

Wer weit schauen will, muss hoch hinauf – und den festen Boden unter sich lassen. Dumm nur, dass mir das nicht so recht behagt. Doch wenn der Lohn dafür grandiose Weitblicke sind, dann verlasse auch ich meine Komfortzone. Im Frühjahr habe ich mich dem Ganzen dreifach gestellt: Während mich die Wiesbadener Nerobergbahn entspannt durchatmen ließ, waren der Baumwipfelweg Bad Camberg und die Seilbahn Rüdesheim schon kleine Herausforderungen für mich. Dabei lässt letztere einen geradezu sanft über den Reben schweben, sodass man in knapp zehn Minuten den Niederwald erreicht – und nicht nur den.
Dort oben steht nämlich eine inzwischen schon etwas "ältere Dame". Sie hält seit langem die "Wacht am Rhein" und trägt mit Fassung ihren etwas schrägen Spitznamen "preußische Madonna". Am liebsten ist sie jedoch eines: bestbesuchter und vielfotografierter Hotspot am südlichen Eingang zum UNESCO Welterbe Oberes Mittelrheintal. Denn ob Rüdesheimer, Rheinsteig-Wanderer oder Rhein-Reisender – die Germania, das gewaltige, 38 Meter hohe Monument des Niederwalddenkmals ist unübersehbar. Und gehört zum Stadtbild wie die Seilbahn zu ihr hinauf. Wie das mit Wahrzeichen halt so ist.
2024 feierte letztere, parallel zur Stadt, ihr jüngstes Jubiläum. Zwar schwebte sie da noch keine 950 Jahre über die Rebhänge wie die Stadt alt wurde, aber doch immerhin schon 70 Jahre. Denn der Strom der Ausflügler und Touristen, die zur Germania und die Aussicht von dort genießen wollen, reißt nicht ab. Sobald im Frühling die Saison beginnt und das Wetter halbwegs gut ist, ist es vorbei mit der Winterruhe der "eisernen Lady" – die eigentlich aus Bronze besteht.
Erbaut als monumentales Nationaldenkmal, erinnert sie an die Einigung Deutschlands und die Gründung des Kaiserreichs 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg. Allerdings eher wenig madonnenhaft: Die Germania hält die Kaiserkrone und das Schwert, was Einheit, Stärke und Friedfertigkeit (durch das immerhin gesenkte Schwert) darstellen soll.
Und alle wollten – und wollen – zu ihr. Dem war schon kurz nach Fertigstellung des Niederwalddenkmals so. Daher nahm bereits ein Jahr nach dessen Enthüllung die Niederwaldbahn als Vorgänger der heutigen Seilbahn ihren Betrieb auf. Im Sommer 1884 brachte sie, als meterspurige Zahnradbahn gebaut, erstmals Besucher hoch zum Plateau. Der Streckenverlauf war ein anderer und mit fast zweieinhalb Kilometer auch gut einen Kilometer länger. Doch in den 1920er-Jahren stellte die Zahnradbahn erste Besucherrekorde auf. Allein 1928 beförderte sie 300.000 Besucher zur Germania.
Wer heute von oben – oder von unten – zu Fuß durch die Weinberge nach Rüdesheim zurückläuft – oder hoch zur Germania – kann ihre alte Trasse gut ausmachen: Den einstigen Zahnradbahnweg erkennt am einem erhalten gebliebenen Viadukt und einer parallel zu einem Teil der früheren Strecke verlaufenden Platanenreihe. Ich gebe es zu, mir wäre die Zahnradbahn-Option ja "gefühlt" lieber, aber: tempi passati.
Also habe ich meine bereits erwähnte Komfortzone verlassen und bin Seilbahn gefahren. Aber nur bergauf, man muss es mit den "luftigen" Herausforderungen ja nicht übertreiben. Und zugegeben: Runter läuft es sich auch weniger schweißtreibend als bergauf – und macht eine Niederwald-Runde perfekt. Und so sonnenhimmelknallblaue Ausblicke auf die Gondeln wie im Aufmacher hat man eben nur, wenn man unter ihnen auf den Wingert-Wegen die Seilbahn-Trasse kreuzt.
Dem ist seit 1954 so. Da löste die heutige Seil- die Zahnradbahn ab und ist inzwischen selbst zu einem Wahrzeichen von und für Rüdesheim geworden. Wie die Germania, zu der sie seither immer von Ostern bis Ende Oktober fährt. Jetzt eben schwebend über den Reben, seit einer Erneuerung vor gut 20 Jahren sogar in bis zu 15 Metern Höhe. Und in modernen Zwei-Personen-Gondeln im charmanten Retro-Look. Dabei hat sie längst neue, in die Millionen gehende Fahrgastrekorde aufgestellt, wie man in ihrer Historie nachlesen kann.
Das sind übrigens nicht die einzigen Fakten und Zahlen, die ich rund um die Rüdesheimer Seilbahn und das Niederwalddenkmal ausfindig machen konnte. Eher kurios: Für die Chicagoer Weltausstellung 1893 etwa ließ der Kölner Schokoladenproduzent Ludwig Stollwerck einen "Schokoladen-Tempel" bauen, der Werbung für Rüdesheim machte. Gefertigt aus 300 Kilogramm Schokolade zeigte das süße Kunstwerk eine etliche Meter hohe Nachbildung der Germania – und nicht, wie der Namen vermuten lassen könnte, des Niederwald-Tempels. Den gibt es nämlich auch.
Der kleine Aussichtstempel, auch Goethe-Tempel genannt, ist mindestens so fotogen und gern besucht wie die ein paar Meter weiter stehende "eiserne Lady". War daher schon gut, dass ich meine Komfortzone verlassen habe. Von der Bergstation der Seilbahn kommend, führt sowieso kein Weg an dem Monopteros vorbei. Im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Romantik, zählten zu den Besuchern der kleinen Rotunde unter anderem Brentano, Beethoven und, wenig überraschend, Goethe. Im November 1944 durch alliierte Bomber zerstört, wurde er übrigens vor genau zwanzig Jahren., im Juni 2006, rekonstruiert wieder eingeweiht.



