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Angelesen         

Lesetipps, mal sachlich, mal unterhaltend - aber ums Reisen geht's irgendwie immer. Zumindest aber um Reiseziele.

Texterlei

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MarianneSalentin-Träger (Hrsg.): Algarve. Eine kulinarische Reise

Veröffentlicht am 23.05.2021

Auf rund 70 Rezepte verschiedenster Küchenchefs der Algarve, von der Küste bis in die Berge, dürfen sich die Liebhaber (und solche, die es werden wollen) der beliebten Region in Europas westlichstem Mitgliedsstaat im 360 Seiten umfassenden Band "Algarve. Eine kulinarische Reise" (Knesebeck Verlag, 40,00 Euro) freuen. Mit vielen authentischen Geschichten und Reportagen von Menschen und Persönlichkeiten, aus Küchen und Kellern, vom Herd und aus dem Ofen sowie starken Bildern zwischen Bergen und Meer – im Sinne von ansprechend-kraftvoll bis intim-emotional – macht das aufwendig produzierte Genuss-Reisebuch, das eine verführerische Melange aus Kochbuch und Reiseführer ist, Lust auf eine (erste? die nächste? oder so-und-so-vielte?) Reise in den wilden Süden Portugals. In Gedanken, am eigenen Herd oder auch ganz real. In jeden Fall aber kulinarisch-köstlich.

Und so überzeugend, dass die kreative Mannschaft um Herausgeberin Marianne Salentin-Träger, die dafür zusammen zwei Jahre lang immer wieder die Algarve bereist und erkundet hat, sich bereits kurz nach Erscheinen über erstes Lob aus berufenem Munde freuen kann: Es wurde in diesem Frühjahr mit den Gourmand World Cookbook Awards 2021 in den Kategorien "Bestes Buch Portugal" und "Bestes Buch International" ausgezeichnet. Damit ist das Reise(koch)buch – zu dessen Entstehung und Hintergründen, den Recherchereisen zu nicht einfachen Zeiten sowie last but not least zu den aufgespürten Rezepten man auf Culinaryjourneys allerlei nachlesen kann – zweifach nominiert für die "Best in the World Awards" im Herbst 2021.

Ehrlich gesagt, ist das kein Wunder. Das Buch bringt einem (auf den ersten rund 200 Seiten) mit so viel spürbar-lesenswerter Macher-Lust vor allem die verschiedensten Facetten der Algarve näher  – von der einmalig-vielfältigen Landschaft bis hin zum teils höchst unterschiedlichen Alltag ihrer Bewohner. Die Buchprotagonisten jedoch kochen, backen oder braten längst nicht nur. Es gibt auch gar nicht so kleine Abstecher zu Gemüsebauern und Winzern, zu Käsemachern und Fischern, selbst Kork-Schäler, ganz besondere Jäger und wagemutige Surfer kommen zu Wort. Und natürlich sind da die unverwechselbaren Gerichte mit traditionellen, landestypischen Zutaten, wobei die Palette der vorgestellten Rezepte und ihrer Köche von der einfachen Küche über trendig-moderne Kreationen bis hin zur Spitzengastronomie reicht (ab Seite 202).

Man kann sich also getrost ans Nachkochen wagen, nicht nur als engagierter Laie mit Profi-Ambitionen, sondern auch Küche-Eleve. Hier kann sich jeder die Algarve auf den Teller zaubern. Wie wäre es etwa mit Tártaro de atum com figus? Klingt toll, oder? Das "Thunfisch-Tartar mit Feigen" gelingt aber jedem, denn hier kann garantiert nichts anbrennen. Auch beim Estufo de legumes, dem Gemüseschmortopf, kann eigentlich kaum einer was falsch machen. Sogar das notwendige Frittieren der Süßkartoffeln und Pimientos de Padrón in der Pfanne scheint  kein so großes Hexenwerk. Das Buch sollte man dann allerdings etwas weiter weg legen – Fettspritzfleckengefahr! Lust auf Süßes hinterher? Wie wäre es mit Bolo de amêndoa e gila? Ich konnte den Kürbismandelkuchen schon beim Lesen förmlich in der ganzen Wohnung duften riechen. Und dann all die Ideen zu Fisch und Fleisch, hmmm.

2014 erschien übrigens aus den Händen des (fast) gleichen Teams "Verführerisches Zypern" (Callwey Verlag, 39,95 Euro). Die Köche sind naturgemäß andere, Text, Bild und Art Direction lagen in den gleichen Händen. Auch da merkte man jeder Seite – und jedem Text, jedem Foto, jedem Rezept – an, wie viel Herzblut, Aufwand und Engagement zwischen den beiden Buchdeckeln stecken. Schon damals funktionierte die Gratwanderung zwischen den Welten perfekt, ist das Kochbuch zugleich Reiseführer, wirkt wie ein edles TableBook und will doch, dass man mit ihm arbeitet, äh: kocht. Es ruft Erinnerungen hervor und weckt Sehnsüchte. Wie hier. (Die ganze Zypern-Rezension gibt’s hier.)

Wie pflegte ein früherer Chef von mir zu sagen (auch wenn er nicht die Quelle dieses Zitats ist, das war der englische Fußballtrainer Alf Ramsey)? Never change a winning team. Für Marianne Salentin-Träger und ihre Mitstreiter gilt das zweifelsfrei. Da müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn auch dieses Buch nicht noch weitere Preise abräumt. Zugegeben, die Latte hängt hoch: Bei "Verführerisches Zypern" waren es am Ende immerhin sieben internationale Auszeichnungen, darunter der GOURMAND World Cookbook Award 2015, der ITB BuchAward 2015 in der Kategorie "Reise-Kochbuch" sowie der IACP Cookbook Award 2015 in der Kategorie "Culinary Travel". Aber die ersten zwei hat die "Algarve" ja schon …

Doch für den sich gerne wegträumenden, mehr wissen wollenden, selbst nachkochenden (wahlweise sich bekochen lassenden) und gerne genießenden Leser zählt ja vor allem eins, dass das Buch all das so gekonnt möglich macht. Im Kopf und/oder auf dem Teller. Auszeichungen und Preise hin oder her. In diesem Sinne Bom apetite – und vielleicht auch Boa Viagem. Guten Appetit – und gute Reise. Ich jedenfalls habe auf meiner (nicht nur Post-Corona-)Reise-Wunschliste die Algarve noch einmal dick unterstrichen. Bis dahin habe ich das Buch.

Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Marianne Theil: Einmal um die ganze … (halbe) Welt

Veröffentlicht am 04.02.2021

Einem geschenkten Maul schaut man nichts in Maul, heißt es. Und so halte ich es auch bei Büchern,die ich mir nicht gezielt gewünscht oder selbst gekauft habe, aber als Geschenk den Weg auf meinen irgendwie nie versiegenden Lesestapel finden. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Im Zweifelsfall kann ich es immer noch "nur" querlesen und das Buch dann am nächsten Bücherstand "spenden" – dort wird es dann schon (s)einen Leser finden, der er sich bewusst aussucht. Oft vorgekommen ist das bislang aber noch nicht.

So hatte ich ehrlich gesagt keine allzu großen Erwartungen an ein Buch aus dem Hause Tredition, denn dort gibt’s kein Verlagsprogramm im engeren Sinne, sondern den ganz großen Bauchladen: Jeder der will, kann hier zum Buchautor werden. Was immer man publizieren möchte, hier hat man die Chance, denn die Hürde Lektor muss hier nicht genommen werden.

Das "Warum" findet sich in der Selbstdarstellung: "Das moderne Verlagskonzept von tredition verbindet die Freiheiten des Self-Publishings mit aktiver Vermarktung sowie Service- und Produktqualität eines Verlages." Und weiter: "Durch state-of-the-art-Technologien wie das Veröffentlichungstool ‚publish-Books‘ bietet tredition Autoren die beste, schnellste und fairste Veröffentlichungsmöglichkeit." Man rühmt sich auch der Veröffentlichungsmöglichkeiten als Paperback, Hardcover und e-Book. Und ja, in der Tat, wenn man um einen dortigen Titel weiß und ihn googelt, so verweist die Ergebnisliste sogleich auf alle einschlägigen großen (Versand-)Buchhändlern. Geliefert wird ein Book-on-Demand, sprich gedruckt wird erst bei Bestelleingang.

Kurzum, ich zuckte also ein bisschen, als ich genau solch ein Buch geschenkt bekam. Das nennt man wohl klassisches Vorurteil, schließlich haben einige inzwischen etablierte Autoren als Self-Publisher angefangen, um sich auszuprobieren und ihr Publikum zu finden. Die Lese-Erwartung war – trotzdem, Asche auf mein Haupt – damit ehrlich gesagt nicht besonders hoch, trotz des verheißungsvollen Titels. Umso überraschter war ich, wie mich "Einmal um die ganze … (halbe) Welt" (Tredition, Paperback, 12,99 Euro) dann schnell durch seine authentisch-persönliche Art durchaus kurzweilig unterhielt mit einer Mischung aus persönlichem Reisebericht, angelesenem und/oder vor Ort gelerntem Destinationswissen, das teils über 08/15-Kenntnisse hinaus ging und so echten Mehrwert bedeutet, sowie diverser Gedankengänge über Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein, das Leben im Allgemeinen und über selbstgemachte Lebenserfahrungen im Besonderen.

Ich bin gerne mit Marianne Theil um die halbe Welt gereist, bevor sie genau am anderen Ende der Welt – in Neuseeland – von der Corona-Pandemie ausgebremst wurde, weswegen aus der geplanten einjährigen Auszeit und Weltreise eben am Ende nur eine halbe wurde. Daher der Titel. Habe mit ihr zuvor Station in den Emiraten gemacht, in Indien, Thailand und Kambodscha, in Malaysia, auf Bali und in Australien. Habe mit ihr gelernt was Loslassen heißt und Einlassen. Wie man trotz mangelnder Englischkenntnisse weit(er) kommt, sich nicht von frechen Taxifahrern entmutigen lassen sollte, das Erdbeben-Erlebnisse anscheinend relativ sind oder das ewige Barfußlaufen in Tempeln auch nach zig solcher Besuche gewöhnungsbedürftig bleibt und hygienisch fraglich, man aber in Nachtzügen diesbezüglich wiederum angenehm überrascht werden kann. Dass unterwegs nicht nur die Sonne scheint – und man Fehlbuchungen als solche hinnehmen und am besten baldmöglichst die Flucht, sprich Weiterreise zu schöneren Plätzen antreten sollte. Kurzum, dass auch Reisende ihre Höhen und Tiefen erleben. Und man sich selbst immer im Gepäck dabei hat, egal wie weit man reist.

Zwar hätte dem Manuskript hier und da ein richtiges Lektorat ebenso gut getan wie ein ordentliches Korrektur lesen des Drucklayouts; aber für ein Herzensprojekt, was diese Reise um die am Ende leider nur halbe Welt nachlesbar war und ist, sind das gelungene 180+ Seiten Lesestoff, um ein, zwei , drei nasskalte Winter- und Pandemietage mit Tagträumen von vielfach traumhaften, zudem oftmals sonnig-warmen Reisezielen zu füllen (ein, zwei, drei "Traumziele" von mir waren auch dabei). Und, das sollte nicht vergessen werden: Der herzlich-ehrliche Reisebericht zeigt, dass auch frau ganz gut alleine unterwegs sein kann, was auch die eingestreuten Bilder veranschaulichen. Wer also jemanden kennt, der bislang nur "pauschal" unterwegs war und sich das nicht traut – hier gibt’s ehrliche Antworten auf die Frage, ob das geht. Es geht. Genauso wie Self-Publishing. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Der Selbsttest zeigt wieder einmal: Wer unbekannten Autoren keine Chance gibt, hat womöglich unterhaltsame (wahlweise lehrreiche, sachkundige, spannende ...) Lesestunden verpasst. Denn dafür muss es längst nicht immer der angesagte Bestseller sein und auch kein zukünftiger Nobelpreisträger für Literatur.

Rita Mielke, Hanna Zeckau: Atlas der verlorenen Sprachen

Veröffentlicht am 18.10.2020

Man möchte meinen, in Zeiten wie diesen sollte man den Globus zum Drehen bringen, um zumindest mit dem Finger darauf auf Reisenzu  gehen – wo das doch momentan "in echt" kaum geht. Dumm nur: ich habe keinen. Aber einen großen Welt-Atlas, der griffbereit hinter mir im Regal steht. Und der landete in letzter Zeit durchaus vermehrt auf meinem Schreibtisch. Denn das Blättern darin ist doch was anderes, als via Google Maps und Co. die Welt zu erobern.

Schon das Wort Atlas steht für mich einfach für mehr. Für Entdeckerlust. Für Neues. Für fast Vergessenes. Für Sehnsucht. Für Vorbereitung. Für Träume. Und auch das Wort selbst bedeutet so viel mehr: Der Eine denkt womöglich als Erstes an den obersten Halswirbel, der unseren Kopf trägt. Der nächste an jenen Titanen aus der griechischen Mythologie. Der oder wohl eher die Dritte womöglich an das gleichnamige schwere Seidengewebe, das so herrlich glänzt. Ich persönlich denke immer zuerst an jenes kartografische Werk, das mich schon zu Schulzeiten faszinierte. Mindestens so sehr wie der Brockhaus, in dem ich – ungelogen – noch ewig weiterlesen konnte, nachdem ich ein Wort nachgeschaut hatte und mich ein Begriff zuvor oder danach überraschend in den Bann zog. Denn ja, es gab mal eine Zeit vor Google und Co. als man für solche Suchen noch zu gedruckten Enzyklopädien griff. Kurzum: Wörter, Begriffe, Sprache, Karten, mit alldem kann man die Welt erobern, ohne den Schreibtisch oder das Sofa zu verlassen. Und erlebt eine Welt, die einst vielfältiger war, als unser Globus heute noch immer ist. Und das nicht nur des Klimawandels wegen oder weil  eben nur der Stärkere überlebt.

Kein Wunder also , dass mich ein Buch mit dem Titel "Atlas der verlorenen Sprachen" sofort angesprochen hat. Erschienen ist es dieser Tage im DUDEN Verlag (28,00 Euro) und nimmt den Leser mit auf eine etwas andere, da linguistische Reise um die Welt. Denn die Sprache ist wohl unser wichtigstes Kulturgut: Sie verbindet und trennt. Sie prägt unsere persönliche und kulturelle Identität. Die Sprachforschung geht heute von weltweit mehr als 7.000 gesprochenen oder zumindest dokumentierten Sprachen aus. Einige von ihnen werden von Hunderten Millionen Menschen gesprochen, andere stehen mit wenigen Sprechenden kurz vor dem Vergessen. Für den "Atlas der verlorenen Sprachen" hat Autorin Rita Mielke 50 dieser Sprachen ausgewählt, von denen die meisten, siehe Buchtitel, wohl kaum einer kennen dürfte, da sie längst, zumindest aber fast verloren gegangen sind.

Abgesehen vielleicht dem Namen nach die anerkannte Minderheitensprache der Sami in Skandinavien, dem ersten Kapitel der Rubrik Europa. Zumindest damit konnte ich im Inhaltsverzeichnis nämlich gleich was anfangen, in diese Welt durfte ich schon einmal kurzzeitig eintauchen. Schon beim Aussprechen des Worts tauchen vor meinem geistigen Auge Bilder einer tief verschneiten Lapplandreise auf, meinte ich Gerüche wieder zu erleben, Sprachfetzen zu hören. Ebenso spulte sich bei Hawaiianisch (einem Kapitel der Rubrik Australien/Ozeanien) im Kopfkino gleich eine Reise mit vierfachem Island-Hopping ab, lange ist’s her und doch war sofort alles präsent. Als wäre ich gestern von diesen nachhaltig erstaunlich-beeindruckenden 14 Tagen zurück gekommen.

Ansonsten erst einmal große Ratlosigkeit, wer das wohl wo spricht. Doch dann finden sich doch noch ein, zwei, drei Sprachen, deren Namen zumindest Assoziationen wecken und mich gleich reinblätternd checken lassen, ob die Vermutungen in die richtige (Reise-)Richtung gehen: Bei Navajo, einem Kapitel in der Rubrik Amerika, klingelte es bei mir als jugendlichen Fan von "Winnetou" und nachfolgendem Verschlinger von allem, was es über den echten Wilden Westen Wissenswertes zu lesen gab. Koptisch findet sich bei Afrika – aha, hatten die ägyptischen Christen der koptischen Kirche also einstmals eine eigene Sprache? Und Etruskisch wurde dereinst in Mittelitalien, vornehmlich in der Toskana, gesprochen, dann geht’s also in der Tat um die Etrusker. Und schon war ich wieder drin in meinem Atlanten-Schmöker-Modus, hatte wieder dieses Enzyklopädie-Weiterblätter-Verlangen zugeschlagen. Herrlich, wie man so die Welt entdecken kann!

Das hat sicherlich auch viel mit dem hochwertigen Papier zu tun, das das Buch mit dem blauen Leinenrücken schon haptisch zu einem Genuss macht. Man fasst es einfach gleich gerne an, spürt, dass es nicht für die kurze intensive Lese-Session eines verregneten Wochenendes gedacht ist. Das hier ist was zum immer mal wieder ein Stichwort zum Lese-Anlass nehmen und dann doch noch ein, zwei weitere Kapitel hängen bleiben. Ein Lernbuch, irgendwie, mit dem Abtauchen kann.

Und bereits die kleinen wunderbaren Illustrationen von Hanna Zeckau auf den ersten Seiten, noch bevor das Buch richtig beginnt, sind ein Augenschmaus, der on top zum Blättern und Schwelgen verführt. Wie ein Kind, dass zuerst die Bilder sprechen lässt, bin ich ihnen ins Buch gefolgt, um so in Kapiteln und bei Sprachen hängen zu bleiben, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte – und die wohl über kurz oder lang auch keiner mehr sprechen und weitergeben wird. Oder schon jetzt, siehe das Bespiel Etruskisch, nur noch in der Erinnerung existieren oder in Einzelwörtern unerkannt weiterleben. Spannend.

Und nein, keine Sorge, kein Kapitel des "Atlas der verlorenen Sprachen" kommt dabei verstaubt dozierend daher, im Gegenteil. Die 50 Sprachen aus fünf Kontinenten erscheinen höchst lebendig. Dazu bei tragen die einen um die Welt reisen lassenden Karten, die vielen liebevoll gezeichneten Erklär-Tafeln und insbesondere die farbigen (Aquarell-)Illustrationen von Hanna Zeckau, einer mehrfach (u. a. von der Stiftung Buchkunst) ausgezeichnete Berliner Illustratorin, Buchgestalterin und Grafik-Designerin. Aber vor allem ist es der abwechslungsreiche und neugierig machende Erzählstil von Rita Mielke, einer promovierte Literaturwissenschaftlerin und Kulturjournalistin, der einen hier auf Sprachspuren um die Welt wandeln lässt, deren Fährte man sonst wohl nie aufgenommen hätte.

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Ishbel Rose Holmes: Saving Lucy

Veröffentlicht am 22.06.2020

Der Titel verrät es schon, das ist kein "gewöhnliches" Reisebuch, obwohl es im DuMont Reiseverlag (14,95 Euro) erschienen ist und von einer Reise handelt. Genauer gesagt, es geht um eine Radreise durch die Türkei. Eine Kombination, die mir persönlich so nicht in den Sinn käme. Trotzdem habe ich das Buch gelesen. Zugegeben, es wanderte im Stapel "Lesen!" daher eine ganze Weile hin und her, lag mal weiter oben, dann wieder weiter unten. Denn erschienen ist es schon im November letzten Jahres (bzw. das Original zuvor bei Bradt bzw. VeloPress). Es war eben nicht so recht mein Thema – und doch, irgendwas in mir sagte: "Lesen!"

Dank eines kleinen Coronavirus gab’s auf einmal deutlich mehr Lesezeit als sonst. So war der Bücher-Stapel auf einmal dahin geschmolzen, weggelesen und/oder teils auch regelrecht abgearbeitet. Und Lucy hechelte mich wieder einmal erwartungsvoll vom Cover aus an. Es war an der Zeit, zusammen mit Buchautorin Ishbel Rose Holmes in die Pedale zu treten und über 200 Taschenbuchseiten nicht nur radelnd durch die Türkei zu reisen – sondern auch durch ihr Leben. Und durch das von Lucy. Zumindest für eine kleine Weile.

Denn entgegen des zuversichtlichen Titels "Saving Lucy" und des positiven Untertitels "Wie ich um die Welt reiste und eine Straßenhündin mir mein Zuhause schenkte", gibt es nicht das über hunderte Kilometer erradelte Happy End, das sich Ishbel Rose Holmes auf ihrer Tour für Lucy erhoffte und man als Leser beim Nach- bzw. Miterleben ebenso sehnsüchtig und mitfiebernd erwartet. Denn leider, auch wenn ich damit etwas verrate: Lucy wird das Buchende nicht erleben, gleichwohl sie bis zur letzten Seite omnipräsent ist. Und ihrerseits eine Mission erfüllt: Saving Ishbel.

Es scheint, dass alles, was die anfangs namenlose Straßenhündin erleiden musste und erleben durfte, einzig dazu bestimmt war, dass sie an einem Tag im Jahr 2014 "Im toten Winkel" – so auch der Name des ersten Buchkapitels – von Ishbels Rad auftauchte. So kreuzten sich nämlich zwei Lebenswege, die man durchaus streckenweise als "dramatisch", um nicht zu sagen "traumatisch" bezeichnen könnte.

Was einem aber erst im Laufe der Radreise und des Buchs immer klarer wird, wenn sich die Puzzleteile Stück für Stück zusammensetzen. Und ich an dieser Stelle auch nicht vertiefen möchte, obwohl ich eine Sache schon verraten haben. Doch wie sich Ishbel im Laufe des Buchs Dritten auf ihrer Reise und damit dem Leser (aber auch sich selbst gegenüber) öffnet oder Beobachtungen und Untersuchungen Lucys Schicksal immer begreifbarer machen (und das vieler anderer, vermutlich nicht nur türkischer Straßenhunde), das ist eine Reise, die quasi parallel zu den Kilometern durch die Türkei stattfindet, die jeder selbst "erfahren" sollte.

Nur so viel, denn das verrät auch der Klappentext: Ishbel Rose Holmes kam als Tochter einer schottischen Mutter und eines iranischen Vaters in England zur Welt. Schon früh begeisterte sie sich fürs Fahrradfahren — eine Leidenschaft, die sie mit ihrem Vater teilte. Er brachte ihr mit vier Jahren das Fahren bei, verließ aber wenig später die Familie für immer; was für Ishbel letztlich in eine Pflegefamilie führen sollte, wo sie zwar ein Dach über den Kopf hatte, aber nicht zuhause war. Trotzdem: Aus dieser Begeisterung entwickelte sich ihre spätere Karriere als Radsportlerin. Zunächst als Radrennfahrerin in Schottland und als Bahnrad-Sprinterin im Teheraner Velodrom für die iranische Nationalmannschaft. Dann kam der Plan, mit dem Fahrrad durch die ganze Welt zu radeln.

Das übrigens war schon ohne Lucy in den fünf Monaten und neun Ländern zuvor mit 30 Kilogramm Gepäck kräftig beladen und von seiner Machart her alles andere als wirklich tourentauglich, um allein zig Länder dieser Erde zu durchqueren: Ein lilafarbenes Aluminiumrad, das, so beschreibt es Ishbel, "für einen urbanen Lebensstil konzipiert war, für Fahrten ins Büro oder um sich mit Freunden einen Latte Macchiato zu besorgen, aber nicht, um damit um die Welt zu fahren." Und bis Lucy, die definitiv kein Schoßhündchen ist/war, in den Genuss eines komfortablen (aber gewichtigen) Hundeanhängers kommt, wird ihr Platz eine improvisiert am Lenker und Vorderrad befestigte Gemüsekiste sein. Denn eines ihrer vielen "Päckchen" ist eine zertrümmerte Pfote, die ihr das Straßenleben nicht gerade erleichterte.

Das Cover zeugt bereits davon. Übrigens ein haptisch sehr ansprechendes, teils mit Prägedruck und Dispersionslack gestalteter Einband, der mich ebenso "berührte" wie die kleinen Radzeichnung mit dem "grasigen" Straßenrand, eine Szenerie, die sich über alle Buchseiten zieht. Oder die sich über die kompakten 32 Fotoseiten hinziehenden gezeichnete Hundepfoten-Abdrücke. Dass die Fotos erst nach 2/3 des Buchs kamen, hat mich bei diesem Buch so gar nicht gestört, weil Ishbel es sehr gut verstanden hat, den Leser verbal an die Hand und in die Szenen mit hinein zu nehmen. Mein Kopfkino sprang zügig an – und traf etliches, wie ich dann feststellen konnte, zu 100 Prozent. Das spricht doch für eine ehrliche Art und emphatische Erzählweise, oder nicht?

Und so habe ich die beiden gerne auf ihrem Weg durch die Türkei begleitet, an der Küste entlang unter anderem durch Izmir und Antalya bis nach Antakya im Grenzgebiet zu Syrien. Bin mit Ishbel mittendrin einmal zurück nach Schottland geflogen oder in einen Überlandbus gestiegen. Habe Lucy und sie an Strände begleitet und beide beim (Wild)Campen erlebt. Und sage noch immer: Eine Radreise durch die Türkei ist auch weiterhin eine Kombination, die mir persönlich so nicht in den Sinn käme.

Aber man muss ja nicht alles nachmachen, lesen und wegträumen reicht vielfach auch. Nicht nur in Zeiten wie diesen. Und gerade wohl auch, obgleich Ishbel am Ende selbst anmerkt, dass man "sich von den negativen Momenten in diesem Buch nicht abschrecken lassen [sollte]." Denn da gibt es in der Tat im Buch bzw. auf ihrer Reise durch die Türkei mehr als einen Gänsehaut-Moment, den man sich als Urlauber in dem wohligen Service-Kokon der schmucken Hotel-Anlagen entlang der Türkisküste nur schwer vorstellen kann … Es ist eben, wie schon am Anfang geschrieben, kein "gewöhnliches" Reisebuch. Aber definitiv eine Lesereise wert.

Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Alastair Humphreys: Ein Sommer, drei Melodien, kein Talent

Veröffentlicht am 22.04.2020

Zu Fuß, ausgerüstet nur mit seiner Geige und dem Plan, sich mit dem durchzuschlagen, was er als Straßenmusiker verdient – so macht sich Alastair Humphreys auf den Weg von Vigo an der Nordwestküste Spaniens Richtung Hauptstadt Madrid. Auf den Spuren seines historischen Vorbilds Laurie Lee (dessen bekanntesten Werk "Cider mit Rosie" ist) "erträumt er sich Tage unter blauem Himmel, die Freiheit, nur dem Rhythmus der Straße zu folgen, und Menschen, die am Abend ausgelassen zu seiner Musik tanzen." Die Sache hat nur einen gar nicht so kleinen Haken: Humphreys kann gar nicht wirklich Geige spielen! Und er hat weit mehr Probleme im Gepäck als die Tatsache, ein eher talentloser Anfänger zu sein …

Und die haben es mir, um ehrlich zu sein, auch ziemlich viele Seiten lang echt schwer gemacht, mich auf diese de facto gerade einmal vierwöchige Reise einzulassen. Also eigentlich recht überschaubar, seine "abenteuerliche Reise als Straßenmusiker durch Spanien" (DuMont Reiseverlag, 14,95 Euro), wie das knapp 260 Seiten dicke Taschenbuch im Untertitel heißt. Zumindest im Vergleich mit dem, was der Brite, Jahrgang 1976, sonst schon so unternommen hat:

Er verbrachte über vier Jahre damit, um die Welt zu radeln. Zudem ist er durch Südindien gelaufen, über den Atlantik gerudert, hat Island durchquert und an einer Expedition in der Arktis teilgenommen. Außerdem hat er die sogenannten Mikroabenteuer erfunden (und den Begriff microadventure auch geprägt, wohinter sich nichts anderes verbirgt als, wenn auch teils etwas extreme, Outdoor-Erlebnisse vor der eigenen Haustür). Das alles hat dazu beigetragen, dass er 2012 zu einem der "National Geographic Adventurer of the Year" ernannt wurde.

Um es kurz zu machen: Er hadert damit, dass er für einen richtig echten Abenteurer als zweifacher Familienvater, der merkt, dass auch er nicht jünger wird und ja eigentlich seine Familie liebt und für sie da sein will, einen Ticken zu sesshaft geworden ist. Und klammert sich an diese Zeiten, statt nach vorne zu schauen, und jammert entsprechend rum. Auf hohem Niveau, denn offenbar kann er von seinen Abenteuervorträgen und Ruhm sowie Reiseartikeln ganz gut leben. So kam sein vielfaches Zurückschauen zumindest bei mir an. Und nervte mich. Irgendwie. Weil es mir, als es endlich losgeht, phasenweise zu wenig Lee, Spanien und Geige war. Hej, ich wollte doch diese Tour "mitwandern"!

Dranbleiben oder weglegen, das war also die Frage. Dann habe ich aber mal in die Buchmitte geblättert und die rund 30 Extra-Seiten Fotos angeschaut – und dem Buch wie Icherzähler doch noch eine Chance gegeben. Denn als er endlich seinen Wander-Tritt findet, wirklich durchs flirrend heiße Spanien stampft und auch (weitestgehend) dort bleibt ... dann war/ist das Buch für mich am stärksten, wenn Humphreys im Hier und Jetzt ist.

Auf dieser Tour. In Dörfern und Städten, wo der gemeine Spanien-Urlauber nicht unbedingt hinreist (auch nicht jenseits von Coronavirus-geplagten Lockdowns und Ausnahmezuständen). In seinen Nachtlagern in freier Natur. Und wenn er – wagemutig – auf Dorfplätzen seinen Notenständer aufbaut und die Geige "bearbeitet". Spielen dürfte vermutlich zu wohlwollend formuliert sein, denn ein zweiter Paganini ist aus ihm binnen sechs Monate Vorbereitung offenkundig dann doch nicht geworden – die Reaktionen seiner Zuhörer zeugen davon. Was man auch merkt, wenn er deren Langmut beschreibt. Und die ihm vermutlich eher als Schweigegeld denn als Entlohnung bis zum Ende der Reise insgesamt exakt 125,40 Euro in den Geigenkasten geworfen haben werden. Dann war ich bei ihm. Und seinen übrigens fünf, nicht drei!, leidlich gut beherrschten Melodien.

Dabei fängt alles so herrlich verrückt an, so dass ich doch gerne das für Dritte eher nervenaufreibende Anfänger-Gekratze des Geigen-Eleven in echt gehört hätte (zumindest phasenweise), der binnen eines Winterhalbjahres genug gelernt haben will, um es Laurie Lee und seinem autobiographischen Buch "As I walked out one midsummer morning" nachzutun. Das las Humphreys, wie er auch in seinem Buch mehrfach betont, das erste Mal in seiner Jugend (als ziemlich zerlesene Ausgabe von 1974 geht es mit ihm auch auf die Tour) und ließ ihn seitdem nicht mehr los. In der Bahn sitzend verschickt er spontan eine E-Mail in Sachen Geigen-Stunden, der erste Vorbereitungsschritt ist getan. Um es seinem Idol nachzumachen: Lee reist in diesem Roman nur mit einer Geige (und leichtem Gepäck, das an Humphreys Packliste, die man am Buchende nachlesen kann, bei Weitem nicht heranreicht) durch Spanien und verdient sich sein tägliches Essen als Straßenmusiker – bis der Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs die Reise, die ihn im Gegensatz zu Humphreys nicht nur bis Madrid sondern bis ans Mittelmeer führt, abrupt unterbricht.

Humphreys marschiert auf der gleichen Route, die dennoch eine ganz andere ist  – und kommt am Ende nicht nur in Madrid an. Er kommt auch bei sich an. Und da mochte ich ihn dann endlich auch. Deutlich mehr als am Anfang seiner Wanderschaft, die letztlich ein bisschen was von "persönlicher Jakobsweg" hat, obwohl der Weg im Zeichen der Muschel wo ganz anders in Spanien liegt. Weil bei ihm der eine oder andere Groschen gefallen ist. Nicht nur in den Geigenkasten. Gut, dass ich durchgehalten habe. Wie er. Seine Zuhörer. Und nicht zuletzt seine Familie.

Warum? Ich sage es mal mit den oft zitierten Worten von Pearl S. Buck: Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das große vergebens warten. In diesem Sinne: Einfach lesend mitwandern. Das zumindest darf man ja in Zeiten wie diesen.

Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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