

Die Gesteinsfarben sind ganz anders. Es gibt sogar richtig viel Grün. Und durchs Tal windet sich eine Bahnlinie den Fluss entlang … Trotzdem: Die Bezeichnung "Swiss Grand Canyon" passt zur Rheinschlucht. Vor allem, wenn man in sie hinunterschaut. Kein Wunder, dass die eidgenössischen Tourismuswerber von einer der "eindrücklichsten Naturlandschaften der Schweiz" sprechen, und von einer "aussichtsreichen Bergwelt". Von oben wie auch tief unten.
Wenn man, wie ich, da wohnt, wo der Rhein schon lange schiffbar ist und noch länger seine beiden Graubündner Hauptquellen – den Vorder- und den Hinterrhein – hinter sich gelassen hat, dann muss man dort einfach mal hin. Zu seinen Anfängen. In der Rheinschlucht einerseits und der Viamala andererseits. Am besten zu Fuß. Denn in der Ruhe liegt die Aussicht.
Allerdings sollte man ordentliches Schuhwerk anziehen, um für alles gewappnet zu sein – auch, wenn man "oben" am Rand bleibt, statt unten im Tal. Denn viele Wege führen zur Kante der Ruinaulta, wie die Rheinschlucht zwischen dem Graubündener Orten Reichenau und Ilanz auf Rätoromanisch heißt. Das bedeutet so viel wie "hoher Schutthaufen" und genau so wirken manche Felsabbrüche der weißen Kalkfelsen noch bis heute.
Wobei sich der Name auf ein ganz bestimmtes Geschehen bezieht, das vor rund 9.500 Jahren stattfand: Damals begrub der Flimser Bergsturz das Vorderrheintal unter mächtigen Felsschuttmassen. Der Rhein staute sich zu einem gut 25 Kilometer langen See auf und grub sich im Laufe der Zeit eine fast vierzehn Kilometer lange, gar nicht mal so enge Schlucht durch die Trümmermassen. Wasser findet eben immer (s)einen Weg.
Wir sind an einem (hoch)sommerlichen Tag Ende Juli dorthin unterwegs. Auch in der Schweiz sind überall Sommerferien. So tummeln sich auf den vielen Wanderwegen zwischen Flims Dorf beziehungsweise Flims Waldhaus und unserem Ziel, der Aussichtsplattform "Il Spir", viele Urlauber. Aus der Schweiz ebenso wie aus dem europäischen Ausland, wie die Nummernschilder der Autos allerorten auf den Parkplätzen und -garagen verraten. Trotzdem verläuft sich der Besucherstrom, verteilt sich auf die diversen Zuwegungen zur oberen Rheintalkante und lässt einen immer wieder denken, dass man die Aussicht (fast) für sich alleine haben könnte.
Hat man zwar nicht – und doch: Abgesehen von den Kindern, die kleine Holzschiffchen auf dem künstlich angelegten "Connbächli" fahren lassen und so spielend abgelenkt, dabei manchmal lautstark kommentierend dem kleinen Wasserlauf wandernd folgen und dem großen Endziel nähern … es ist so erstaunlich wie wunderbar ruhig auf den verschiedenen, über weiten Strecken durch Wald verlaufenden Wegen. Man könnte meinen, allen wüssten schon, welch‘ ehrfurchtgebietende Aussichten sie erwarten. Solche, wo einem eben erst mal die Worte fehlen.
Denn eine solche Panorama-Aussicht genießt, wer nach einer guten Stunde "Il Spir" erreicht (was in etwa die Laufzeit ab Flims Waldhaus ist). Es ist nicht die erste und einzige, aber die wohl spektakulärste Aussichtsmöglichkeit, die sich einem bietet, wie der rätoromanische Name für "Mauersegler" schon andeutet. Diese Namensgebung kommt nicht von ungefähr, denn die Konstruktion aus Stahl und ihrer dreieckigen oberen Plattform aus Holz erinnert an einen fliegenden Vogel. Und ragt gerade so weit über den Rand der Rheinschlucht, dass man einen 180-Grad-Blick genießen kann. Fast so frei wie ein Vogel.
Wenn man kann ihr stetes und spürbares Schwanken ignoriert. Ich gestehe: meine Sache. Nicht. Beim ersten Plateau war für mich Schluss. Immerhin. Andere Wanderer gingen sofort komplett getrennte Wege. Die einen stürmten einfach die Stufen hoch, die anderen blieben gleich ganz unten. Mit festem Boden unter den Füßen. Kann ich voll verstehen.
Ist ja auch nicht so, dass man von da aus nicht auch weit schauen kann. Zumal man schon vorher etliche kleine und größere Rheinschlucht-Ausblicke erlebt, markante rote Züge der Rhätischen Bahn inklusive (auch, wenn ich dann nie auf den Auslöser drücken konnte). Manche mit Bänken, manche mit hölzernen Balustraden. Ja, "Il Spir" hat seinen Reiz, aber es geht auch ohne. Man muss gönnen können. Und den "Swiss Grand Canyon" haben wir am Ende ja doch alle zu sehen bekommen. Es findet halt jeder (s)einen Weg.
Was auch für den Rückweg gilt, denn es gilt ja, über hundertfünfzig Höhenmeter wieder nach oben gen Flims Waldhaus oder Dorf zurück zu wandern. Wobei die Neigungen wie Steigungen sehr gut und entspannt zu laufen sind. Wir wählen trotzdem eine Route entlang des Caumasees, dessen Wasser in sagenhaft grünen Blautönen schillert, die an die Karibik erinnern. So warm wie dort ist sein Wasser zwar meist nicht, aber in diesem hitzigen Sommer 2026 hat er doch ansprechende 23 Grad, erfahren wir. Kein Wunder, dass das Badi gut besucht ist – trotz hoher Eintrittspreise. Wer nicht Einheimischer ist oder lokaler Übernachtungsgast, dürfte sich zweimal überlegen, ob er mal kurz in den – eingezäunten – See springen will. Das lohnt nur, wer länger verweilen will. Schade, ich hätte gerne "erfrischend" die Füße reinbaumeln lassen. Aber wir entscheiden uns, das Geld lieber später in "frischen" Kaffee und Kuchen zu investieren.
Allerdings nutzen wir am Badi-Eingang das, was vor allem viele Badegäste nutzen. Und womit sich auch erklärt, warum ich die vielen Badelatschenträger nur am Anfang unserer Wanderung gesehen habe: Wir fahren Caumasee-Lift. Er erspart den Badegästen, aber auch hitzemüden (oder kniegeplagten) Wanderern wie uns gerade auf dem Rückweg zum Auto an die neunzig Höhenmeter. Dass es diesen Luxus sogar für jedermann umsonst gibt (und wohl über das Badi mitfinanziert wird), hatte auf uns geradezu "erfrischende" Wirkung.
Der gerade einmal 125 Streckenmeter lange Schrägaufzug war ab 1937 zunächst eine Zahnradbahn und wurde 1990 zu einem automatisierten Schrägaufzug, sprich einer Standseilbahn umgebaut. Die beiden geschlossenen Kabinengondeln gewähren Rundumblick und verkehren entsprechend im steten Pendelverkehr. Ganz ohne Personal und Verspätungen, dafür mit entspannten Bahngästen. Ein Dutzend Stehplätze hat’s zwar nur pro Fahrt, aber lange warten muss man nicht, bis die nächste Kabine vor einem steht. Dafür legt man in nicht einmal anderthalb Minuten ein ganzes Eck‘ Wegstrecke höchst entspannt zurück. Hardcore-Wanderer mögen das Schummeln nennen, aber so findet halt jeder (s)einen Weg.
Wir wollten ja auch nicht mit erlaufenen Höhenmetern, Wanderkilometern und Schrittzahlen beeindrucken, sondern uns von der Rheinschlucht, dem "Swiss Grand Canyon", beeindrucken lassen. Und der präsentierte sich uns wirklich als eine der "eindrücklichsten Naturlandschaften der Schweiz" in einer "aussichtsreichen Bergwelt". Vielleicht ein anderes Mal dann nicht von oben, sondern tief unten. Denn da sollen die Wanderwege auch zahlreich sein. Oder wir fahren dann einfach komplett mit der Bahn. Der Rhätischen, nicht der schrägen.



