

Capri-was? Capricorns! Das ist rätoromanisch für Steinbock. Und wer sich die vielen Serpentinen hinauf ins Graubündner Bergdorf Wergenstein am Schamserberg schraubt, kommt an dem Bündner Wappentier nicht vorbei. Selbst, wenn er nicht im "Center da Capricorns" wohnt, das in erster Linie ein Hotel-Restaurant mit viel Vergangenheit ist. Denn der Gebäudekomplex beheimatet auch noch die Fundaziun Capricorns, die ZHAW Forschungsgruppe Tourismus und Nachhaltige Entwicklung sowie die Geschäftsstelle des Naturparks Beverin – und eben eine sehenswerte kleine Schau über die Capricorns. Und die ist offen für alle.
Die PKW-Anreise dorthin ist für alle jene, die fern der Alpen zuhause sind, auf den letzten zehn Kilometern schon ein kleines Abenteuer. Hier gilt: Gang runterschalten, nicht so oft bergabwärts schauen und nicht zu schnell, aber beständig den Berg hochfahren. Die Aussicht genießen kann man noch früh genug. Auch, wenn Zillis im Tal immer mehr nach Miniaturdorf aussieht, sich dafür der Weg nach Wergenstein immer länger anfühlt. Das haben Serpentinen so an sich.
Zugegeben, sichere Leitplanken gibt es nur an wenigen Stellen, dafür jede Menge Haarnadelkurven sowie manchmal Ausweichbuchten. Und die Stangen am Wegesrand machen deutlich: Hier kann der Schnee im Winter ordentlich hoch liegen. Jetzt im späteren Frühjahr und Sommer glücklicherweise nicht mehr. Und wenn sich selbst das Postauto hier mehrfach am Tag hoch und wieder hinunterschraubt, das einem mit gut Glück an einem übersichtlichen Straßenabschnitt statt in einer Kurve entgegenkommt, dann schafft das auch der Gast aus dem "nördlichen Nachbarland". Wer in die Berge will …
Oben angekommen wartet nicht nur der Wendeplatz für besagtes Postauto, sondern auch ein grandioser Panoramablick. Ins Tal, auf zahllose Berggipfel, über Wergweiden, in den Himmel. Und ein Bergchalet, das es in sich hat. Capricorns zum Beispiel. Denn die grüßen an allen Ecken und Enden im Haus, von klein bis groß, aus Holz, aus Stein, dekorativ oder wegweisend – und sogar lebensgroß und ausgestopft.
Anfangs ein Gewerkschafter-Ferienheim
Das hier oben nun ein gut besuchtes Hotel-Restaurant steht, hätte Anfang des 20. Jahrhundert wohl noch keiner gedacht. 1933 jedoch kaufte der Schweizerische Metall- und Uhrenarbeiterverband SMUV das vormals einfache Haus aus am südlichen Dorfrand, um für seine Mitglieder einen Ort zu schaffen, wo sie in "würziger Bergluft" günstig urlauben konnten. Anstelle des alten Hofs entstand im Jahr darauf das bis heute prägnante große Chalet mit der bis heute genial breiten Sonnen- und Aussichtsterrasse, dann ein Erweiterungsbau mit Holzbalkonen und und und.
Als Ferienheim Piz Vivan, benannt nach dem Hausberg von Wergenstein, war es bis Ende der 1960er-Jahre bei Gewerkschaftern sehr beliebt – und im Sommer stets ausgebucht. Bis ihm die Ferienziele am Mittelmeer Konkurrenz machten und der Komplex Ende den 1990er an die Gemeinde verkauft wurde. Aus dem Ferienheim wurde das Hotel Piz Vivan – und kämpfte lange ums Überleben mit ungewisser Zukunft.
Dass es heute wieder voller Leben ist und für Wanderer wie Biker, Schneeschuhläufer und Skitourengeher, vor allem aber auch Familien mit Kindern eine gern gebuchte Unterkunft ist, war da nicht abzusehen. Im Gegenteil. Als das Hotel 2004 vor dem Aus stand, waren Visionen gefragt – und Geld. Beides kam mit einer Arbeitsgruppe der regioViamala und dem Projekt "Center da Capricorns", unterstützt vom Bund, Kanton und einer Basler Stiftung. 2004 wurde die Steinwild-Ausstellung eröffnet, Anfang 2007 mietete sich die Zürcher Hochschule ZHAW ein. Ende 2011 folgte die Wiedereröffnung des Hotels, 2012 zog die Geschäftsstelle des Naturpark Beverin ein.
Da waren das Chalet und alle übrigen Gebäudeteile 2011/2012 schon nachhaltig-zurückhaltend, aber umfassend saniert worden, so dass bis heute der Charme der einstigen Hotelanalage erhalten ist – was, um bei der Wahrheit zu bleiben, Toilette und Dusche auf dem Flur für den größten Teil der Zimmer bedeutet. In denen wiederum dominiert Holz und Licht, treffen heimelige Schlichtheit auf spektakuläre Ausblicke. Das wirkt alles etwas puristisch, aber was braucht man in dieser Bergwelt mehr?
Gutes Essen! Und das lockt nicht nur die Hotelbewohner ins Restaurant, auch die Einheimischen. Regionalität ist der rote Faden, aufgetischt wird Traditionelles in frischem Gewand, Bündner und Schweizer Gerichte erhalten hier einen modernen Touch. Kreativ und überraschend – und sehr, sehr köstlich. Wer mag, entspannt zuvor in der kleinen Sauna, wahlweise im Dampfbad und/oder nimmt vorweg seinen Apéro von der Bar mit in die kleine Bergwelt-Bibliothek, um ein wenig zu schmökern. Falls wer seinen Nachwuchs vermisst, der findet ihn im liebevoll ausgestatteten Kitz-Zimmer (kein Tipper) oder eben bei den Capricorns (wo eben auch ein Steinbock-Kitz rumturnt).
Denn gleich hinter dem Hotel-Empfang geht es nämlich zur bereits mehrfach erwähnten kleinen, aber feinen Dauerausstellung rund um den Steinbock. Sie ist modern, informativ und interaktiv. Zum Anfassen und Zuhören, zum Schauen und Staunen. Anhand von Tierpräparaten, Nachbildungen und mittels multimedialer Informationen lernen kleine wie große Besucher dort das Bündner Wappentier hautnah kennen. Sogar ein ganzes Relief des Naturparks kann multimedial erforscht werden – und gibt beiläufig vielfältige Tipps für den nächsten Ausflug. Denn wer in die Berge will …



