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Storm im Handgepäck: Ab nach Nordfriesland

Veröffentlicht am 26.06.2019

An der Küste Nordfrieslands ist alles bestimmt vom Kommen und Gehen. Seien es die Wolken, das Wasser oder die Menschen. Ich zum Beispiel. Die Nordsee kommt mal stürmisch, dann spiegelglatt daher (bei meiner Tour), lockt einen mal strahlendblau an (dito – mit wunderbar fotogenen Wolken für die Bildtiefe), um den Betrachter dann gräulich wegzustoßen: Hier lebte und wirkte Theodor Storm, erweckte Figuren wie Pole Poppenspäler oder den Schimmelreiter zu literarischem Leben – und setzte seiner Heimatstadt mit "Die Stadt" ein geschriebenes Denkmal.

Lässt man Husum und die Küste dann hinter sich und fährt hinaus auf die Nordsee, sieht man Halligen und Inseln mal näher mal ferner auftauchen und verschwinden, je nach Sicht und Wetterlage. Und wählt sich eine als Ziel aus. Amrum zum Beispiel, dessen Leuchtturm noch heute sein rettendes Seefeuer ausstrahlt. Auch dessen Lichtstrahl ist ein Kommen und Gehen. Wie bei den Wolken, dem Wasser und den Menschen.

Aber der Reihe nach ...

Husum ohne Theodor Storm – undenkbar!

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerZunächst habe ich zur Einstimmung auf den hohen Norden alte Lesehefte rausgekramt und bin in Geschichten abgetaucht, die zwar sprachlich alt, aber in einigen Dingen erstaunlich tagesaktuell sind. Wie mir die Lektüre von "Pole Poppenspäler" sehr deutlich gemacht hat; denn in der Geschichte konnte die Faszination über die Aufführungen der fahrenden Spielleute das Misstrauen ihnen gegenüber kaum ausgleichen. Und dabei ist Poles große Liebe auch Deutsche … aber aus dem tiefen Süden. Da war schon ihr Dialekt für die aus dem hohen Norden mehr als suspekt. Man glaubt es kaum! Gut, dass das heutzutage wenigstens nicht mehr das Problem ist. Meistens jedenfalls.

Der Name Storm begegnet einem in dem Hafenstädtchen allenthalben, im Schloss vor Husum ebenso wie in der Stadt selbst – wo man auch viele Schauplätze seiner Novellen und Lebensstationen entdecken kann. Tipp: Vorher einen Blick auf den Kulturpfad-Flyer werfen, denn der führt nicht nur zu Kunstobjekten sondern auch zu Storm-Plätzen!

Husum hat der studierte Jurist vor allem mit dem Gedicht "Die Stadt" auf ewig ein graues Denkmal gesetzt, dabei kann Husum auch bunt. Wenn das Wetter mitmacht (was bei meiner Ankunft erst noch nicht so war und dann immer besser wurde). Will es nicht so, ist ein Besuch im Theodor-Storm-Haus in der Wasserreihe 31 ideal, um Schietwetter zu überbrücken: 1866-1880 bewohnte Storm das aus dem Jahre 1730 stammende Kaufmannshaus, das in einige Ecken tatsächlich noch wirkt, als habe der Dichter mit seiner vielköpfigen Familie die Räume nur kurz verlassen.

Tipp: Gemütlich von unten nach oben schlendern, dabei erst die guten Texte der Dauerausstellung zu "Leben und Werk Storms" schmökern, und am Ende Storms Poetenstübchen auf sich wirken lassen. Mir persönlich wäre das zu düster mit seinen roten Wänden, ihn hat es offenbar inspiriert. Gelungen fand ich auch das extra Schimmelreiter-Zimmer!

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerDas Schloss vor Husum (mich verwirrte der Name anfangs zugegebenermaßen, aber zu seiner Erbauungszeit lag es noch vor der Stadtgrenze) wiederum ist nicht nur, aber auch in Sachen Theodor Storm interessant. Eine Kombi-Karte lohnt also. Wer aber meint, dass Storm nur im Pole Poppenspäler Museum im Südflügel präsent ist, der irrt: Ich bin beinahe über ihn gestolpert – im "Kleinen Garten" der Schlossinsel, auch "Herzoginnengarten" genannt (nur über das Schlossmusum zugänglich). Die einstige Barockanlage wurde modern neu interpretiert und bepflanzt – klingt so sperrig, ist in echt aber spannend! Und auf den Wegplatten finden sich hier und da eben Zeilen von Storm-Gedichten.

Tipp: Ich habe die Zeit zwar verpasst, aber ein Schloss- und vor allem Schlossparkbesuch empfiehlt sich im Frühjahr zur Zeit der Krokusblüte, wenn alles ein lila Blütenmeer ist! Wie die Krokusse nach Husum kamen liegt übrigens im Dunkeln. Man munkelt zwar von "Grauen Mönchen" ebenso wie von einer backfreudigen Herzogin, die jeweils an den wertvollen Safranfäden interessiert waren, aber nichts Genaues weiß man nicht. In jedem Fall gilt: Dumm gelaufen! Safran kann man nämlich vom "Crocus sativus" gewinnen und nicht vom in Husum angepflanzten "Crocus neapolitanus", einer in Südeuropa verbreiteten Wildpflanze ...

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerAber zurück ins Schloss. Neben dem Schimmelreiter ist Pole Poppenspäler wohl die berühmteste Figur von Theodor Storm. Mit ihm setzte er einst dem fahrenden Volk der Puppenspieler ein literarisches Denkmal. Im Südflügel des Schlosses, hat man der Hauptfigur ein Museum gewidmet. Meines Erachtens ein etwas großes Wort: Doch der zugegeben großzügige Ausstellungsraum hat was. Er steht unter dem Motto "Fantasie trifft Figur", spricht Kinder wie Erwachsene an und lädt an einigen Stellen bewusst zum Mitmachen und Anfassen ein.

Ein Kasperkarussell zeigt die Handpuppe, wie sie in allen Herren Länder dargestellt wird. Man erfährt, wie schnitzend ein Puppenkopf entsteht. Und entdeckt sogar jene Figuren, die schon Storms Figur Paul so faszinierten: Pfalzgräfin Genovefa, Pfalzgraf Siegfried und Haushofmeister Golo.

Tipp: Wer Marionetten, Handpuppen, Schatten- und Tischfiguren nicht nur anschauen, sondern "in Aktion" erleben will, merkt sich die Pole Poppenspäler Tage im September vor!

Amrum – einmal Inselauszeit, bitte!

Nach dem kunstvollen Auftakt war definitiv mehr Meer angesagt. Wo geht das leichter als auf einer Insel? Mein Ziel hieß Amrum, die viertgrößte der Nordfriesischen Inseln, die allesamt im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer liegen. Die bekannteste ist Sylt, hinzu kommen noch Amrums direkte Nachbarinsel Föhr (wo man per geführter Wattwanderung sogar hinlaufen kann!), dann Pellworm, zehn Halligen und die einstige Marschinsel Nordstrand.

Die ist seit über 30 Jahren zwar eine mit dem Festland verbundene Halbinsel, wird aber gerne noch zu den Inseln gezählt – und wirbt bezeichnenderweise mit dem Slogan "Meine Insel an Land".

Volle Kraft voraus

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerWovon ich mich überzeugen konnte, denn sie war mein nächster Stopp. Ich hatte überlegt: Mit dem Auto nach Amrum, oder doch ohne? Da keins, gab’s für mich zum Fährhafen Dagebüll eine Alternative, um überzusetzen. Ab Hafen Strucklahnungshörn auf Nordstrand – der je nach Betrieb und Tageszeit gerade mal +/- 20 Autominuten von Husum entfernt liegt – kann man mit MS Adler-Express in gut 90 Minuten Amrum erreichen, kurzer Zwischenstopp an der Hallig Hooge inklusive. Top: Nach dem Ausladen am Anleger, kann man den Wagen umsonst hafennah und fußläufig parken (die hölzerne Deichtreppe hat es je nach Koffergewicht aber in sich). Bleibt man nämlich länger bleibt als einen Tageausflug, übernimmt die Reederei Adler-Schiffe die Gebühren! Das Ticket wird dann während der Rückfahrt bereits an Bord entwertet (nach dem Halt an der Hallig Hooge) statt am Automaten.

Tipp: Seinem Namen macht der "Adler-Express" übrigens alle Ehre; nur an den Anlegern tuckert er gemächlich vor sich, ansonsten gibt er richtig Speed. Also für den Moment unbedingt einen Sitzplatz einnehmen oder festen Stand haben, möglichst mit was zum Festhalten!

Und dann die Überfahrt genießen – und Festland und Alltag stetig hinter sich lassen. Herrlich. Bei Ankunft am Amrum gibt’s das Gedränge, wie sonst beim Zugfahren: Erst haben alle alle Zeit der Welt und richten sich häuslich ein, doch nähert sicher der Zielbahnhof, dann bricht die Hektik aus. Als würden nun auch hier wie von Zauberhand die sichtbar abgestellten Koffer plötzlich ins Wasser fallen oder einem niemand vom Schiff lassen, wenn man nicht in der ersten Reihe steht. Ach ja ... Ich bin übrigens als letzte von Bord; dann kann man auch in Ruhe seinen Koffer die Stufen zum Kai hochschleppen.

Inselauszeit, da war ich! Erst mal tief Luft holen, dem Schiff nachschauen, wie es zackig Fahrt gen Sylt aufnimmt und selbst einen Gang runter schalten. Was will man mehr? Höchstens überlegen, was man alles sehen und (nicht) machen will. Ganz stressbefreit.

Tipp, wer in Wittdün seine Unterkunft hat: Koffer abstellen oder raus, auspacken kann man auch später! Erst mal ankommen, auf der Wandelbahn flanieren, Kniepsand gucken und später auf die Bohlenwege in die Dünen abbiegen, Leuchtturm gucken. Und dann bei Kaffee und Kuchen mal schauen, was sonst so geht (hübsche Cafés gibt’s hier einige!). Denn das eine oder andere sollte neben viel Strandlauf dann doch sein.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerEin Must-see auf Amrum? Ganz klar der allgegenwärtige Leuchtturm (und wenn nur seine Spitze aus den Dünen rausschaut)! Es empfiehlt sich, zeitig da zu sein. Ansonsten kann es oben auf der Aussichtsplattform, direkt unterhalb des Leuchtfeuers, schon mal eng werden – und die letzten schmalen Stahltreppen dorthin zum Nadelöhr werden. Dann besteht kurzzeitig immer mal wieder Staugefahr. Eintrittsgeld und etwaiges Warten lohnen sich: Wem die verwehte Windseite nichts ausmacht, der kann dort dann auch in aller Ruhe statt im Gedrängel den Blick schweifen lassen – über die Dünen, die Dörfer, das Meer. Erblickt Schiffe, Nachbarinseln und Halligen – und kann für eine Weile vieles einfach mal hinter, Verzeihung: unter sich lassen. Der knapp 42 Meter große "Amrumer" wurde übrigens 1875 in Betrieb genommen und ist der erste unter preußischer Herrschaft erbaute Leuchtturm an der Westküste Schleswig-Holsteins. Das Inselwahrzeichen ist zugleich das älteste Seefeuer an der Nordseeküste und versieht bis heute seinen Warndienst.

Tipp: Dass die über 170 Stufen im Leuchtturm schon so mancher erklommen hat, kann man an den vielen Wandkritzeleien erkennen, die offensichtlich kein Zeichen unserer Zeit sind ... Wer sich beim Runterlaufen Zeit lässt, die eine oder andere zu entziffern, wird sogar "Hinterlassenschaften" in Sütterlin von Anfang des 20. Jahrhunderts finden!

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerJetzt mal Lust auf eine etwas andere Geschichtsstunde? Auf Lebensgeschichten von Walfängern, Kapitänen und ihren Mannschaften? Von Seefahrern, ihren Witwen und Familien? Dann ab auf den Friedhof in dem von reetgedeckten Häusern geprägten Friesendorf Nebel. Denn dort – wie auf einigen anderen Nordsee-Inseln auch (auf Spiekeroog habe ich sie selbst schon gesehen, auf Föhr soll es sie ebenfalls geben) – finden sich wahre Geschichtsbücher und illustriert obendrein! Ein bisschen kniffelig ist das Entziffern der in Stein gemeißelten "Annalen" zwar schon, aber das macht es gleich noch ein bisschen interessanter: Gemeint sind die unter Denkmalschutz stehenden rund 150 "sprechenden Grabsteine" von St. Clemens, die mittlerweile restauriert und neu aufgestellt wurden. Gleich links nach dem Friedhofseingang geht's unübersehbar los. Einige Steine sind fast mannshoch, bei vielen ist das Relief feinstes Steinmetz-Kunsthandwerk.

Tipp: Zum Teil haben sie eine kleine QR-Code-Stele, falls man nicht so wirklich lesend weiterkommt. Oder die Geschichte hinter dem Grabstein eine viel umfangreichere ist als dort darstellbar. Wie zum Beispiel die vom Amrumer Inselhelden und legendärsten Seefahrer, Harck Olufs.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerUnd nun ab zum Strand. Oder auch nicht, denn der Amrumer Kniepsand ist (eigentlich) eine der größten Sandbänke Europas, die nur immer weiter gen Insel gewandert ist und nun an deren gesamter West-/Seeseite, fast übergangslos zu den Dünen, "angedockt" hat. Die darf man ihrerseits auf unzähligen Bohlenwegen durchstreifen. Strandläufer können sich auf dem an sich festen Kniepsand jederzeit tummeln, denn als Hochsand wird er auch während der Flut nicht von der Nordsee überspült. Aber aufgepasst: Er kann durchaus tückisch sein, Warnschilder sind unbedingt zu beachten! Es gibt nämlich vereinzelt schlickig-weiche Bereiche, in denen man bis zu den Knien oder gar Hüften einsinken kann – so dass schon so mancher nur mit Hilfe von Rettungskräften aus seiner misslichen Lage befreit werden konnte, wie ich nachgelesen habe, Beweisfotos inklusive. Im Amrumer Süden bei Wittdün ist der Kniepsand übrigens am breitesten, auf Höhe Norddorf rückt die Wasserlinie näher ran und ist nicht erst mit einer längeren "Wanderung" verbunden. Erst mal zum Wasser spazieren muss man aber auch hier.

Tipp: Herrliche Laufruhe findet man, immer parallel am Wasser entlang, entlang der Amrumer Odde, von wo aus Hörnum auf Sylt zu sehen ist. Ihre Dünen darf man übrigens nicht betreten, Reisig-Zäune verwehren den Zutritt zum ausgewiesenen Naturschutzgebiet – einem Brutgebiet für unzählige Seevogelarten. Außerhalb der Brutzeit ist die Odde dann für viele Vögel ein wichtiges Rast- und Durchzugsgebiet.

(c) Texterlei, S. Sahmer(c) Texterlei, S. SahmerLast but not least: Plattes Land hat was – man sieht so weit, selbst über Dünenhügel hinweg! Deswegen waren Windmühlen in Norddeutschland und in den Niederlanden einst auch regelrechte "Nachrichtensender": Entscheidend war vor allem die Position der Mühlenflügel. Wenn man sie zu lesen versteht, denn die Codes hatten so ihre regionalen Tücken. Was vielerorts als "Freudenschere " galt, signalisierte in Friesland beispielsweise einen Todesfall. Andere Positionen zeigten an, ob der Müller gerade Pause machte, Mahl-Kapazitäten frei hatte oder Reparaturen stattfanden. Auch eine fehlende Bespannung war eine klare Botschaft: Ruhetag. Oder auch: Unwetter im Anmarsch!

Auf Amrum gibt es noch zwei Windmühlen. Die kleine "Bertha" am Ortsrand von Süddorf ist in Privatbesitz; man kommt zwar ran, aber nicht rein. Zu besichtigen ist dagegen die "Amrumer Windmühle" am Ortsrand vom Nebel, in deren Lagerhaus zudem kleine temporäre (Kunst-)Ausstellungen stattfinden. Sie war lange Zeit übrigens die höchste "Erhebung" der Insel, womit wir wieder bei "Nachrichtensender" sind: Bis zum Bau des Leuchtturms Amrum diente die Mühle daher als Seezeichen für die Schifffahrt.

Ich komme wieder – bestimmt!

Was ich noch nicht gesehen oder gemacht habe? Die Mühle innen besichtigen, das Öömrang Hüs anschauen und die Vogelkoje erleben, vor allem aber noch mehr zum Strandläufer auf dem Kniepsand werden. Und noch mehr frische Fischbrötchen und hausgemachte Kuchen essen. Aber auch mal ein Rad ausleihen und gegen den Wind anstrampeln, mich an eine Wattwanderung wagen (es müssen ja nicht gleich die 2,5 Stunden nach Föhr sein) oder einen Ausflug zur Hallig Hooge machen, weil Hallig halt doch noch mal was anderes ist als Insel. Fazit: Ich muss da wieder hin. Und gerne wie diesmal außerhalb der Ferienzeit, wenn die Insel noch ein wenig ruhiger ist.

Ach ja, Pole Poppenspäler und Schimmelreiter waren am Ende dann doch "ausgelesen", zwischenzeitlich hatte ich meine Zweifel. Es gab ja so viel anderes auf Amrum zu tun. Meer schauen zum Beispiel. Da kann selbst eine Leseratte wie ich doch nicht am Strand ihre Nase in kurze Novellen stecken. Die letzten Seiten habe ich schließlich auf der Fähre zurück umgeblättert, kurz bevor ich dann wieder Storm-Land betrat. Und dann hieß es für mich erstmal: Gehen statt (wieder) kommen. Wie bei den Wolken und dem Wasser.

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