

Mit der Höhe ist das bei mir so eine Sache. Mit festem Bergboden unter den Füßen ist sie kein Thema, mag der Pfad auch noch so schmal sein. Aber Hängebrücken? Gläserne Stege? Sonstige hochgebaute Parcours? Nun ja … Doch seit Mai 2023 ist der Taunus um eine "luftige" Attraktion reicher. Der 800 Meter lange Baumwipfelweg Bad Camberg führt seither über stabile Rampen und Treppen bis auf 31 Meter Höhe über dem Waldboden. Sein hölzerner Pfad lenkt dabei die Besucher gekonnt zwischen den Baumkronen hindurch und darüber hinaus immer höher zu hölzernen Aussichtstürmen, die einen einzigartigen Rundumblick bieten. Wer weit schauen will, muss hoch hinaus – also auch ich.
Kurz Blick zurück: Der erste Baumwipfelpfad in Deutschland eröffnete 2009 im Bayerischen Wald – und war gleich ein voller Erfolg. Wenig verwunderlich, dass es inzwischen zwei Dutzend hierzulande gibt – in allen Teilen der Republik. So auch nun im Taunus.
Als erstes entstand die heutige Baumkronen Lodge. Sie ist heute der Endpunkt des zwar gut zu laufenden, aber durch die vielen Stufen nicht barrierefreien Rundwegs. Gut zu Fuß sollte man sein. Bin ich. Ziel war es, von dort aus einen Erlebnispfad zu schaffen, der den Bad Camberger Stadtwald aus einer neuen Perspektive erfahrbar macht – ohne seine Natur zu stark zu beeinträchtigen. Toller Ansatz. Gefällt mir.
Das ist nämlich wirklich gelungen. Die Konstruktion besteht primär aus Holz und wurde so gestaltet, dass sie sich harmonisch in die natürliche Umgebung einfügt. Gefällt wurde daher so wenig wie nötig, dafür so viel wie möglich vom Baumbestand in das Konzept integriert. Wer am Einstieg die Schautafeln zum Entstehen und Baufortschritt aufmerksam liest, lernt, dass man sich bei Bau und Konstruktion sogar einiges am Wald abgeschaut hat. Spannend!
Überhaupt: Man kann einfach nur den Baumwipfelweg entlang spazieren und die immer neuen Ein- und Ausblicke genießen. Man kann aber auch eine Menge über Bäume, den Wald und seine Bewohner auf dem Weg zum höchsten Aussichtsturm lernen. Dazu laden gut drei Dutzend Mitmachstationen entlang der Rampen und Treppen ein. Sie sind verschiedenen Themenfeldern rund um Flora und Fauna gewidmet – und ermuntern mal zum Raten oder Schätzen, dann zum Hören oder Fühlen. Oder auch einfach mal nur zum Spielen und Staunen.
Sehr offensichtlich lassen sich nicht nur die jüngeren Spaziergänger gerne so auf dem Weg zu den Baumwipfeln auf- und unterhalten. Der eine oder andere Foto-Spot (hier mal ein Herz, dort wieder ein Bilderrahmen) laden zudem ein, noch öfter innezuhalten und noch mehr auf den Auslöser zu drücken als sowieso schon. Das lenkt ab vom Weg. Und der Höhe.
Denn was mich wirklich überraschte: Der Baumwipfelweg schwankt nicht. Zumindest nicht wirklich spürbar. Statisch bestimmt. Lange Zeit erlag ich – und der eine oder andere Gast bei meinem Besuch wohl auch – so der Illusion, auf einem Holzsteg einfach nur komfortabel durch den Wald geführt zu werden. Und zack ist man hoch oben. Bis man nämlich merkt, dass man schon auf Baumkronenhöhe angelangt ist, hat sich das Kehrtmachen auf dem Einbahnstraßen-Rundweg bereits erledigt. Weil man den größten Teil des Wegs schon hinter sich und die höchste Höhe so gut wie erreicht hat. Vorausgesetzt, man besteigt den höchsten Turm nicht ganz. Wie ich. Das ist nämlich ein Kann, kein Muss.
Wer also höllischen Respekt vor wackelnden Hängebrücken hat und keinen Fuß auf gläserne Plattformen setzen würde, der wird angenehm überrascht sein, wie gut man mit der Höhe des Baumwipfelwegs klarkommt – weil man fast nicht merkt, wie man sie erreicht. Das hat bei mir sogar im Frühjahr funktioniert, als die hiesigen Buchen & Co. zwar dicke Blattknospen hatten, aber eben nur die Douglasien grün waren. Da war noch nichts mit fast durchgehend dichtem Blätterdach, dafür war aber auf einmal ganz viel Waldboden ganz weit unter mir. Aber man wächst mit seinen Herausforderungen. Denn wer weit schauen will, muss eben hoch hinaus.
Zugegeben, am Ende des Rundwegs gibt es zwei Treppenstellen mit Metallkonstruktionen, die für meinen Geschmack deutlich zu viel "tiefen Durchblick" erlauben – aber die paar Schritte und Stufen waren dann selbst für mich nur noch ein Klacks. Zumal am anderen Ende die Gastronomie der Lodge verführerisch duftete. Was nicht heißt, dass man nicht entlang des Baumwipfelwegs die eine oder andere Rast machen und kurz picknicken kann. Um die grandiosen Weitsichten zu genießen. Wenn man die Höhe außer Acht lässt. Machten etliche. Ich (diesmal) nicht.
Fazit? Die anderthalb Stunden (ohne Picknick), mit denen man für den Baumwipfelweg Bad Camberg rechnen sollte (vor allem mit neugierigem Nachwuchs), verflogen wie nichts. Wie auch mein zwischenzeitliches Unbehagen, weil ich halt doch mehr der Typ fester Boden unter den Füßen bin. Aber, wie gesagt: Wer weit schauen will, muss eben hoch hinaus.
Zu Stoßzeiten kann der kostenlose Parkplatz übrigens zwar übervoll wirken, aber da die Verweildauer bei ein bis zweit Stunden liegt, herrscht ein stetes Ankommen und Wegfahren – das kurze Warten auf einen Stellplatz lohnt sich. Von dort sind es knapp einen halben Kilometer Waldweg bis zum eigentlichen Eingang zur Lodge und zum Baumwipfelweg. Außerhalb der Schulferien ist montags und dienstags Ruhetag, dafür gibt’s immer wieder Extras wie überlange Öffnungszeiten etwa an Mittsommer oder zu Sternschnuppennächten. Und nachdem ich jetzt so "höhenerprobt" bin …



