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Angelesen         

Lesetipps, mal sachlich, mal unterhaltend - aber ums Reisen geht's irgendwie immer. Zumindest aber um Reiseziele.

Texterlei

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Ishbel Rose Holmes: Saving Lucy

Veröffentlicht am 22.06.2020

Der Titel verrät es schon, das ist kein "gewöhnliches" Reisebuch, obwohl es im DuMont Reiseverlag (14,95 Euro) erschienen ist und von einer Reise handelt. Genauer gesagt, es geht um eine Radreise durch die Türkei. Eine Kombination, die mir persönlich so nicht in den Sinn käme. Trotzdem habe ich das Buch gelesen. Zugegeben, es wanderte im Stapel "Lesen!" daher eine ganze Weile hin und her, lag mal weiter oben, dann wieder weiter unten. Denn erschienen ist es schon im November letzten Jahres (bzw. das Original zuvor bei Bradt bzw. VeloPress). Es war eben nicht so recht mein Thema – und doch, irgendwas in mir sagte: "Lesen!"

Dank eines kleinen Coronavirus gab’s auf einmal deutlich mehr Lesezeit als sonst. So war der Bücher-Stapel auf einmal dahin geschmolzen, weggelesen und/oder teils auch regelrecht abgearbeitet. Und Lucy hechelte mich wieder einmal erwartungsvoll vom Cover aus an. Es war an der Zeit, zusammen mit Buchautorin Ishbel Rose Holmes in die Pedale zu treten und über 200 Taschenbuchseiten nicht nur radelnd durch die Türkei zu reisen – sondern auch durch ihr Leben. Und durch das von Lucy. Zumindest für eine kleine Weile.

Denn entgegen des zuversichtlichen Titels "Saving Lucy" und des positiven Untertitels "Wie ich um die Welt reiste und eine Straßenhündin mir mein Zuhause schenkte", gibt es nicht das über hunderte Kilometer erradelte Happy End, das sich Ishbel Rose Holmes auf ihrer Tour für Lucy erhoffte und man als Leser beim Nach- bzw. Miterleben ebenso sehnsüchtig und mitfiebernd erwartet. Denn leider, auch wenn ich damit etwas verrate: Lucy wird das Buchende nicht erleben, gleichwohl sie bis zur letzten Seite omnipräsent ist. Und ihrerseits eine Mission erfüllt: Saving Ishbel.

Es scheint, dass alles, was die anfangs namenlose Straßenhündin erleiden musste und erleben durfte, einzig dazu bestimmt war, dass sie an einem Tag im Jahr 2014 "Im toten Winkel" – so auch der Name des ersten Buchkapitels – von Ishbels Rad auftauchte. So kreuzten sich nämlich zwei Lebenswege, die man durchaus streckenweise als "dramatisch", um nicht zu sagen "traumatisch" bezeichnen könnte.

Was einem aber erst im Laufe der Radreise und des Buchs immer klarer wird, wenn sich die Puzzleteile Stück für Stück zusammensetzen. Und ich an dieser Stelle auch nicht vertiefen möchte, obwohl ich eine Sache schon verraten haben. Doch wie sich Ishbel im Laufe des Buchs Dritten auf ihrer Reise und damit dem Leser (aber auch sich selbst gegenüber) öffnet oder Beobachtungen und Untersuchungen Lucys Schicksal immer begreifbarer machen (und das vieler anderer, vermutlich nicht nur türkischer Straßenhunde), das ist eine Reise, die quasi parallel zu den Kilometern durch die Türkei stattfindet, die jeder selbst "erfahren" sollte.

Nur so viel, denn das verrät auch der Klappentext: Ishbel Rose Holmes kam als Tochter einer schottischen Mutter und eines iranischen Vaters in England zur Welt. Schon früh begeisterte sie sich fürs Fahrradfahren — eine Leidenschaft, die sie mit ihrem Vater teilte. Er brachte ihr mit vier Jahren das Fahren bei, verließ aber wenig später die Familie für immer; was für Ishbel letztlich in eine Pflegefamilie führen sollte, wo sie zwar ein Dach über den Kopf hatte, aber nicht zuhause war. Trotzdem: Aus dieser Begeisterung entwickelte sich ihre spätere Karriere als Radsportlerin. Zunächst als Radrennfahrerin in Schottland und als Bahnrad-Sprinterin im Teheraner Velodrom für die iranische Nationalmannschaft. Dann kam der Plan, mit dem Fahrrad durch die ganze Welt zu radeln.

Das übrigens war schon ohne Lucy in den fünf Monaten und neun Ländern zuvor mit 30 Kilogramm Gepäck kräftig beladen und von seiner Machart her alles andere als wirklich tourentauglich, um allein zig Länder dieser Erde zu durchqueren: Ein lilafarbenes Aluminiumrad, das, so beschreibt es Ishbel, "für einen urbanen Lebensstil konzipiert war, für Fahrten ins Büro oder um sich mit Freunden einen Latte Macchiato zu besorgen, aber nicht, um damit um die Welt zu fahren." Und bis Lucy, die definitiv kein Schoßhündchen ist/war, in den Genuss eines komfortablen (aber gewichtigen) Hundeanhängers kommt, wird ihr Platz eine improvisiert am Lenker und Vorderrad befestigte Gemüsekiste sein. Denn eines ihrer vielen "Päckchen" ist eine zertrümmerte Pfote, die ihr das Straßenleben nicht gerade erleichterte.

Das Cover zeugt bereits davon. Übrigens ein haptisch sehr ansprechendes, teils mit Prägedruck und Dispersionslack gestalteter Einband, der mich ebenso "berührte" wie die kleinen Radzeichnung mit dem "grasigen" Straßenrand, eine Szenerie, die sich über alle Buchseiten zieht. Oder die sich über die kompakten 32 Fotoseiten hinziehenden gezeichnete Hundepfoten-Abdrücke. Dass die Fotos erst nach 2/3 des Buchs kamen, hat mich bei diesem Buch so gar nicht gestört, weil Ishbel es sehr gut verstanden hat, den Leser verbal an die Hand und in die Szenen mit hinein zu nehmen. Mein Kopfkino sprang zügig an – und traf etliches, wie ich dann feststellen konnte, zu 100 Prozent. Das spricht doch für eine ehrliche Art und emphatische Erzählweise, oder nicht?

Und so habe ich die beiden gerne auf ihrem Weg durch die Türkei begleitet, an der Küste entlang unter anderem durch Izmir und Antalya bis nach Antakya im Grenzgebiet zu Syrien. Bin mit Ishbel mittendrin einmal zurück nach Schottland geflogen oder in einen Überlandbus gestiegen. Habe Lucy und sie an Strände begleitet und beide beim (Wild)Campen erlebt. Und sage noch immer: Eine Radreise durch die Türkei ist auch weiterhin eine Kombination, die mir persönlich so nicht in den Sinn käme.

Aber man muss ja nicht alles nachmachen, lesen und wegträumen reicht vielfach auch. Nicht nur in Zeiten wie diesen. Und gerade wohl auch, obgleich Ishbel am Ende selbst anmerkt, dass man "sich von den negativen Momenten in diesem Buch nicht abschrecken lassen [sollte]." Denn da gibt es in der Tat im Buch bzw. auf ihrer Reise durch die Türkei mehr als einen Gänsehaut-Moment, den man sich als Urlauber in dem wohligen Service-Kokon der schmucken Hotel-Anlagen entlang der Türkisküste nur schwer vorstellen kann … Es ist eben, wie schon am Anfang geschrieben, kein "gewöhnliches" Reisebuch. Aber definitiv eine Lesereise wert.

Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Alastair Humphreys: Ein Sommer, drei Melodien, kein Talent

Veröffentlicht am 22.04.2020

Zu Fuß, ausgerüstet nur mit seiner Geige und dem Plan, sich mit dem durchzuschlagen, was er als Straßenmusiker verdient – so macht sich Alastair Humphreys auf den Weg von Vigo an der Nordwestküste Spaniens Richtung Hauptstadt Madrid. Auf den Spuren seines historischen Vorbilds Laurie Lee (dessen bekanntesten Werk "Cider mit Rosie" ist) "erträumt er sich Tage unter blauem Himmel, die Freiheit, nur dem Rhythmus der Straße zu folgen, und Menschen, die am Abend ausgelassen zu seiner Musik tanzen." Die Sache hat nur einen gar nicht so kleinen Haken: Humphreys kann gar nicht wirklich Geige spielen! Und er hat weit mehr Probleme im Gepäck als die Tatsache, ein eher talentloser Anfänger zu sein …

Und die haben es mir, um ehrlich zu sein, auch ziemlich viele Seiten lang echt schwer gemacht, mich auf diese de facto gerade einmal vierwöchige Reise einzulassen. Also eigentlich recht überschaubar, seine "abenteuerliche Reise als Straßenmusiker durch Spanien" (DuMont Reiseverlag, 14,95 Euro), wie das knapp 260 Seiten dicke Taschenbuch im Untertitel heißt. Zumindest im Vergleich mit dem, was der Brite, Jahrgang 1976, sonst schon so unternommen hat:

Er verbrachte über vier Jahre damit, um die Welt zu radeln. Zudem ist er durch Südindien gelaufen, über den Atlantik gerudert, hat Island durchquert und an einer Expedition in der Arktis teilgenommen. Außerdem hat er die sogenannten Mikroabenteuer erfunden (und den Begriff microadventure auch geprägt, wohinter sich nichts anderes verbirgt als, wenn auch teils etwas extreme, Outdoor-Erlebnisse vor der eigenen Haustür). Das alles hat dazu beigetragen, dass er 2012 zu einem der "National Geographic Adventurer of the Year" ernannt wurde.

Um es kurz zu machen: Er hadert damit, dass er für einen richtig echten Abenteurer als zweifacher Familienvater, der merkt, dass auch er nicht jünger wird und ja eigentlich seine Familie liebt und für sie da sein will, einen Ticken zu sesshaft geworden ist. Und klammert sich an diese Zeiten, statt nach vorne zu schauen, und jammert entsprechend rum. Auf hohem Niveau, denn offenbar kann er von seinen Abenteuervorträgen und Ruhm sowie Reiseartikeln ganz gut leben. So kam sein vielfaches Zurückschauen zumindest bei mir an. Und nervte mich. Irgendwie. Weil es mir, als es endlich losgeht, phasenweise zu wenig Lee, Spanien und Geige war. Hej, ich wollte doch diese Tour "mitwandern"!

Dranbleiben oder weglegen, das war also die Frage. Dann habe ich aber mal in die Buchmitte geblättert und die rund 30 Extra-Seiten Fotos angeschaut – und dem Buch wie Icherzähler doch noch eine Chance gegeben. Denn als er endlich seinen Wander-Tritt findet, wirklich durchs flirrend heiße Spanien stampft und auch (weitestgehend) dort bleibt ... dann war/ist das Buch für mich am stärksten, wenn Humphreys im Hier und Jetzt ist.

Auf dieser Tour. In Dörfern und Städten, wo der gemeine Spanien-Urlauber nicht unbedingt hinreist (auch nicht jenseits von Coronavirus-geplagten Lockdowns und Ausnahmezuständen). In seinen Nachtlagern in freier Natur. Und wenn er – wagemutig – auf Dorfplätzen seinen Notenständer aufbaut und die Geige "bearbeitet". Spielen dürfte vermutlich zu wohlwollend formuliert sein, denn ein zweiter Paganini ist aus ihm binnen sechs Monate Vorbereitung offenkundig dann doch nicht geworden – die Reaktionen seiner Zuhörer zeugen davon. Was man auch merkt, wenn er deren Langmut beschreibt. Und die ihm vermutlich eher als Schweigegeld denn als Entlohnung bis zum Ende der Reise insgesamt exakt 125,40 Euro in den Geigenkasten geworfen haben werden. Dann war ich bei ihm. Und seinen übrigens fünf, nicht drei!, leidlich gut beherrschten Melodien.

Dabei fängt alles so herrlich verrückt an, so dass ich doch gerne das für Dritte eher nervenaufreibende Anfänger-Gekratze des Geigen-Eleven in echt gehört hätte (zumindest phasenweise), der binnen eines Winterhalbjahres genug gelernt haben will, um es Laurie Lee und seinem autobiographischen Buch "As I walked out one midsummer morning" nachzutun. Das las Humphreys, wie er auch in seinem Buch mehrfach betont, das erste Mal in seiner Jugend (als ziemlich zerlesene Ausgabe von 1974 geht es mit ihm auch auf die Tour) und ließ ihn seitdem nicht mehr los. In der Bahn sitzend verschickt er spontan eine E-Mail in Sachen Geigen-Stunden, der erste Vorbereitungsschritt ist getan. Um es seinem Idol nachzumachen: Lee reist in diesem Roman nur mit einer Geige (und leichtem Gepäck, das an Humphreys Packliste, die man am Buchende nachlesen kann, bei Weitem nicht heranreicht) durch Spanien und verdient sich sein tägliches Essen als Straßenmusiker – bis der Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs die Reise, die ihn im Gegensatz zu Humphreys nicht nur bis Madrid sondern bis ans Mittelmeer führt, abrupt unterbricht.

Humphreys marschiert auf der gleichen Route, die dennoch eine ganz andere ist  – und kommt am Ende nicht nur in Madrid an. Er kommt auch bei sich an. Und da mochte ich ihn dann endlich auch. Deutlich mehr als am Anfang seiner Wanderschaft, die letztlich ein bisschen was von "persönlicher Jakobsweg" hat, obwohl der Weg im Zeichen der Muschel wo ganz anders in Spanien liegt. Weil bei ihm der eine oder andere Groschen gefallen ist. Nicht nur in den Geigenkasten. Gut, dass ich durchgehalten habe. Wie er. Seine Zuhörer. Und nicht zuletzt seine Familie.

Warum? Ich sage es mal mit den oft zitierten Worten von Pearl S. Buck: Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das große vergebens warten. In diesem Sinne: Einfach lesend mitwandern. Das zumindest darf man ja in Zeiten wie diesen.

Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Sabine Lay: Hibiskustage

Veröffentlicht am 20.04.2020

Ich mach’s mir mal einfach und zitiere zum Einstieg den Klappentext – denn warum etwas besser zusammenfassen wollen, wenn es schon jemand bestens auf den Punkt gebracht hat? Also:

"Sie waren einmal unzertrennlich: Izzy, Mel, Kerstin und Sarah. Doch nun sind sie fast 40, und die täglichen Anforderungen des Lebens lassen es selten zu, Zeit miteinander zu verbringen. Umso größer ist die Freude, als Izzy einlädt, ihren 40. Geburtstag gemeinsam auf Hawaii zu feiern. Kaum angekommen, verschlägt die Schönheit und Blütenpracht der Insel den Freundinnen den Atem.

Nur Izzy ist nicht da. Während die drei einen traumhaften, sonnendurchfluteten Tag nach dem anderen verbringen und spüren, wie der Zauber der Insel sie langsam wieder einander annähert, lässt Izzy sich immer aufs Neue entschuldigen. Langsam beschleicht die drei das Gefühl, dass ihre Freundin vor dem Wiedersehen zurückschreckt. Was ist nur los?"

Um es kurz zu fassen: Eine Menge. Wie das mit alten Schulfreundinnen so ist, die zwar zusammen eine private Chatgruppe mit dem klangvollen Namen 44ever habe, aber eigentlich in alle Winde zerstreut sind.

Die eine ist Schauspielerin in den USA (lange scheint es, dass sie die einzig Ehrliche im Quartett ist, aber dem ist nicht so …), die nächste Köchin in München, die dritte Ferienhausbesitzerin an der Ostsee irgendwo bei Eckenförde, die vierte arbeitet in einer großen Kanzlei in London. Und jede trägt so ihr mal größeres, mal kleineres Päckchen mit sich rum, bestehend aus geplatzten Lebensträumen sowie verfehlten Berufsentscheidungen (von wegen Starjuristin, Sterneköchin usw.), schief gegangenen Lieben (ob Ehemann oder Liebhaber, mit ihren Männern hatte keine so richtig lange Glück) und sogar einer verheimlichten schweren Krankheit (die am Ende aus dem Kleeblatt ein Trio machen) – um nur grob zu skizzieren, was während der "Hibiskustage" (Penguin Verlag, 10,00 Euro; auch als eBook erhältlich) plötzlich alles so zutage kommt.

Denn kann man ein Paradies genießen, wenn man seine persönliche Hölle mit sich rumschleppt? Die Protagonistinnen lernen rasch: Nein, die Nummer mit dem Selbstbetrug und "Schein statt Sein" lässt sich vor knallblauem Himmel, weißem Strand, grünen Palmen und einem Meer von bunten Hibiskusblüten schwer durchhalten. Dafür strahlt die Sonne zu sehr (und tobt ein Sturm zu schwer) und leuchtet jeden Winkel der Vergangenheit und Gegenwart aus. Und so fallen nacheinander die Masken – und alle bekennen Farbe in dem blütenreichen Mikrokosmos von Oahu, jener Insel im Pazifik, wo der Roman spielt.

Das sollte ich erwähnen: Ich war schon einmal dort. Es ist ewig her. Im November 1993, um genau zu sein. Und mit jeder Szene, die den zentralen Spielort der Handlung verließ (eine große Holz-Villa mit Veranda zum großen Garten hin und Strandzugang … sie muss herrlich sein!), war ich wieder mehr dort. Sogar ohne das entsprechende Fotoalbum aus dem Regal zu nehmen – was ich, nachdem ich das Buch ruck zuck verschlungen hatte (weil ich auf das Wiedersehen der 44ever neugierig war und natürlich, das was dann doch bei Zeiten klar, auch wissen wollte, wie ihre Entscheidungen, wie man sich auch mit 40 noch mal neu erfinden und anfangen kann, ausfallen werden), letztlich doch getan habe.

Ob Blütenpracht, Wellenreiten oder Ananas-Plantagen, Honolulu mit Waikiki, Diamond Head oder Pearl Harbour – ich kam mir vor wie damals. Alles war wieder da. Unzählige Gerüche und Bilder, sogar wie der Wind sich dort anfühlte, waren auch jenseits der eingeklebten Fotos wieder präsent (ja, es gab mal analoge Zeiten, da machte man sowas!). Auch, was man getrost schnell abhaken kann und wo es stattdessen lohnt, anzuhalten und womöglich sogar verbotene Pfade zu betreten. Weil man mit den tollsten Blütenhainen, schillerndsten Wasserfällen, großartigsten Aussichten und spektakulärsten Sonnenuntergängen belohnt wird.

Was will man von einem Buch, das man genau deswegen haben wollte, weil es schon mit der Kurzbeschreibung erste Erinnerungen weckte, mehr, als dass es einen so sensationell intensiv wieder dorthin zurückbringt? Geschenkt, dass die kleinen Irrungen und Wirrungen absehbar sind. Das weiß man beim "Traumschiff" nach der Einschiffung aller Protagonisten ja auch binnen der ersten zehn TV-Minuten – und hier eben nach 100 Seiten, denn dann sind alle 44ever endlich auf der Insel. Aber einem auch schon richtig ans Herz gewachsen. So geht gute Unterhaltung. Herrliche Ablenkung. Beste Belletristik.

Kein Wunder, denn hinter dem Pseudonym Sabine Lay verbirgt sich mit Sabine Landgräber eine erfolgreiche Autorin und erfahrene TV-Regisseurin. Für die die Inseln von Hawaii während unzähliger Reisen "zum Herzensort geworden" sind, wie der Verlag es beschreibt. Kann ich verstehen, denn bei meinem damaligen, zweiwöchigen Inselhüpfen habe ich zwar auch noch Kauai, Maui und Big Island gesehen. Doch bis heute immer wieder gedacht, da musst Du noch mal hin und ein, zwei Inseln mit viel mehr Muße besuchen und auf Dich wirken lassen.

Na, zumindest auf Oahu (das war eine davon) war ich jetzt wieder. Irgendwie. Und zwar weitaus länger als rund 400 kurzweilige Taschenbuchseiten lang. Allerbestes Kopfkino eben. Ok, mit dem kleinen Vorteil, dass ich schon mal da war. Von daher kann ich aber auch sagen: Der geneigte Leser darf jede Zeile über die Insel selbst definitiv für bare Münze nehmen. Und der Rest? Ist ein wunderbar unterhaltsamer Roman. Um in Zeiten wie diesen einfach mal abzutauchen und sich wegzuträumen. Und wer noch nie dort war, kann ja dann (Reise-)Pläne schmieden für "andere Zeiten".

Ich habe das Taschenbuch völlig überraschend bei einem Newsletter-Gewinnspiel gewonnen – denn ich gewinne sonst nie: Meine Journalistenkollegin Carin Müller (zugleich Buchautorin) hatte dafür u.a. ihre Autorenkollegin Sabine Lay alias Sabine Landgräber interviewt und natürlich ging es darin auch um "Hibiskustage". Danke an beide, es war mir ein Lesevergnügen!

Ein Hauch von Orient auf dem heimischen Tisch

Veröffentlicht am 08.04.2020

Kochen wie im Morgenland? Das bekommt jeder hin – auch ohne hilfreichen Flaschengeist!

Denn Zutaten wie Lamm, Linsen, Kichererbsen, Couscous und Joghurt bekommt man auch hier. Ebenso Gewürze und Kräuter wie Kreuzkümmel, Koriander, Minze & Co., die den Speisen den unverkennbaren Touch des Orients verleihen. Das sind auch tolle Reise-Mitbringsel, die man – wenn die Zeit dafür wieder gekommen ist – bei einem Suq- oder Basar-Bummel (vermutlich aber noch eine Weile mit gebührendem Abstand) erstehen kann.

Derweil kann man seine Urlaubserinnerungen ja zum Beispiel etwas mit selbstgemachten Mezze stillen. Denn was wäre die orientalische Küche ohne diese ihre traditionellen Vorspeisen?

Genau dort findet sich allerlei, vom kleinen "Bällchen" über Teigtaschen bis zum bunten Salat, das auch hierzulande gerne vorweg verzehrt wird – wenn auch eben ganz anders gewürzt: Meist kalt serviert, sind die kleinen morgenländischen Köstlichkeiten letztlich ja nichts anderes als ferne Verwandte der Anti Pasti oder auch Tappas. Den modern-westlichen Genusstrends kommt dabei entgegen, dass sie hauptsächlich vegetarisch sind.

Ohne Desserts geht’s nicht? Auch da kann man das Morgenland recht einfach auf den heimischen Tisch zaubern.

Keine orientalische Tafel kommt ohne das süße Ende aus, wozu gerne Minztee gereicht wird: Am beliebtesten sind auch hier die kleinen Leckereien, wie die knusprigen Mabruma oder das mit Rosenwasser hergestellte Balluria-Konfekt. Am bekanntesten? Baklava! Das supersüße Blätterteiggebäck, meist gefüllt mit Walnüssen, Mandeln oder Pistazien, ist im gesamten orientalischen Raum und auf dem Balkan zu finden. Nach dem Backen wird es mit Zucker(rosen)wasser übergossen – süßer geht’s nimmer. Für mich persönlich too much, dafür mögen anderen keine Schokolade mit 80+ Prozent Kakaoanteil.

Mein Kochbuch-Vorschlag daher für alle, die sich gerne lukullisch wegträumen möchten und etwas Abwechslung auf den Küchentisch zaubern wollen, wäre von Rawia Bishara "Hummus, Bulgur & Za'atar. Mediterran-orientalische Köstlichkeiten" (Edition Fackelträger, 19,99 Euro) gewesen. 2015 auf Deutsch erschienen, ist es aber leider offiziell nicht mehr lieferbar. Wie schade. Immerhin sind noch vereinzelt Restbestände im Handel auffindbar, etwa bei Amazon.de. Und im modernen Antiquariat (samt entsprechender Plattformen) habe ich es auch etliche Male gesehen.

Denn was für eine opulente mediterran-orientalischen Tafel tut sich hier auf! Über 130 Rezepte, liebevoll eingeleitet mit kulinarischen Notizen, etwa zu Essgewohnheiten, Zutaten oder auch einfach nur persönlichen Genuss-Erinnerungen der in Nazareth geborenen Autorin, warten darauf, nachgekocht zu werden. Dabei interpretiert sie in acht Kapiteln typische Gerichte der Nahostküche mal ganz traditionell-authentisch, dann kreativ-neu. Spannend.

Rawia bedeutet übrigens auf Arabisch "Geschichtenerzähler" – und genau so kommt ihr reich bebildertes Buch auch daher. Als 1.001 köstliche Küchengeschichten, die einen an den Herd locken, um dort Kochabenteuer zu bestehen, von einfach bis aufwendig. Rantasten ist also kein Problem.

Extra-Tipp:
Beim ergänzenden Rumstöbern habe ich entdeckt, dass bei NVG eine Art Nachfolgeband von der leidenschaftlichen Köchin und Restaurant-Inhaberin (in New York, wo man derzeit ja auch leider weder hinreisen noch essen gehen kann) erschienen ist, der vermutlich nicht weniger lesenswert ist: "Levante. Die moderne Küche des Vorderen Orients" (NVG, 10,00 Euro).

Bei dem Preis kann man sicher nicht viel verkehrt machen. Vor allem, wenn man Hummus, Bulgur & Za'atar wirklich mag. Wie bei den Mezze gilt daher fürs Buch: Am besten einfach probieren! Wenn ich wieder in die Buchhandlung meines Vertrauens kann, werde ich auch schauen, ob sie es da haben. Um zumindest mal reinzublättern. Vielleicht kaufe ich es auch zum Verschenken ...

Das erstgenannte Kochbuch wurde mir vor einiger Zeit als Rezensionsexemplar vom Verlag im Rahmen einer größeren Kochbuch-Strecke zur Verfügung gestellt.

West-(k)östlicher Kochspaß: Thailand

Veröffentlicht am 06.04.2020

Schon gewusst? Kein anderer Sinn ist von Geburt an so ausgereift wie unser Geruchs- und Geschmackssinn. Auf Neugeborene stürmt dabei zwar alles noch unkontrolliert und unsortiert ein. Die Synapsen im Gehirn müssen erst lernen, was eigentlich was bedeutet und wie darauf reagieren. Schnell lernen wir jedoch, ob etwas süß, salzig, sauer, bitter oder würzig ist – und was wir lieber mögen. Und auch, dass uns dieses Wissen schützen kann, wenn wir Unbekanntes probieren; denn mit sauer sind in der Natur vor allem unreife und vergorene, mit bitter die giftigen Stoffe besetzt.

Daher kaum verwunderlich: Kein anderer Sinn ruft bei uns ein Leben lang so intensiv Erinnerungen auf wie diese zwei, die nicht ohne einander können – weswegen bei einer verschnupften Nase auch schnell alles gleich und fad schmeckt. Wer diese Erfahrungen obendrein mit Bildern besetzt, kann sie noch leichter "abrufen".

So kann man etwa ganz leicht auf Zeitreise in sein eigenes Leben gehen – wenn etwa der Duft von frisch gekochtem Pudding an die Küche im Elternhaus oder der von reifem Obst an lange Sommertage im heimischen Garten erinnern. Oder eben auf Fernreise in vergangenen Urlaube – wenn uns etwa die Duftmischung des vorbeigebrachten Take-away-Essens vom Thailänder mitten in die bunten Garküchen Bangkoks versetzt oder wir uns gefühlt an der improvisierten Snackbar auf Ko Samui & Co. wiederfinden.

Also: An die Töpfe, fertig los – denn "ferne" Gerüche und Gewürze können das Fernweh stillen. Für eine Weile jedenfalls. Und irgendwann geht’s dann auch wieder "in echt".

Ob ingwerwürzig, chilischarf oder limettenleicht − die Küche Thailands kommt mit exotischen Farben, köstlichen Düften und intensiven Aromen daher und entführt den Genießer so mit allen Sinnen im Handumdrehen ins ferne Asien. Und mit "Thailand. Rezepte gegen das Fernweh – Ein GU KüchenRatgeber" von Bettina Matthaei (Gräfe und Unzer Verlag, E-Book, 6,99 Euro) kann man sich rantasten, ob man das Gaumenabenteuer auch am heimischen Herd selbst hinkriegt.

Er zeigt, das geht leichter als gedacht. Denn ob Einführung in die Thai-Basics, Zutaten-ABC oder Rezepte für selbst gemachte rote, grüne oder gelbe Currypasten, man wird – nomen est omen – beratend an die Hand genommen, bevor es gut erklärt und mit eingestreuten Tipps an Suppentopf, Wok & Co. geht. So bringen 34 unkomplizierte Rezepte ganz flink Exotik auf den heimischen Esstisch. Und Glas- und Reisenudeln werden sich ja selbst bei den aktuellen Nudelengpässen im Supermarkt im gesonderten Regal für Exotisches doch noch finden …

Das dürfte viele freuen: Ob aus Überzeugung oder der Gesundheit zuliebe, für den tierfreien Genuss finden sich im Buch viele vegetarische und vegane Gerichte. Einfach im Register nach den grün gedruckten Einträgen schauen oder im Buch selbst dem grünen Blatt folgen.

Darüber hinaus fällt beim Durchblättern immer wieder ein kleiner Smartphone-Icon auf. Er verweist auf die kostenlose GU KOCHEN Plus-App für iOS und Android. Die verspricht: Einfach Lieblingsrezepte aus dem Küchenratgeber (gilt übrigens für die ganze Reihe) mit dem Smartphone scannen, in der App speichern und verwalten. Mir persönlich ist das zu friemelig, aber wer’s mag, bitte sehr. Ich blättere lieber immer mal wieder in Kochbüchern, um jederzeit per Gaumen und Nase zu "verreisen". Egal, warum es gerade nicht geht. Es könnte ja auch an der noch nicht gefüllten Reisekasse liegen ...

Das Kochbuch wurde mir vor einiger Zeit als Rezensionsexemplar vom Verlag im Rahmen einer größeren Kochbuch-Strecke für ein Printobjekt zur Verfügung gestellt.

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