

Vor über 140 Jahren erschienen Johanna Spyris "Heidi"-Bücher. Bis heute hat das aufgeweckte Waisenmädchen, das so sehr an den Schweizer Bergen und seinem Großvater, dem Alpöhi, hängt, Millionen Fans in aller Welt. Und wurde für Graubünden, wo seine Schöpferin die Geschichte angesiedelt hat, eine unbezahlbare Markenbotschafterin. Wer hier etwa rund um Bergün unterwegs ist, wird der Romanfigur vielfach begegnen. Denn hier wurde sie erstmals verfilmt – und "Heidi" endgültig Kult.
Wer auf dem Weg in die Ostschweiz ist, begegnet Heidi indes schon viel früher. Noch vor der Graubündner Kantons-Hauptstadt Chur grüßt bereits werbewirksam das Heidiland als Ferienregion. Da hat man noch gar nicht Heidis wirkliche Wohlfühlhöhen erreicht, erstreckt es sich doch vom westlichen Walensee und dem Flumserberg über das Bündner Herrschaftsgebiet bis nach Bad Ragaz mit dem Ausflugsberg Pizol.
Das Kurstädtchen sollte man in keinem Fall rechts der A13 liegen lassen. Alle drei Jahre wird es dank der Triennale Bad RagARTz zur Pilgerstätte für Kunstfans. Denn dort kann man dann Kunst open-air erleben, ohne Türen und bei freiem Eintritt. Etliche Kunstwerke stehen auch zwischen den Schauen dort und künden von dem was war und kommt – 2027 nämlich. Mein Tipp: Den Rastplatz Heidiland nutzen, sich auf eine jener Parkflächen stellen, wo das Parkieren für vier Stunden mit Parkscheibe gratis ist, und über die Eisenbahnbrücke rüber ins Städtchen laufen. Heidi hätte das kunstvolle Rumstromern sicher auch gefallen. Schließlich ist man vor grandioser Bergkulisse unterwegs.
Okay, grundlos heißt diese Ecke Graubündens natürlich nicht Heidiland. Obgleich die Schauplätze dort ein ganzes Eck entfernt von jenen liegen, wo Anfang der 1950er-Jahre die zwei ersten "Heidi"-Verfilmungen entstanden. Johanna Spyri verortete nämlich bestimme Szenen ihres Buchs eindeutig dort. So liest man: "Vom freundlichen Dorfe Maienfeld führt ein Fußweg durch grüne, baumreiche Fluren bis zum Fuße der Höhen, die von dieser Seite groß und ernst auf das Tal herniederschauen."
Wo genau sich jedoch jenes Dörfli und die Alp befinden, die Johanna Spyri letztlich als weitere Inspirationen für ihr Buch dienten, das weiß keiner genau. Es scheint jedoch, dass das heutige Heididorf bei Rofels in Maienfeld und die Heidialp auf dem Ochsenberg die wahrscheinlichsten Vorbilder sind. Zumindest für die beiden Kinderbücher. Und die wurden seit ihrem Erscheinen 1880 und 1881 rasch zu einem Welterfolg. Sie wurden inzwischen in mehr als 50 Sprachen übersetzt und rund 60 Millionen Mal verkauft. Funfact am Rande: Die englische Übersetzung für die USA erschien bereits 1884.
Die Geschichte des Waisenmädchens Heidi, das bei seinem einsiedlerischen Großvater in den Schweizer Alpen aufwächst, Freundschaft mit dem Geißen-Peter schließt und später Klara, der scheinbar gelähmten Tochter einer Frankfurter Kaufmannsfamilie, wieder neuen Lebensmut gibt, hat ja auch was. Viel Herzschmerz, im wahrsten Sinne des Wortes: Wer leidet nicht mit, wenn Heidi vor (Berg-)Heimweh krank wird!?
Wenig verwunderlich, dass der Stoff in den Wirtschaftswunderjahren, als das Kino nicht nur hierzulande immer beliebter wurde, dann auch verfilmt wurde. Natürlich in der Schweiz. Allerdings nicht im erwähnten Heidiland, sondern andernorts in Graubünden: im Parc Ela und hier insbesondere im Weiler Latsch ob Bergün (im Film ist er das Dörfli) und auf der nahen Filisurer Alp Falein (wo noch heute die Original-Heidi-Hütte steht).
Als dann 2014 auch die Neuauflage ebendort mit keinen geringeren als dem Schweizer Superstar Bruno Ganz als anfangs grantigem Alpöhi gedreht wurde, ging der Heidi-Hype weiter (siehe Aufmacher). Die neuerliche Verfilmung, die 2015 ausgestrahlt wurde, nahm man sogar zum Anlass für die ausgewiesene Bergtour "Heidis-Bergweg".
Ich gestehe, diese Tour bin ich nicht gewandert, wir hatten andere Pläne. Aber wir waren oben in Latsch. Und haben genau in jener Gasse gestanden, wo Peter immer die Geißen der Dorfbewohner durchtreibt, um sie hoch auf die Alm zu bringen. Funfact am Rande: Kurz nach meinem Graubünden-Trip im Juli lief Anfang August in 3sat der Thementag "Film ab – Schweiz". Natürlich inklusive "Heidi"-Film anno 1952. Wo übrigens mit Heinrich Gretler ein Schweizer Starschauspieler der damaligen Zeit den zunächst grummeligen Alpöhi spielte.
Warum ich all diese filmischen Details trotzdem weiß? Weil auf meiner Wunschliste für Bergün ein Besuch im Dorfmuseum stand. Was gar nicht so einfach einzuplanen ist, wenn man eigentlich nur auf der Durchreise ist. Das prachtvolle Engadiner Haus aus dem 16. Jahrhundert direkt an der Hauptstraße ist zwar unübersehbar, aber leider nur an wenigen Tag pro Woche für ein paar knappe Stunden geöffnet. Mach dich rar, sein ein Star? Funktioniert! Das Museum war an diesem Juli-Donnerstagnachmittag richtig gut besucht.
Hier erfährt man, was es mit den Erkerfenstern der Bündner Häuser auf sich hat (sie geben mehr Licht). Oder wie ihre Sgraffiti entstanden (mittels einer Kratztechnik). Vor allem bekommt man vielfältige Einblicke in Wohnstube, Keller und Küche, in Handwerk, Tradition und Alltag im Graubünden von einst. Und man kann, man ist ja im Kernland der Rhätischen Bahn, eine Modelleisenbahnanlage der UNESCO-Welterbe-Strecke Bergün-Preda bestaunen. Darüber hinaus widmet sich eine Kleinausstellung der Verfilmung der "Heidi"-Romane in den Jahren 1952, 1954 und 2014.
Ob Klaras Rollstuhl oder Heidis Zöpfe, Detes Hut oder Peters genagelte Schuhe, Filmklappe oder Zeitungsberichte, Heinrich Gretler in Schwarzweiß oder Bruno Ganz in Farbe – hier kommen Fans der "Heidi"-Filme klein, aber fein auf ihre Kosten. Selbst eine Schulbank aus der Film-Dorfschule gibt es. Und wenn die Zeit reichen würde, könnte man den Fernseher anwerfen und die alten 1950er-Jahre-Filme anschauen. Okay, es ginge sicher auch größer, interaktiver, medialer. Aber die kleine Schau hat ihren Charme. Man spürt den Stolz, dass man Filmkulisse war. Nicht nur einmal, sondern dreimal.
Diesen Erfolg ihrer "Heidi"-Bücher, von denen ein paar Ausgaben ausgestellt sind, hat sich Johanna Spyri sicher nicht erträumt. Als sie im Alter von 52 Jahren das erste "Heidi"-Buch schrieb, war es ihr erster großer Roman, der gleich ein weltweiter Bestseller wurde! Er machte die Schriftstellerin bis heute zur wohl weltbekanntesten Schweizerin schlechthin, über Generationen hinweg. Und ihre Romanfigur Heidi, die Ende der 1970er-Jahre dann auch als japanische Anime-Serienfigur hierzulande die Bildschirme eroberte, zu einer unbezahlbaren Markenbotschafterin für Graubünden.
PS: Spyri verstarb übrigens vor 125 Jahren, im Juli 1901. Anlässlich ihres anstehenden 200. Geburtstages im nächsten Juni dreht(e) das Schweizerische Fernsehen SRF gemeinsam mit RTL in diesem Jahr eine neue "Heidi"-Serie in den Schweizer Bergen. Diesmal leider nicht in Latsch. Mit der Ausstrahlung in 2027 geht Heidis Erfolgsgeschichte damit weiter.



