Basel:
Wo man auf Kunst "abfahren" kann

5. August 2026

Wer Basel nur vom Vorbeifahren kennt, der bekommt vor lauter Autobahn, Verkehrsleitsystemen und Schallschutzwänden fast nichts von der Stadt zu sehen. Nur ein kurzer Rheinblick ist einem vergönnt – doch der lässt erahnen, dass es hier richtig schön sein muss. Ist es auch. Und kunstvoll.

Vielleicht liegt es genau an diesem ersten Eindruck, dass immer mal wieder (scherzhaft?) kolportiert wird, die Eidgenossenschaft würde erst in Zürich anfangen. Dabei hat die Metropole in der Nordwestschweiz (immerhin nach Zürich und Genf die drittgrößte im Land von Schoki, Käse, Uhren und ähnlichen Klischees mehr!), definitiv ihren Reiz. Denn hier am Rheinknie, im Dreiländereck zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz, weiß man zu leben. Und zu genießen.

Basel als Tor zur Schweiz

Basel auf den Grenzübergang zu reduzieren ist nämlich ein Frevel, da die Stadt von Erasmus, Paracelsus und Wettstein, um gleich mal drei wichtige Namen aus ihrer über 2.000-jährigen Geschichte zu nennen, mit allerlei punktet. Und das wissen nicht nur die zigtausenden Grenzgänger zu schätzen, die werktags aus Deutschland und Frankreich hierherkommen, um ihr täglich‘ Brot vor allem in den großen Chemiekonzernen zu verdienen.

Deren Anfänge liegen in einem langwierigen Kirchenkonzil anno 1431 bis 1448. Für diesen "mittelalterlichen G8-Gipfel" wurde seinerzeit viel Papier für all die Protokolle benötigt. Man stellte es vor Ort her, im St. Alban-Tal, wo noch heute eine Papiermühle besichtigt werden kann. Seine Qualität war so top, dass das Papier europaweit exportiert wurde. Das wiederum zog Buchdrucker und Gelehrte an und führte zu einer weiteren wichtigen Jahreszahl: 1460 eröffnete in Basel die erste Schweizer Universität – deren Studenten die Stadt heute viel von ihrer Frische und Lebendigkeit verdankt.

Basel Stadt und Land

Ein Jahrhundert zuvor, 1356, hatte übrigens ein schweres Erdbeben dafür gesorgt, dass die damalige Altstadtmauer in sich zusammenfiel. Das war die Chance auf einen erweiterten Neuanfang, den die Baseler zu nutzen wussten. Ebenso wie 1648 ihr findiger Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein die Verhandlungen zum Westfälischen Frieden. Dort ließ er nämlich die Unabhängigkeit der Confoederatio Helvetica vom Deutschen Reich festschreiben. Auf diesen Schachzug sind die Baseler mindestens so stolz wie auf ihr rotes Rathaus, dessen sehenswerte Repräsentationsräume wie auch den großen Sitzungssaal man samstags auf Kurzführungen bestaunen kann.

Eine Jahreszahl soll’s noch sein: 1833 kam es zur Trennung in die Halbkantone Basel-Stadt und Baselland. Die würde mancher gerne rückgängig machen, aber sie scheint unüberbrückbarer als die Kabbelei zwischen Klein- und Großbasel, die im Januar anlässlich des traditionsreichen "Vogel Gryff" so richtig ausgelebt wird. Die dabei ebenfalls eine Rolle spielende Figur des "Lällenkönigs" kann man nicht nur auf der mittleren Rheinbrücke, sondern in der "Großbaseler" Altstadt noch an so mancher Hausecke finden.

Allerdings scheint er mir nicht so zahlreich zu sein wie die gut 200 Brunnen. Die sind im Sommer eine ideale und kostenfreie Trinkwasserquelle – eigene Flasche drunter halten und weiter geht’s. Nur an einem und nur am 1. Januar soll man länger verweilen: Aus dem fließt am Neujahrstag Wein. Habe ich mal auf einer Stadtführung gehört, lang ist’s her. Muss man im heißen Sommer einfach mal so glauben …

Immer wieder Baseler Münster

Der Guide hatte viel zu erzählen und zu zeigen auf der zweistündigen Tour, die hügelauf und hügelab über Treppengassen und Pflasterstraßen führte. Und einen irgendwann immer wieder zum allgegenwärtigen Münster bringt. Wenn nicht in echt, so dann erzählerisch.

Gesehen haben sollte man ihn aber, auch von innen, auch den Kreuzgang und vor allem auch seine angrenzende Pfalz. Immerhin wurde er nach dem schon erwähnten mittelalterlichen Erdbeben als spätromanische Basilika aus Sandstein neu wieder aufgebaut, die beiden Türme wurden erst im Abstand von 70 Jahren fertig. Das Dach glänzt mit farbigen Ziegeln wie der Wiener Stephansdom, doch der einstige Bischofssitz ist längst evangelisch-reformiert. Hier liegt auch Erasmus von Rotterdam begraben, dem die Stadt den frühen Ruhm ihrer Universität verdankt. Der ebenfalls schon erwähnte Paracelsus hingegen wurde erst bewundert, dann wegen seiner auf Deutsch gehaltenen Vorlesungen geschmäht und musste zuletzt, wohl auch seines Lotterlebens wegen, heimlich aus Basel fliehen.

Ob man ihn von der Pfalz, jener hoch über dem Rhein gelegenen Terrasse direkt am Münster, hinterher schauen konnte, dürfte angesichts seiner Flucht "bei Nacht und Nebel" fraglich sein. Von hier jedoch hat man einen herrlichen Panoramablick über die Stadt und den Rhein. In der Ferne liegt geradeaus der Schwarzwald, links die Vogesen und rechts irgendwo jene Autobahn, von der aus man so wenig von dieser schönen Stadt sehen kann.

Basel Art und andere Kunst mehr

Abfahren von ihr lohnt sich also, zumal es hier noch viel Kunstvolles an vielen Ecken mehr zu sehen gibt. Weil: Basel ohne Kunst? Kaum vorstellbar! Schon Bürohäuser sind hier Weltklassearchitektur (etwa die unübersehbaren Roche-Türme). Und mit der Art Basel hat hier die weltweit führende internationale Kunstmesse für moderne und zeitgenössische Kunst seit 1970 ihre Heimat.

Nicht zu vergessen die fast 40 Museen, von denen das für Gegenwartskunst 1980 das erste seiner Art in Europa war und – natürlich – das Kunstmuseum Basel, zu dem es gehört. Dessen Alt- und Neubau wiederum treten unweit der Wettstein-Brücke in einen spannenden und direkten architektonischen Dialog (daher mein Aufmachermotiv). Das Neue interpretiert das Alte in moderner Form, ob es etwa um die Fassade geht oder das zentrale Treppenhaus. Sie sind nur von einer Straße getrennt, unter der sie mit einem im wahrsten Wortsinn "kunst-vollen" Ausstellungstunnel verbunden sind. Das Wiederkommen lohnt sich. Immer wieder. Denn das Kunstmuseum Basel zählt zu den ältesten öffentlichen Kunstsammlungen weltweit – und man kann bei einem Besuch immer nur einen Bruchteil sehen.

Künstler und Schauen

Es überzeugt neben seinen sehenswerten Sammlungspräsentationen immer wieder mit großartigen Sonderausstellungen, die Kunstinteressierte aus aller Welt anlocken. Das konnte ich gerade wieder erleben (und aus den leisen Gesprächen der Mitbesucher heraushören), als ich die grandiose Helen-Frankenthaler-Schau im Neubau erlebte (Achtung, sie läuft nur noch bis 23. August 2026!). Der Abstecher zu Sammlung des 20. Jahrhunderts im Altbau und damit zu den Klassikern der Moderne musste dann trotzdem sein. Auch, wenn ich schon "farbenvoll" war.

Da hat’s sogar, soviel zum Stolz der Eidgenossen auf eigene "Größen", ein Zimmer nur mit Werken der Künstlerfamilie Giacometti – zu der ich einen Besuch im Bündner Kunstmuseum in Chur empfehlen kann. Okay, das liegt nicht gleich um die Ecke. Aber der mit Kunst belebte Innenhof mit dem Museumscafé und die großen Treppenaufgänge des Kunstmuseums Basel. Wenigstens mal dort verweilen, das muss sein. Denn wie habe ich am Anfang geschrieben? In Basel weiß man zu leben. Und zu genießen. Nicht nur hier spürt man das.

Nicht verpassen sollte man daher, um wenigstens noch drei weitere Tipps zu geben, das Museum Tingeley (ich gestehe, das steht noch auf meiner To-Do-Liste), die Fondation Beyerle (fast schon vor den Toren der Stadt quasi im Grünen gelegen) oder etwa das Historische Museum (wo ich in der Barfüßerkirche die Fragmente des berühmten "Basler Totentanzes" bestaunt habe). Es ist also nicht übertrieben zu sagen, dass man in Basel voll auf Kunst "abfahren" kann.

 

Offenlegung: Die Stadt- und Rathausführung sind schon eine Weile her und wurden damals von Tourismus Basel unterstützt, meine Meinung und Berichterstattung wurde davon nicht beeinflusst. Alle anderen hier eingeflossenen Basel-Besuche habe ich selbst organisiert.

Kunstmuseum Basel: Treppenhaus mit Sonderausstellung H. Frankenthaler im NeubauKunstmuseum Basel: Blick in den Innenhof des Altbaus mit Museumscafé-TerrasseKunstmuseum Basel: Blick in das Haupt-Treppenhaus des Altbaus mit FensterbildernKunstmuseum Basel: Eingang zur Sammlung des 20. Jahrhunderts im Altbau
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