

Das Hermannsdenkmal ist wohl eines der bekanntesten Denkmäler Deutschlands. Allerdings dürfte so mancher ins Grübeln kommen (auch ich), wann denn noch mal jene Schlacht geschlagen wurde, an die es erinnert: Die Varusschlacht oder "Schlacht im Teutoburger Wald" war die große Schmach der Römer. Denn hier erlitt neun nach Christus ihr bis dahin scheinbar unaufhaltbarer Eroberungszug durch Germanien eine empfindliche Niederlage.
Die kolossale Statue – allein ihr Unterbau und Kuppel sind zusammen schon knappe 27 Meter hoch, hinzu kommt noch das aufgesetzte Standbild – auf dem 356 Meter hohen Berg Grotenburg südlich von Detmold erinnert daran.
Aber für wen den jetzt? Hermann? Varus? Der Blick in die Geschichtsbücher hilft: Hermann der Cherusker, auch bekannt als Arminius, geboren um 16 vor Christus, wuchs als Geisel im Römischen Reich auf. Dort erhielt er auch eine Militär-Ausbildung. Das sollte sich später auszahlen – aber anders als gedacht nicht für seine "Geiselnehmer".
Denn anstatt den Römern treu zu sein, gelang Hermann die Rückkehr in seine Heimat. Dort schmiedete er ein Bündnis germanischer Stämme. Sein größter Triumph war besagte Schlacht im "Teutoburger Wald", in der er mit seinen Kriegern gleich drei römische Legionen unter dem Befehl des Statthalters Publius Quinctilius Varus vernichtend schlug. Dieser sensationelle Sieg stoppte die römische Expansion nach und durch Germanien.
Der Name "Hermann" stammt dabei jedoch nicht aus antiken Quellen, sondern wurde erst später von deutschen Humanisten eingeführt – wenn man so will, das Eindeutschen von Arminius. Und sein Gegner schaffte es in die namentliche Kurzform der großen Prügelei – nämlich in die Bezeichnung Varusschlacht.
Mehr zur Entstehungsgeschichte und Baudetails des Denkmals konnte man noch bis Ende 2021 in der sogenannten "Bandelhütte" erfahren. Dann ging der historische Bau leider in Flammen auf. Schade, denn die Atmosphäre des einfachen Holzhauses hatte was. Ich erinnere mich wie leicht vorstellbar es war, wie Ernst von Bandel hier morgens vor die Tür trat, um die Baufortschritte zu beobachten. Genauer gesagt: den Fortschritt seines Lebenswerkes. Im wahrsten Wortsinn.
Denn Bandel, der zuvor als Bildhauer und Architekt in Hannover und Berlin tätig war, opferte sein gesamtes Privatvermögen für das Hermannsdenkmal. Er war dessen Ideengeber, Konstrukteur und Financier in einem. Erste Skizzen dafür hatte er bereits 1819 angefertigt, als die Erinnerung an die Befreiungskriege noch lebendig war. Die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 wurde für ihn zum Symbol einer wiederzuerlangenden deutschen Einheit, kann man nachlesen. Bandel widmete seitdem sein Leben der Idee, mit (s)einem Denkmal ein Nationalsymbol zu schaffen, das eine freiheitliche Ordnung nationalen Zuschnitts verkörpern sollte. Monumente wie seines sollten eine demokratische Legitimation stiften.
Trotz zahlreicher Widerstände begann er 1838 mit den Bauarbeiten auf dem von ihm gewählten Berg bei Detmold. Erst 37 Jahre später, im Sommer 1875, war das Hermannsdenkmal schließlich vollendet. In den letzten Jahren der Bauarbeiten lebte Bandel dann in einem einfachen Blockhaus, besagter "Bandelhütte", ebendort. Er erlebte die feierliche Einweihung noch, starb aber ein Jahr später, 1876, körperlich schwer angeschlagen und auch finanziell "am Ende seiner Kräfte".
Von seiner einstigen Hütte waren es nur ein paar Schritte auf die Bergkuppe und zu jenem beeindruckenden Koloss, der mit seinen fast 32 Tonnen nicht nur ein echtes Schwergewicht, sondern mit rund 53,5 Metern Gesamthöhe auch eines der höchsten Denkmale Deutschlands ist. Genickstarre beim Hochschauen ist also garantiert.
Oder auch nicht: Mit einem zuvor erstandenen Ticket kann man das Drehkreuz passieren, um in ihm die Wendeltreppe erklimmen, um dann in luftiger Höhe das Hermannsdenkmal samt seiner Größe erleben. Und nicht nur das. Von der Plattform am Kuppelrand (die ihrerseits sieben Meter hoch ist) genießt man nämlich einen beeindruckenden 360-Grad-Panoramablick über die hügelige Landschaft Ostwestfalens.
Den über einem thronenden Hermann, an sich eine mit Kupferplatten ummantelte Rohrkonstruktion, bestaunt man allerdings einfacher wieder von unten. Oben versperrt einem die besagte hohe Kuppel viel Blick auf ihn (wie man am Aufmacherfoto sehen kann), eröffnet aber zugleich reizvolle Teilperspektiven. Von unten sieht man sie und ihn in Gänze. Ernst dreinschauend steht er da oben, der Herrmann, in seiner kurzen Rüstung und dem geflügelten Helm. In der rechten Hand hält er ein langes Schwert siegreich nach oben, in der linken einen Schild, zu seinen Füßen liegt ein Adler.
Seine Blickrichtung? Bewusst gewählt – schließlich entstand er in der Zeit der sogenannten deutsch-französischen Erbfeindschaft. So schaut die Statue also nicht zufällig nach Westen gen Frankreich. Und die Schwertspitze soll dabei ungefähr in Richtung Paris ausgerichtet sein. Gut, dass diese Animositäten mit unseren französischen Nachbarn inzwischen ausgeräumt sind.
Heute ist das Hermannsdenkmal beliebtes Ausflugsziel und touristischer Wirtschaftsfaktor – aber trotz martialischem Ersteindruck und Hintergrund, und gerade am frühen Morgen, wenn noch nicht viel los ist, ein erstaunlich friedlicher Flecken Erde.
PS: Die 2024 eröffnete Erlebniswelt "Hermanneum" in der Tourist-Information stellt die Geschichte des Hermannsdenkmals inzwischen mit digitalem Extras und einem Breitwand-Kino dar. Sicherlich was anderes als die einstige kleine Schau in der "Bandelhütte". Aber ich glaube, ich hätte sie mir, wenn sie da schon eröffnet gewesen wäre, an meinem Besuchsmorgen trotzdem nicht (oder zumindest nicht vorweg) angeschaut. Denn die Mystik des Ortes rund um das Denkmal wirkt auch so. Manchmal ist Wenigwissen einfach beeindruckender. Und man kann ja alles auch später anschauen oder nachlesen …



