

Die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim würdigen – gemeinsam mit dem Landesmuseum Hannover – den bedauerlicherweise in Vergessenheit geratenen Künstler Philipp Klein noch bis Anfang April 2026 mit "Aufgetaucht" in einer außergewöhnlichen Impressionisten-Ausstellung.
1871 in der Quadratestadt geboren, schuf der früh verstorbene Autodidakt ein zu Lebzeiten vielbeachtetes Werk. Das ist nun mehr als 100 Jahre nach seinem Tod erstmals wieder in einer großen Präsentation zu sehen: Dank korrespondierender Werke von bis heute namentlich "großen" Kollegen wie etwa Lovis Corinth, Max Liebermann oder gerade auch Max Slevogt, mit denen er in engem Kontakt und regem Austausch stand, lässt die Ausstellung nicht nur das Schaffen eines Künstlers, sondern das Bild einer ganzen Kunstepoche vor den Augen ihrer Betrachter "auftauchen".
Auch so manches Philipp-Klein-Bild aus Privatbesitz "taucht" erstmals wieder aus Privaträumen in der Öffentlichkeit "auf" und zeigt eindrücklich: Kunst kommt von Können. Philipp Klein braucht die Gegenüberstellung mit seinen ungleich berühmteren Künstlerfreunden keineswegs zu scheuen. Im Gegenteil.
Dabei spielte ihm der Zufall in die Hände, denn eigentlich war dem Mannheimer Fabrikantensohn eine Offizierslaufbahn vorherbestimmt. Ein Unfall beendete diese, zum Glück.
Denn ob kleine Momentaufnahmen oder große Szenerien, Philipp Klein hat einen Blick für Licht, Farben und Stimmungen – obgleich er nie an einer Kunstakademie studierte. Dafür traf er viele Künstler, schaute offensichtlich genau hin, stellte die richtigen Fragen, probierte aus und widmete sich ebenso zügig wie gekonnt den Gattungen des Impressionismus mit Landschaften und Porträts (wie übrigens auch meinen Aufmacher, denn der 1899 in Öl festgehaltene "Mann beim Bade" ist ganz offensichtlich Lovis Corinth), Stilleben und immer wieder Frauenakten.
Wunderbaren Beispielen davon begegnet man in der hervorragend kuratierten Sonderausstellung in Kleins Geburtsstadt, die zu Lebzeiten erstaunlicherweise nicht so viel mit ihm anfangen konnte – im Gegensatz zu München und Berlin. Dort war Klein bei zahllosen Ausstellungen präsent mal größer mal kleiner präsent und fand rasch sein Publikum – und Käufer fand.
All das erfährt man in den klugen Ausstellungstexten, die den Besucher an die Hand und auf (Wieder-)Entdeckungsreise mitnehmen. Hier wird das Publikum nicht mit rätselhaft-abgehobenen Formulierungen allein gelassen. Stattdessen wir es mit so vielen Fakten wie nötig, aber so wenig Fachbegriffen wie möglich in jene künstlerische Aufbruchzeit begleitet, die die Grenzen des Ateliers sprengte und die Staffeleien unter freiem Himmel aufstellen ließ. Wenig verwunderlich also, dass man einer solchen auch auf zwei Quadratmetern Kunstrasen begegnet.
Es sind sowieso die feinen kleinen Verknüpfungen, die die immerhin rund 100 Bilder umfassende große Schau trotzdem so intim, privat, vertraut erscheinen lassen – neben den persönlich-informativen Erklärungen zum Lebensweg Kleins und all den kunstvollen Begegnungen seines gerade mal 36 Jahre andauernden Lebens.
So ist etwa das "Blau vom Himmel" strahlend als Wandfarbe präsent, wenn es die Bildszenen Kleins und seine Malerfreunde ins Blaue Land und in die oberbayerischen Seenlandschaft zieht. Darauf leuchtet so manche Pleinairmalerei gleich noch mal intensiver, flirrt die Sommerluft noch etwas mehr oder duftet es nach Herbst.
Auch die Antipoden Kunstmetropolen und Künstlerkolonien, zwischen denen sich nicht nur Klein, Corinth und Slevogt bewegten, werden gekonnt dargestellt. Letztere waren jene Orte, an den sich die Künstlerbohème öffnete und weiblicher wurde – nicht nur als Darstellerinnen. Bilder einiger der sogenannten "Malweiber" komplettieren daher schlüssig die Schau und ergänzen etwa die Stillleben Kleins stimmig.
Aber, zugegeben, es tummeln sich recht viele Frauen auf Kleins Leinwänden und darunter sind längst nicht nur Portraits. Seine Frauenakte sind allerdings nie voyeuristisch und, sondern wirken – auch, wenn ich mich jetzt wiederhole – intim, vertraut, privat. Eigentlich erstaunlich, dass der Akt, der bei Klein gelegentlich unerwartet viel Stoff zeigt und eher zum Portrait wird, erst in dieser Zeit zum eigenständigen Bildmotiv und parallel dazu zum Bestandteil der künstlerischen Ausbildung wurde.
Eine Ausbildung, auch da wiederhole ich mich, die Philipp Klein, der zu seiner Zeit als "Poet in Farbe" bezeichnet wurde, im engeren Sinne nie absolvierte. Und doch halten all‘ seine Bilder mit denen seiner Malerfreunde mit. Bei einigen Motiven hätte ich geschworen, dass sie von einem "großen" Kollegen seien, bevor mich die Beschreibung eines Besseren belehrte – zeigen sie doch Impressionismus wie im Lehrbuch. Wie schon gesagt: Kunst kommt vom Können. Und Klein konnte was.
Nur, dass er und sein Werk erst einmal (wieder-)entdeckt werden mussten – womit der Titel der Sonderausstellung eindeutig zweideutig spielt. Denn der bezieht sich nicht nur auf Philipp Kleins Bild von dem aus dem Wasser auftauchenden "Mann beim Bade", der die Schau bewirbt: Viele seiner Werke sind in Privatbesitz und warteten als verborgende Schätze in heimischen Wohnzimmern darauf, erst einmal gehoben zu werden.
Der Schau voraus ging daher 2024 ein Aufruf via Museumswebsite und über Instagram, dass die Reiss-Engelhorn-Museen Werke von Philipp Klein suchten – wie auch weitere Informationen zum Leben des Künstlers. Die Zielgruppe waren neben Museen und Galerien dabei gerade auch Privatpersonen. Überraschenderweise fanden sich so an die 20 Werke, die nun, wenn auch auf Zeit, wieder in der Öffentlichkeit "aufgetaucht" sind. Denn die letzte große Ausstellung mit damals 64 Werken Philipp Kleins war 1906 in München – auf dem Höhepunkt seiner Karriere, ein Jahr vor seinem Tod.
Meine Bilanz nach zwei intensiven Schau-Stunden: Ein spannender Ansatz, eine gelungene Suche und – für mich – eine tolle umgesetzte Entdeckung. Und wenn mich ein Eindruck nicht getäuscht hat, erging es einigen anderen Besuchern genauso. Dass ich obendrein noch ein weitere, von mir geschätzte deutsche Impressionisten genießen durfte, war mein persönliches i-Tüpfelchen.
Bidnachweis Aufmacher:
Philipp Klein, Mann beim Bade (Lovis Corinth im Starnberger See), Öl auf Leinwand, 1899. © H.W. Fichter Kunsthandel, Frankfurt am Main.



