

Klein ist es ist, dieses Fürstenau, das sich stolz "kleinste Stadt der Welt" nennt. Sehr klein. Wo es liegt? In der Schweiz, genauer gesagt im Kanton Graubünden.
Wer in die kleine Ortschaft in der Region Viamala fährt, muss allerdings Abstriche machen in Sachen klassischer städtischer Attribute. Zumindest aus heutiger Sicht. Dafür punktet das einstige Burgstädtchen mit anderen, sagen wir: relativen Superlativen. Mit einem baulich seit dem 19. Jahrhundert fast unverändert erhalten gebliebenen Gebäudeensemble – zwei Schlösser inklusive – und den drei Sternen von Starkoch Andreas Caminada.
Von der Kantonshauptstadt Chur, die in der Tat mit allem lockt, was man heutzutage von einer Stadt erwartet, sind es keine 30 Autominuten bis zu dem kleinen Örtchen in der Talschaft Domleschg am Hinterrhein. Um konkreter zu werden: Das kleine Fürstenau zählt nur rund 350 Einwohner. Das nennt man andernorts Dorf. Auch bei der Einwohnerzahl hat sich übrigens, von einigen Schwankungen nach unten, seit dem 19. Jahrhundert auch wenig getan. Von der einstigen Stadt(ring)mauer fehlt allerdings jede Spur, aber von der inneren Schutzmauer sind hier und da noch Teile erhalten – etwa am Stoffelhaus.
Dieses Gebäude zählt wie das Obere beziehungsweise Untere Schloss samt Drumherum, also Fürstenau insgesamt, zum sogenannten "Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung". Das klingt so schweizerisch wie sperrig und wird dem Ministädtchen, das in seinen mittelalterlichen Anfängen ein bischöflicher Meierhof war, mit seinem guten Dutzend Haushalten wenig gerecht. Schließlich ist doch quasi der ganze Ort sowas wie ein Museum – und liegt inmitten des sogenannten Obstgartens von Graubünden. Nur das man hier, wie etwa in Freilichtmuseen, nicht einfach in die Häuser hineinspazieren kann.
Zumindest nicht in alle. Denn seine recht überschaubaren Sträßchen – die denn auch eher Gassen gleichen – sind gesäumt von gut erhaltenen Bündner Häusern, darunter herrschaftliche Gebäude (Stichwort Schlösser) und typischen Engadiner Häuser. Doch die sind fast allesamt bewohnt und mehr oder weniger privat. Deswegen sollte der neugierige Gast bei seinem Spaziergang nicht gar zu neugierig sein.
Drei Ausnahmen gibt es jedoch. Das eine Schloss ist zwar Privatwohnsitz, das andere aber weit über die Schweizer Landesgrenzen hinaus bekannt. Als Schloss Schauenstein wird es seit 2003 von Andreas Caminada als Gourmetrestaurant mit Boutique-Hotel geführt. Höchst erfolgreich, denn die Fine-Dining-Küche des Sternekochs wird seit Jahren unter anderem als eines der "World's 50 Best Restaurants" geführt.
Etwas leichter – und günstiger – ist es, in dem nur einen Steinwurf entfernten Gasthaus Casa Caminada vorbeizuschauen. Das klingt rustikaler als es ist: Dort werden unter anderem Bündner Spezialitäten serviert, teils neu interpretiert. Und das Brot kommt aus der hauseigenen Bäckerei, in der man Showroom-mäßig reinschauen und ganz normal einkaufen kann! Auch zehn Gästezimmer gibt es hier, nomen est omen. Die habe ich nicht gesehen, aber einige Köstlichkeiten aus der Casa-Caminada-Küche probiert. Mmmh!
Der Name bezieht sich dabei neben Andreas auch auf Gion Caminada. Letzterer entwarf den Bau, der auf den Fundamenten zweier alter Ställe entstand. Ersterer verantwortet das kulinarische Konzept, steht aber hier nicht selbst am Herd (mischt sich aber auch mal ganz nahbar unters Gästevolk). Verwandt oder verschwägert sind Koch und Architekt nicht, nur Namensvetter. Ich habe gelernt: Caminada ist im Kanton ein recht verbreiteter Name, sozusagen das Graubündener Schmidt. Oder Meier. Oder Schulze.
Von der Casa Caminada sind es, wir sind ja in der "kleinsten Stadt der Welt", wieder nur ein paar Schritte bis zum schon erwähnten Stoffelhaus am Brunnenplatz. In dem Talmuseum wird gearbeitet, dort kann man tagen – oder auch heiraten. Und sollte man eine "Stadtführung" buchen, dieses auch besichtigen. Was es mit seinem Namen auf sich hat? Ich weiß es nicht. Warum es sehenswert ist? Das kann ich sagen. Die im 14. Jahrhundert entstandene einstige Vorburg von Fürstenau – da war der Bischof schon Fürstbischof und hatte von Karl IV. Stadtrechte erhalten – hütet nämlich einen Schatz hinter ihren Schartenfenstern: spätgotische Wandmalereien. Die Fresken zeigen unter anderem eine höfische Jagd, bei der ein weißer Hirsch von Jägern und Hunden verfolgt wird. Wer diese Bilder wohl schon alles betrachtet hat? Ich leider (noch) nicht! Es ist halt nur bedingt zugänglich.
Ganz schön viel also, was die "kleinste Stadt der Welt" zu bieten hat, oder? Für einen schönen Spaziergang, bei dem man dann doch die Zeit vergisst, lohnt sie sich in jedem Fall. Und ein bisschen Sterneküchenglanz fällt selbst auf den, der nur hindurchflaniert und ein Brot oder Bündner Spezialitäten als Mitbringsel einkauft. Oder in der Casa Caminada für eine Brotzeit oder Kaffee und Kuchen einkehrt. Welche großstädtische Fußgängerzone kann da schon mithalten? Und wer weiß, vielleicht ist die Reisekasse auch so gut gefüllt, dass die "sterneglänzende" Genuss-Übernachtung drin ist. Es soll Menschen geben, die genau auf solche Touren sparen. Dafür ist die "kleinste Stadt der Welt" geradezu perfekt.
Übrigens: Fürstenau liegt nur vier Kilometer von der berühmten Viamala-Schlucht entfernt. Deswegen werde ich auf jeden Fall noch einmal wiederkommen. Graubünden hat nämlich nicht nur die "kleinste Stadt der Welt" zu bieten, sondern noch die eine oder andere relative Superlative mehr. Zum Beispiel diese legendär enge Kluft mir ihren 300 Meter fast gerade hochaufragenden Felswänden. Aber das ist eine neue Geschichte …



