann wohl nur joggend in der Zeit absolvieren): Was kann man ich von dort aus in einer knappen Dreiviertelstunde spazierend entdecken? Was ist architektonisch oder historisch rund um die eigentliche Haltestelle und darüber hinaus interessant? Manches (er)kennt man, manches aber eben auch nicht. Illustriert sind die Erkundungsgänge mit historischen sowie aktuellen Fotos, ergänzt wurden sie mit Gastro- und Shoppingtipps sowie kulturellen Sidekicks, die so wohl auch nicht jeder hat.

Mein Fazit? Ein Buch, das sich nicht wirklich einordnen lässt und gerade deswegen so spannend ist. Ob es in meinen Reiseführer-Regal landen wird? Da bin ich mir noch nicht sicher. Aktuell dreht es erst noch seine Runden an meinen Leseplätzen in der Wohnung.

Es ist eben kein klassischer Hamburg-Führer – und führt einen doch durch die Stadt. Es geht zwar um viele Menschen und ihre Geschichten – und doch immer um die Ringlinie und ihre Historie. Das Buch blickt manchmal tief ins Gestern – und ist doch ganz im Hier und Jetzt. Es ist ein kleiner Schmöker für das angeblich so schlechte Hamburger Wetter (das auf den Portraitfotos an den Haltestellen auch mal zu sehen ist), denn man kann so schön mit ihm im Warmen (im U-Bahn-Waggon) sitzenbleiben – und doch juckt es einen, an jeder Station auszusteigen, ob nun die Sonne scheint oder doch Schietwetter herrscht.

Was mir die ersten Geschichten vermittelt haben? Es wird Zeit, dass ich mal wieder gen Norden reise. Und U-Bahn fahre. Wer weiß, vielleicht treffe ich dabei ja den einen oder anderen der Protagonisten. Wenn nicht dort, dann weiß ich, wo ich alle sonst so finden könnte. Im Orchestergraben zum Beispiel, am Radiomikrofon, auf einer Hafenbarkasse. Im Chefsekretariat, Teppichladen und Architekturbüro. Oder an einem Radl-Stand mit vielversprechenden Kochtüten. Klingt spannend? Sag ich doch! Bis dahin lese ich noch ein bisschen. Und fahre mit im Kreis herum. Und fange fliegende pinke Buchstaben ein. Vielleicht wird die haptisch-optische Umsetzung dann doch noch meins. Wer weiß.

Die Ringlinie und ihre Fahrgäste jedenfalls haben es mir angetan. Sehr sogar. Weshalb ich sage: Für Hamburger, echte wie bekennende, und ausgewiesene Fans der Hansestadt ist "42 Minuten Hamburg" ein prima Präsent, weil auch sie Neues über diese (ihre) Stadt lernen werden – und für künftige Hamburg-Reisende ist das Buch mal ein ganz anderer Ansatz, sich der Stadt lesend zu nähern und vielleicht sogar vor Ort so unterwegs sein. Mit der Ringlinie. Für einige 42 Minuten.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Autor zur Verfügung gestellt.

Toma Babovic/MartinTschechne: Auf den Spuren von Wilhelm Busch

Veröffentlicht am 10.10.2018

Der Beiname "Eine Bildreise" trifft es ganz wunderbar, denn dieses Buch aus dem Ellert & Richter Verlag ist nicht nur eine Biographie, sondern auch ein Bildband, der den Leser und Betrachter an die Hand nimmt, um in herrlich ruhigen großformatigen Fotos in die Heimat von Wilhelm Busch zu entführen – ins Schaumburger Land.

Dort, in dem kleinen Marktflecken Wiedensahl, wurde er geboren. Hierhin kehrte er immer wieder zurück, wohin Ausbildung und Beruf (oder sollte ich besser schreiben Berufung?) ihn auch immer wieder hin verschlagen haben.

Martin Tschechne erzählt das Leben des Satirikers, Humoristen und Komikers von seiner Jugend ebendort bis zu seinen letzten Tagen in Mechtshausen in knappen, doch detailreichen Kapiteln. Und in einer Sprache, die so sicher und treffend jenen Zeichner und Geschichtenerzähler beschreibt wie wiederum dessen feine Striche seinen Figuren ihr einzigartiges Leben und Charakter einhauchten. Ich gestehe, ich habe schon lange nicht mehr so oft einzelne Sätze extra laut gelesen, weil Worte so wunderbar gesetzt waren.

Und die Bilder von Toma Babovic, die von historischen Fotografien und eingestreuten Zeichnungen sowie Gemälden Buschs ergänzt werden? Sie entführen genau in jenes beschaulich-ländliche Niedersachsen, dem Wilhelm Busch einerseits immer wieder entfloh und das andererseits der Ruhepol und Rückzugsort seines ganzen Lebens (und vor allem Schaffens) war. Da ich im Sommer selbst dort unterwegs gewesen bin, kann ich nur sagen: Treffender hätte man das Land und die Region nicht einfangen können.

Kurzum, eine schöne Bildreise durch ein Leben und eine Landschaft, der man gerne folgt. Genau das passende Geschenk für jemanden, der schon einmal dort war. Im Schaumburger Land, in Wiedensahl.

Oder der Wilhelm Busch liest und mag. Und seine Sicht der Dinge, sein pointiertes, überspitztes, doch so treffendes und und manchmal auch gnadenlos offenlegendes Fokussieren und Reflektieren. Mit knappen, vordergründig schelmischen Worten und nur scheinbar federleichten, doch genau gesetzten Bilderstrichen.

Tom Hillenbrand: Der Kaffeedieb

Veröffentlicht am 10.08.2018

Anfang Oktober ist es wieder soweit – dann wird hierzulande seit 2006 pünktlich zum Monatsanfang der "Tag des Kaffees" gefeiert. Kein Wunder, Deutschand ist schließlich ein Kaffeeland: Rund 162 Liter Kaffee trinken wir Bundesbürger laut Deutschem Kaffeeverband jährlich im Schnitt pro Kopf, und damit deutlich mehr als jedes andere Getränk. Kaffee habe damit sogar Wasser und Bier abgehängt! Gelesen habe ich auch, dass 86 Prozent aller Erwachsenen hierzulande mindestens einmal täglich Kaffee trinken. Weltweit gesehen lägen wir Deutschen daher voll im Trend, denn jedes Jahr würden auf dem gesamten Globus rund 400 Milliarden Tassen Kaffee getrunken. Die Kaffeebohne sei so zum zweitmeist genutzten Rohstoff hinter Öl geworden.

Doch der koffeinhaltigen schwarz-braunen Brühe wird nicht nur bei uns gehuldigt – und längst nicht überall am 1. Oktober. Brasilien etwa feiert im Mai. In den USA, wo gefühlt jeder mit einen coffee to go rumläuft, und die mit einem Rohkaffee-Verbrauch von 4,1 kg pro Kopf übrigens noch unter dem EU-Durchschnitt von 4,8 kg liegen und damit sogar deutlich unter dem deutschen Durchschnittsverbrauch von 6,4 kg (diese Werte hatte der Deutsche Kaffeeverband bereits 2010 genannt), begeht man den "Tag des Kaffees" bereits am 29. September. Italien und Frankreich, die doch so gerne ihren Espresso und Café au lait zelebrieren, haben sich noch nicht zu einem koffeinhaltigen "Feiertag" durchringen können; hingegen die Österreicher, die mit Einspänner, Mokka, Melange und Co. sowie einer großen Kaffeehaus-Tradition punkten, auch am 1. Oktober feiern.

Kurz gesagt: Nicht nur in deutschen Landen spielt das aromatische Getränk seit langem und beharrlich (s)eine aufmunternde Rolle. Dabei schlürften es im 15. Jahrhundert zunächst nur die Araber und das anfangs zunächst nur aufgrund seiner anregenden medizinischen Wirkung. Erst dann kam der Genuss hinzu. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurden Kaffeehäuser zaghaft peu à peu in ganz Europa en vogue. Im 17. Jahrhundert eroberte die Kaffeebohne endgültig den Okzident. Jeder wollte Kaffee trinken (vor allem aber auch gewinnbringend anbauen und verkaufen) – und irgendwann wurde das Monopol der Türken, in deren Hoheitsgebiet damals die originär rein arabischen Kaffeeplantagen lagen, listig gebrochen und jeder kam dran. Nun ja, fast. Denn Kaffee wächst ja nicht überall, aber eben auch sehr gut in den damaligen spanischen und niederländischen Überseekolonien. Seither trinkt man ihn überall. Ob schwarz, mit Zucker, Milch oder Gewürzen, gefiltert oder mit Satz, jede Nation schwört heute auf ihre eigenen Kaffee-Rituale. Auch wir Deutschen, wo 1673 in Bremen das erste Kaffeehaus eröffnete. Und der berühmte Filterkaffee à la Melitta Bentz wurde von der Dresdnerin erstmals 1908 aufgebrüht.

Und warum erzähle ich das alles? Weil ich während langer Autobahnkilometer ein wunderbares Hörbuch über die kultige Bohne genossen habe. Eines, bei dem ich unterwegs bei Stopps mal wieder betont langsam Fahrtenbuch geschrieben und meinen Kram zusammengepackt habe, um ein Kapitel fertig hören zu können. Um schließlich am Ende der Reise doch noch 20 Minuten in der Garage im Wagen sitzen zu bleiben, um es fertig hören zu können. Wie es heißt? "Der Kaffeedieb"! Nach dem gleichnamigen Roman von Tom Hillenbrand.

Der entführt in das Jahr 1863 – und so auch das Hörbuch: "Europa befindet sich im Griff einer neuen Droge. Ihr Name ist Kahve. Sie ist immens begehrt – und teuer, denn die Osmanen haben das Monopol darauf. Und sie wachen streng darüber. Aber ein junger Engländer hat einen waghalsigen Plan: Er will den Türken die Kaffeebohnen abluchsen …

Lange haben die Europäer das Heidengebräu verschmäht und lieber Bier getrunken, aber am Ende des 17. Jahrhunderts verfällt Europa dem Kaffee. Philosophen in London, Gewürzhändler in Amsterdam und Dichter in Paris: Sie alle treffen sich in Kaffeehäusern und konsumieren das Getränk der Aufklärung.

Aber Kaffee ist teuer. Und wer ihn aus dem jemenitischen Mokka herausschmuggeln will, wird mit dem Tod bestraft. Der Mann, der es trotzdem wagen will, ist der junge Obediah Chalon, Spekulant, Händler und Filou. Er hätte allen Grund sich umzubringen, nachdem er an der Londoner Börse Schiffbruch erlitten hat. Nur ein großes Geschäft, ein ganz großes, könnte ihn vor dem Ruin bewahren. Und so geht er aufs Ganze: Mit finanzieller Unterstützung der Vereinigten Ostindischen Compagnie stellt er eine Truppe internationaler Spezialisten zusammen, um den Türken den Kaffee zu klauen. Die spektakuläre Reise scheint zunächst zu gelingen, doch dann sind immer mehr Mächte hinter ihnen her …"

Ich verspreche, mit dem Kaffeedieb Obediah und seinen Kumpanen geht es auf eine ebenso große wie rasante Reise quer durch Europa bis auf die Arabische Halbinsel – und zurück. Es gibt jede Menge Abenteuer zu bestehen, aber auch allerlei geschichtliche Fakten zu erfahren, bei denen man viel über Kaffee lernt. Vom Anbau bis zum Trinken. Und man findet sich, wie sollte es bei Hillenbrand anders sein, in einem spannenden (letztlich lukullischen) Wirtschaftskrimi wieder – aber diesmal eben auch in einem farbenprächtigen Historien-Roman.

Fazit: Das (Hör-)Buch ist ganz großes Kopfkino, zu dem Sprecher Hans Jürgen Stockerl seinen Teil beiträgt. Auch nach über 700 Minuten, sprich 12 Stunden, war ich seiner Stimme nicht müde. Und das über den größten Teil meiner Fahrt- und Hörstrecke sogar ganz ohne Kaffee. Kaum zu glauben.

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