

Wo ich wohne, im Rheingau auf Höhe Rheinkilometer 511, sind die beiden Graubündner Quellflüsse des Rheins – der Vorder- und der Hinterrhein – weit weg. Ganz weit weg. Nicht nur, dass das sogenannte Rheingaugebirge wenig gemein hat mit der Schweizer Bergwelt. Auch die Flussfarben und -ufer sind nicht vergleichbar. So eng und schroff, so tief und tosend wie etwa am Hinterrhein in der Viamala ist der Lauf des Rheins nie wieder. Und genau deshalb wollte ich dorthin.
Es wurde ein Tag der Kontraste. Von weit oben nach tief unten. Von hitzig sonnenüberstrahlt nach frisch schattendunkel. Von Weitsicht zum Tunnelblick. Von breit nach eng.
Denn bevor es hinab ging zum Hinterrhein in der berüchtigten Viamala-Schlucht, ging es für meine Begleitung und mich zunächst "hinauf". An den Rand der nicht minder legendären Rheinschlucht mit dem Vorderrhein: dem "Swiss Grand Canyon". Wenn schon zu den Anfängen des Rheins, dann auch richtig. Und zu beiden Quellflüssen.
Zugegeben, es wurde damit auch ein anstrengender Wandertag. Aber er lebte von genau dieser Gegensätzlichkeit. Und am Ende zählte nur das, müde Waden hin, zwickende Knie her. Denn: Hier wie dort zeigt die Natur, welche Kraft sie hat. Findet das Wasser – und damit der Rhein – beharrlich (s)einen Weg. Und wird der Mensch zum staunenden Beobachter.
"Vor Jahrtausenden von Gletschereis und den Wassern des Hinterrheins geformt, zählt die Viamala-Schlucht", so schreiben es die Schweizer Tourismuswerber im Web, "zu den eindrücklichsten Naturlandschaften Graubündens." Unterschreibe ich sofort, jetzt, wo wir die 359 Treppenstufen hinunter ins Schlucht-Zentrum gestiegen sind beziehungsweise später auch wieder hinauf. Und fast einen steifen Nacken bekommen haben, um ihre bis zu dreihundert Meter hohen, quasi "glattgeschliffenen" Felswände wieder hochzublicken.
Wo wir gesehen haben, was es mit den vielbeschriebenen Strudeltöpfen auf sich hat, die ein bisschen aussehen, als hätte ein Riese aus den Felsen überdimensionale "Eisbällchen" herausgekratzt. Wo wir darüber spekuliert haben, woher die großen Findlinge wohl stammen, die das tosende Wasser zwischen die engen Felswände gespült und dort eingeklemmt hat. Wo wir erlebt haben, dass das Wasser in der Schlucht hier noch rauschend laut tost und eine Felsnase weiter säuselnd leise fast stillzustehen scheint.
Wo wir so erstaunt wie erschreckt gelesen haben, dass die Bank beziehungsweise Plattform, auf der wird ausruhten und unseren Blick durch die Schlucht schweifen ließen, bei einem Hochwasser Anfang der 1950er-Jahre meterhoch überspült war – und diese Fluten nicht überlebt hätten. Wo wir so verzweifelt wie erfolglos versucht haben, den einstigen Pfad der Säumer auszumachen, die durch diese Schlucht über Jahrhunderte Waren von und nach Italien gebracht haben – obwohl wir einige Zugänge ihrer uralten Schutzhöhlen ausmachen konnten. Und wo wir über zunächst seltsame Stufen-Schildchen mit Zahlen "gestolpert" sind, um dann endlich deren QR-Codes auszulesen – um so zu erfahren, ob in diesem Jahr hier noch Gestein war oder schon Wasser floss. Also ja, die Tourismuswerber haben recht. Findet das Wasser – in unserem Fall der Rhein – beharrlich (s)einen Weg, entstehen beindruckende Naturlandschaft.
Kurzum, langweilig wird es einem in der Viamala-Schlucht rund ums heutige Besucherzentrum definitiv nicht, im Gegenteil. Der moderne kleine Betonbau klebt an einer Felskante und verschwindet optisch so sehr mit dem Gestein drumherum, dass man ihn von vielen Punkten in der Schlucht aus fast nicht wahrnehmen kann. Auch die endlosen Betontreppen sind von etwas weiter weg – etwa der Bogenbrücke oberhalb des Besucherzentrums an der heutigen Route 13, die den alten Säumerpfad überflüssig gemacht hat – teils schwer auszumachen.
So komfortabel dürften jene angereisten Besucher der Viamala, die beim Eingang beziehungsweise Treppenzugang per Einspieler zitiert werden, früher wohl kaum die Schlucht erkundet haben – von den einstigen Händlern mit ihren Lasttieren ganz zu schweigen. Und auslesbare QR-Codes mit Infos oder Warnungen hatten die auch.
Beeindruckt aber waren sie genauso. Friedrich Nietzsche etwa sprach von einer "düsteren Großartigkeit", die wir am späten Nachmittag, wo die Sonne schon lange nicht mehr in die Tiefen der Schlucht vordringt, ähnlich empfanden. Und um es mit Theodor Fontane zu sagen: "Ich hätte nicht geglaubt, dass nach allem, was ich in meinem Leben gesehen habe, ich noch so mächtig von Dingen dieser Art bewegt werden könnte." Wohl war, die Natur schreibt eben doch die spannendsten Geschichten. Vor allem dann, wenn das Wasser – hier der Rhein – beharrlich (s)einen Weg findet.
Was man bei all dem nicht vergessen sollte: Das rätoromanische "veia mala" bedeutet nicht ohne Grund "schlechter Weg". Und das nicht erst, als der hiesige Saumpfad aus der Römerzeit im Mittelalter "Konkurrenz" bekam, auf der man deutlich besser und schneller über die Alpen kam. Der da schon schlecht unterhaltene Weg am Hinterrhein verfiel zusehends, weshalb Schlucht und Weg seit dem 13. Jahrhundert Viamala genannt wurden.
Ende des 15. Jahrhunderts jedoch beschlossen drei nahe Gemeinden, die Schlucht wieder passierbar zu machen. Das kann man im sogenannten Viamalabrief von 1473 nachlesen. Wer heute auf der Route 13 zum Besucherzentrum fährt, profitiert im weitesten Sinne von ihren kühnen Ausbauplänen. Und auch all jene, die nicht nur kurzzeitig wie wir in die Viamala-Schlucht hinabsteigen, sondern sie – quasi auf den Spuren der alten Römer – durchwandern. Wer weiß, vielleicht ein anderes Mal. Für diesmal reichte es uns. Immerhin waren wir ja am Hinter- und Vorderrhein gewesen. Und so kontrastreich wie beindruckend gelernt, wie das Wasser – ergo der Rhein – beharrlich (s)einen Weg findet.
Übrigens: Die Viamala-Schlucht liegt nur vier Kilometer von Fürstenau, der "kleinsten Stadt der Welt", entfernt – falls wer einen anderen Tag der Kontraste erleben möchte. Dort kann man dann an einem schon ganz anderen Hinterrhein entlang spazieren. Breiter zwar und nicht mehr so tosend, aber noch weit entfernt von jenem Rhein, an dem ich sonst fast täglich entlanglaufe. Und jetzt weiß, wo er und sein Wasser herkommen.



