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Brüssel – Teil III: Comics von klein bis groß

Veröffentlicht am 30.04.2018

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerSich von jetzt auf gleich zurück in die eigene Kindheit zu versetzen, um dann seinen einstigen Helden wie Lucky Luke, Asterix oder Tim & Struppi wiederzubegegnen – in Brüssel geht das ganz einfach und auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen: Vielerorts prangen kunterbunte, detailreiche Comic-Szenen weithin sichtbar an großen Häuserwänden oder erwarten einen unverhofft hinter der nächsten Straßenecke. Rund 50 sollen es inzwischen sein, seitdem 1991 das erste Großbild entstand. Man kann sie geführt erleben oder selbst auf Streifzug gehen, wie ich es getan habe. So oder so, es lohnt sich!

Zumal man neben diesen "Fresken von heute" entlang des Wegs der sogenannten Comic Book Route auch an vielen Museen und Denkmälern vorbeikommt. Eine ganz andere Art also, eine Stadt kennenzulernen. Unterwegs begegnet man – natürlich – Tim & Struppi, aber auch Ric Master, beides mir insofern nahestehende Figuren, da ja von Haus erst mal journalistisch unterwegs, wobei sie dann in zweiter Linie fast immer irgendwie die Welt retten. Oder so ähnlich. (Passiert mir eher weniger, aber ich bin ja auch kein Comic-Held ...)

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWem die Brüsseler Fassadenbilder in Sachen "BD", wie die Belgier Comic-Bände kurz nennen, noch nicht reichen, der kommt spätestens im Centre Belge de la Bande Dessinée, dem Comics Art Museum (untergebracht im 1906 erbauten Jugendstil-Kaufhaus Waucquez von Victor Horta, das leider von modernen Bauten drum herum fast erdrückt wird und auch eine etwas deutlichere Ausschilderung verdient hätte), auf seine Kosten:

Hier begegnet man vielen Comic-Legenden – vom ersten Scribble bis zum fertigen Heft und seiner Vermarktung, als minikleine Figur bis zur mehr als mannshohen Skulptur, auf Papier und als Filmsequenz. Einen reich sortierten Buchladen gibt’s obendrein, wo sich natürlich alles nur um Comics dreht, mit den Helden von gestern bis heute.

Auch in der angeschlossenen Brasserie Horta hängen Comics-Plakate. Zwei widmen sich dabei dem Museum(sbau) und seinem Architekten selbst. Und auf den Bistrotischen wird für jeden, der etwas zu essen bestellt, mit einem comicverzierten Papiertischset eingedeckt. Witzig. Ich durfte mit den Schlümpfen speisen.

Tipp: Direkt auf der anderen Straßenseite ist das kleine Musée Marc Sleen, wo sich alles um den Erfinder der Comic-Figur Nero (im französischsprachigen Original heißt er Nibbs) dreht – doch dafür reicht meine Zeit leider nicht mehr. Ein Wochenende hat halt doch seine zeitlichen Grenzen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerTim & Struppi-Fans sollten in jedem Fall noch in der "Boutique de Tintin" (so Tims französischer Name, Struppi wiederum heißt im Original Milou) keine zehn Schritte vom Grand Place entfernt vorbeischauen (in der Rue de la Colline). Das abenteuerlustige Gespann aus der Feder des legendären Zeichners Hergé kommt bekanntlich auch den kniffligsten Geheimnissen auf die Spur, die die beiden rund um den Globus reisen lassen. Alle ihre Geschichten kann man hier erstehen – und einiges andere mehr. Und selbstverständlich trifft man auch auf Kapitän Haddock, Professor Bienlein oder Schulze und Schultze … sowie Besuchern aus aller Welt. Da klingeln die Kassen und klicken die Smartphone-Kameras.

Kurzum: Mehr Comics, die sogenannte "neunte Kunst", auf kleinstem Raum (und in einem Wochenende) zu erleben, geht wohl kaum, meine ich. Es heißt übrigens, an die 400 Zeichner würden schon nur für die belgischen Verlage arbeiten, die jährlich allein bereits 30 Millionen Comic-Heft verlegen. Um es mit Comic-Sprache zu sagen: Wow!

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Brüssel – Teil II: Glas, Beton und große EU-Politik

Veröffentlicht am 25.04.2018

(c) S. Sahmer (c) S. Sahmer (c) S. Sahmer(c) S. SahmerOb Milchquote, Apfeldurchmesser oder Salatgurkenkrümmung, Pizza-Größe, Pommes-Bräune oder Kleidergrößen-Vereinheitlichung – nichts was nicht von den Behörden der Europäischen Union (EU) geregelt wird. Und wenn es dann auch eher so Entscheidungen wie die Feinstaub-Richtlinie in "Tagesschau "oder "heute journal" auf Platz eins schaffen, die EU-Bürokratie befasst sich mit weitaus mehr als Otto Normalverbraucher es sich vorstellen kann. Neben der ganz großen Politik natürlich. Doch wenn auch Brüssel als "Hauptstadt Europas" betitelt wird, nicht nur in seinem Europa-Viertel wird diese entschieden:

Zugegeben, das multinationale Europäische Parlament, dessen Abgeordnete aus aktuell 28 Nationen derzeit rund 500 Millionen Bürgerinnen und Bürger vertreten, ist ein in vielerlei Hinsicht besonderes Parlament. 24 Amtssprachen kennzeichnen seine Arbeit, und die Arbeitsorte verteilen sich auf drei europäische Länder. Sitz des Parlaments ist Straßburg, wo jährlich zwölf Plenarsitzungen stattfinden. In Brüssel wiederum finden Ausschuss- und Fraktionssitzungen statt und manchmal auch Plenarsitzungen, die im Sprachgebrauch der Parlamentarier "Mini-Sitzungen" genannt werden. Luxemburg ist der dritte Arbeitsort des Europäischen Parlaments; dort befindet sich ein Teil der Parlamentsverwaltung, des sogenannten Generalsekretariats. Der andere Teil des Sekretariats ist in Brüssel untergebracht.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerKlingt alles abstrakt? Nun, so ungefähr kommt auch die Architektur der Mega-Bauten in Brüssels Europa-Viertel daher.

Am Wochenende herrscht hier weitestgehend Totentanz, umso stahlglatter, glasspiegelnder und betongrauer wirkt das Viertel, das einst ein gutbürgerliches mit viel Jugendstil und schönen Gärten war. Solche Straßenzüge muss man nun leider suchen, aber es gibt einige noch (etwa in der Rue Archimède, die vom Schuman-Kreisel abgeht) oder zumindest kurze Häuserzeilen (wie in der Rue Charlemagne); die meisten fielen jedoch der Abrissbirne zum Opfer. Übrig geblieben sind dabei auch so Solitäre wie die denkmalgeschützte Fassade des einstigen Bahnhofs Bruxelles-Luxembourg (heute als "Station Europe" der Ausgangpunkt für Parlamentsführungen). Sie steht nun eingequetscht zwischen den beiden Flügeln des Altiero-Spinelli-Baus, einem Erweiterungsbaus des markanten Glasbaus des Europäischen Parlaments. Dessen unübersehbare Kuppel mit dem Parlamentssaal wird allerdings nur scherzhaft "Caprice des dieux" genannt (Laune der Götter) – weil sie dem gleichnamigen französischen Weichkäse "formal" ähnelt.

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Brüssel – Teil I: "Jugendlich" die Stadt erleben

Veröffentlicht am 20.04.2018

(c) S. Sahmer: Blick von der Basilika auf dem Koekelberg Richtung Atomium(c) S. Sahmer: Blick von der Basilika auf dem Koekelberg Richtung Atomium(c) S. Sahmer: auf dem Grand Place(c) S. Sahmer: auf dem Grand PlaceMit der Hauptstadt Belgiens verbindet jeder was anderes. Die einen denken sofort an das bekannteste Wahrzeichen, das Atomium, den nächsten fällt als erstes das Manneken Pis ein und anderen vielleicht noch spontan der Grand-Place – wie Brüssels  "gute Stube", der von barocken und gotischen Prachtbauten eingerahmte Rathausplatz, heißt.

Viele denken bei Brüssel vermutlich mit dem Magen: Dann wird von kräftigem Bier gesprochen und knusprigen Fritten, von variantenreichen Waffeln und natürlich edlen Schokoladenkreationen. Und wenn’s ans Shoppen geht, dann erzählen die älteren Semester vermutlich von feinster Brüsseler Spitze (der man inzwischen leider erstaunlich selten begegnet), während die Youngsters glänzende Augen in Sachen Comics bekommen (omnipräsent).

Stimmt alles und wird der facettenreichen Metropole mit ihren 1,2 Millionen Einwohnern doch nicht wirklich gerecht. Oder zumindest nur annähernd. Denn Brüssel, das ist auch ganz viel Kunst & Kultur (nicht nur, aber allen voran der Maler mit dem Bowler-Hut, René Magritte, und der Chansonnier Jacques Brel, den viele irrtümlich gerne zum Franzosen machen) – und: Auffallende Architektur!

(c) S. Sahmer: Brüsseler Rathaus mit Belfried(c) S. Sahmer: Brüsseler Rathaus mit Belfried(c) S. Sahmer: die mittlere Fotografie in der unteren Reihe zeigt den Justizpalst(c) S. Sahmer: die mittlere Fotografie in der unteren Reihe zeigt den JustizpalstDas Atomium, ein 165-milliardenfach vergrößertes Abbild eines Eisenkristalls, ist da ganz sicher noch mal zu nennen. Oder der historische Rathausturm, denn der 96 Meter hohe sogenannte Belfried überragt die Innenstadt weithin sichtbar. [Tipp: Für Führungen durch den Profanbau sollte man früh dran sein, um sich in der Tourist-Info rechts vorne im Rathaus-Gebäude ein Ticket für die Tour seiner Sprachwahl zu besorgen – unser Versuch scheiterte an einem Frühlings-Sonntagmorgen kläglich, noch eine zeitlich passende englisch- oder deutschsprachige Tour zu ergattern. Was für ein Andrang!]

Auch das Palais Royal ist unschwer übersehbar, wenn der Königspalast auch längst nicht so protzt wie der monströse Justizpalast, mit seiner mächtigen Kuppel in 104 Metern Höhe. Was jedoch wirklich unübersehbar von überall in der Stadt und doch so ganz anders verortet steht, da eben ein ganzes Eck vom Stadtzentrum entfernt, ist die Basilique Nationale du Sacré-Cœur auf dem Koekelberg. [Tipp: Mehr zum erwähnten Guide hier.]

(c) S. Sahmer: Kuppel der Basilique Nationale du Sacré-Cœur auf dem Koekelberg(c) S. Sahmer: Kuppel der Basilique Nationale du Sacré-Cœur auf dem Koekelberg(c) S. Sahmer(c) S. SahmerWie der Justizpalast hat auch dieser Sakralbau gigantische Ausmaße und wurde vom, bei den Belgiern eher ungeliebten, König Leopold II. in Auftrag gegeben (das ist der mit der Kolonie Kongo, ein unrühmliches Kapitel in der Geschichte Belgiens …). 1905 begonnen, wurde der Sakralbau jedoch erst knapp 65 Jahre später vollendet. Da ruhte besagter König schon ewig unter der Erde und hatten Finanzierungsprobleme sowie zwei Weltkriege die Planungen ordentlich durcheinander gewirbelt. Der ursprüngliche Entwurf wurde nach jahrelangem Baustopp schließlich verworfen und ein neuer Architekt gesucht. Der Flame Albert Van Huffel gewann die Ausschreibung und schuf sodann das weltweit größte Gebäude im Art-déco-Stil. Im Jahr 1970 war es dann soweit: Die bereits 1952 zur Basilica minor erhobene Kirche war endlich fertiggestellt.

Ihre Kuppel hat nun einen Durchmesser von 33 Metern, so dass die Basilika auf eine Gesamthöhe von 93 Metern kommt. Die fünf Euro "Fahrgeld" für den Panoramaaufzug dorthin lohnen, denn nur so gelangt man auf die in rund 53 Meter Höhe befindliche Aussichtsplattform, die einen grandiosen 360°-Ausblick auf ganz Brüssel eröffnet (selbst bei leichtem Dunst).

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer (c) S. Sahmer Von außen hat mich die Basilika mit ihrer Größe mächtig beeindruckt, vor allem, da wir ihr entgegengelaufen sind – sprich den ganzen Koekelberg zu Fuß hoch sind und dann durch den davor liegenden Parc Elisabeth. So kann man einige Art-déco-Elemente/-Linien des Baus gut erkennen.

Im Inneren schließe ich mich jedoch den Worten meines Dumont direkt-Reiseführers an, denn, Zitat: "…der riesige Raum [wirkt] kühl. Bündelpfeiler aus poliertem Stein, eine Vielzahl von Seitenkapellen und eine Galerie machen ihn trotz seiner Leere unübersichtlich." Unterschreibe ich voll und ganz. Vor allem aber den Nachsatz "Traumhaft ist der Blick von der Kuppel auf Brüssel".

(c) S. Sahmer; Blick vom MIM Richtung Rathaus und weiter zum Koekelberg(c) S. Sahmer; Blick vom MIM Richtung Rathaus und weiter zum KoekelbergZumal in Sachen Art déco/Art nouveau doch mehr geht. Viel mehr. Aber da war das ganze Kirchenbauprojekt eben schon längst aus dieser wunderbaren Kunst-Epoche gefallen – und das ausgerechnet in Brüssel!

Denn wie kaum eine zweite Stadt in Europa prägte der Jugendstil die belgische Hauptstadt (zugegeben, dem Jugendstil rühmen sich andere Städte mehr, darunter Budapest, Glasgow, Helsinki, Nancy, Paris, Prag, Riga und Wien, aber auch deutsche Orte wie vor allem Darmstadt mit der Mathildenhöhe). Florale Linien treffen hier allerorten auf fließende Formen, Schnörkel auf Gusseisen: Über 1.000 Wohnhäuser, Hotels, Kontore/Handelshäuser und mehr entstanden in der Hochphase zwischen 1893 bis 1910 – allen voran die Bauten Victor Hortas und namhafter Kollegen wie Paul Cauchie oder Paul Saintenoy.

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Neue Blinkwinkel und alte Wege: Frankfurts neue Altstadt

Veröffentlicht am 18.04.2018

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerNach gut dreieinhalb Jahren Bautätigkeit zwischen Römer und Dom, genau da, wo bis 2012 das 1973 fertiggestellte Technische Rathaus stand, steht die neue Frankfurter Altstadt kurz vor ihrer Vollendung. Wenn im Mai 2018 endlich die Bauzäune fallen, ist nicht nur der Weg ins und durchs neue alte Herz der Stadt nach Jahren wieder freigeben, auch der historische Kaiserweg kann dann wieder abgelaufen werden. Und die Main-Metropole erhält ein neues altes Stadtviertel zurück, wo dies einst über Jahrhunderte gewachsen war: Das DomRömer Quartier.

Im Herbst – wenn die hier passend zum historischen Stadtplan entstandenen Straßenzüge bereits zu Dreiviertel "belebt" sein werden, weil dann bis zu 200 neuen Bewohner in die über 60 Wohnungen eingezogen sind und der Großteil der 20 Läden sowie fünf gastronomischen Angebote eröffnet wurde – wird gefeiert: Vom 28. bis 30. September 2018 ist ein großes Festwochenende geplant. In der Paulskirche, auf dem Römerberg, in und rund um das Quartier bis hin zum Mainufer wird es ein buntes Programm geben und die Brücke schlagen zwischen gestern und heute. Im Juli, so heißt es von den Touristikern, werden die Details bekannt gegeben. Und man darf sicherlich auf die eine oder andere spektakuläre Inszenierung gespannt sein, denn Frankfurt hat schon bei anderer Gelegenheit gezeigt, dass es zu feiern versteht.

(c) S. Sahmer: Rebstockhof(c) S. Sahmer: Rebstockhof(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer: Hühnermarkt(c) S. Sahmer: HühnermarktAktuell wird jedoch noch kräftig gewerkelt. Bis in die Abendstunden hört man Stimmen und Schleifmaschinen, ertönt Bohren und Hämmern. Viele Zeichen stehen hinter dem Bauzaun derzeit noch deutlich "auf Baustelle" – nicht nur offensichtlich in den Gassen, wo teils noch letztes schweres Gerät steht, Container und noch zu verbauende Materialien. Denn hinter den schon schmucken Fassaden gibt es doch noch eine Menge zu tun, obgleich man hinter dem einen oder anderen Fenster schon mehr als nur erahnen kann, wie alles einmal aussehen wird. Das etwas sperrige Wort "Stadtreparatur" bekommt hier Leben und Charme – und Mainhatten eine neue Facette. So viel sei verraten: Sie wird sensationell!

Schließlich erstreckte sich hier dereinst eine der schönsten und größten zusammenhängenden, mittelalterlichen Fachwerkaltstädte Deutschlands. Im Zweiten Weltkrieg wurde diese fast vollständig zerstört – das Ergebnis von etlichen Luftangriffen ab Sommer 1940 und verstärkt ab Herbst 1943. Im März 1944 dann besiegelten zwei heftige Luftschläge im Abstand von nur wenigen Tagen den endgültigen Untergang des alten Frankfurt. Die Stadtplaner meinten es nach dem Zweiten Weltkrieg dann sicher gut, wollten mit ihren neuen Gebäuden und Straßenanordnungen zeigen, dass eine neue Zeit beginnt – doch so richtig glücklich waren die Frankfurter mit der Lösung nie. Zumal Beispiele wie etwa Nürnberg zeigten, dass es auch ganz anders ging.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDoch das jetzige, europaweit wohl einzigartige Bauprojekt im DomRömer Quartier geht noch einen Schritt weiter. Mit alten Werkstoffen, handwerklichem Können und viel Liebe zum Detail wurden hier nun ehemalige Stadt-/Patrizierhäuser sozusagen "hybrid" wieder aufgebaut. Was aus dem Trümmern gerettet worden war und in den letzten Jahrzehnten in Museen, Depots oder Privatbesitz teils vor sich hin schlummerte, kommt nun an so manchem Türsturz, Fensterbogen oder Hausecke zu neuen alten Ehren. Dem modernen Brand- und Bauschutz wird Rechnung getragen, so dass vielerorts der für die Stadt so typische Sandstein im Erdgeschoss nur Fassade ist, aber eben auch ganz klassisches Fachwerk aus altem Holz gebaut werden konnte. So entstanden 15 Rekonstruktionen historischer Gebäude, die den Vergleich mit alten Fotos und Filmen nicht scheuen müssen. Und dazu 20 Neubauten, die typische Stilelemente der Altstadt zeitgenössisch aufgreifen und modern interpretieren – so spannend kann Alt neben Neu sein. Und das Tollste: Auf dem rund 7.000 Quadratmetern großen Areal, das zum Teil bewusst auf das einstige Straßenniveau "tiefer gelegt" wurde, findet man nun auch, wie schon erwähnt, jene alten Gassen und Plätze wie vor 1944 wieder!

(c) S. Sahmer: Goldene Waage (li.)(c) S. Sahmer: Goldene Waage (li.)

(c) S. Sahmer: Hühnermarkt(c) S. Sahmer: Hühnermarkt

(c) S. Sahmer: Hinter dem Lämmchen(c) S. Sahmer: Hinter dem Lämmchen

(c) S. Sahmer: Rückseite Rebstockhof(c) S. Sahmer: Rückseite Rebstockhof

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Bundeskunsthalle: Ein "Ort der Künste und der Kommunikation, international und weltoffen"

Veröffentlicht am 01.02.2018

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer2017 feiert die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, kurz Bundeskunsthalle, ihr 25-jähriges Bestehen. Auch jetzt begegnet einem noch der Jubiläums-Slogan "Alles Gute" in und am Gebäude – und erinnert daran, dass es ein langer Weg von der ersten Idee 1949 bis zur Eröffnung der Kunst- und Ausstellungshalle im Juni 1992 war.

Das von dem Architekten Gustav Peichl entworfene, auf den ersten Blick recht verschlossen wirkende Gebäude mit den drei dagegen weithin sichtbaren Lichtkegeltürmen auf dem Dach bildet dabei einen Kontrast und zugleich eine spannungsreiche Einheit mit dem direkt gegenüberliegenden Kunstmuseum Bonn – und gehört wie dieses zur sogenannten Museumsmeile Bonn. Dieser Begriff wurde in den 1990er Jahren geprägt, als innerhalb weniger Jahre mit mehreren Museumsneubauten unweit des einstigen Regierungsviertels und südlich des Bonner Zentrums ein "musealer Parcours" entlang der B9 entstand, der heute fünf Museen umfasst. Die Kunsthalle ist dabei unverkennbar: 16 Stahlsäulen, die sich dem Gebäude zur Friedrich-Ebert-Allee (B9) hin anschließen, leiten den Besucher zusammen mit der Bodengestaltung des vorgelagerten Platzes nicht nur optisch zum Haupteingang, sie symbolisieren vor allem – nomen est omen – die 16 Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland.

Im Zentrum seines Programms, so heißt es, stehe die Kunst aller Epochen sowie Ausstellungen zu kulturhistorischen Themen und Archäologie, aber auch Präsentationen zu Wissensgebieten wie etwa Technik oder Ökologie. Ziel dabei sei es, den Blick nicht nur auf die westliche Kultur zu richten, sondern eine globale Perspektive aufzuzeigen.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerDie noch bis 11. März 2018 laufende Schau "Bestandsaufnahme Gurlitt. Der NS-Kunstraub und die Folgen" deckt von allem etwas ab – und ist absolut sehenswert und höchst lehrreich. Zum einem der Vielfalt der rund 250 Ausstellungsstücke wegen. Zum anderen ihrer großen Fragen und deren lehrreicher Aufbereitung wegen:

Was ist eigentlich Provenienz? Wer war dieser zurückgezogen lebende Cornelius Gurlitt? Was hat es mit den rund 1.500 von seinem Vater, dem schillernden Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, geerbten Kunstwerken auf sich? Handelt es sich um unrechtmäßig erworbene, sprich Raubkunst aus der Zeit der national-sozialistischen Gewaltherrschaft? Oder ging es trotz der, sagen wir: erstaunlichen Vita des Vaters doch mit rechten Dingen zu? Was ist da heute noch wie herausfindbar?

Und so betrachtet man in der Schau nicht nur beeindruckende Werke (etwa mit Schwerpunkten wie einer Werkgruppe des deutschen Expressionismus oder französische Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts), sondern lernt auch im Verlauf des Ausstellungsrundgangs anhand von fünf übergeordneten Bereichen allerlei über die komplexen Mechanismen der NS-Kulturpolitik sowie des strategisch organisierten NS-Kunstraubs. Spannungsvoll wird dabei der Werdegang Hildebrand Gurlitts thematisiert und einzelnen Biografien Betroffener (Künstler wie Sammler) gegenübergestellt.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerAuch die "Monuments Men", denen George Clooney in seinem gleichnamigen Film – basierend auf dem Buch The Monuments Men: Allied Heroes, Nazi Thieves and the Greatest Treasure Hunt in History von Robert M. Edsel – ein filmisches Denkmal setzte, sind hier ein Thema.

Kurioser Zufall: Als der Film Anfang 2014 in den deutschen Kinos anlief, hatte er durch die Berichterstattung und öffentliche Diskussion um den sogenannten "Schwabinger Kunstfund" bei Cornelius Gurlitt, den der Focus im November 2013 öffentlich gemacht hatte, eine unerwartete Aktualität. Die "Monuments Men" hatten 1945 nämlich in der Tat 125 Werke aus Hildebrand Gurlitts Kunstsammlung sichergestellt – und 1950 zurückgegeben.

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. SahmerInteressant: Das Fotografieren in dieser Ausstellung ist nicht nur erlaubt sondern erwünscht! Die Kunsthalle ruft offensiv dazu auf, seine "Fotos auch gern über die sozialen Medien zu teilen" und die offiziellen Hashtags zu nutzen. Wer weiß, vielleicht findet sich ja auf diesem Weg tatsächlich die eine oder andere Antwort auf die Herkunft des einen oder anderen ausgestellten Kunstwerks, dessen "Provenienz noch in Abklärung" ist. Eines sei in dem Zusammenhang doch erwähnt: Wenngleich dieser Satz bei einem Großteil der Ausstellungsstücke zu lesen ist, so stand auch gar nicht so selten als Zusatzkommentar "aktuell kein Raubkunstverdacht". Aber: Bislang wurden immerhin auch schon vier Werke an die Nachfahren der rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. Das Kapitel "Schwabinger Kunstfund" wird wohl auch mit der "Bestandsaufnahme Gurlitt. Der NS-Kunstraub und die Folgen" noch nicht abgeschlossen sein.

Tipp: Parallel läuft im Kunstmuseum Bern, dessen Stiftung von Cornelius Gurlitt als Alleinerbin eingesetzt worden war (er starb 2014), die rund 160 Werke umfassende Komplementär-Schau "Entartete Kunst – beschlagnahmt und verkauft" (noch bis 4. März). Vom 13. April bis 1. Juli ist dort dann die Bonner Schau zu Gast, bevor diese im Herbst 2018 im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen sein wird (ab 14. September). Wer es also nicht mehr nach Bonn schafft …

(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer(c) S. Sahmer

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