

Draußen ist es unübersehbar und im Eingang zum ehemaligen Klarissenkloster ebenfalls: Das Gutenberg-Museum MOVED und ist in seinem Interimsquartier im Naturhistorischen Museum Mainz nicht nur eingezogen, sondern spürbar angekommen. Um für eine ganze Weile zu bleiben.
Die ausländischen Besuchergruppen dürften kaum merken, dass das hier ein Ausweichlösung ist. Denn sogar unbezahlbare Gutenberg-Bibeln können bestaunt werden. Aber wer die alte Schau am originären Ort kannte, stellt fest: Die Komprimierung auf rund 1.000 Quadratmeter Fläche und ausgewählte Stücke schadet der Präsentation nicht. Im Gegenteil. Die hiesige Ausstellung lässt viel Gutes erahnen, wenn irgendwann ab 2028 das alte Gutenberg-Museum neu erstanden ist.
Doch erst einmal hat man, so liest man, bereits einige Millionen Euro in die Hand genommen, nur um für die Um- und Neubauzeit Gutenberg eine würdige Ersatzbleibe in den Räumlichkeiten des Naturhistorischen Museums zu verschaffen. Die Investition hat sich gelohnt. Über drei Ebenen erstreckt sich die alles andere als interimistisch wirkende Schau. Sie bespielt unter anderem die Kirche des einstigen Klarissenklostern und dessen Oratorium.
Ein Ambiente, das kongenial zur Ausstellung und vor allem ihrem Herzstück passt: eine raumhohe Blackbox, in der, von Aufsehern bewacht und modernster Sicherheitstechnik geschützt, drei wertvolle Gutenberg-Bibeln und ein Messbuch nicht nur von den ausländischen Besuchergruppen andächtig bestaunt werden.
Der stählerne schwarze Kubus dominiert den einstigen Gebetssaal und ist mehr als ein begehbarer Tresor. Der aufmerksame Besucher bemerkt, dass hier offenbar ein ganz besonderes Klima herrscht. Denn nichts ist so empfindlich wie Papier. Zu viel UV-Licht und eine "falsche" Luftfeuchtigkeit könnten den ersten Druckwerken der Menschheit großen Schaden zufügen. Doch was wäre unsere Welt, wenn es den "Medienrevolutionär" Gutenberg und seine Erfindung der beweglichen Lettern nicht gegeben hätte – und jene nun schon über 550 Jahre andauernde mediale Erfolgsgeschichte?
Antworten gibt es im einstigen Kirchengewölbe, wo statt Naturhistorie nun "Mediengeschichte(n)" mittels ausgewählter Sammlungsstücke und moderner Technik erzählt wird. Was die sechs Themeninseln nach dem animierten Mainzer Stadtmodell, wo einen ein "unbeschriebenes Blatt" gekonnt reinzieht ins alte Moguntia und die Druckwerkstatt Gutenbergs, verraten? Viel! Etwa, dass die Menschen schon immer die "Welt beschreiben" wollten und es dabei auch immer irgendwie um "Pracht entfalten" ging. Oder dass "Image pflegen" keine Erfindung des heutigen Selfie-Zeitalters ist. Was noch? Wird nicht verraten, selbst erleben macht schlau!
Das gilt auch für die rege Nutzung der sogenannten Medienkarte, die man mit dem Wegweiser durch die drei Ausstellungsetagen erhält. Im dem zunächst unscheinbaren weißen DIN-A5-Blatt befindet sich ein Chip, der diverse Infostationen aktiviert. In denen erwecken dann zeitgemäße Animationen selbst alte Bücher zu Leben– und flattert zum Beispiel ein von Sybille Merian vor Jahrhunderten gezeichneter Schmetterling plötzlich aus dem Buch los, um nur ein Beispiel zu geben.
Der Chip ermöglicht auch ein ganz besonders Selfie, das den Museumsbesucher in eine mittelalterliche Druckwerkstatt projiziert. Wer mag, kann es sich bei Verlassen der Ausstellung auf die Medienkarte ausdrucken lassen. Auch das ist Gutenberg-Museum MOVED. Hier ist eben überall viel Bewegung drin.
So macht es etwa moderne Videotechnik möglich, dass man durch die sonst unter Glas weggeschlossenen Gutenberg-Bibeln blättern und reinzoomen kann. Im Treppenhaus wiederum nehmen einen die Zeichnungen des Illustrators Jörn Kaspuhl mit auf eine Bilderreise von Gutenberg über "sein" Museum und dessen berühmte Gäste bis hin zur Gegenwart – und erlaubt mit jedem Schritt neue Perspektiven, von vorausschauend bis zurückblickend.
Auch zwei Druckwerkstätten sind mit ins Interimsquartier umgezogen, wo im Ausstellungsbereich "Technik des Druckens" nicht nur gebuchten Gruppen lernen, wie anstrengend das Bedienen der historischen Pressen ist: Das gesamte Jahr über finden stündliche Vorführungen in der Gutenberg-Werkstatt statt. Wer will lernt hier dann etwa, was es mit dem Drucker-Kuss auf sich hat – den jeder hören kann. Eine tolle Ergänzung ist der Vitrine rund ums Buchbinden, denn bis aus einer Seite ein Buch wird – das dauert.
Wer noch Zeit hat, kann nebenan im kleinen Kino zwei Kurzfilme anschauen oder steigt ein Stockwerk höher, wo der Druckladen aktuell eine Bleibe auf Zeit gefunden hat. Bei Vorabanmeldung kann man hier das Drucken selbst auszuprobieren. Oder einfach nur die vielen Lettern-Kästen und Druckstöcke (vgl. Aufmacher) bestaunen, die darauf warten, mit Druckerschwärze zum Leben erweckt zu werden.
Übrigens Im Treppenhaus wird die Bilderreise einmal von einem kleinen Bildschirm unterbrochen, über den Animationen zum zukünftigen Museum flimmern. Denn irgendwann ab 2028 wird das alte Gutenberg-Museum neu erstanden sein. Und dann heißt es wieder Gutenberg-Museum MOVED.



