

Auf und unter Tage spielt im Berchtesgadener Land das "weiße Gold" eine Hauptrolle – als Salz, Sole oder Laist. Je mehr man sich darauf einlässt, umso wohltuender wirkt es. Zum Beispiel genau dort, wo es herkommt: im Berg.
Da sitze ich nun, auf einem Bergwerkwagen, leicht unentspannt: Ich soll 800 Meter rein in den Berg? Puh! Für Zweifel bleibt keine Zeit, denn das Elektrobähnchen setzt sich ruckelnd in Bewegung, um gleich darauf Tempo aufzunehmen und im Berg zu verschwinden. Mein Fahrtziel? Der Berchtesgadener Salzheilstollen.
Mit jedem Meter der vierminütigen Einfahrt bleibt etwas mehr Alltag zurück, rückt die heilsame Abgeschiedenheit des Stollens näher. Und dort, umgeben von Millionen Tonnen reinstes Steinsalz, abgeschirmt von Umwelteinflüssen, bei gleichmäßig hoher Luftfeuchtigkeit und konstant niedriger Temperatur, wird mein anfängliches Unbehagen schneller verfliegen als ich gedacht habe. Die salzhaltige Luft wird ihre ganze Wirkung ausspielen. Und meine Atmung genauso befreien wie meinen Geist.
Der ist momentan noch nicht ganz im Berg angekommen. Er hängt noch irgendwo zwischen da droben und hier unten. An der Endstation treffen wir zunächst auf die Besuchergruppen des Schaubergwerks SalzZeitReise. In schützenden Blaumännern begeben sie sich auf eine ganz besondere interaktive Museumstour, denn seit 1517 bereits wird hier Salz abgebaut – bis heute. Doch unsere Gruppe interessiert die Faszination Bergbau eher weniger. Wir biegen rechts ab, schlüpfen durch zwei Stollentüren, tauschen Schuhwerk gegen Schlappen– und finden uns in einer ganz anderen Bergwelt wieder.
Vorhin noch bin ich durch diese gewandert, oben, über Tage, auf dem Soleleitungsweg. Jenem über 200 Jahre alten Pfad, an dem entlang die Sole einst in Holzröhren ins Tal floss. Lang ist’s her. Aber hier in Berchtesgaden (und weiter bis Ramsau) hat man auf einigen Kilometern noch Gelegenheit, die historische Wegführung nachzuvollziehen und Einblick in ihre technische Meisterleistung zu erhalten. Denn Georg von Reichenbach, dem "Vater" dieser salzigen Pipeline, war es gelungen, mit seiner Wassersäulenmaschine das salzige Nass bis ins 30 Kilometer entfernte Bad Reichenhall zu leiten. Ein guter Einstieg in diese "gesalzene" kleine Wanderung war das Haus der Berge: Dort erfährt man nämlich alles über den hiesigen Naturpark, von den Tiefen des Königsees bis hinauf zur Spitze des Watzmanns – und dem Salz mittendrin.
Doch damit dieses Salz, das hunderte von Millionen Jahre unberührt unter alpinem Gestein schlummerte, wohltuend auf einen wirken kann, braucht es Zeit und Ruhe. Runterkommen kriegt hier eine neue Bedeutung.
Und das bin ich nun, in Gänze. Eingemummelt in eine doppelte Schicht Decken ruhe ich auf einer Holzliege im Salzheilstollen. Warmer Pullover, lange Hose und dicke Socken sind zudem angeraten – egal, welches Wetter draußen herrscht. Weil einen die 12 Grad hier unten sonst frösteln lassen können. Wer’s braucht, ordert eine weitere Decke oder kann eine Wärmflasche kriegen. Denn frieren, das soll keiner. Aber entspannen, das sollen alle.
So tief, dass der ein oder andere nicht nur leicht wegduselt, sondern fest einschläft. Ein dienstbarer Geist weckt den Schnarcher dann sanft wieder auf. Es soll nämlich so schön ruhig bleiben. Vor allem bei den Gesundheitseinfahrten für chronisch Kranke. Die kommen mit Allergien, Rheuma oder Neurodermitis, Asthma, Bronchitis oder Schlafstörungen – und sind begeistert. Kein Wunder: Verbesserungen von 70 und mehr Prozent nach drei Kur-Wochen sprechen eine deutliche Sprache. Spürbare Folgen der antiallergisch, entzündungshemmend, schleim- und krampflösend wirkenden salzigen Stollenluft.
Von der auch Gesunde profitieren – allein durch ruhiges, bewusstes Atmen. Stress baue sich schneller ab, die Erholung wäre tiefer. Stimmt! Zwei Stunden später fühle ich mich frisch und ausgeruht, von Anspannung keine Spur mehr. Anwesende Wiederholungstäter lächeln milde: Weswegen sonst sind sie wohl wieder da? Zumal jetzt am Nachmittag, bei den Sondereinfahrten, zum Salz oft noch eine weitere Wohltat hinzukommt: Klangschalen etwa, Yoga, Meditation oder schlicht Entspannungsmusik.
Leise mahnen die dienstbaren Geister zum Aufbruch. Bedauernd rappele ich mich auf. Werfe einen letzten Blick auf den kleinen Solespringbrunnen, der den Salzgehalt der Luft hier noch einmal erhöht. Lasse noch mal die Kunstobjekte aus Salzstein auf mich wirken, die zum Ausgang leiten. Bevor es zurück in die Oberwelt geht, gibt es einen kleinen Trunk zum Abschied aus der Unterwelt: Granderwasser mit Quellsole, ungewohnt salzig und dadurch fast schon wieder süß.
Kurz: Ich bin auf den Geschmack gekommen! Nein, nicht auf "weißes Gold" als Würze, obgleich ohne es alles fad wäre. Sondern auf seine inneren, auf seine gesunden Werte. Aber das ist eine weitere Geschichte, wenn man Salz und Sole ins Tal folgt …
Offenlegung: Meine "salzige" Recherche ist schon eine Weile her und wurde damals von Berchtesgadener Land und Partnern vor Ort unterstützt. Meine Meinung und Berichterstattung wurden davon nicht beeinflusst.



