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Lesetipps, mal sachlich, mal unterhaltend - aber ums Reisen geht's irgendwie immer. Zumindest aber um Reiseziele.

Texterlei

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Tom Hillenbrand: Teufelsfrucht. Ein kulinarischer Krimi

Veröffentlicht am 04.08.2017

Ein Glas Rivaner, ein Stück Rieslingpastete und bloß nicht zu viel Stress - der Koch Xavier Kieffer führt ein beschauliches Leben in der Luxemburger Unterstadt, wo er das kleine Restaurant "Deux Eglises" (eigentlich "Zwo Kierchen") betreibt. Dass dem nicht immer so war, erfährt man im Laufe von "Teufelsfrucht", während Xavier Herd und Heimat Heimat und Herd sein lässt und sich auf eine kriminalistisch-kulinarische Reise in seine eigene Vergangenheit, die kochende Gegenwart einstiger Weggefährten, aber auch in die Geschmackswelt einer gar nicht so fernen Zukunft aufmacht. Und nebenbei durch Europa tourt.

Denn eines Tages liegt die Leiche eines Gastro-Kritikers in seinem Restaurant, in dem er doch bewusst dieser Welt der Sterne, Hauben, Kochlöffel & Co. abgeschworen hat, um authentische Luxemburger Küche anzubieten. Einfach, aber gut. Scheinbar bodenständig, doch von bester Qualität. Jedoch: Nicht nur der tote Tester wirbelt sein ruhiges Leben gewaltig durcheinander. Auch eine mysteriöse Brandserie französischer Sterne-Restaurants, vor allem aber das Verschwinden seines ehemaligen Lehrmeisters Paul Boudier zwingen Kieffer, herauszufinden, wer ihm hier warum die Suppe versalzen will.

Auf eigene Faust stellt er Nachforschungen an, die ihn unter anderem nach Paris und Genf, aber auch in die geheime Probierküche seines alten Küchenchefs führen. Hilfestellung bekommt dabei er von seinem finnischen Freund Pekka Vatanen, als in Luxemburg tätiger EU-Beamter auf Lebenszeit bezeichnenderweise zuständig für landwirtschaftliche Produkte und Lebensmittelnormen (soweit ich es den seinen ironisch-überspitzten Andeutungen über die "Normierung von Nüssen, insbesondere des Umfangs von Erdbeeren" entnehmen konnte) und der Chefredakteurin des fiktiven, aber durchaus echten Vorbildern erstaunlich nahekommenden "Guide Gabin", Valérie Gabin. Unterwegs stößt er auf eine mysteriöse, außergewöhnliche Frucht auf Papua-Neuguinea, die zwar selbst nicht schmeckt, aber anderes teuflisch schmackhaft macht, dazu auf gewissenlose Lebensmittelkonzerne, die immer trickreicher den Konsumenten verführen wollen, und einen egomanischen Fernsehkoch, der am Ende vor lauter Eitelkeit nicht merkt, das er gerade clever benutzt wird, um eben diesen ein Bein zu stellen. Immer tiefer taucht Kieffer in die von Konkurrenzkampf und Qualitätsdruck beherrschte Gourmetszene ein – und erkennt, was auf dem Spiel steht: Die Gesundheit der Konsumenten. Und am Ende sogar sein eigenes Leben.

Das liest sich ebenso spannend wie unterhaltsam, vor allem aber wird mit jeder umgeblätterten Seite immer deutlicher, dass sich hier jemand ganz schön in die Materie rund um Food-Scouts, Sterneküche, Lebensmittelchemie, Food-Design & Co. eingearbeitet hat und bei aller Fiktion einiges vermutlich schon viel real-gegenwärtiger ist, als es dem schmökernden Schlemmer lieb ist. Hinzu kommen die Charaktere, allen voran die Hauptfigur Xavier Kieffer, der dem Ganzen eine wohltuende Prise Erd- und Heimatverbundenheit gibt - spricht und denkt er doch gerne mal, vor allem aber kocht er aus Überzeugung stets Lëtzebuergesch! Und das Großherzogtum, die Stadt und die Mosel sind auch mehr als nur hübsche Kulisse für einen Kriminalfall. Im Gegenteil.

Kurzum: Wer gutes Essen liebt und fesselnde Krimis mag, ist hier genau richtig! Ich wundere mich nur, dass ich nicht schon viel früher über Tom Hillenbrand gestolpert bin, denn sein Xaver Kieffer ermittelt bereits seit 2011, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und stand schon auf der SPIEGEL-Bestseller- sowie der Zeit-Bestenliste.

Kennengelernt habe ich den Koch mit der Spürnase allerdings mit seinem zweiten Fall "Rotes Gold" und auch nicht als Taschenbuch aus dem Kiwi-Verlag (wo inzwischen bereits fünf Fälle von ihm gelöst wurden), sondern als Hörbuch von audio media. Da ist er mittlerweile mit Frankreichs berühmtester Gastrokritikerin - Valérie Gabin - liiert, was ihm Einladungen in die höchsten Kreise beschert. Als bei einem solchen Abend ein legendärer Sushi-Koch vor seinen Augen stirbt, wittert er - klar, was sonst - Mord! Denn in der Sushi-Küche gibt es Fische, die teurer sind als Gold ... und wertvoller als ein Menschenleben. Eingelesen wurde "Rotes Gold" von Gregor Weber, dessen TV-Karriere als Sohn Stefan in "Familie Heinz Becker" begann und der mit Maiximilian Brückner über zehn Jahre als Saarbrücker "Tatort"-Team ermittelte. Einen besseren Vorleser hätte man kaum finden können: Neben seiner Tätigkeit als Schauspieler absolvierte Weber bei Kolja Kleeberg in dessen Berliner Sterne-Restaurant VAU eine Koch-Ausbildung! Mehr Einfühlen und Auskennen geht wohl nicht - und das bekommt dem Hörbuch ganz wunderbar. Äh, köstlich.

Es war übrigens kein Problem, der eigentlichen Story in Unkenntnis von Band 1 zu folgen. Um sich die Charaktere vertrauter zu machen und manchen Halbsatz besser zu verstehen, würde ich aber raten, mit "Teufelsfrucht" einzusteigen. Ich bin nun auch hungrig auf mehr, zum Glück wird ja noch einiges serviert, "Tödliche Oliven" etwa.

Rüdiger Edelmann: Rhön so schön. Reise in offene Fernen

Veröffentlicht am 01.06.2017

Gleich drei Bundesländer werben mit der Rhön – liegt sie doch im Grenzgebiet von Bayern/Franken, Hessen und Thüringen. Einst war genau das ihr deutsch-deutsches (Teilungs-)Schicksal, heute ist gerade das Grüne Band der einstigen Grenze eines der Pfunde mit dem das Mittelgebirge kräftig wuchert. Immerhin: 1991 wurde die Rhön länderübergreifend von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt. Ziel war und ist es, das sogenannte "Land der offenen Fernen" als Lebensraum für Mensch und Natur zu erhalten. Und das idealerweise unter dem Motto "Schutz durch Nutzung".

Was es damit auf sich hat, das hat auch Rüdiger Edelmann in seinem zweiten Reiselesebuch "Rhön so schön" (nach "Märchenhaftes Kassel und Nordhessen"), erschienen in der wunderbaren Reihe "Lieblingsplätze zum Entdecken" des Gmeiner-Verlags (vielen Lesern auch durch regionale Krimis bekannt), erfahren dürfen, dessen 1. Auflage im Sommer 2016 erschien.

Und der Leser bekommt besagtes Motto auf dem Titelbild auch gleich mal plakativ-knuffig, stoisch Gras kauend von ihm gezeigt: Das Rhönschaf, eine fast schon ausgestorbene Schafrasse, wurde zum neuen Sympathieträger für die Region – und zu einem hervorragenden Landschaftspfleger obendrein. Oder wie der Autor gleich im Lieblingsplatz 1 so schön titelt, es "Määht für eine Region" (Seite 13). Was im Übrigen auch für den Rhöner Weideochsen gilt, der es allerdings (noch?) nicht ins Buch geschafft hat. Vielleicht weil ihm die kuschelige Schafwolle abgeht? Wer weiß, vielleicht heißt es ja in der 2. Auflage irgendwo "Muuht für eine Region“ …

Ganz dem Konzept der Titelreihe folgend nimmt Rüdiger Edelmann den Leser jedenfalls mit auf eine auf eine sehr persönliche Entdeckungstour zu 77 Orten, Menschen, Stimmungen und Entdeckungen in diesem auf seine Art so außergewöhnlichen Mittelgebirge. Erfrischend ehrlich führt er den Leser an jene Lieblingsorte, die die im Kern 1.500 Quadratkilometer große Rhön in seinen Augen in ihrer Vielfalt präsentieren und ausmachen: Natürlich, aktiv, historisch, lecker, deutsch-deutsch, spannend und entspannend (so die sieben Hautkapitel) hat er sich überall dort umgeschaut, wo das Rhön-Motto "Einfach erhebend" großgeschrieben wird.

Und auch wenn die Aufmachung des Guides (stets doppelseitig gestaltete Tipps mit Text hier und Bild dort, inklusive Kontaktdaten plus einem abschließenden "Tipp zum Tipp") und der persönliche Schreibstil mich an die Themenreihe "111 Orte" des Kölner Emons Verlag erinnern, beide Titelreihen sind doch grundverschieden: Während die Kölner ihre Autoren das Unbekannte im Bekannten aufspüren lassen, also sich an die (möglichen wie echten) Kenner einer Stadt oder Region wenden, so fühlt sich bei den "Lieblingsplätzen" des Gmeiner-Verlags auch der bestens an die Hand genommen und gut beraten, der noch nie dort unterwegs war. Die launigen Beiträge sind quasi Motivation pur, loszufahren und alles nachzuerleben.

Sicher, ein klassischer Reiseführer sieht anders aus – aber das Ganze nennt sich ja auch bewusst Reiselesebuch. Und Reisen und Lesen, das kann man mit (auch dank inkludierter Karte) und in diesem Band ganz hervorragend! Zumal Rüdiger Edelmann den persönlichen Touch noch verstärkt, in dem er elf Rhön-Bewohner vorstellt und zu Wort kommen lässt, die perfekte Botschafter ihrer (selbstgewählten oder hineingeborenen) Heimat sind: Josef Kolb etwa, für den das schon erwähnte Rhönschaf eine Herzenssache ist (Seite 21). Oder Matthias Fahls‘ Geschäftsidee von Schäferwagenhotel (um beim schafigen Thema zu bleiben, Seite 185). Aber auch David Altheide gehört zu ihnen, der als „Wanderer zwischen den Welten“ (Seite 135) am Grenzmuseum Point Alpha an jene Zeiten erinnert, als das ebenfalls schon angesprochene Grüne Band noch eine tödliche Grenze war.

Wohin einem das Buch noch entführt? Selbstredend auf den höchsten Berg der Rhön, die Wasserkuppe, den legendären "Berg der Flieger", von wo aus man weit über das raue "Land der offenen Fernen" schaut, das einst am Rand lag und nun wieder mittendrin angekommen ist. Was auch einer der Gründe ist, weshalb die Täler, Wälder und Moore des heutigen Biosphärenreservats noch weitgehend intakt geblieben sind. Einen Kontrast dazu bilden die hiesigen Residenzstädte wie Fulda oder Meiningen oder die alten Kurbäder, allen voran Bad Kissingen und Bad Brückenau. Kulinarische Innovationen (Stichwort Brennessel-Schnaps), dazu kuriose Museen (etwa das gewichtig-witzige Pfundsmuseum Kleinsassen) machen, so erzählen es die Beiträge höchst lebendig, die Rhön zum Erlebnisgebirge – und das Buch "Rhön so schön" zu einer wahren Fundgrube an Ausflugszielen und Rundfahrtstationen. Ich jedenfalls habe mir schon das ein oder andere für den Sommer vorgenommen. Und vielleicht kriege ich ja dann auch so ein knuffiges Rhönschaf vor die Linse. Määh.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Autor zur Verfügung gestellt; die 2. Auflage ist übrigens gerade in Arbeit.

Evelyn Holst, Uschi von Grudzinski: Gipfelglück

Veröffentlicht am 19.05.2017

Hohe Berge, heile Welt? Das ist hier die Frage – oder auch nicht. Denn das Gradonna Mountain Resort im Bergdorf Kals ist eigentlich der perfekte Ort für Urlaubsträume. Zumindest, wenn nicht ganz bestimmt sogar, wenn man dort "in echt" absteigt: Denn der Dreh- und Angelpunkt des kurzweiligen Romans "Gipfelglück" des Hamburger Autorinnen-Duos Evelyn Holst und Uschi von Grudzinski ist das gleichnamige, vielfach ausgezeichnete, also tatsächlich existierende Vier-Sterne-Superior Haus inmitten der Osttiroler Berge.

Mein erster Gedanke: Hey, Ihr Zwei habt das Meer quasi vor der Tür, auf jeden Fall aber Kreuzfahrtschiffe im Hamburger Hafen – und Ihr schreibt als erstes gemeinsames Buchprojekt über Menschen in einem österreichischen Berghotel? Darauf muss man erst mal kommen! Mein zweiter: Das muss wohl wahre Bergliebe sein – und die kann auch den Flachlandtiroler voll erwischen. Soviel vorweg: Hat sie, in diesem Fall sogar ganz eindeutig.

Denn wenn es auch vordergründig um "Menschen im Hotel" (bei einigen "Gipfelglück"-Protagonisten musste ich unweigerlich immer wieder an jene im Roman von Vicki Baum denken) und das Gradonna im Besonderen geht, Osttirol, der Nationalpark Hohe Tauern und der allgegenwärtige Großglockner spielen eine so liebenswert-präsente Nebenrolle, das kann nicht nur ein einziger Rechercheaufenthalt gewesen. Zwei reichen auch nicht. Und es waren auch viel mehr und vor allem echte Bergurlaube mit ganz vielen Alpenerlebnissen, wie mir denn auch Autorenhälfte Uschi von Grudzinski verraten hat: Sie kennt die Region von zahllosen Wanderferien mit der Familie, die sie jedoch meist in einer Ferienwohnung verbringt, nur um hier bloß keine falsche Vorstellungen vom Autorenleben zu wecken.

Ich sag’s ja, echte Bergliebe. Und ganz ehrlich? Das merkt man! Gerade wenn die diversen Romanhelden ihre Wanderschuhe anziehen und vor die Hoteltüre treten, dann geht es so detailreich in die Osttiroler Berge, diese Almen, Hütten und Gipfel muss man einfach selbst erwandert haben, um es so beschreiben zu können: Ich jedenfalls habe mich an so manche eigene Tour (wenn auch ganz woanders, denn in Osttirol war ich noch nicht) erinnert und konnte daher auch so manches Keuchen oder Angstschweißperlchen der Charaktere nachvollziehen, wenn man dann doch ein Ticken zu forsch losmarschiert ist und/oder Wegführungen (und den eigenen Mut) unter-, wahlweise überschätzt hat. Ranwandern und stetig die Herausforderung steigern ist seither meine Devise ...

Aber ich schweife etwas ab – oder auch nicht, spricht es doch für den Roman und die Autorinnen, dass viele Szenen so lebendig sind, dass man sich förmlich in Berghöhen versetzt fühlt! Bleiben wir also beim Buch und seiner Story: Auch im Paradies kann sich niemand vor seinem Schicksal verstecken, lernen auch diese Menschen in diesem Hotel, ob sie nun Hotelgast sind oder -mitarbeiter.

Monika Landmann etwa wird von einem tragisch-schönen Ereignis aus Teenager-Zeiten eingeholt und muss so plötzlich wie unerwartet um ihre Ehe bangen. Göttergatte und Frührentner Hans Peter lebt derweil als hübscher Running Gag des Buches seine Ambitionen als Krimi-Autor gedanklich aus – und muss dabei lernen, dass das (Roman-)Leben immer noch die besten Geschichten schreibt. Victor Gold wiederum, ein alternder Schlagerstar, sieht sich ausgerechnet bei der Präsentation seiner Biografie mit einer Lebenslüge konfrontiert: Kriegt er da noch die Kurve? Die reiche Witwe Waltraud van Hoge muss dagegen die Erfahrung, dass man Menschen nicht wie Marionetten lenken kann (selbst wenn die womöglich für Geld fast alles tun), beinahe mit dem Leben bezahlen. Fremdgeher Dr. Michael Grundmann lernt, dass der Spagat zwischen Stand- und Spielbein durchaus schmerzhaft sein kann, und die pubertierende Leonie bringt sich und andere Menschen leichtsinnig in Lebensgefahr, weil sie die Macht der Berge unterschätzt. Geht das gut aus? Verrate ich nicht. Selber lesen und mitfiebern!

Denn das waren noch längst nicht alle Urlauber, die im Laufe der 288 Romanseiten einen ereignisreichen Hotel-Aufenthalt im Gradonna verleben – und einem mit jedem Umblättern mehr ans Herz wachsen. Für manchen mögen es vielleicht anfangs der Charaktere zu viel sein, ich für meinen Teil habe mich mit ihnen köstlich amüsiert und auch nicht den Überblick verloren.

Bliebe noch das Hotelpersonal, das sich als raffinierte Mischung aus echten Personen und ausgedachten Typen entpuppt – wie man auch dem Autorinnen-Dank auf Seite 4 entnehmen kann. Gerade unter den erfundenen Einheimischen ist nämlich längst nicht alles Gold was glänzt. Oder warum hat Bergführer Sepp (ich seh‘ den Typen regelrecht vor mir, seine Art, sein Auftreten, sein Aussehen … solche Naturburschen mit dem Herz auf dem rechten Fleck und doch so verpeilten Blick auf das eigene Leben gibt’s vermutlich überall in den Alpen) panische Angst davor, seinem Herzen zu folgen? Und was halten Vroni und Franz kurzzeitig vor ihrer Adoptivtochter Resi geheim (die ihr Herz übrigens an den scheinbaren Hallodri Sepp verloren hat)? Hut ab, dass es da die Mitarbeiter (echte wie erfundene) vom Gradonna trotzdem mit Charme und Erfahrung schaffen, zwischen Feueralarm, Buchpräsentation und Hotel-Alltag stets der Fels in der Brandung, Verzeihung: der über alles thronende Großglockner zu bleiben. Mit dem richtigen Weitblick und dem rechten Maß an Empathie, damit jeder Gast sich wohl fühlt. Denn wie denkt Sepp im Buch (Seite 259) so schön: "Im Gradonna war der Gast nicht König, sondern Kaiser. Eine eiserne Regel, die niemand aus dem Personal verletzen durfte."

Jaaa! Spätestens da, wollte ich auch nach Kals. Oder zumindest weg, in die Berge, in so ein schönes Hotel. Um mich mit dieser herrlich unterhaltsamen Lektüre ins Restaurant zu setzen oder an den Pool zu legen, um – wie Hans Peter im "Gipfelglück" – klammheimlich, mich vielleicht etwas hinter dem Buch versteckend (über das man ganz sicher mit dem ein oder anderen dann zufällig  ins Gespräch kommt – schon des Titels und Covers wegen!), ein klitzekleinwenig meine Miturlauber zu beobachten. Was sowieso das Schönste am Unterwegssein ist: Einfach mal schauen, was um einen drum herum so passiert, wem man so begegnet.

Ich bin mir sicher, ich würde feststellen, soweit hergeholt sind selbst die erfundenen Buch-Charaktere nicht, wenn sie auch im wahren Leben anders heißen mögen oder aussehen. Und wo auch immer sich solche Schicksale zufällig treffen, ob wie im Roman im Gradonna Mountain Resort zu Füßen des Großglockners oder sonstwo  auf der Welt, was man zu sehen – oder wie hier zu lesen – bekommt, ist immer spannend, unterhaltsam und manchmal auch umwerfend komisch. Denn die besten Geschichten schreibt eben noch immer das (Roman-)Leben.

Das Rezensionsexemplar habe ich von Uschi von Grudzinski zur Verfügung gestellt bekommen; nochmals herzlichen Dank, es war mir ein Lesevergnügen!

HP Mayer: 111 Orte im Rheingau, die man gesehen haben muss

Veröffentlicht am 11.04.2017

Es gibt Bücher, die machen es einem nicht so einfach. Oder besser gesagt, man macht es ihnen nicht einfach. Weil man bestimmte Erwartungen an sie hat, sie vor allem aber mit eine großer Portion eigener Vorstellungen überfrachtet - und ihnen deswegen anfangs viel zu wenig Raum lässt, sie selbst zu sein. Bei diesem Reiseführer, der in meinen Augen eigentlich ein Ausflugs-Guide für Eigentlich-schon-Kenner ist und uneigentlich die Liebeserklärung eines Autors an seine Heimat, war dem so. Ich hab mich eine ganze Weile, Verzeihung: viele Seiten, mit HP Mayers "111 Orte im Rheingau, die man gesehen haben muss" schwer getan. Weil ich eben auch so ein kleine Liste - 111 Orte umfasst sie wohl nicht, ein paar Dutzend aber schon - im Kopf habe. Obwohl ich kein waschechter Rheingau(n)er bin wie er, aber eben bekennende Zugereiste und Heimischgewordene.

Ehrlich gesagt, habe ich auch das ein oder andere vermisst - und mit dem einen oder anderen bin ich auch nicht so ganz einverstanden. Aber dann, 240 Seiten später, hat diese "Löffelliste" - denn in dieser Tradition ist die inzwischen auf weit über 200 Ausgaben angewachsene Themenreihe des Kölner Emons Verlag wohl zu sehen - mich dann doch in ihren Bann gezogen. Weil sie mich Seite um Seite gelehrt hat, meine eigene Brille abzusetzen und diesen wunderbaren Landstrich zwischen Flörsheim-Wicker (dem östlichsten Punkt des Rheingaus) und Lorchhausen (rheinabwärts der westlichste) mal mit den Augen eines anderen zu sehen. Zuzulassen, dass es außer "meiner" Domäne, der Rosenstadt Eltville und dem sogenannten vorderen Rheingau, eben noch ganz viel anderes gibt, das entdeckt werden will: Eben auch mal die ein oder andere eher ausgefallene Shoppingidee jenseits edler Tropfen, vor allem aber leicht versteckte Orte oder Naturflecken mit ganz eigenem Charme - jenseits vieler, selbstverständlich auch vorkommender Weingüter, Gutsausschänke und Restaurants. An den äußersten Ausläufern, im Hinterland jenseits des Gebücks und auf den Höhen (das Flussanrheiner, Verzeihung: -anrainer, wie ich gerne mal vernachlässigen) und auch nur schon im Nachbarort. Oder sogar vor der eigenen Haustür.

Wer denkt, den Rheingau (da Bewohner) zu kennen und/oder gerne und oft hier unterwegs ist (als (Tages-)Tourist), der wird an vielen Stellen im Buch schnell nachvollziehen, warum der Tipp da steht. Und sich dem vorgeschlagenen "Must-See" anschließen. Oder eben auch seine ganz eigene Meinung dazu haben, warum er genau das eben so NICHT und anders sieht. Dann wieder stolpert man in den stets doppelseitig mit Text und Bild aufgemachten Tipps (inklusive Adresse, Anfahrt per ÖPNV wie PKW, Öffnungszeiten und teils überraschenden "Tipp im Tipp") plötzlich über Plätze und Anregungen, die selbst den bestinformierten und umtriebigsten Rheingauer und/oder Rheingau-Fan zum Innehalten bringen: Das habe ich so ja noch nie gesehen respektive gehört! Oder: Das heißt so? Das ist die Geschichte dahinter?

Ich persönlich etwa dachte bislang, so ziemlich jede Ecke rund um Schloss Johannisberg zu kennen, aber den 110-Stufen-Weg, den bin ich noch nie gegangen. Auch die Geschichte von dem Martinsthaler Wartehäuschen am einstmals wohl kleinsten Bahnhof der Welt war mir neu - obwohl ich schon von der "dampfenden" Schmalspurbahn gehört hatte, die dereinst von Eltville nach Schlangenbad zockelte. Entdeckt werden will von mir auch noch die Aussicht vom Boß-Tempel auf den von mir so geliebten Steinberg (tolle Lage, tolle Weine, tolle Geschichte, tolle Aussicht...), dem legendären ersten Weinberg der Zisterzienser von Kloster Eberbach.

Kurzum: Gekauft hatte ich es mir nach einem flinken Durchblättern im Laden nicht, aber als Geschenk war es seitenweise eine echte Überraschung, auf die ich mich am Ende gerne und wissbegierig eingelassen habe. Der vergleichsweise stolze Preise von 16,95 Euro (im hart umkämpten Markt der kompakten Reiseführer doch eher eine Ausnahme) sind angesichts der hochwertigen Verarbeitung des Taschenbuchs und in Anerkennung des großen Rechercheaufwands (ok, daran mögen Leser/Käufer zuletzt denken, aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, man kann in der scheinbar überschaubaren Weinregion Rheingau während eines Sommers eine stattliche Anzahl Kilometer "erfahren") für mich gerechtfertigt, hatte mich aber zugegebenermaßen mit vom Kauf abgehalten (zum Hauptgrund siehe Anfang). Aber wie gut, wenn man Geburtstag und Familie hat - und sich mal auf einen Perspektivenwechsel einlässt ... um eben auch mal das Unbekannte im Bekannten zu entdecken.

Tobias Müller: Bake & the City. Süße Grüße aus 60 Städten

Veröffentlicht am 24.02.2017

Am liebsten würde man sofort in den kleinen Bully, der unter anderem auf der Titelseite von "Bake & the City" abgebildet ist, einsteigen und umgehend losfahren, um mit dem Zuckerbäcker auf Tour zu gehen. Denn was für ein "süßes" Buch, im wahrsten Wortsinn!

Mit Zuckerbäcker ist Rezeptauswähler und Kreativinterpretierer in Personalunion Tobias Müller gemeint, der auf 144 Seiten gemeinsam mit Andrea Marquetant, die für die liebevoll inszenierten Fotos verantwortlich ist, den Leser an die Hand nimmt - und diesen mitnimmt auf eine verführerische Genussreise durch Europas Backstuben. Worüber man sich keine Gedanken machen sollte, ist das etwaige Hüftgold, das man am Ende der Reise zusätzlich auf die Waage bringt. Gefühlt hatte ich das zumindest schon beim Lesen zugelegt ... sooo viele Leckereien! Wer kann da widerstehen? Also ich bei etlichen Rezepten - und Touren - nicht.

Denn Tobias Müller reist mit 60 Backideen auf sieben verschiedenen Routen von Wien über Paris und St. Petersburg bis zu einem Abstecher ins ferne New York (in Big Apple kam ihm die Idee zum Buch, mit einem, Zitat, "laufstegverdächtigen Cosmopolitan-Cheesecake à la Carrie Bradshaw", womit auch der letzte wissen dürfte, woran ihn der Buchtitel erinnert). Die süßen Grüße seiner Citytrips sind dabei inspiriert von lokalen Gebäckklassikern, regionalen Kuchenspezialitäten und städtetypischen Kuriositäten, die allesamt "ein Traum in süß" sind! Manches kommt scheinbar vertraut daher, manches wurde schon im Namen kreativ abgewandelt. So startet etwa die Reise in Müllers Wahlheimat Offenbach, der er in Anlehnung an eine Süßspeise des Nachbarn Frankfurt einen Offenbacher Kranz widmet. Und Bekanntes kommt in neuem Gewand daher: So verbergen sich etwa unter Wiener-Küssen Mini-Sacher-Törtchen.

Sehr gut und in der Umsetzung "echt süß": Etliche der von ihm spannend und ideenreich überarbeiteten, dabei doch traditionsreichen Rezepte, die dennoch im Bereich des Hobbybäckermachbaren liegen, wurden mit stilisierten "Die Story"-Schildchen versehen. Sie enthalten erfrischend ehrlich formulierte (Back-)Anmerkungen und/oder (Rezept-)Anekdoten. Und auch in den Rezepten verbirgt sich so mancher Profitipp für gutes Gelingen, ganz en passant, gar nicht lehrmeisterhaft und doch lernt man was.

Kurzum, ein Buch, mit dem man sich an Straßenstände, in Kaffeehäuser und Bistros schmökert, wo mit jeder weiteren umgeblätterten Buchseite einen ein neuer Hauch süßer Backstubenluft zu umwehen scheint und man lieber jetzt als gleich Rührschüssel und Mixer auf dem Küchentisch platzieren und losbacken möchte. Man kann dafür natürlich einfach laut Inhaltsverzeichnis ein bestimmtes Rezept aufschlagen und loslegen. Aber ich fand es viel schöner, den zusammengestellten Reiserouten zu folgen. Und mich auf ihre kleinen Geschichten und großen Genüsse einzulassen. Auf der Route Nr. 6 von Prag über Wien nach Kecskemét klingt alles ein bisschen nach K. und K., die Route Nr. 5 hat was von La dolce vita, denn es ging von Nord nach Süd durch La bella Italia ... um nur zwei der süßen Touren beispielhaft zu nennen.

Zur Person zitiere ich jetzt mal der Einfachheit halber den blv Verlag: "Tobias Müller ist die Zuckerbäcker-Blogger-Instanz. Er hat eine große Fangemeinde, zahlreiche namhafte Kooperationspartner und wird für Events gebucht. Auf seinem Blog "Der Kuchenbäcker. Sweet up ypur life!" widmet er sich Kuchenklassikern und Trendgebäcken und überrascht jede Woche seine Familie, Freunde und Leser mit Köstlichkeiten aus dem Backofen. Neben dem Reisen liebt er es, inspiriert von internationalen Backstuben, in der Küche zu experimentieren."  Yes please, gerne mehr davon!

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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