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Abgefahren: Autobahnrast mal besinnlich

Veröffentlicht am 14.04.2016

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerNa, spontan an eine Autobahnkapelle gedacht? Zugegeben, das läge nahe. Aber so richtig „abfahren“ muss man für die eher selten, denn die rund 40, die es deutschlandweit gibt, liegen an größeren Raststätten.

Habe mich schlau gemacht: Die „durchschnittliche Verweildauer“ in einer dieser Autobahnkirche beträgt laut einer Studie des Zentrums für kirchliche Sozialforschung an der Katholischen Hochschule Freiburg etwa zehn Minuten. Und: Es kämen vor allem die, die sonst nie, zumindest nicht ohne Begleitung, in die Kirche gingen – Männer (was mich jetzt nicht so verwundert, stellen sie doch das Gros der Fernfahrer – aber das ist vermutlich jetzt Klischee-Denken, dass nur die nichts besseres zu tun hätten in ihren Pflichtpausen). Die meistbesuchte soll jene an der A5 am Rasthof Baden-Baden sein; mit über 100.000 Kirchgängern, die wahlweise für ein kurzes Gebet oder ihrer auffälligen Pyramiden-Architektur wegen vorbeischauen.

Und wo ich schon mal beim Rumschauen war: Es gibt sogar mehrere Webseiten zu Autobahnkirchen! Die Versicherer im Raum der Kirchen (kurz VRK, ja, die gibt’s wirklich!), die das Portal Autobahnkirche.info betreiben, sprechen sogar von einem regelrechten Autobahnkirchen-Tourismus. Ihr Slogan: "Rastplätze für die Seele". Selbst Aktionstage werden angeboten. Was es nicht alles gibt!

Also ich persönlich bin zumindest bekennender Kirchen-Tourist, unabhängig vom ihrem Standort – und habe meist mehrere Gründe die in aller Regel schwergängigen Portale der größtenteils alten Bauten zu öffnen: Für einen Moment der Ruhe zum Beispiel, sehr oft auch für ein kurzes Gebet, manchmal zünde ich eine Kerze an. Und selbst, wenn ich vor allem wegen einer architektonischen oder kunstvollen Besonderheit gekommen bin, so stapfe ich doch nie sofort „blitzend“ hin und her (mancherorts stört mich dieses erstaunlich hektische Rumhuschen schon sehr) – ich suche mir immer erst mal eine Bank, um anzukommen, mich achtsam umzuschauen. Lasse den Kirchenraum auf mich wirken, versuche, Details auszumachen.

Und damit wären wir wieder beim Stichwort „abgefahren“. Das bin ich letztens ganz bewusst. Weil die Autobahn sehr voll, die gefahrenen Kilometer schon sehr viele und das Interesse groß war – an einem Detail in der Klosterkirche der Kartause Buxheim.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerGelegen im Oberschwäbischen ist die ganz sicher keine „Drive-in-Kapelle“, denn Autobahnkirchen dürfen per Definition maximal einen Kilometer von der Autobahnabfahrt entfernt liegen. Ich musste aber bereits eine Abfahrt vor dem Kreuz Memmingen runter von der A7. Das hat dann auch einen Vorteil: Wer hierfür abfährt, nimmt sich mehr als zehn Minuten Zeit. Gut so. Die braucht man auch!

Zum Runterkommen gab’s diesmal einen großen, wirklich großen, ganz und gar umlaufenden, dazu wunderbar ruhigen Kreuzgang (ok, es waren außer mir auch gerade nur 2, 3, 4 andere Besucher da, denn die Kartause hat erst Ostern wieder aufgemacht) – und dann habe ich tatsächlich doch die Kirchenbank vermisst, wo ich mich zum in-Ruhe-schauen hinsetzen kann (nicht, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht schon lange genug im Auto gesessen hätte). Denn warum ich vor allem da war, das war das hochbarocke Chorgestühl aus dem späten 17. Jahrhundert, das der Tiroler Holzbildhauer Ignaz Waibl geschnitzt hat. Erstaunlich: Im Zuge der Säkularisation wurde das versteigert, kam so nach England und kehrte erst über 100 Jahre später nach Buxheim zurück (nämlich 1980)! Was man ihm, dank fast 15jähriger Restaurierungsarbeiten nicht mehr ansieht.

(c) S. Sahmer: im Bruderchor(c) S. Sahmer: im Bruderchor(c) S. Sahmer: im Priesterchor(c) S. Sahmer: im PriesterchorNur steht dieses hölzerne Schnitzwunder wieder im Priesterchor und man kommt ihm zwangsläufig wunderbar nahe, um all seine Details zu betrachten (zu nahe bitte nicht, sonst geht die Alarmanlage los). Aber da es keinen direkt anschließenden Kirchenraum im engeren Sinne gibt, gibt eben auch keine Kirchenbänke, wo man Platz nehmen und das Ganze auf sich wirken lassen kann. Man durchschreitet nur den Kreuzganglettner und steht bereits mitten in diesem ganz und gar erstaunlichen „Hufeisen“.

Dafür hat es sich gelohnt, abzufahren – denn diese Holzkunst ist wahrlich „abgefahren“!

PS: Es gibt natürlich noch mehr zu sehen in der einstigen Reichskartause, in der etwa das mittelalterliche "Buxheimer Orgelbuch" entstand, dem ein Bereich im kleinen Sakralmuseum (Sakristei) gewidmet ist.

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