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Angelesen         

Lesetipps, mal sachlich, mal unterhaltend - aber ums Reisen geht's irgendwie immer. Zumindest aber um Reiseziele.

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Rita Mielke, Hanna Zeckau: Atlas der verlorenen Sprachen

Veröffentlicht am 18.10.2020

Man möchte meinen, in Zeiten wie diesen sollte man den Globus zum Drehen bringen, um zumindest mit dem Finger darauf auf Reisenzu  gehen – wo das doch momentan "in echt" kaum geht. Dumm nur: ich habe keinen. Aber einen großen Welt-Atlas, der griffbereit hinter mir im Regal steht. Und der landete in letzter Zeit durchaus vermehrt auf meinem Schreibtisch. Denn das Blättern darin ist doch was anderes, als via Google Maps und Co. die Welt zu erobern.

Schon das Wort Atlas steht für mich einfach für mehr. Für Entdeckerlust. Für Neues. Für fast Vergessenes. Für Sehnsucht. Für Vorbereitung. Für Träume. Und auch das Wort selbst bedeutet so viel mehr: Der Eine denkt womöglich als Erstes an den obersten Halswirbel, der unseren Kopf trägt. Der nächste an jenen Titanen aus der griechischen Mythologie. Der oder wohl eher die Dritte womöglich an das gleichnamige schwere Seidengewebe, das so herrlich glänzt. Ich persönlich denke immer zuerst an jenes kartografische Werk, das mich schon zu Schulzeiten faszinierte. Mindestens so sehr wie der Brockhaus, in dem ich – ungelogen – noch ewig weiterlesen konnte, nachdem ich ein Wort nachgeschaut hatte und mich ein Begriff zuvor oder danach überraschend in den Bann zog. Denn ja, es gab mal eine Zeit vor Google und Co. als man für solche Suchen noch zu gedruckten Enzyklopädien griff. Kurzum: Wörter, Begriffe, Sprache, Karten, mit alldem kann man die Welt erobern, ohne den Schreibtisch oder das Sofa zu verlassen. Und erlebt eine Welt, die einst vielfältiger war, als unser Globus heute noch immer ist. Und das nicht nur des Klimawandels wegen oder weil  eben nur der Stärkere überlebt.

Kein Wunder also , dass mich ein Buch mit dem Titel "Atlas der verlorenen Sprachen" sofort angesprochen hat. Erschienen ist es dieser Tage im DUDEN Verlag (28,00 Euro) und nimmt den Leser mit auf eine etwas andere, da linguistische Reise um die Welt. Denn die Sprache ist wohl unser wichtigstes Kulturgut: Sie verbindet und trennt. Sie prägt unsere persönliche und kulturelle Identität. Die Sprachforschung geht heute von weltweit mehr als 7.000 gesprochenen oder zumindest dokumentierten Sprachen aus. Einige von ihnen werden von Hunderten Millionen Menschen gesprochen, andere stehen mit wenigen Sprechenden kurz vor dem Vergessen. Für den "Atlas der verlorenen Sprachen" hat Autorin Rita Mielke 50 dieser Sprachen ausgewählt, von denen die meisten, siehe Buchtitel, wohl kaum einer kennen dürfte, da sie längst, zumindest aber fast verloren gegangen sind.

Abgesehen vielleicht dem Namen nach die anerkannte Minderheitensprache der Sami in Skandinavien, dem ersten Kapitel der Rubrik Europa. Zumindest damit konnte ich im Inhaltsverzeichnis nämlich gleich was anfangen, in diese Welt durfte ich schon einmal kurzzeitig eintauchen. Schon beim Aussprechen des Worts tauchen vor meinem geistigen Auge Bilder einer tief verschneiten Lapplandreise auf, meinte ich Gerüche wieder zu erleben, Sprachfetzen zu hören. Ebenso spulte sich bei Hawaiianisch (einem Kapitel der Rubrik Australien/Ozeanien) im Kopfkino gleich eine Reise mit vierfachem Island-Hopping ab, lange ist’s her und doch war sofort alles präsent. Als wäre ich gestern von diesen nachhaltig erstaunlich-beeindruckenden 14 Tagen zurück gekommen.

Ansonsten erst einmal große Ratlosigkeit, wer das wohl wo spricht. Doch dann finden sich doch noch ein, zwei, drei Sprachen, deren Namen zumindest Assoziationen wecken und mich gleich reinblätternd checken lassen, ob die Vermutungen in die richtige (Reise-)Richtung gehen: Bei Navajo, einem Kapitel in der Rubrik Amerika, klingelte es bei mir als jugendlichen Fan von "Winnetou" und nachfolgendem Verschlinger von allem, was es über den echten Wilden Westen Wissenswertes zu lesen gab. Koptisch findet sich bei Afrika – aha, hatten die ägyptischen Christen der koptischen Kirche also einstmals eine eigene Sprache? Und Etruskisch wurde dereinst in Mittelitalien, vornehmlich in der Toskana, gesprochen, dann geht’s also in der Tat um die Etrusker. Und schon war ich wieder drin in meinem Atlanten-Schmöker-Modus, hatte wieder dieses Enzyklopädie-Weiterblätter-Verlangen zugeschlagen. Herrlich, wie man so die Welt entdecken kann!

Das hat sicherlich auch viel mit dem hochwertigen Papier zu tun, das das Buch mit dem blauen Leinenrücken schon haptisch zu einem Genuss macht. Man fasst es einfach gleich gerne an, spürt, dass es nicht für die kurze intensive Lese-Session eines verregneten Wochenendes gedacht ist. Das hier ist was zum immer mal wieder ein Stichwort zum Lese-Anlass nehmen und dann doch noch ein, zwei weitere Kapitel hängen bleiben. Ein Lernbuch, irgendwie, mit dem Abtauchen kann.

Und bereits die kleinen wunderbaren Illustrationen von Hanna Zeckau auf den ersten Seiten, noch bevor das Buch richtig beginnt, sind ein Augenschmaus, der on top zum Blättern und Schwelgen verführt. Wie ein Kind, dass zuerst die Bilder sprechen lässt, bin ich ihnen ins Buch gefolgt, um so in Kapiteln und bei Sprachen hängen zu bleiben, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte – und die wohl über kurz oder lang auch keiner mehr sprechen und weitergeben wird. Oder schon jetzt, siehe das Bespiel Etruskisch, nur noch in der Erinnerung existieren oder in Einzelwörtern unerkannt weiterleben. Spannend.

Und nein, keine Sorge, kein Kapitel des "Atlas der verlorenen Sprachen" kommt dabei verstaubt dozierend daher, im Gegenteil. Die 50 Sprachen aus fünf Kontinenten erscheinen höchst lebendig. Dazu bei tragen die einen um die Welt reisen lassenden Karten, die vielen liebevoll gezeichneten Erklär-Tafeln und insbesondere die farbigen (Aquarell-)Illustrationen von Hanna Zeckau, einer mehrfach (u. a. von der Stiftung Buchkunst) ausgezeichnete Berliner Illustratorin, Buchgestalterin und Grafik-Designerin. Aber vor allem ist es der abwechslungsreiche und neugierig machende Erzählstil von Rita Mielke, einer promovierte Literaturwissenschaftlerin und Kulturjournalistin, der einen hier auf Sprachspuren um die Welt wandeln lässt, deren Fährte man sonst wohl nie aufgenommen hätte.

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Ishbel Rose Holmes: Saving Lucy

Veröffentlicht am 22.06.2020

Der Titel verrät es schon, das ist kein "gewöhnliches" Reisebuch, obwohl es im DuMont Reiseverlag (14,95 Euro) erschienen ist und von einer Reise handelt. Genauer gesagt, es geht um eine Radreise durch die Türkei. Eine Kombination, die mir persönlich so nicht in den Sinn käme. Trotzdem habe ich das Buch gelesen. Zugegeben, es wanderte im Stapel "Lesen!" daher eine ganze Weile hin und her, lag mal weiter oben, dann wieder weiter unten. Denn erschienen ist es schon im November letzten Jahres (bzw. das Original zuvor bei Bradt bzw. VeloPress). Es war eben nicht so recht mein Thema – und doch, irgendwas in mir sagte: "Lesen!"

Dank eines kleinen Coronavirus gab’s auf einmal deutlich mehr Lesezeit als sonst. So war der Bücher-Stapel auf einmal dahin geschmolzen, weggelesen und/oder teils auch regelrecht abgearbeitet. Und Lucy hechelte mich wieder einmal erwartungsvoll vom Cover aus an. Es war an der Zeit, zusammen mit Buchautorin Ishbel Rose Holmes in die Pedale zu treten und über 200 Taschenbuchseiten nicht nur radelnd durch die Türkei zu reisen – sondern auch durch ihr Leben. Und durch das von Lucy. Zumindest für eine kleine Weile.

Denn entgegen des zuversichtlichen Titels "Saving Lucy" und des positiven Untertitels "Wie ich um die Welt reiste und eine Straßenhündin mir mein Zuhause schenkte", gibt es nicht das über hunderte Kilometer erradelte Happy End, das sich Ishbel Rose Holmes auf ihrer Tour für Lucy erhoffte und man als Leser beim Nach- bzw. Miterleben ebenso sehnsüchtig und mitfiebernd erwartet. Denn leider, auch wenn ich damit etwas verrate: Lucy wird das Buchende nicht erleben, gleichwohl sie bis zur letzten Seite omnipräsent ist. Und ihrerseits eine Mission erfüllt: Saving Ishbel.

Es scheint, dass alles, was die anfangs namenlose Straßenhündin erleiden musste und erleben durfte, einzig dazu bestimmt war, dass sie an einem Tag im Jahr 2014 "Im toten Winkel" – so auch der Name des ersten Buchkapitels – von Ishbels Rad auftauchte. So kreuzten sich nämlich zwei Lebenswege, die man durchaus streckenweise als "dramatisch", um nicht zu sagen "traumatisch" bezeichnen könnte.

Was einem aber erst im Laufe der Radreise und des Buchs immer klarer wird, wenn sich die Puzzleteile Stück für Stück zusammensetzen. Und ich an dieser Stelle auch nicht vertiefen möchte, obwohl ich eine Sache schon verraten haben. Doch wie sich Ishbel im Laufe des Buchs Dritten auf ihrer Reise und damit dem Leser (aber auch sich selbst gegenüber) öffnet oder Beobachtungen und Untersuchungen Lucys Schicksal immer begreifbarer machen (und das vieler anderer, vermutlich nicht nur türkischer Straßenhunde), das ist eine Reise, die quasi parallel zu den Kilometern durch die Türkei stattfindet, die jeder selbst "erfahren" sollte.

Nur so viel, denn das verrät auch der Klappentext: Ishbel Rose Holmes kam als Tochter einer schottischen Mutter und eines iranischen Vaters in England zur Welt. Schon früh begeisterte sie sich fürs Fahrradfahren — eine Leidenschaft, die sie mit ihrem Vater teilte. Er brachte ihr mit vier Jahren das Fahren bei, verließ aber wenig später die Familie für immer; was für Ishbel letztlich in eine Pflegefamilie führen sollte, wo sie zwar ein Dach über den Kopf hatte, aber nicht zuhause war. Trotzdem: Aus dieser Begeisterung entwickelte sich ihre spätere Karriere als Radsportlerin. Zunächst als Radrennfahrerin in Schottland und als Bahnrad-Sprinterin im Teheraner Velodrom für die iranische Nationalmannschaft. Dann kam der Plan, mit dem Fahrrad durch die ganze Welt zu radeln.

Das übrigens war schon ohne Lucy in den fünf Monaten und neun Ländern zuvor mit 30 Kilogramm Gepäck kräftig beladen und von seiner Machart her alles andere als wirklich tourentauglich, um allein zig Länder dieser Erde zu durchqueren: Ein lilafarbenes Aluminiumrad, das, so beschreibt es Ishbel, "für einen urbanen Lebensstil konzipiert war, für Fahrten ins Büro oder um sich mit Freunden einen Latte Macchiato zu besorgen, aber nicht, um damit um die Welt zu fahren." Und bis Lucy, die definitiv kein Schoßhündchen ist/war, in den Genuss eines komfortablen (aber gewichtigen) Hundeanhängers kommt, wird ihr Platz eine improvisiert am Lenker und Vorderrad befestigte Gemüsekiste sein. Denn eines ihrer vielen "Päckchen" ist eine zertrümmerte Pfote, die ihr das Straßenleben nicht gerade erleichterte.

Das Cover zeugt bereits davon. Übrigens ein haptisch sehr ansprechendes, teils mit Prägedruck und Dispersionslack gestalteter Einband, der mich ebenso "berührte" wie die kleinen Radzeichnung mit dem "grasigen" Straßenrand, eine Szenerie, die sich über alle Buchseiten zieht. Oder die sich über die kompakten 32 Fotoseiten hinziehenden gezeichnete Hundepfoten-Abdrücke. Dass die Fotos erst nach 2/3 des Buchs kamen, hat mich bei diesem Buch so gar nicht gestört, weil Ishbel es sehr gut verstanden hat, den Leser verbal an die Hand und in die Szenen mit hinein zu nehmen. Mein Kopfkino sprang zügig an – und traf etliches, wie ich dann feststellen konnte, zu 100 Prozent. Das spricht doch für eine ehrliche Art und emphatische Erzählweise, oder nicht?

Und so habe ich die beiden gerne auf ihrem Weg durch die Türkei begleitet, an der Küste entlang unter anderem durch Izmir und Antalya bis nach Antakya im Grenzgebiet zu Syrien. Bin mit Ishbel mittendrin einmal zurück nach Schottland geflogen oder in einen Überlandbus gestiegen. Habe Lucy und sie an Strände begleitet und beide beim (Wild)Campen erlebt. Und sage noch immer: Eine Radreise durch die Türkei ist auch weiterhin eine Kombination, die mir persönlich so nicht in den Sinn käme.

Aber man muss ja nicht alles nachmachen, lesen und wegträumen reicht vielfach auch. Nicht nur in Zeiten wie diesen. Und gerade wohl auch, obgleich Ishbel am Ende selbst anmerkt, dass man "sich von den negativen Momenten in diesem Buch nicht abschrecken lassen [sollte]." Denn da gibt es in der Tat im Buch bzw. auf ihrer Reise durch die Türkei mehr als einen Gänsehaut-Moment, den man sich als Urlauber in dem wohligen Service-Kokon der schmucken Hotel-Anlagen entlang der Türkisküste nur schwer vorstellen kann … Es ist eben, wie schon am Anfang geschrieben, kein "gewöhnliches" Reisebuch. Aber definitiv eine Lesereise wert.

Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Alastair Humphreys: Ein Sommer, drei Melodien, kein Talent

Veröffentlicht am 22.04.2020

Zu Fuß, ausgerüstet nur mit seiner Geige und dem Plan, sich mit dem durchzuschlagen, was er als Straßenmusiker verdient – so macht sich Alastair Humphreys auf den Weg von Vigo an der Nordwestküste Spaniens Richtung Hauptstadt Madrid. Auf den Spuren seines historischen Vorbilds Laurie Lee (dessen bekanntesten Werk "Cider mit Rosie" ist) "erträumt er sich Tage unter blauem Himmel, die Freiheit, nur dem Rhythmus der Straße zu folgen, und Menschen, die am Abend ausgelassen zu seiner Musik tanzen." Die Sache hat nur einen gar nicht so kleinen Haken: Humphreys kann gar nicht wirklich Geige spielen! Und er hat weit mehr Probleme im Gepäck als die Tatsache, ein eher talentloser Anfänger zu sein …

Und die haben es mir, um ehrlich zu sein, auch ziemlich viele Seiten lang echt schwer gemacht, mich auf diese de facto gerade einmal vierwöchige Reise einzulassen. Also eigentlich recht überschaubar, seine "abenteuerliche Reise als Straßenmusiker durch Spanien" (DuMont Reiseverlag, 14,95 Euro), wie das knapp 260 Seiten dicke Taschenbuch im Untertitel heißt. Zumindest im Vergleich mit dem, was der Brite, Jahrgang 1976, sonst schon so unternommen hat:

Er verbrachte über vier Jahre damit, um die Welt zu radeln. Zudem ist er durch Südindien gelaufen, über den Atlantik gerudert, hat Island durchquert und an einer Expedition in der Arktis teilgenommen. Außerdem hat er die sogenannten Mikroabenteuer erfunden (und den Begriff microadventure auch geprägt, wohinter sich nichts anderes verbirgt als, wenn auch teils etwas extreme, Outdoor-Erlebnisse vor der eigenen Haustür). Das alles hat dazu beigetragen, dass er 2012 zu einem der "National Geographic Adventurer of the Year" ernannt wurde.

Um es kurz zu machen: Er hadert damit, dass er für einen richtig echten Abenteurer als zweifacher Familienvater, der merkt, dass auch er nicht jünger wird und ja eigentlich seine Familie liebt und für sie da sein will, einen Ticken zu sesshaft geworden ist. Und klammert sich an diese Zeiten, statt nach vorne zu schauen, und jammert entsprechend rum. Auf hohem Niveau, denn offenbar kann er von seinen Abenteuervorträgen und Ruhm sowie Reiseartikeln ganz gut leben. So kam sein vielfaches Zurückschauen zumindest bei mir an. Und nervte mich. Irgendwie. Weil es mir, als es endlich losgeht, phasenweise zu wenig Lee, Spanien und Geige war. Hej, ich wollte doch diese Tour "mitwandern"!

Dranbleiben oder weglegen, das war also die Frage. Dann habe ich aber mal in die Buchmitte geblättert und die rund 30 Extra-Seiten Fotos angeschaut – und dem Buch wie Icherzähler doch noch eine Chance gegeben. Denn als er endlich seinen Wander-Tritt findet, wirklich durchs flirrend heiße Spanien stampft und auch (weitestgehend) dort bleibt ... dann war/ist das Buch für mich am stärksten, wenn Humphreys im Hier und Jetzt ist.

Auf dieser Tour. In Dörfern und Städten, wo der gemeine Spanien-Urlauber nicht unbedingt hinreist (auch nicht jenseits von Coronavirus-geplagten Lockdowns und Ausnahmezuständen). In seinen Nachtlagern in freier Natur. Und wenn er – wagemutig – auf Dorfplätzen seinen Notenständer aufbaut und die Geige "bearbeitet". Spielen dürfte vermutlich zu wohlwollend formuliert sein, denn ein zweiter Paganini ist aus ihm binnen sechs Monate Vorbereitung offenkundig dann doch nicht geworden – die Reaktionen seiner Zuhörer zeugen davon. Was man auch merkt, wenn er deren Langmut beschreibt. Und die ihm vermutlich eher als Schweigegeld denn als Entlohnung bis zum Ende der Reise insgesamt exakt 125,40 Euro in den Geigenkasten geworfen haben werden. Dann war ich bei ihm. Und seinen übrigens fünf, nicht drei!, leidlich gut beherrschten Melodien.

Dabei fängt alles so herrlich verrückt an, so dass ich doch gerne das für Dritte eher nervenaufreibende Anfänger-Gekratze des Geigen-Eleven in echt gehört hätte (zumindest phasenweise), der binnen eines Winterhalbjahres genug gelernt haben will, um es Laurie Lee und seinem autobiographischen Buch "As I walked out one midsummer morning" nachzutun. Das las Humphreys, wie er auch in seinem Buch mehrfach betont, das erste Mal in seiner Jugend (als ziemlich zerlesene Ausgabe von 1974 geht es mit ihm auch auf die Tour) und ließ ihn seitdem nicht mehr los. In der Bahn sitzend verschickt er spontan eine E-Mail in Sachen Geigen-Stunden, der erste Vorbereitungsschritt ist getan. Um es seinem Idol nachzumachen: Lee reist in diesem Roman nur mit einer Geige (und leichtem Gepäck, das an Humphreys Packliste, die man am Buchende nachlesen kann, bei Weitem nicht heranreicht) durch Spanien und verdient sich sein tägliches Essen als Straßenmusiker – bis der Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs die Reise, die ihn im Gegensatz zu Humphreys nicht nur bis Madrid sondern bis ans Mittelmeer führt, abrupt unterbricht.

Humphreys marschiert auf der gleichen Route, die dennoch eine ganz andere ist  – und kommt am Ende nicht nur in Madrid an. Er kommt auch bei sich an. Und da mochte ich ihn dann endlich auch. Deutlich mehr als am Anfang seiner Wanderschaft, die letztlich ein bisschen was von "persönlicher Jakobsweg" hat, obwohl der Weg im Zeichen der Muschel wo ganz anders in Spanien liegt. Weil bei ihm der eine oder andere Groschen gefallen ist. Nicht nur in den Geigenkasten. Gut, dass ich durchgehalten habe. Wie er. Seine Zuhörer. Und nicht zuletzt seine Familie.

Warum? Ich sage es mal mit den oft zitierten Worten von Pearl S. Buck: Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das große vergebens warten. In diesem Sinne: Einfach lesend mitwandern. Das zumindest darf man ja in Zeiten wie diesen.

Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Sabine Lay: Hibiskustage

Veröffentlicht am 20.04.2020

Ich mach’s mir mal einfach und zitiere zum Einstieg den Klappentext – denn warum etwas besser zusammenfassen wollen, wenn es schon jemand bestens auf den Punkt gebracht hat? Also:

"Sie waren einmal unzertrennlich: Izzy, Mel, Kerstin und Sarah. Doch nun sind sie fast 40, und die täglichen Anforderungen des Lebens lassen es selten zu, Zeit miteinander zu verbringen. Umso größer ist die Freude, als Izzy einlädt, ihren 40. Geburtstag gemeinsam auf Hawaii zu feiern. Kaum angekommen, verschlägt die Schönheit und Blütenpracht der Insel den Freundinnen den Atem.

Nur Izzy ist nicht da. Während die drei einen traumhaften, sonnendurchfluteten Tag nach dem anderen verbringen und spüren, wie der Zauber der Insel sie langsam wieder einander annähert, lässt Izzy sich immer aufs Neue entschuldigen. Langsam beschleicht die drei das Gefühl, dass ihre Freundin vor dem Wiedersehen zurückschreckt. Was ist nur los?"

Um es kurz zu fassen: Eine Menge. Wie das mit alten Schulfreundinnen so ist, die zwar zusammen eine private Chatgruppe mit dem klangvollen Namen 44ever habe, aber eigentlich in alle Winde zerstreut sind.

Die eine ist Schauspielerin in den USA (lange scheint es, dass sie die einzig Ehrliche im Quartett ist, aber dem ist nicht so …), die nächste Köchin in München, die dritte Ferienhausbesitzerin an der Ostsee irgendwo bei Eckenförde, die vierte arbeitet in einer großen Kanzlei in London. Und jede trägt so ihr mal größeres, mal kleineres Päckchen mit sich rum, bestehend aus geplatzten Lebensträumen sowie verfehlten Berufsentscheidungen (von wegen Starjuristin, Sterneköchin usw.), schief gegangenen Lieben (ob Ehemann oder Liebhaber, mit ihren Männern hatte keine so richtig lange Glück) und sogar einer verheimlichten schweren Krankheit (die am Ende aus dem Kleeblatt ein Trio machen) – um nur grob zu skizzieren, was während der "Hibiskustage" (Penguin Verlag, 10,00 Euro; auch als eBook erhältlich) plötzlich alles so zutage kommt.

Denn kann man ein Paradies genießen, wenn man seine persönliche Hölle mit sich rumschleppt? Die Protagonistinnen lernen rasch: Nein, die Nummer mit dem Selbstbetrug und "Schein statt Sein" lässt sich vor knallblauem Himmel, weißem Strand, grünen Palmen und einem Meer von bunten Hibiskusblüten schwer durchhalten. Dafür strahlt die Sonne zu sehr (und tobt ein Sturm zu schwer) und leuchtet jeden Winkel der Vergangenheit und Gegenwart aus. Und so fallen nacheinander die Masken – und alle bekennen Farbe in dem blütenreichen Mikrokosmos von Oahu, jener Insel im Pazifik, wo der Roman spielt.

Das sollte ich erwähnen: Ich war schon einmal dort. Es ist ewig her. Im November 1993, um genau zu sein. Und mit jeder Szene, die den zentralen Spielort der Handlung verließ (eine große Holz-Villa mit Veranda zum großen Garten hin und Strandzugang … sie muss herrlich sein!), war ich wieder mehr dort. Sogar ohne das entsprechende Fotoalbum aus dem Regal zu nehmen – was ich, nachdem ich das Buch ruck zuck verschlungen hatte (weil ich auf das Wiedersehen der 44ever neugierig war und natürlich, das was dann doch bei Zeiten klar, auch wissen wollte, wie ihre Entscheidungen, wie man sich auch mit 40 noch mal neu erfinden und anfangen kann, ausfallen werden), letztlich doch getan habe.

Ob Blütenpracht, Wellenreiten oder Ananas-Plantagen, Honolulu mit Waikiki, Diamond Head oder Pearl Harbour – ich kam mir vor wie damals. Alles war wieder da. Unzählige Gerüche und Bilder, sogar wie der Wind sich dort anfühlte, waren auch jenseits der eingeklebten Fotos wieder präsent (ja, es gab mal analoge Zeiten, da machte man sowas!). Auch, was man getrost schnell abhaken kann und wo es stattdessen lohnt, anzuhalten und womöglich sogar verbotene Pfade zu betreten. Weil man mit den tollsten Blütenhainen, schillerndsten Wasserfällen, großartigsten Aussichten und spektakulärsten Sonnenuntergängen belohnt wird.

Was will man von einem Buch, das man genau deswegen haben wollte, weil es schon mit der Kurzbeschreibung erste Erinnerungen weckte, mehr, als dass es einen so sensationell intensiv wieder dorthin zurückbringt? Geschenkt, dass die kleinen Irrungen und Wirrungen absehbar sind. Das weiß man beim "Traumschiff" nach der Einschiffung aller Protagonisten ja auch binnen der ersten zehn TV-Minuten – und hier eben nach 100 Seiten, denn dann sind alle 44ever endlich auf der Insel. Aber einem auch schon richtig ans Herz gewachsen. So geht gute Unterhaltung. Herrliche Ablenkung. Beste Belletristik.

Kein Wunder, denn hinter dem Pseudonym Sabine Lay verbirgt sich mit Sabine Landgräber eine erfolgreiche Autorin und erfahrene TV-Regisseurin. Für die die Inseln von Hawaii während unzähliger Reisen "zum Herzensort geworden" sind, wie der Verlag es beschreibt. Kann ich verstehen, denn bei meinem damaligen, zweiwöchigen Inselhüpfen habe ich zwar auch noch Kauai, Maui und Big Island gesehen. Doch bis heute immer wieder gedacht, da musst Du noch mal hin und ein, zwei Inseln mit viel mehr Muße besuchen und auf Dich wirken lassen.

Na, zumindest auf Oahu (das war eine davon) war ich jetzt wieder. Irgendwie. Und zwar weitaus länger als rund 400 kurzweilige Taschenbuchseiten lang. Allerbestes Kopfkino eben. Ok, mit dem kleinen Vorteil, dass ich schon mal da war. Von daher kann ich aber auch sagen: Der geneigte Leser darf jede Zeile über die Insel selbst definitiv für bare Münze nehmen. Und der Rest? Ist ein wunderbar unterhaltsamer Roman. Um in Zeiten wie diesen einfach mal abzutauchen und sich wegzuträumen. Und wer noch nie dort war, kann ja dann (Reise-)Pläne schmieden für "andere Zeiten".

Ich habe das Taschenbuch völlig überraschend bei einem Newsletter-Gewinnspiel gewonnen – denn ich gewinne sonst nie: Meine Journalistenkollegin Carin Müller (zugleich Buchautorin) hatte dafür u.a. ihre Autorenkollegin Sabine Lay alias Sabine Landgräber interviewt und natürlich ging es darin auch um "Hibiskustage". Danke an beide, es war mir ein Lesevergnügen!

Ein Hauch von Orient auf dem heimischen Tisch

Veröffentlicht am 08.04.2020

Kochen wie im Morgenland? Das bekommt jeder hin – auch ohne hilfreichen Flaschengeist!

Denn Zutaten wie Lamm, Linsen, Kichererbsen, Couscous und Joghurt bekommt man auch hier. Ebenso Gewürze und Kräuter wie Kreuzkümmel, Koriander, Minze & Co., die den Speisen den unverkennbaren Touch des Orients verleihen. Das sind auch tolle Reise-Mitbringsel, die man – wenn die Zeit dafür wieder gekommen ist – bei einem Suq- oder Basar-Bummel (vermutlich aber noch eine Weile mit gebührendem Abstand) erstehen kann.

Derweil kann man seine Urlaubserinnerungen ja zum Beispiel etwas mit selbstgemachten Mezze stillen. Denn was wäre die orientalische Küche ohne diese ihre traditionellen Vorspeisen?

Genau dort findet sich allerlei, vom kleinen "Bällchen" über Teigtaschen bis zum bunten Salat, das auch hierzulande gerne vorweg verzehrt wird – wenn auch eben ganz anders gewürzt: Meist kalt serviert, sind die kleinen morgenländischen Köstlichkeiten letztlich ja nichts anderes als ferne Verwandte der Anti Pasti oder auch Tappas. Den modern-westlichen Genusstrends kommt dabei entgegen, dass sie hauptsächlich vegetarisch sind.

Ohne Desserts geht’s nicht? Auch da kann man das Morgenland recht einfach auf den heimischen Tisch zaubern.

Keine orientalische Tafel kommt ohne das süße Ende aus, wozu gerne Minztee gereicht wird: Am beliebtesten sind auch hier die kleinen Leckereien, wie die knusprigen Mabruma oder das mit Rosenwasser hergestellte Balluria-Konfekt. Am bekanntesten? Baklava! Das supersüße Blätterteiggebäck, meist gefüllt mit Walnüssen, Mandeln oder Pistazien, ist im gesamten orientalischen Raum und auf dem Balkan zu finden. Nach dem Backen wird es mit Zucker(rosen)wasser übergossen – süßer geht’s nimmer. Für mich persönlich too much, dafür mögen anderen keine Schokolade mit 80+ Prozent Kakaoanteil.

Mein Kochbuch-Vorschlag daher für alle, die sich gerne lukullisch wegträumen möchten und etwas Abwechslung auf den Küchentisch zaubern wollen, wäre von Rawia Bishara "Hummus, Bulgur & Za'atar. Mediterran-orientalische Köstlichkeiten" (Edition Fackelträger, 19,99 Euro) gewesen. 2015 auf Deutsch erschienen, ist es aber leider offiziell nicht mehr lieferbar. Wie schade. Immerhin sind noch vereinzelt Restbestände im Handel auffindbar, etwa bei Amazon.de. Und im modernen Antiquariat (samt entsprechender Plattformen) habe ich es auch etliche Male gesehen.

Denn was für eine opulente mediterran-orientalischen Tafel tut sich hier auf! Über 130 Rezepte, liebevoll eingeleitet mit kulinarischen Notizen, etwa zu Essgewohnheiten, Zutaten oder auch einfach nur persönlichen Genuss-Erinnerungen der in Nazareth geborenen Autorin, warten darauf, nachgekocht zu werden. Dabei interpretiert sie in acht Kapiteln typische Gerichte der Nahostküche mal ganz traditionell-authentisch, dann kreativ-neu. Spannend.

Rawia bedeutet übrigens auf Arabisch "Geschichtenerzähler" – und genau so kommt ihr reich bebildertes Buch auch daher. Als 1.001 köstliche Küchengeschichten, die einen an den Herd locken, um dort Kochabenteuer zu bestehen, von einfach bis aufwendig. Rantasten ist also kein Problem.

Extra-Tipp:
Beim ergänzenden Rumstöbern habe ich entdeckt, dass bei NVG eine Art Nachfolgeband von der leidenschaftlichen Köchin und Restaurant-Inhaberin (in New York, wo man derzeit ja auch leider weder hinreisen noch essen gehen kann) erschienen ist, der vermutlich nicht weniger lesenswert ist: "Levante. Die moderne Küche des Vorderen Orients" (NVG, 10,00 Euro).

Bei dem Preis kann man sicher nicht viel verkehrt machen. Vor allem, wenn man Hummus, Bulgur & Za'atar wirklich mag. Wie bei den Mezze gilt daher fürs Buch: Am besten einfach probieren! Wenn ich wieder in die Buchhandlung meines Vertrauens kann, werde ich auch schauen, ob sie es da haben. Um zumindest mal reinzublättern. Vielleicht kaufe ich es auch zum Verschenken ...

Das erstgenannte Kochbuch wurde mir vor einiger Zeit als Rezensionsexemplar vom Verlag im Rahmen einer größeren Kochbuch-Strecke zur Verfügung gestellt.

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