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Unterwegs im Elsass: Eine deutsch-französische Mélange

Veröffentlicht am 28.10.2018

(c) S. Sahmer: Colmar(c) S. Sahmer: Colmar(c) S. Sahmer: Strasbourg(c) S. Sahmer: StrasbourgUnweigerlich ist man in diesem Landstrich an der Nordostgrenze unseres Nachbarlandes unterwegs zwischen gestern und heute, Kriegsgedenken und Kaiserburgen, Deutschland und Frankreich:

Auf seinen 190 Kilometern Länge und 50 Kilometern Breite erstreckt sich das Elsass, jahrhundertelang ein Zankapfel mitten in Europa, heute jedoch ebenso friedlich wie entspannt zwischen dem Rhein und den Vogesen über die beiden Departements "Bas-Rhin" (Unterelsass) im Norden und "Haut-Rhin" (Oberelsass) im Süden, bietet dabei sanfte (Wein-)Hügeln ebenso wie schroffe Gebirgszüge und weite Ebenen. Wer da nichts für sich findet, der hat nicht genau hingeschaut.

Denn längst trifft im Elsass große Europa-Politik auf Frankreich en miniature, Storchennester auf Savoir-vivre – und das auch jenseits der Hotspots Colmar und Strasbourg! Spannungsreiche Akzente setzen dabei etwa der Hartmannswillerkopf und die Hochkönigsburg, die eindrucksvoll von jener deutsch-französischen Mélange zeugen, die einst mal zerstörend, dann aufbauend wirkte. Und doch zum Elsass gehört wie der Wein und alte Winzerorte oder der Kuglhupf und jede Menge (Genuss-)Kultur.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerZugegeben, man kann diesen Flecken Erde schnell durchfahren und die französische mautfreie A35 zwischen Strasbourg und Mulhouse einfach nur als Ausweichstrecke für die stau-anfällige A5 auf deutscher Seite nach Basel missbrauchen. Man kann hier aber auch in kleinen Etappen unterwegs sein, ruhig mal die parallel verlaufenden Landstraßen nutzend über die Dörfer fahren und dabei so manchen Abstecher machen – um die Elsässer Gegensätze wie Gemeinsamkeiten zu erkunden. In drei bis vier Tagen kann man so eine Menge erleben, auch mal faule Auszeiten genießen und am Ende doch feststellen, dass man mindestens so viel und noch etliches mehr bei aller erlebten Intensität doch noch nicht gesehen hat. Macht nix, dann heißt es eben: À la prochaine! Bis zum nächsten Mal!

Das war zumindest die Erkenntnis meiner letzten Tour, auf der ich (den zu diesem Zeitpunkt noch hochsommerlichen Temperaturen geschuldet) dann doch die eine oder andere Vorab-Idee genau das habe sein lassen – eine erste Idee, aber nicht mehr. Um auch so schon lange Sonnentage voller Unternehmungen erlebt zu haben.

Los ging’s im Süden, weswegen auch ich anfangs erst mal durch Elsass "brauste". Was man in der Grand République so brausen nennt – denn man sollte sich besser an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, die hier auf der Autobahn höchstens bei 130, meist bei 110, aber gerne auch mal bei nur 90 km/h liegen: Blitzer gibt es dort gut getarnt jedenfalls eine ganze Menge. Mir war‘s egal, ich was ja zum reisen dort, nicht zum rasen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerKeinen Halt gab es daher im Ecomusée d’Alsace, dort hätte ich mich mindestens so in der Zeitreise verloren wie auf dem Hartmannswillerkopf, einem im Ersten Weltkrieg hart umkämpften Bergmassiv im Süden des Elsass.

Nun pilgere ich gewöhnlich nicht zu einstigen Kriegsschauplätzen, aber angesichts des bevorstehenden 100. Jahrestags des Endes des Ersten Weltkrieges, war der "HKW" doch auf meine Liste gerutscht – und geblieben. Gut so, manches muss man sich doch immer mal wieder vor Augen führen. Gerade und vor allem die Unsinnigkeit eines (Stellungs-)Krieges. Die dortigen Anlagen aus Schützengräben, Bunkern, Stollen und Schutzräumen (von denen noch immer die Hälfte sichtbar ist!) sollen die imposantesten im ganzen Vogesenmassiv sein.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerUnd beeindruckend ist das Gelände, oh ja. Vor hundert Jahren stand hier fast kein Baum mehr, nun ist vieles vom Grün gnädig verdeckt – und mit jedem Schritt auf dem großen Rundwanderweg über das einstige Schlachtfeld, der sich hinter dem Monument National mit der darunter liegenden Krypta und dem Gräberfeld anschließt, kann man sich einer wachsenden Beklemmung kaum erwehren. Ich jedenfalls konnte es nicht, andere offenbar schon – aber denen wäre es wohl ähnlich ergangen, hätte sie sich nicht das Eintrittsgeld für das im Vorjahr eröffnete deutsch-französische Historial de la Grande Guerre gespart. Und auch manch grandioser Weitblick über die Vogesen und weit ins Rheintal (etwa am Monument du 15/2), kann nicht über darüber hinwegtäuschen, auf einem Schicksalsberg zu stehen.

Ich gestehe, irgendwann wollte ich nur noch weg. Bei allem Besuchertrubel und Sonnenschein einfach nur weg. Dorthin, wo das echte Leben tobt. Das zu finden war nicht schwer – ich musste mich nur entscheiden, wo an der Elsässer Weinstraße ich Halt machen wollte. Klar war, dass es noch südlich von Colmar sein sollte. Ich entschied mich für Eguisheim.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerAnno 1002 war es der Geburtsort von Papst Leo IX., ein Umstand, auf dem man bis heute sehr stolz ist. Die hiesigen Dinghöfe, die bunten Fachwerkhäuser mit allerlei Blumenschmuck, die alten Kopfsteinpflaster-Gassen, die kreisförmig den Verlauf der Stadtmauer nachzeichnen, dazu die achteckige Burganlage des Château Eguisheim im Herzen des Örtchens – man fühlt sich hier ins Mittelalter versetzt. Aber ins lichte, nicht in finstere! Denn hier locken heute kleine, liebevoll dekorierte Lädchen, Restaurants, Galerien und natürlich Vinotheken. Die Ein- und Ausblicke lassen einen fast vergessen, dass hier wie einst gelebt, gearbeitet und guter Wein gemacht wird ... und man durch Alltag und keine Kulisse läuft.

Was für ein Kontrast, aber genau das, was ich nach den vier Stunden auf dem "HKW" gebraucht hatte. Und die perfekte Einstimmung auf Colmar, wo ich am Abend  für zwei Nächte eincheckte.

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Einmal im Dreieck, bitte! Aachen – Lüttich – Maastricht

Veröffentlicht am 03.10.2018

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDie "Euregio Maas-Rhein" ist die Europaregion im Dreiländereck Belgien, Deutschland und Niederlande um die Großstädte Aachen, Lüttich (Liège) und Maastricht. Und obwohl diese untereinander immer nur so plus/minus 50 Kilometer von der einen wie der anderen entfernt liegen, erwarten einen dort bei einem Kurztrip doch drei abwechslungsreiche Tage: Man reist bei aller Nähe durch drei Länder und ihre Kulturen, drei Städte und ihre Potenziale sowie drei Multikulti-Orte, von denen jeder auf seine Art einzigartig ist. Sightseeing und Shopping geht überall, viel Kultur und gutes Essen gibt es auch – und Charme hat jede(r) der drei, wenn auch mal spröder, dann herzlicher.

Kurz, keine ist wie die andere – und setzt andere Akzente, punktet mit unterschiedlichen Reizen (und Museen). Gut zu Fuß sollte man dabei sein, denn dann entdeckt man am meisten.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerBeginnen wir in Aachen: Schon die Kelten und Römer schätzten seine heilsamen Quellen wie auch Karl der Große. Und später viele andere Kaiser, Könige und Herrscher mehr. Auf das Prädikat "Bad" verzichtet die Stadt jedoch, des Alphabets wegen. Dabei "bad"et man hier wirklich königlich, etwa in den Carolus Thermen. Denn vorbei die Zeiten, als man dafür blaublütig oder gut betucht sein musste. Überhaupt, vieles hat sich verändert seit Karls Zeiten. Krankenscheine kannte man noch nicht, Reha-Kliniken auch nicht. Und das Kurviertel Burtscheid, das die Römer einst als Burcetana gegründet hatten, war erstens noch ein eigenständiger Ort und zweitens nicht des Kaisers erste Wahl.

Der baute seine Pfalz lieber im nahen Aquae Grani, dem späteren Aquis, dann Ach, heute Aachen. Mit einer Pfalzkapelle, die die erste aus Stein gebaute Kirche nördlich der Alpen wurde. Mehr als 800 Jahre nach seinem Tod steht ihr Oktogon so imposant wie einst da. Nur die orientalisch anmutende Ausgestaltung mit Marmor und Mosaiken, die verpassten eifrige Renovierer dem Dom erst im späten 19. Jahrhundert. Und die gotische Chorhalle, Aachens "Glashaus", wo Karls Marien-Reliquien ihre Bleibe fanden und seine Gebeine nun in einem goldenen Schrein ruhen, ist ebenfalls "neu". Ja, verändert hat sich vieles und doch ist vieles wie einst. Wer es genau wissen will ist im Centre Charlemagne, eröffnet am von Dom und Rathaus umrahmten Katschhof im Karlsjahr 2014, genau richtig – und folgt dann der vielseitigen Route Charlemagne durch die Stadt.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerZwei Stationen hatte ich mir für diesen erneuten Aachen-Besuch ausgesucht. Eben jenes Neue Stadtmuseum Aachen, das sich zum einen dauerhaft Karl dem Großen und der Stadt als solcher widmet, aber diese Schau auch immer wieder mit spannenden Sonderausstellungen ergänzt. Ganz so wie eben die Route Charlemagne nicht nur primär mit Karl zu tun hat, sondern Aspekte seines Wirkens fortführt.

Klar, der Dom (Haltepunkt/Stichwort Religion) musste noch mal sein, aber das Rathaus (Macht) und das Couven-Museum (Lebenskultur) blieben diesmal außen vor, auch am Elisenbrunnen (Badekultur) bin ich nur vorbeigeschlendert. Diesmal führte mich mein Weg vom Centre Charlemagne (Geschichte) weiter zum nur wenige Fußminuten entfernten Zeitungsmuseum (Medien/Kommunikation).

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDruckerschwärzeschwarz steht der "Medienrevolutionär" Johannes Gutenberg à la Ottmar Hörl im Entree des Internationales Zeitungsmuseum (IZM) – und natürlich kommt er dort zu Wort und es wird seine Erfindung der beweglichen Lettern gewürdigt. Denn damit fing schließlich das so richtig an, was vielen heute selbstverständlich scheint: Massenmedien!

Aber das Nachspüren dieser Geschichte ist nur eine Facette des interaktiven Kommunikationsmuseums, das den Bogen bis zur Gegenwart schlägt und unter anderem Aspekte wie Presse-Ethik wie -Zensur genauso betrachtet wie etwa den Weg "Vom Ereignis zur Nachricht". Kurzum: Das IZM ist sehens- und lesenswert für Medienschaffende ebenso wie für Leser, Zuhörer und Zuschauer!

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"Vinologische" Rheingau-Erlebnisse: Einmal Kloster und zurück

Veröffentlicht am 10.09.2018

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDank seiner geschlossenen Gesamtheit ist die ehemalige Zisterzienserabtei Kloster Eberbach im Rheingau eines der am besten erhaltenen Beispiele mittelalterlich-sakraler Baukunst. Wenn sie auch nicht wie Kloster Maulbronn UNESCO-Weltererbe-Status besitzt, so ist die weitläufige Anlage oberhalb der Wein-, Sekt- und Rosenstadt Eltville (zur der es gehört) und Kiedrich (das gotische Weindorf ist der nächstgelegene "Nachbar") doch das Ziel unzähliger Kulturinteressierter und auch Pilger – obgleich das Kloster 1803 säkularisiert wurde.

Auf Veranlassung von Bernhard von Clairvaux 1136 im – damals wie heute – abgeschiedenen und kaum einsehbaren, daher gut geschützten Kisselbachtal fern vom Rheinufer gegründet (dabei heute bestens erreichbar, sei es zu Fuß, per Auto oder ÖPNV-Linienbus), kann man in und um die Klosteranlage herum noch immer viel Zisterzienser-Geschichte atmen. Nicht nur am Zisterziensertag, der immer Ende August begangen wird. Hinzu kommen noch seine jahrhundertelange Weinkultur (die Mönche brachten einst Rebstöcke aus Frankreich mit) und ein Hauch große weite Kinowelt (allen voran der in großen Teilen hier mit Weltstars wie Sean Connery, Christian Slater und F. Murray Abraham gedrehte Blockbluster "Der Name der Rose" ). Damit sind dann auch die drei Top-Gründe für einen Eberbach-Besuch(neben Events, allen voran in den Sommermonaten die Konzerte des Rheingau Musik Festivals) auf den Punkt gebracht.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDas Beste daran? Man kann als Tagesgast eigentlich alles haben! Wenn man denn mag. Und manches Führungsangebot vereint sogar fast alle Komponenten in sich, wahlweise kombiniert man diese eben geschickt.

Wer also seinen Besuch statt spontan mit etwas Vorlauf planen kann, der ist gut beraten, zuerst den Eventkalender mit den Führungen und Veranstaltungen des Klosters anzuschauen – es lohnt sich. Denn da locken Extras wie der "KinoSommer: "Der Name der Rose" am Originaldrehort", Themenführungen zu "Der Name der Rose" oder der (Kloster-)Architektur, aber auch Schlender- und Cabinettkeller-Weinproben.

Durchs Kloster kann man natürlich auch individuell mit einem Faltblatt oder per AudioGuide stromern; ich rate Erstbesuchern aber lieber zur Führung. In einer guten Stunde bekommt man dabei komprimiert, doch kurzweilig die wichtigsten Stationen des Klosters gezeigt, erhält einen kurzen Abriss über seine geistliche wie önologische Geschichte und nebenbei das eine oder andere aus der Gegenwart der heute sehr weltlich arbeitenden, dabei noch immer höchst spirituell wirkenden Anlage.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerKeine Frage, Sean Connery spielt dann genauso eine Rolle wie Bernhard von Clairvaux, man lauscht mal Zisterzienserregeln und hört dann Anekdoten vom Filmdreh, muss angesichts von Veranstaltungsaufbauen oder Sanierungsprojekten vielleicht auch mal etwas Fantasie mitbringen, wie es wohl sonst aussieht, und wird auf Details wie sprechende Bilder und namensgebende Räumlichkeiten hingewiesen. Klingt nebulös? Soll es auch! Denn warum das Kloster genau dort liegt und Eberbach heißt oder warum es das Weinprädikat Kabinett gibt, das lernt eben, wer eine Tour mitmacht. Warum also schon jetzt alles verraten? Mitgehen, umsehen, zuhören! Auf dem Weg durch die einstige Klausur erlebt man so den Kreuzgang und die Basilika, passiert die Klostergasse, steht mal im Mönchsdormitorium, dann im Laienrefektorium.

Und stößt immer wieder auf das Thema Wein und stolpert über den Namen Steinberg. Diese weltberühmte Lage, die sich seit 1239 im Alleinbesitz des Weinguts befindet, liegt gerade mal 300 Meter vor den Toren des Klosters:

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Zu Besuch bei Fürstens: Unterwegs im Schaumburger Land

Veröffentlicht am 21.08.2018

Mit (Orts-)Namen ist das so eine Sache, man verbindet sie fast immer mit einer Erinnerung. Das können Menschen sein und deren Eigenschaften (schöne wie nervende), dann wieder Orte und ihre Gerüche. Schaumburg war und ist so ein Begriff, mit dem ich persönlich unter anderem Schulwandertage, Filzpantoffel und eben einen ganz bestimmten musealen Geruch, diese Mischung aus Bohnerwachs, Schweiß und anderem mehr verbinde, der früher alten Gemäuern so gemein war.

Besagte Schaumburg – eigentlich Schloss Schaumburg, aber so redete bei uns keiner von ihr – steht in meiner Heimat, im Nassauer Land. Genauer gesagt sie thront hoch über Balduinstein an der Lahn, was ein Katzensprung von Diez entfernt liegt, wo ich dereinst das Licht der Welt erblickte. Den Rhein-Zufluss, den viele mit Kanuwandern verbinden, sieht man vor dort oben meiner Erinnerung nach nicht wirklich, dafür aber endlos weit übers Land. Das war und ist damals wie heute von Dörfern, Feldern, Wiesen und Wäldern geprägt ist. Touristiker würden wohl sagen: lieblich. Oder: beschaulich.

Die erste Burg soll hier um 915 entstanden sein, es tauchen Namen wie Schowenburg oder Schauenburg auf; weil, ich hatte es davon, man schaut ja so weit übers Land. Wie das in Adelskreisen so ist, es wurde geheiratet, gestorben und vererbt – an Haupt- und Nebenlinien, es wurde Erbmasse geteilt und wieder zusammengeführt … Kurz: Besitzer kamen und gingen. Im 19. Jahrhundert dann besaß ein österreichischer Erzherzog die Schaumburg – und baute sie 1850-55 im neugotischen Stil zum heutigen Schloss um. Ganz so, wie man in dieser Zeit auch am Rhein Burgen und Schlösser (wieder) aufbaute. Damals soll es sogar ein richtig beliebter wie belebter Treffpunkt für Adlige aus ganz Europa gewesen sein.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerLang ist’s her und heute residiert in der Dreiflügelanlage der Schaumburg längst kein Blaublütiger mehr. Führungen gibt es ebenfalls keine. Dafür zerstob in den letzten 30 Jahren so mancher Plan, wie da Schloss aus seinem Dornröschenschlaf erwecken. Bislang blieb es dabei. Schade. Denn andernorts sieht man, es geht auch ganz anders. Da bleiben Schlösser lebendig bis heute.

Im "Schaumburger Land" zum Beispiel, einem gar nicht so kleinen Flecken Erde westlich von Hannover und Deister. Im Norden grenzt es an das Steinhuder Meer, im Süden kann man sich ungefähr das Weserbergland und die Weser als imaginären Abschluss denken.

Zugegeben: Die Filzpantoffel, die gab's dort (leider) nicht. Zumindest nicht in dem Schloss, in dem ich "geführt" war. Dafür aber allerlei Geschichten rund ums Adelsgeschlecht der Schaumburger (eine Verbindung zum Ort meiner Kindheit besteht jedoch definitiv nicht), dazu Rösser von ebenso edlem Blut. Und auch das Rumfahren und -stromern im einstigen Fürstentum lohnt sich auch, denn die hochherrschaftlichen Spuren finden sich allerorten und sorgen so für ein abwechslungsreiches (Kultur-)Programm.

(c) S. Sahmer(c) S. SahmerFangen wir in Bückeburg an, gleichwohl meine kleine Reise über Land nicht dort begann. Aber die Schaumburger, später Schaumburg-Lipper sie sind ein Adelshaus mit großer Tradition und dort steht ihr Stammhaus: Einst prägten sie ihr Land mit prachtvollen Bauwerken und aufgeklärten Ideen, heute mit modern präsentierten Traditionen und attraktiven Event (wie etwa die Landpartie oder der Weihnachtszauber zeigen), vor allem rund um Schloss Bückeburg. Ausgewählte Räumlichkeiten im Schloss können geführt erlebt werden und wenn die Tour mit rund 50 Minuten auch kurz und die Räume überschaubar sind – es lohnt sich! Zugegeben, wir hatten eine sehr launig parlierende Führerin, die die Fakten und Zahlen amüsant zu verpacken wusste, so dass man ihr die knappe Stunde gerne folgte. Auch das größte Privatmausoleum der Welt im Park kann, wer mag, geführt oder am Wochenende individuell erleben. In seiner Kuppel verbirgt sich ein gewaltiges Goldmosaik. Mein Fazit, des 1911-16 erbauten Prachtbaus? Beeindruckend ja, aber auch etwas "unterkühlt".

Auch die Inselfestung Wilhelmstein im Steinhuder Meer geht auf die Schaumburger Herrscher zurück – und das dortige kleine Schloss Hagenburg samt Kanal war einst ihre Sommerresidenz (heute befindet sich dort ein Kunst- und Auktionshaus). Dort kam man gar trefflich spazieren, etwa entlang des Kanals zum Steinhuder Meer oder im angrenzenden Moorgarten. Leider habe ich die seit 1913 mit Rhododendren bepflanzte Schlossallee nicht im blühenden Zustand erlebt; vor allem im Mai muss sie beeindruckend sein. Ein Blütenmeer im wahrsten Wortsinn.

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Wiedensahl: Wo die Wiege von Max & Moritz steht

Veröffentlicht am 16.08.2018

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerIm "Schaumburger Land", ziemlich genau an der Grenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, liegt die Heimat von Wilhelm Busch. Der Maler und Schriftsteller wurde 1832 in Wiedensahl geboren. Schon seit den 1870er Jahren in ganz Deutschland berühmt, galt er bereits bei seinem Tod 1908 dank seiner Bildergeschichten als "Klassiker des deutschen Humors". Heute tituliert ihn mancher gar als "Urvater des modernen Comics". Der kleine Marktflecken mit seinem gerade einmal tausend Einwohnern jedenfalls zehrt davon, ist und lebt seither Wilhelm Busch: Denn der große Zeichner, Maler und Dichte war zwar viel unterwegs (er studierte etwa in Hannover, Düsseldorf, Antwerpen und München), lebte jedoch mehr als 40 Jahre in seinem Heimatort.

"Froh schlägt das Herz im Reisekittel,
vorausgesetzt man hat die Mittel." 
(W. Busch)

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerDas Wilhelm-Busch-Geburtshaus, ein typisches niedersächsisches Fachwerkaus, das unübersehbar an der Hauptstraße liegt, ist heute ein liebevoll gestaltetes Museum mit vielen kleinen Szenen und Details (so arbeitet etwa Witwe Bolte im Keller). Dort sind neben zwei Wohnräumen seiner Kindheit nun allerlei Bildergeschichten, Zeichnungen und viele persönliche Gegenstände zu sehen. Auch etliche Zeugnisse seiner Malerleidenschaft jenseits von Max und Moritz, Witwe Bolte, Lehrer Lämpel und Co. finden sich hier.

Im Obergeschoss ist derzeit die amüsant-lehrreiche Sonderausstellung "Wilhelm Busch und die Medizin" zu sehen ist (noch bis 20.01.2019). Die Idee und Vorlage dazu war das gleichnamige Buch des Internisten Dr. Hartmut Gill (erschienen im Hinstorff Verlag). Der Arzt griff sich aus dem Fundus an Beobachtungen und Behauptungen Buschs gezielt allerlei Medizinisches heraus. Zitat: "In ebenso akribischer wie leichtfüßiger Manier trug der Autor Krankheit und Heilung, Gesundheit und Laster in Buschs Bildergeschichten in einem Buch zusammen." Herausgekommen ist in Wiedensahl eine kleine witzige Schau, der es nicht an echten Fakten mangelt.

"Das weiß ein jeder, wer‘s auch sei,
gesund und stärkend ist das Ei." 
(W. Busch)

Nur ein paar Schritte vom Geburtshaus aus nach rechts Dorfstraße hinunter kann man im "Museum im Alten Pfarrhaus" eine weitere Wohnstätte von ihm besichtigen. Am Rand des angrenzenden Friedhofs mit der Grabstätte der Familie Busch steht das Wilhelm-Busch-Denkmal von 1913. Es zeigt den Künstler auf einem Bronze-Relief – rauchend, wie man ihn auch auf vielen Fotos sieht. Dabei soll er sogar zweimal geradeso eine Nikotinvergiftung überlebt haben …

"Drei Wochen war der Frosch so krank! 
Jetzt raucht er wieder. Gott sei Dank!"
(aus: Der Frosch und die beiden Enten, W. Busch)

Im Pfarr(bauern)haus, wo Herrmann Nöldecke, Buschs Schwager, als letzter Pfarrbauer tätig war, wohnte der zeitlebens unverheiratete Busch zusammen mit der Familie seiner Schwester Fanny gut sechs Jahre. Im Obergeschoss des heute als Gemeindehaus genutzten Gebäudes hat der Heimatbund Wiedensahl sein Museum (c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. Sahmereingerichtet. Es zeigt unter anderem die Schlafkammer und das Atelier Buschs – wo der Meister ehrlich gesagt an einem erstaunlich kleinen Schreibtisch arbeitete, aber offensichtlich ein großer Briefeschreiber war ... von denen einem nämlich in den einstigen Wohnräumen überall lesenswerte Ausschnitte begegnen.

Der Schwerpunkt des Museums liegt eigentlich auf der Heimatgeschichte: So passiert man zunächst eine zugegeben etwas skurrile Sammlung von Saurierspuren, Fossilien und alten Tongefäßen, aber auch von Hausgeräten, Werkzeugen und Geräten für die Flachsverarbeitung aus den vergangenen Jahrhunderten, bevor man in die deutlich weniger eingestaubte Welt von Wilhelm Busch eintreten kann.

Eine kleine Welt, überschaubar und scheinbar unspektakulär (wie das ganze Dorf bis heute auf den ersten Blick) – aber für ihn offenbar genau der richtige Schaffensort:

"Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen,
Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge."

(W. Busch)

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerBusch soll gerne und viel im und rund um den Ort spazieren gegangen sein. Mit einem kleinen Faltblatt bewaffnet ("Dorfspaziergang mit Wilhelm Busch") und den entsprechenden Wegweisern und Hinweistafeln folgend, kann man auf seinen Spuren durch und rund um Wiedensahl, von dem er übrigens viele Bilder gemalt hat, herum streifen. Ob man nun an der ehemaligen Poststelle vorbeikommt, von wo aus Buschs Druckstöcke für die Bildergeschichten an seine Verleger gingen, im heutigen Café Busch-Keller einkehrt, das sein zweites, neugebautes Elternhaus war, wo der Vater – ein Kaufmann – mehr Platz hatte, um seinen Geschäften nachzugehen, oder das einstige Pfarrwitwenhaus betrachtet, wo Busch mit seiner verwitweten Schwester und ihren drei Söhnen ab 1879 fast 20 Jahre lebte; Busch ist hier wirklich überall. Und wenn es nur in Form des Bolte-Stein ist.

Den Namen trifft man übrigens in Wiedensahl häufiger an, heißt es. Doch wem Busch mit seiner Witwe Bolte ein literarisch-gemaltes Denkmal gesetzt hat, das weiß keiner so genau … warum auch? Seine Figuren sind sowieso einmalig:

"Busch ist der eigentliche Erfinder der zeichnerischen Kurzschrift.
Ich weiß keinen Vorgänger, dem es gelungen wäre oder der auch nur versucht hätte,
in so knappen Strichen das Leben einzufangen, durch einen einfachen Federzug so unerhört gesteigerte Bewegung,
so unvergessliche Typen mitsamt der ihnen zukommenden Umgebung auf einem kleinen Blättchen Papier hervorzuzaubern.
"

(Th. Th. Heine)

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