Highlight für Trainspotter:
Das Landwasserviadukt in Graubünden

16. September 2026

Sie ist ein Highlight, ein echter Höhepunkt. Diese 65 Meter hohe und über 140 Meter lange Eisenbahnbrücke, bei deren Anblick vom Gebirgsflüsschen Landwasser aus man schon mal Genickstarre bekommen kann. Wer sie sehen will, muss in den Schweizer Kanton Graubünden fahren. Ein Weg, den viele Bahn-Enthusiasten und Trainspotter gerne auf sich nehmen. Und ein Ziel, das auch jene Touristen fasziniert, die primär Zug fahren, um von A nach B zu kommen. Also mich.

UNESCO-Weltkulturerbe Landwasserviadukt

Denn als Bestandteil der Albulalinie der Rhätischen Bahn gehört das – oder, wie die Schweizer sagen, der – Landwasserviadukt seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ihre derart "ausgezeichnete" Besonderheit? Die knapp 62 Kilometer lange Strecke zwischen Thusis unweit der Viamala am Hinterrhein und St. Moritz im Oberengadin gehört mit ihren 144 Brücken sowie 42 Tunneln und Galerien zu den wohl spektakulärsten Schmalspurbahnen der Welt.

Gebaut wurde sie ab 1898, bereits 1903 eröffnete die Verbindung Thusis-Celerina. 1904 waren dann auch die letzten drei Kilometer nach St. Moritz fertig, nachdem man sich im noblen Kur- und Wintersportort endlich einig war, wo der Bahnhof stehen sollte.

Doch vor allem der Abbschnitt zwischen Filisur und Bergün und weiter nach Preda gleicht geradezu einer Modelleisenbahn-Strecke, weil sie vereint, was die Herzen von Bahnfreunden höherschlagen lässt: zahllose Viadukte, Steilkurven und Tunnel. Ist auch logisch. Irgendwie muss sich die Albulabahn ja von knapp 700 Höhenmetern in Thusis über tausend weitere hoch bis St. Moritz schrauben. Und das streckenweise im wahrsten Sinn des Wortes, denn unterwegs gibt es Kehr- und Spiraltunnel. Mancherorts sind die Kurven also regelrechte Kreise. Die langgezogene, gut einsehbare Halbkurve des Landwasserviadukts ist da nur eine von vielen – aber eben optisch auch die beeindruckendste. Und meistfotografierte.

Trainspotting mit Glacier- und Bernina-Express

Mit ein bisschen Glück, wie ich es an diesem Juli-Morgen hatte, kann man sogar "Berühmtheiten" auf ihr erleben: Seit 1930 fährt nämlich der Glacier-Express über die Albulastrecke, nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Bernina-Express hinzu. Die beiden "Aushängeschilder" der Rhätischen Bahn begründeten ihren legendären Ruf bei Eisenbahnfans in aller Welt. Und sind ein Grund mehr für die diversen Teleobjektive und Kamerastative, die die Trainspotter hier aufbauen, um ihren Aufnahmen vom Landwasser hoch zum Viadukt noch das i-Tüpfelchen zu verpassen.

Tja, man sollte wohl vorher mal den Fahrplan studieren. Damit man nicht völlig überrascht, wie ich, einen Sprint entlang des Flüsschens machen muss, um noch rechtzeitig auf den Auslöser drücken zu können. Denn vom offiziell ausgeschilderten Parkplatz an der Straße nach Filisur bis zum Viadukt sind es schon eine Viertelstunde zu Fuß, fast immer dem Landwasser entlang. Aber ganz ehrlich? Auch die ganz gewöhnliche rote Rhätische Bahn fand ich schon sehr fotogen. Und manche ihrer IR-Waggons haben erkennbar sehr große Fenster. Die sind so groß, dass man aus ihnen für deutlich kleineres Geld fast genauso tolle Panoramablicke genießen kann wie im Glacier oder Bernina. Wie mir meine Reisebegleitung verraten hat, denn die saß in allen Zügen schon mal drin. Aber Trainspotting unten am Landwasserviadukt, das war auch für sie eine Premiere.

Kunstbauten für die Albulalinie

Also haben wir auch aufmerksam gelesen, was die dortigen Infotafeln zu erzählen hatten – wie die anderen Otto-Normal-Touristen auch. Die Trainspotter hatten für die nur einen müden Blick, die wussten schon alles. Die hatten den Fahrplan im Kopf und das Viadukt ständig im Blick. Wir nicht. Wir wollten einfach nur schauen, nicht nur nach oben. Aber gerne was lernen – über das Viadukt im Allgemeinen und den Bau der drei Hauptpfeiler 1901/1902 im Besonderen. Wenn ein Zug kommt, verpasst man das nämlich hörbar nicht: Jeder pfeift!

So habe ich erfahren, dass mittleren Pfeiler mithilfe eines Aufzugs einzeln in die Höhe gezogen worden sind, ganz ohne Holzlehrgerüste. Stattdessen verbanden eiserne (Bau-)Brücken die Pfeiler und fungierten quasi als Kräne, an denen zu verbauende Kalksteine vom Talgrund hochgehoben wurden. Die wurden übrigens in der Umgebung abgebaut und fertig behauen per Schienen zur Baustelle gebracht. Bis heute zeugen oben an den Pfeilern deutlich erkennbar hervorstehende Eisenträger (siehe Aufmacherfoto) von diesem, damals innovativen Bauverfahren. Klassische Holzgerüste nutzte man dagegen für die heute so fotogenen abschließenden Rundbögen.

Apropos fotogen: 2009, ein Jahr nach der Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe, wurde das Landwasserviadukt bei laufendem Bahnbetrieb aufwendig saniert. Für zehn Monate wurde es zu einer spektakulären Baustelle. Denn das ganze Bauwerk samt Pfeiler wurde eingerüstet und mit einer eingefärbten Schutzhülle versehen. Und blieb, obgleich man so von den Zügen kaum was sehen konnte, trotzdem ein Foto-Hotspot für Trainspotter und Touristen. Denn die Schutzhülle war rot, Rhätische-Bahn-rot.

Extras für Bahn-Enthusiasten

Meine Erkenntnis außer einem etwas steifen Genick, weil ich eben doch mehr nach oben geschaut habe? Der kleine "Bahnausflug" hat sich gelohnt. Auch, wenn wir später nicht in Bergün, unserem eigentlichen Ziel, ins Bahnmuseum Albula gegangen sind, wo es – natürlich – echte Bahn-Fans als nächstes hinzieht. Für wenn es in Sachen Modellbau rund um die Rhätische Bahn eine Nummer kleiner sein darf, kommt nämlich auch im Bergüner Dorfmuseum auf seine Kosten, wo – natürlich – die Albulalinie ebenfalls eine Rolle spielt (und auch Trainspotter vorbeischauen). Wer das Landwasserviadukt noch aus anderen Perspektiven "in echt" erleben will, der kann etwa ab Filisur dorthin rundwandern und/oder fährt mit dem Viaduktshuttle ab Schmitten zu einer höher gelegenen Aussichtsplattform.

Aber eines weiß ich nach meinem Tag in und um Bergün auf jeden Fall: Züge der Rhätischen Bahn und Viadukte sieht man hier wirklich eine ganze Menge, auch ausgewiesene Foto-Hotspots. Nicht alle sind ein Highlight, ein echter Höhepunkt – wie das Landwasserviadukt. Doch die Schweiz ist eben bestes Bahn-Land. Und prima Postbus-Land. Hier ohne Auto von A nach B zu kommen, das geht (fast) bis ins letzte Bergdorf. Und schöne Fotomotive hat’s mit somit auch (fast) überall.

Landwasserviadukt, Graubünden: Seinen Namen hat das Viadukt vom Gebirgsflüsschen Landwasser, das unter ihm durchfließt und einem vom Besucherparkplatz zielsicher dorthin führt.Landwasserviadukt, Graubünden: Nicht täuschen lassen, kurz vorher gibt es noch ein kleineres Viadukt – vom Parkplatz sind 15 Fußminuten bis zum Landwasserviadukt.Landwasserviadukt, Graubünden: An der Albulastrecke ab 1898 gebaut, die drei Hauptpfeiler des Landwasserviadukts etwa entstanden 1901/1902.Landwasserviadukt, Graubünden: Infotafeln unterhalb der Eisenbahnbrücke bringen dem Besucher wichtige Aspekte der Albulalinie näher.
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