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Senkrechtstarter: Das Hubschraubermuseum in Bückeburg

Veröffentlicht am 28.10.2020

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerOb es nur die Libelle gewesen ist, die Erfinder auf ihre Idee für einen Helikopter bzw. Hubschrauber brachte – das weiß keiner so ganz genau. Fakt ist, viele schauten bei der Natur genau hin, wollten ein Fluggerät erfinden, das eben wie die Libellen ihre Flügel einzeln und unabhängig bewegen oder wie der Kolibri in der Luft stehen kann. Und bei noch einem "natürlichen" Vorbild haben die Tüftler genau hingeschaut: Ahornsamen. Wenn sie im Herbst vom Baum fallen, können sie sich durch schnelle Drehungen um die Hochachse und unter Mithilfe des Windes ziemlich weit fortbewegen – dank kleiner Luftwirbel, die an den Oberkanten ihrer Blättchen entstehen. Klingt kompliziert? Möglich, aber auch faszinierend! Und diesem speziellen Kapitel der Luftfahrtgeschichte kann man im Hubschraubermuseum in Bückeburg im Schaumburger Land nachspüren. Und "natürlich" begegnet man dort neben ganz viel Flugtechnik auch Libelle, Kolibri und Ahornsamen.

Unter dem Motto "Technik erleben und verstehen – von der Emotion zur Information" steht die situationsbedingt nicht ganz so interaktive Erlebnisausstellung des Hubschraubermuseums. So durfte man den Flugsimulator etwa nicht nutzen. Wo aber Modellsimulationen per Knopfdruck möglich sind oder Filme abgerufen werden können, war der aktuell vorgeschriebene Rundgang unter Beachtung von AHA und dem am Eingang unübersehbar aufgestellten, unvermeidlichen Desinfektionsspender durchaus interaktiv. Um so sein "fliegendes Wunder" zu erleben.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerAuf über 2.500 Quadratmeter erzählt das Museum dem neugierigen Besucher den Traum vom Fliegen mit Fokus auf ein ganz besonderes Fluggerät. Senkrechtstarter nämlich. 50 originale Trag-, Flug-, Verwandlungs- und Hubschrauber stellen dabei beeindruckend ihre erstaunliche (Rotorblätter-)Technik und die "erfindenden" Menschen dahinter dar (etwa Igor Sikorsky, der einem mehrfach begegnet) plus unzählige Modelle (schon am Anfang des Rundgangs steht etwa eine geradezu gigantische Glasvitrinen-Wand mit ebensolchen von mini bis midi, zudem hängen Maximodelle ebendort von der Decke) – und zeichnen den Entwicklungsweg vom anfänglich gerade mal kurzen Luftsprung über den ersten erfolgreichen vertikalen Aufstieg nach bis zu Sondermodellen und heutigen Bestsellern. Und selbstverständlich spielen auch die Einsatzmöglichkeiten der wendigen Fluggeräte, allen voran die Luftrettung, ein große Rolle. Beeindruckend ist die ganze Schau dabei auch insofern, da sich der Besucher durchaus fragt, welche Millimeter- und/oder Bausatzarbeit zum Teil wohl nötig war, um die ganzen Helikopter "so" ins Museum zu bringen.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerWas ich mich von Anfang an gefragt habe: Warum gibt's dieses Museum eigentlich genau da? Die Lösung: Seit 1960 gibt es bei Bückeburg die Heeresfliegerwaffenschule  bzw. seit 2015 offiziell "Internationales Hubschrauberausbildungszentrum" auf dem nahen Militärflugplatz Achum. Und dort liegen auch die Wurzeln des Museums: Dessen Gründer Werner Noltemeyer war 1957/58 im Rahmen seiner Ausbildung zum Hubschrauberpiloten an der Fliegerschule der US-Army in Fort Rucker, Alabama, und sah die dortige Ausstellung ausgedienter Vorläufer der damals "modernen" Einsatzhubschrauber. Was aus seinen Anfängen und seiner Sammelleidenschaft am Flugplatz geworden ist, sieht man heute am Sablé-Platz mitten in Bückeburg, wohin die Sammlung 1970 umzog. Im historischen Burgmannshof, der 1980 um einen ersten Erweiterungsbau (die große Ausstellungshalle mit dem Großteil des Fluggeräts, die sich optisch dem Gehöft nach außen hin erstaunlich anpasst) und 2011 um einen zweiten ergänzt wurde (der als zweitgeschossiger Glaskubus durchaus architektonisch ein Statement abgibt).

Durch das erstmals 1961 auf dem Flugplatz Achum durchgeführte, seither alle zwei Jahre stattfindende Internationale Hubschrauberforum erhielt das Museum zusätzlichen Wachsstumsschub. So erklärt sich aber auch, warum ein Bereich der militärischen Nutzung im Allgemeinen und den deutschen Luftwaffenstützpunkten mit Fokus Hubschrauereinheiten im Besonderen sowie gerade deren vielfältigen, oftmals nichtmilitärischen Einsatzfeldern (Stichwort Hamburgflut oder Oderhochwasser) gewidmet ist – mit besonderem Blick auf Achum. Das war übrigens einer der Ausweichflugplätze der legendären "Berliner Luftbrücke", da es zu der Zeit und bis in die späten 1950er-Jahre hinein ein Fliegerhorst der britischen Royal Air Force war.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerWer sich also für das Fliegen und die Luftfahrt interessiert sowie Senkrechtstarter im Speziellen, kommt im Hubschraubermuseum Bückeburg definitiv auf seine Kosten – zumal auch ausgefallene Modelle und Sonderlackierungen bzw. -fabrikate zu sehen sind. Interessant fand ich persönlich dabei auch die der Ausstellungshalle vorangestellte "Galerie" der Entwickler. Denn ich gestehe, natürlich fiel auch mir beim Stichwort Helikopter als Erster nur Leonardo da Vinci ein, dachte dann aber immerhin noch an den Fieseler Storch (ein Kurzstarter-Flugzeug aus den 1930er-Jahren) und überlegte, ob und wie Focke auch bei diesen Flugmodellen seine Hände im Spiel gehabt haben würde (ich löse auf: ich habe mal Pressearbeit für einige Flugtage und -schaus gemacht, da ist mir die fliegerische Historie in Maßen vertraut) – bis mir dann doch bei dem einem oder anderen Namen wieder ganz gehörig der Ganz-vergessen-Groschen fiel, warum mir die "irgendwie" bekannt vorkamen. Wie selbstverständlich auch Libelle, Kolibri und Ahornsamen, denen man in Modell und Bild begegnet. Und um die sich einige kleinere spielerische Versuchsszenarien ranken, die zum Ausprobieren verleiten, ob man nun noch klein oder doch schon groß ist. Damit dann auch das mit den unabhängigen Flügeln, äh: Rotorblättern und den Luftwirbeln geklärt ist. Na, "irgendwie" zumindest.

PS: Auch in diesem Museum war Abstandhalten übrigens kein Stress-Thema und jeder Besucher höchst willkommen! Und auch hier waren Rundgang und Betrachtungen, nicht zuletzt, weil sich leider nur ein Dutzend Gäste zu der Zeit dort "tummelten", ganz stressfrei. Ungestörter so nah ran wie derzeit kommt man wohl in vielen Museen den Objekten eben nur selten. Das hat was.

Kulturausflug an den Main: Rüsselsheim

Veröffentlicht am 30.09.2020

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerReisen in Corona-Zeiten ist gar nicht so einfach, denn Auslandspläne zu schmieden, kann zur echten Herausforderung werden, selbst kurzfristig und in Nachbarstaaten. Kein Wunder, dass viele letztlich "Zuhause" bleiben und alternativ die Heimat entdecken. Die einen mit aktiven (Natur-)Trips oder bei Städtereisen in Deutschland, andere nehmen es wörtlich und entdecken – oft sogar erstmals so richtig – ihre "Wohnumgebung" und damit Heimat im engsten Wortsinn. Und auch ich habe noch das eine oder andere auf meiner Bucket List für die nähere und weitere Heimat, das ich eigentlich schon längst mal machen wollte. Aber irgendwie rutschte einiges immer wieder nach hinten, weil ich ähnliches dann doch erst mal verreisend anderorts gemacht habe.

Eine "kunstvolle" Reise in die Krimistadt Münster hat mich mit der Nase drauf gestoßen, dass ich Kunst im öffentlichen Raum doch auch ruhig mal wieder daheim erleben könnte. Und es auch hier kleine und große Häuser gibt, die sehenswerte (zeitgenössische) Schauen auf die Beine stellen. Gesagt, getan. Umgeschaut, ausgewählt. Denn Frankfurt, auch wenn da noch einige Mussen auf meiner Liste stehen, obwohl ich schon etliche besucht habe, war mir "zu naheliegend". Kurzum: Rüsselsheim am Main wurde mein Ziel, den meisten vor allem als Opel-Standort bekannt. Und die Marke bzw. der Name sollte denn auch am Ende der rote Faden (m)eines Kulturausflugs sein, bei dem Abstand, Maske und Besucherobergrenzen ganz stressfrei umsetzbar waren. Corona-Beschränkungen können also auch zur Nebensache werden und Heimat eine Kurzreise wert. Herausgekommen ist ein entspannter Sonntagmorgen mit einem Dreierlei aus Kunstpfad Mainvorland, Kunstzentrum Opelvillen und Stadt- und Industriemuseum.

Kurzer Blick zurück, wenige Wochen zuvor: Ein Grund meiner Münster-Reise war die dort alle zehn Jahr stattfindenden Skultur.Projekte, eine temporäre 100-Tage-Schau, die – obgleich sie seit 1977 immer nur in den "Siebenerjahren" stattfindet – inzwischen mit fast 70 Projekten dauerhaft als "Kunstwerke und Skulpturen im öffentlichen Raum" von den letzten fünf Schauen zeugt und so Teil des Stadtbilds geworden ist. So umfangreich ist der offizielle Kunstpfad Mainvorland in Rüsselsheim zugegebenermaßen nicht, aber zusammen mit anderen Denkmälern und Co. kommt in der Opel-Stadt doch allerlei "Ansehnliches" zusammen, das man jenseits von Öffnungszeiten und mit viel frischer Luft anschauen kann. Es gibt sogar eine ArtMap RaM, die sich speziell Denkmälern und Kunstwerken im öffentlichen Raum Rüsselsheims widmet.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerIch habe mich für meinen Kulturausflug diesmal für ein überschaubares Terrain am Rüsselsheimer Mainufer entschieden und startete meinen Sonntagmorgen-Kunstwalk am sogenannten Landungsplatz Rüsselsheim, wo man am Wochenende kostenfrei parkt. Mit gut Glück sogar direkt neben echter Kunst.

Die ist 13 Tonnen schwer, aus Beton und setzt einem automobilen Kultobjekt ein Denkmal: Der "Dauerparker" von Matthias Braun zeigt nämlich einen Opel Manta – und ist, wie ich beobachten konnte, ein beliebter Foto-Stopp, für den noch immer zahllose Spaziergänger wie Radfahrer extra anhalten und posen. Soviel zum Thema Opel und Rüsselsheim, eine Never-ending-story, die übrigens mit Nähmaschinen begann und erst später Automobilgeschichte schreiben wollte.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerDa bleibt bei vielen, leider, kaum ein Blick auf das nahe Leinreiter Denkmal, eine wuchtige Bronze-Skulptur (aufgestellt 1993), die an einen ausgestorbenen Berufsstand erinnert und den Betrachter auf Zeitreise schickt. In jene Tage, als Leinreiter auf dem Main-Treidelpfad einst die Schiffe und Kähne zwischen Mainz und Frankfurt stromaufwärts zogen. Warum auch immer, offizieller Teil des Kunstpfads ist sie nicht, dabei wäre es so naheliegend gewesen. Auch die Cortenstahl-Figur "Heimat" von Mario Hergueta, die sich erst auf den zweiten oder gar dritten Blick als die verschachtelten Buchstaben des Wortes offenbart (Kunst liegt nicht nur im Auge des Betrachters, sondern ist manchmal auch eine Frage der Perspektive) oder "Shortcut (Abkürzung)" von Martin Feldbauer, die mich, ich gestehe es, zunächst an so manches Scheitern auf dem Minigolfplatz erinnerte, de facto dann einen tollen Rahmen für eine Aufnahme der Opelvillen ergab, scheint für viele Spaziergänger und Radler schon ein derart festes Landschaftselement, das es kaum noch wirklich wahrgenommen. Kunst im öffentlichen Raum wird anscheinend oft Alltag: Zu vertraut, um noch besonders zu sein. Ein Gedankengang, der mir schon in Münster kam: Ist das schade oder gut?

Ganz anders die sogenannten Opelvillen, zu ihnen drehen auch die Radwanderer ihre Köpfe. Klar, der Name ist ja auch bekannt: O wie Opel und omnipräsent. Zumindest in Rüsselsheim.

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Krimistadt Münster: Was ist dran?

Veröffentlicht am 23.09.2020

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerIch mache es kurz: Eine Menge. Oder warum sonst würden allein drei Anbieter regelmäßig und gut nachgefragt Stadtführungen und Events zu diesem Thema anbieten? Münster hat offensichtlich mörderisches Potenzial. Ein guter Reisegrund, der Sache mal vor Ort nachzugehen. Ermittlungsarbeit mit Abstand und Maske sozusagen. Denn deswegen kommen immerhin viele Reisende in die Stadt, die eigentlich so viel mehr ist: Allem voran Stadt des Westfälischen Friedens, aber auch Wissenschaftsstadt, Universitätsstadt, Skulpturenstadt, Fahrradstadt, Hansestadt. Kurzum: Das westfälische Münster kann man mit Fug und Recht als lebendige "kleine" Großstadt mit vielen Gesichtern bezeichnen. Und eines davon ist eben die Krimistadt.

Denn seit Jahrzehnten sind dort immer wieder Tote zu beklagen, die keines natürlichen Todes gestorben sind – wobei sich diese (glücklicherweise) vor allem in (regionalen) Buchkrimis, aber auch im Fernsehen zu tragen. Schaut man sich ein bisschen um, so wird schnell klar: Die "Schnüffler" zwischen zwei Buchdeckeln sind mal mehr oder weniger erfolgreich, einige haben es nur auf zwei, drei Einsätze gebraucht, andere auf fünf oder auch mal zehn aufgeklärte Fälle. Nur einer hat sich unangefochten den Spitzenplatz erobert – und das nicht nur wegen seines erfolgreichen Sprungs auf die Mattscheibe. 30 Jahre nach dem ersten "Wilsberg"-Roman "Und die Toten lässt man ruhen", 1995 für das ZDF verfilmt, ist im März 2020 von Jürgen Kehrer der 20. Roman mit dem Titel "Wilsberg – Sag niemals Nein" erschienen.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerNur einer von vielen Fakten, von denen man auf kurzweiligen 90+ Minuten der StattReisen-Führung "Krimistadt Münster" durch die Innenstadt erfährt. Etwa, dass neben dem Erstling von "Wilsberg"-Schöpfer Jürgen Kehrer noch sechs weitere Bücher in der Folge die Vorlage für Bildschirm-Fälle waren, von denen es inzwischen bereits 70 abgedrehte Folgen geben soll. Man darf also auf kommenden Neuausstrahlungen gespannt sein – obwohl die Corona-Pandemie auch hier Drehpläne durcheinander gewirbelt hat.

Das ZDF hat die Figur des leicht kauzigen Ex-Anwalts, der dort ein Buch- statt Briefmarken-Antiquariat betreibt, zugleich als Privatdetektiv arbeitet und mit Schauspieler Leonard Lansink längst sein perfektes Alter Ego gefunden hat, also eifrig (und mit dem Segen seines eigentlichen Schöpfers) erfolgreich weiter entwickelt. Er wird dabei von Steuerprüfer Ekki Talkötter (gespielt von Oliver Korittke) und Patenkind bzw. Anwältin Alex Holtkamp (Ina Paule Klink) unterstützt. Die drei geraten bei ihren Ermittlungen oft mit den Kommissaren Springer (Rita Russek) und Overbeck (Roland Jankowsky) aneinander. Oder besser gesagt: Die einen können nicht ohne die anderen – obwohl es keiner je offen zugeben würde. Weder im Ersten noch in Zweiten.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerUnd so ganz nebenbei setzen die Bücher, vor allem aber die Filme so gekonnt Münster in Szene, dass man etwa bei StattReisen von März bis Dezember jeden Samstagnachmittag ab 16 Uhr die Krimistadt durchstreift. Sicher, es gibt vom Münster Marketing eine gut gemachte Broschüre dazu, mit der man sich selbst auf Spurensuche begeben kann; aber ein Rundgang mit anderen macht mehr Spaß, selbst mit Abstand und Maske. Und man erfährt, äh: ermittelt, eben so manches mehr rund ums "mörderische" Münster. Etwa allerlei reale Kontrapunkte während der Tour, ob es nun um Einblicke hinter TV-Kulissen und Drehtage geht oder die echte Kriminalstatistik Münsters und die Arbeit von wirklichen Mord-Kommissionen, bei denen letztlich der ermittelnde Staatsanwalt das Sagen hat. Mir hat dieser Brückenschlag ins echte Leben extrem gut gefallen. Obwohl natürlich auch ich so manche Straßenecke rein durch die Fan-Brille betrachtete und mit Krimi-Szenen versehen habe.

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Mainz: Auf Stippvisite in der Gutenberg-Stadt

Veröffentlicht am 13.03.2020

(c) Textertlei, S. Sahmer(c) Textertlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerIm Zentrum der Mainzer Altstadt, gegenüber dem Dom, liegt eines der ältesten Buch- und Druckmuseen der Welt. Anno 1900 von Mainzer Bürgern gegründet, ist das – zugegebenermaßen in die Jahre gekommene, nichtsdestotrotz spannende – Gutenberg-Museum dem sogenannten "Mann des Jahrtausends" und seinen Erfindungen gewidmet.

Denn ohne jenen Johannes Gensfleisch, genannt und bekannt als Johannes Gutenberg, gäbe es keinen Zeitungskiosk und keine Buchhandlung – und letztlich auch nicht das heutige digitale Medienzeitalter, da brauchen wir uns nichts vormachen:

Seine Entwicklung und Verwendung von beweglichen Lettern revolutionierte die bis dahin führende Form der Buchproduktion, das Abschreiben von Hand, und löste in Europa eine wahre "Medienrevolution" aus. Sie dauert bis heute an und hat unendlich viel angestoßen ...

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerAlles fing mit dem heute meistverkauften Buch der Welt an, das selbst den Zwangs-Topseller "Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung" und den Koran auf die Plätze zwei und drei verwies: Mit weit über zwei Milliarden Exemplaren ist die Bibel unangefochtener Spitzenreiter. Heißt es. Ich bezweifle es nicht.

Kein Wunder daher, dass zu den größten Schätzen des Museums zwei originale 42-zeilige Gutenberg-Bibeln (kurz B42 genannt) gehören, von denen es weltweit nur noch 49 Exemplare gibt. Die Bibel war das erste Buch, das Gutenberg mit der von ihm entwickelten Methode des Buchdrucks mit beweglichen Lettern herstellte. Vermutlich in einer Auflage von 180 Exemplaren. Da er nur den Text druckte, wurde das Dekorative – vor allem die Initiale – zunächst noch ganz traditionell von Hand gemalt. So ist es wenig überraschend, dass auch die beiden Museums-Exemplare letztlich ganz verschieden sind, obwohl gleichartig gedruckt. Worüber man in einem 15-minütigen Film ebenso unterhaltsam wie informativ einiges erfährt.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerDer ist deutlich jüngeren Datums und modernerer Machart als der Großteil der inhaltlich nach wie vor absolut sehenswerten Schau. Aber ich will ehrlich sein, seit meinem Buchwesen-Studium in Mainz hat sich dort wenig getan. Und das ist dann doch über 25 Jahre her. Auch da wirkte die Präsentation insgesamt schon etwas altbacken. Es ist, leider, noch immer so. Selbstkritisch merkt man jedoch an, dass "die Ausstellung seiner Schätze zum Teil auf dem Stand des Jahres 1962 [ist], ebenso die Ausstattung vieler Räume. Das Museum muss sich rüsten, um weiterhin konkurrenzfähig zu sein."

Wohl wahr – trotz all der Highlights. Allen voran die rekonstruierte Gutenberg-Werkstatt, wo jeden Tag stündlich demonstriert wird, wie zu Gutenbergs Zeiten gedruckt wurde (nur hier darf im Museum offiziell fotografiert werden).

Und natürlich die "Schatzkammer", einem begehbaren Tresorraum mit geradezu mystischem Halbdunkel (das in ein, zwei Nuancen heller vielerorts im Museum herrscht), wo stets eine der Gutenberg-Bibeln zu sehen ist (gedämpftes Licht schützt altes Papier). Doch nicht nur der durchaus stimmige Bereich zu "Pressegeschichte und Zeitungsdruck" müsste dringend einen aktuellen weiteren Bogen in die Gegenwart schlagen. Da fehlt ganz viel von den Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerMan arbeitet dran: Im Druckladen zum Beispiel geht es nur scheinbar altmodisch zu, hier kann nämlich jeder unter fachkundiger Anleitung selbst das Setzen und Drucken wie anno dazumal ausprobieren. Das museumspädagogischer Angebot drum herum ist dabei absolut zeitgemäß.

Auch gibt es einen Audioguide (in dt., engl., franz.), mit dem man auf "Lauschtour" gehen und die Highlights des Hauses kennenlernen kann. Fünf "Extratouren" führen dabei durch einzelne Abteilungen. Nur die eigentliche Präsentation der sehenswerten Objekte ist eben noch immer "von gestern". 

Da kommt mir entgegen, dass das international hoch angesehene Haus schon länger an der inhaltlichen und baulichen Neuausrichtung des Gutenberg-Museums arbeitet. Zitat: "Aus einem Haus der stummen Bücher wird ein Haus lebendiger Geschichte(n)!" Ja, bitte. Gutenberg hat es verdient. Das Haus auch.

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Wiesbaden mal anders: Jugend, Stil, Jugendstil

Veröffentlicht am 09.03.2020

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerEs gibt Städte in Deutschland, mit denen man spontaner "Jugendstil" verbindet, gerade auch in Hessen: Darmstadt zum Beispiel mit der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe. Oder Bad Nauheim mit dem einzigartigen Ensemble seiner Kuranlage mit Sprudelhof und Badehäusern. Aber Wiesbaden?

Doch auch hier hat der Jugendstil seine Spuren hinterlassen – und gar nicht mal so wenige: skulptural verzierte Architektur und die überall anzutreffende florale Bauornamentik zeugen davon. Man muss nur genau hinschauen und manchmal dafür auch den Kopf in die Höhe recken.

Denn vieles findet sich etwa an Fassaden in luftiger Höhe. Die vielfältige Pracht ist kein Wunder, schließlich stand Wiesbaden um 1900 als Weltkurstadt in voller Blüte – und war durchaus offen für Neues. Auch und gerade für die Künstler des Jugendstils wie auch des Art Nouveau, die in Europa unter anderem mit neuen und verspielten Formen und Motiven den Aufbruch in ein neues Jahrhundert wagten.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerKurzum: Von wegen, die hessische Landeshauptstadt kann nur Historismus. Keine Frage, davon gibt’s in der Tat eine Menge. Aber eben auch viel mehr Jugendstil als mancher denkt.

Hinschauen lohnt etwa im 1907 eröffneten "neuen" Kurhaus, unter anderem in der Schwimmhalle der Kaiser-Friedrich-Therme, beim 1909 errichteten Gebäude des Wiesbadener Kuriers (vormals Tagblatt) in der Langgasse oder dem "Weißen Haus" in der Bingertstraße mit seinen ganz unterschiedlich gestalteten Fassaden. Nicht zu vergessen die 1911 eingeweihte Lutherkirche. Um nur einiges zu nennen, woran man als Tourist ganz leicht vorbeischlendern oder teils auch als Gast und Besucher eintreten und staunen kann.

Wer per Bahn anreist, dem sei verraten: Ähnlich wie im Kurhaus wurden auch im Hauptbahnhof – dem "historistischen" Geschmack Kaiser Wilhelms II. zum Trotz – Jugendstil-Details "eingeschmuggelt". Wie wäre es, bei der Ankunft/Abfahrt mal einen (zweiten) Blick zu riskieren?

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerKurzum, eine Städtereise nach Wiesbaden lohnt gerade auch für Kunstinteressierte. Und das nicht nur im noch laufenden "Jugendstiljahr Wiesbaden 2019/2020", dessen "Auslöser" die Schenkung der bedeutendsten deutschen Privatsammlung des Jugendstils und Symbolismus ist, die Ferdinand Wolfgang Neess an das Museum Wiesbaden machte.

Zum 90. Geburtstag des Mäzens Ende Juni 2019 (er verstarb Anfang des Jahres) eröffnete die Dauerausstellung mit seinen Schätzen, anders kann man es nicht nennen, im dortigen Südflügel:

Was für eine Augenfreude und welch‘ tolle Inszenierung! Da muss man mehr als einmal hin, so viel gibt es zu entdecken und bestaunen. Oder wie es das Museum formuliert: "… diese herausragende Sammlung [wird] zum ersten Male als Ganzes einer breiten Öffentlichkeit aus[gestellt] und setzt Wiesbaden damit auf die Karte der europäischen Jugendstilstädte."

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerIch selbst bin vorsichtig mit Superlativen, doch in dem Fall sage ich: Ja, nix wie hin!

Denn die über 700 Objekte bilden einen Querschnitt durch alle Gattungen und Strömungen des Jugendstils in ganz Europa – und sind mal bewusst einzeln in Szene gesetzt, dann als Ensemble arrangiert oder als Sammlungen dargestellt (etwa die Glasvasen). Spannend waren für mich auch die immer neuen Blickachsen, weil viele Bereiche nur scheinbar voneinander abgrenzt sind; es lohnt, mal voraus zu schauen, quer zu blicken oder sich umzudrehen. Ganz abgesehen von Spiegelungen.

Das macht Spaß, fotografierend (ohne Blitz ist es erlaubt) zu experimentieren und Details zu erkunden, aber eben auch einfach mal alles mit Muße "pur" wirken zu lassen, ohne die Kameralinse als Mittler. Und auch ohne Texte zu lesen oder einer Führung zu lauschen.

Mein Fazit: Mehrfachbesuche werden da wohl sein müssen, schon allein um mit der Zeit alles zu erfassen.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerZumal das Museum Wiesbaden auch sonst jede Menge Kunst zu bieten – Natur auch, aber die Bereiche habe ich im wahrsten Wortsinn links liegen lassen.

Mich zog es zum Einschwingen und Ausklingen eher in die Kunst-Bereiche Klassische Moderne bzw. Moderne und Gegenwart. Und dann gibt es immer wieder tolle Sonderausstellungen, die zum Wiederkommen einladen. So startet in Kürze etwa die gemeinsam mit dem Lenbachhaus München konzipierte Schau "Lebensmenschen. Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin", die bislang in München zu sehen war und nach Wiesbaden (13.03.-12.07.2020) dann noch in Ascona (02.08.-08.11.2020) bewundert werden kann.

Dafür und generell vormerken: Samstag ist Frei-Tag! Heißt im Klartext: Alle Ausstellungen und Sammlungspräsentationen des Hauses sind an jedem ersten Samstag im Monat auch für Erwachsene kostenfrei. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben nämlich immer freien Eintritt – zu Dauer- wie auch Sonderausstellungen. Das ist echt bemerkenswert. Wie auch die extralangen Öffnungszeiten dienstags und donnerstags bis 20 Uhr. Warum dann nicht mal After Worken im Museum? Das erst in diesem Februar neu eröffnete Museumscafé "Café Mechthild" hat übrigens die gleichen Öffnungszeiten. Der rege Andrang dort schien mir vielversprechend, aber ich wollte noch weiter …

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. Sahmer

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. Sahmer

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. Sahmer

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