

Schneeschuhwandern ist technisch einfach, aber konditionell fordernd. Doch wer achtsam losstapft, wird rasch seiner Faszination erliegen – und dem Naturgenuss sowieso. Ich erinnere mich an mein erstes Mal, als wäre es gestern gewesen. Vor zehn Jahren in Garmisch-Partenkirchen.
Da stand ich also und fragte mich: "Warum heißen die Dinger eigentlich Schuh? Irgendwie erinnern mich die Dinger eher an Flossen!" Immerhin: Bei näherer Betrachtung sind rechts und links leicht zu unterscheiden. Auch die Riemen und Schnallen wie ihre Handhabung sind selbsterklärend. Das "Einsteigen" ist kein Problem, nix rutscht weg oder kippelt, der breiten Auflage und den Krallen sei Dank. Nun noch kräftig alles festzurren, damit die eigenen Schuhe im Schneeschuh stabilen Halt haben, Trekkingstöcke geschnappt – und schon kann’s losgehen.
Denn die Bewegungsabläufe sind vertraut, man muss keine vorgegebene Spur halten wie in der Langlauf-Loipe, nur breitbeiniger gehen als beim normalen Wandern. Aber es gibt ein, zwei Dinge, die man vorab ausprobieren sollte. Die Nutzung der Krallen zum Beispiel. Und dann ist da der Anfängerfehler, viel zu forsch loszugehen.
Schneeschuhe haben nämlich ihr eigenes Tempo – wie man selbst auch, egal wie rasch die anderen losstapfen. Das ergibt in der Summe ein bedächtigeres Schritttempo, auch für sonst flotte Marschierer. Es gilt, gemächlich, aber stetig voranzuschreiten, sonst rinnt der Schweiß schnell in Strömen und das Herz schlägt einem bis zu Hals.
Erinnern Sie sich an Ihren letzten Strandspaziergang? Weicher Sand geht ganz schön in die Beine! Dann haben Sie eine erste Ahnung, was Sie bei einer Schneeschuhtour erwartet: Beinmuskeltraining pur. Auch der Kreislauf wird gefordert und trainiert. Denn es geht um die gesunde Bewegung in der Natur – was zusammen mit der Praktizierbarkeit für jedermann und jedes Alter einer der Hauptvorteile dieser Wintersportart ist.
Während die letzten in der Gruppe immer noch an ihren Riemen rumnesteln, stelle ich denn auch fest: Wir sind in der Tat ein Mehrgenerationenprojekt. Und auch die Motivation ist vielfältig. Da sind die Freundinnen, die in ihrem Bergurlaub jeden Tag einen anderen Wintersport ausprobieren. Die Schlittenfans suchen dagegen eine dynamische Alternative zur Bergbahn, die Skifahrer einen Kontrast zum Pistentrubel. Aber das Gros will, wie ich, einfach mal "anders" winterwandern.
"Für geübte Wanderer" stand in der Tourenbeschreibung, wir wähnen uns alle auf diesem Fitnesslevel. Doch früher oder später wird jedem klar, Schneeschuhwandern ist noch mal intensiver. Wir spüren, wie die Beine schneller schwerer werden, obwohl wir sonst längere Touren gehen. Noch trennen uns von dieser Selbsterfahrung 500 Höhenmeter.
In den zweieinhalb Stunden bis dahin lernen wir achtsames Gehen, damit sich unser Belastungspuls im gesunden Ausdauerbereich einpendelt und die Kräfte trotz der steten Anstiege bis zum Ziel reichen. Wir nutzen bewusst die Trekkingstöcke, um unsere Knie zu entlasten oder auch mal die Balance halten.
Nebenbei lernt jeder von uns etwas Demut – vor den Schneeschuhen und vor der Natur, die uns ganz natürlich "verlangsamt": An Steigungen wollen die Schritte an vereisten Stellen besonders kräftig gesetzt werden, damit die vorderen Krallen gut greifen können. Automatisch werden die Schritte kleiner, der Einsatz der Trekkingstöcke intensiver. Geht es doch mal leicht bergab, gilt es vor allem im tieferen Schnee, die "breiten Schlappen" und hinteren Krallen zu nutzen. Man lässt sich quasi in den nächsten Schritt fallen, doch was leichtfüßig aussieht, kostet trotzdem Kraft. Und auf ebenen Abschnitten, beim ruhigen Dahinschreiten, will trotzdem jeder Schneeschuh angehoben werden. Das alles geht in die Beine. Und wie. Mehr noch als ein Strandspaziergang an der Wasserkante.
Doch dann ist es plötzlich da, das Gespür für den Körper – und die Natur. Immer öfter verstummen die Gespräche ganz, jeder ist mal mehr, mal weniger mit seinem Schritt, Puls und Atmung beschäftigt – und lauscht der Winterlandschaft: Fast lautlos ziehen wir Spuren durch frischen unberührten Pulverschnee, während Altschnee grimmig knirscht und geräuschvoll unter unseren Schritten bricht. Ist der Weg vereist, suchen sich die Krallen laut knarzend ihren Halt.
Schneeschuhwandern ist also nicht nur leise. Vor allem aber konditionell fordernd. Doch wer achtsam losstapft, wird rasch seiner Faszination erliegen – und dem Naturgenuss sowieso.
Offenlegung: Die Schneeschuh-Tour wurde damals von Garmisch-Partenkirchen Tourismus unterstützt. Meine Meinung und Berichterstattung wurden davon nicht beeinflusst.



