

Bergbahnen mit endlos langen Seilen zwischen superhohen Masten? Oder gar offene Sessellifte? Alles nicht wirklich meins von wegen der Höhe – auch wenn ich ihre Vorteile bei Bergtouren schätze. Und sie dort schon genutzt habe. Aber ich sage mir immer: Einsteigen, Augen bergauf und auf eine kurze Fahrtzeit hoffen. Nicht so bei Wiesbadens "schrägstem Wahrzeichen", wie die Nerobergbahn liebevoll genannt wird. Da war mir von Anfang an klar: Einsteigen, Aussicht ins Tal genießen und die kurze Fahrtzeit bedauern. Wie gut, dass ich gleich ein Ticket für die Berg- und Talfahrt gelöst habe.
Ich hätte selbstverständlich schlicht mit dem Auto auf den Wiesbadener Hausberg hochfahren können. Geht auch. Und natürlich schafft man die 245 Höhenmeter hoch auf den Neroberg auch gut zu Fuß. Kein Ding. Aber es geht eben auch anders. So richtig schön nostalgisch. Mit den sonnenblumengelben Wagen der Nerobergbahn. Ganz ohne Masten, dafür inklusive eines hübschen Viadukts mit vier gemauerten Bogen, wo die zwei Einzel-Waggons bei jeder Fahrt fotogen über dem Nerotal zu sehen sind.
Seit 1888 ist die Nerobergbahn bereits in Betrieb. Seither hat sich an ihrem Antrieb nichts geändert. Und auch an ihren dreieinhalb Minuten Fahrtzeit nicht. Genauso wenig daran, dass der eine Waggon nicht ohne den anderen kann, denn Nr. 1 und Nr. 2 sind über Drahtseile miteinander verbunden. Fährt der eine die knapp 440 Meter Streckenlänge hoch, fährt der andere zeitgleich runter. Und das immer von Anfang April bis Ende Oktober. Immer alle 15 Minuten. Jeden Tag. Die ganze Saison lang. Trotz einer mittleren Steigung von beindruckenden 20 Prozent.
Denn der Wagen, der bergab fährt, wird mit bis zu 7.000 Liter Wasser zusätzlich beschwert und zieht dadurch den leichteren Wagen – in dem "nur" Passagiere ohne zusätzlichen Ballast sitzen – hoch zur Bergstation. Nach Fahrtende wird dieses Wasser von unten wieder nach oben gepumpt – und das Ganze beginnt von vorne. Begegnungsfahrt auf etwa halber Höhe inklusive, der einzigen Stelle, wo die zwei Gleise der Bergbahn parallel laufen. Daher rauscht es auch vor Abfahrt so hörbar. Und auch die blauen Rohre, wo die Bahn bzw. ihr Tank andockt, kann man sehr gut "tröpfelnd" erkennen. Für technisch Versierte: Das Ganze nennt sich Wasserlast- und Zahnstangen-Standseilbahn – und ist die älteste ihrer Art in Deutschland.
Wer noch ein wenig mehr wissen will und schauen mag (also nicht nur am "Bahnsteig"), der läuft auf dem Weg von der Bushaltestelle oder vom Parkplatz her nicht gleich zur teils denkmalgeschützten Talstation, sondern schaut vorher noch im historischen Toilettenhäuschen vorbei. Das ist gar nicht so klein und birgt auch keine WC mehr, sondern: ein kleines Nerobergbahn-Museum. Dort steht auch der Miniatur-Wagen vom Aufmacherbild. Und natürlich so einiges mehr aus der fast 140-jährigen Geschichte des technischen Kulturdenkmals.
Für oben kann man ruhig ein wenig Zeit einplanen – schon allein wegen des Panoramablicks von Wiesbadens Hausberg über die hessische Landeshauptstadt. Wer gleich bei Betriebsbeginn in der Frühe hochfährt, geniest ihn fast allein. Nur ein paar Gassi-Geher samt ihren Hunden drehen dort in der Früh schon ihre Runden, gelegentlich ein Jogger. Ansonsten ist das Treiben der Stadt so weit weg wie die markanten Türme der Marktkirche. Die Ausflügler und Touristen kommen erst später.
Erster Blickfang und Foto-Hotspot ist der Monopteros, ein kleiner Aussichtstempel im Stil der italienischen Renaissance. Er ist noch älter als die Bergbahn und wurde bereits 1851 erbaut, als die Kuppe des Nerobergs als Bergpark gestaltet wurde. Damals, als Wiesbaden zur Weltkurstadt wurde. Ein kleines Pendant dazu gibt’s übrigens im Rheingau, in dessen Richtung man von hier aus blickt: den Goethe- bzw. Niederwald-Tempel unweit des Niederwalddenkmals nahe der Bergstation der dortigen Seilbahn. Dazu passt dann auch, dass sich hier am Neroberg Wiesbadens einziger Weinberg erstreckt. Er wird von den Hessischen Staatsweingütern Kloster Eberbach bewirtschaftet.
Was es sonst zu sehen und zu erleben gibt? Die fünf steilen Fußminuten zur Russisch-Orthodoxen Kirche hinunter und wieder hinauf zum Plateau sollte man auf jeden Fall laufen. Ohne zu viel zu verraten: Sie ist, ähnlich dem Taj Mahal, Liebeserklärung und Grabstätte zugleich. Höhenmutigere als ich toben sich im Kletterwald aus. Wer es entspannter mag, nutzt einfach die Spazierwege auf dem Plateau. Das dortige Ausflugslokal "Der Turm" ist der bescheidene Rest des einstigen Neroberghotels, das hier ab 1900 Gäste empfing. Davor liegt die sogenannte Erlebnismulde, wo in den Sommermonaten vom Improtheater bis Konzerte allerlei passiert. Allerdings eher abends – und ich war ja ein früher Vogel. Bliebe noch das 1933/34 erbaute Opelbad, dem nachgesagt wird, das Freibad mit der wohl schönsten Aussicht Deutschlands zu sein. Architektonisch ist es dem Bauhaus nahe. Aber das sieht nur, wer dort baden geht.
Ich nutze daher meine "Rückfahrkarte" und zockele diesmal mit Wagen Nr. 2 gemütlich den Berg hinunter: Einsteigen, Aussicht ins Tal genießen und die kurze Fahrtzeit bedauern. Wie gut, dass ich gleich ein Ticket für die Berg- und Talfahrt gelöst hatte.



