Bergün/Bravuogn im Parc Ela:
Charmantes Bergdorf mit Charakter

25. September 2026

Hier stehen etliche Dreitausender. Die Natur ist so arten- wie abwechslungsreich. Die Luft herrlich rein. Kurz: Wer dem UNESCO-Weltkulturerbe Albulalinie der Rhätischen Bahn folgt, erlebt auch Teile des größten Naturparkes der Schweiz, den Parc Ela. Und landet zwangsläufig irgendwann in Bergün/Bravuogn, einem so entspannten wie traditionellen Graubündner Bergdorf. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wofür der Park noch steht: für intakte Dörfer und lebendige Kultur.

Darum nach Bergün

Ich hole etwas aus. Es gab für mich einige Gründe, nach Bergün zu fahren. Die einen war mehr privater Natur, die anderen von journalistischer Neugier getrieben. Zum Beispiel, weil Bergün bereits als eines der "schönsten Dörfer der Schweiz" ausgezeichnet worden ist. Das könnte man ja mal überprüfen, ob dem wirklich so ist, oder? Und gleich mal schauen, warum es zu jenen zehn Dörfern Graubündens zählt, die dank ihrem intakten historischen Dorfkern als "Ortsbild von nationaler Bedeutung" anerkannt sind. Was unter anderem damit zu tun hat, dass sich nicht nur, aber vor allem in der Hauptstraße viele alte Häuser im Engadiner Stil aneinanderreihen mit den so typischen Fassadenmalereien und Sgraffiti, Erkern und Fenstergittern.

Auch das Kurhaus, erbaut Anfang des 20. Jahrhunderts, das im eigentlichen Sinne nie eines war, aber als Hotel so heißt, stand auf meiner Liste. Vor allem wegen seiner bestens erhaltenen Jugendstil-Ausstattung, von seinem großen blauen Fest-/Speisesaal ganz zu schweigen. Und dann hatte ich noch aufgetan, dass es im Dorfmuseum unter anderem eine kleine Ausstellung zu den Heidi-Filmen gibt.  Außerdem wollte ich mehr zum "Herzlichen Fotografierverbot" von 2017 herausfinden. Das klang doch alles charmant-interessant – und nach einem kurzweiligen Ausflug, bei dem es auch etwas zu "erlaufen" geben sollte.

Das Stichwort "Parc Ela" (der seit 2012 einer von 16 Naturparks der Schweiz und mit 659 Quadratkilometern Fläche auch der größte ist) gehörte ehrlicherweise nicht zu meinen Beweggründen. Erkenntnisse über und Einblicke in ihn waren sozusagen die beeindruckende Zugabe eines Tages, der etwas anders geplant und am Ende doch rundum gelungen war.

Darum hoch nach Latsch

Alles fing mit meinem Wunsch für eine vorangestellte Wanderung von Bergün hoch zum Heidi-Dorf Latsch an. Ich wollte den frischeren Vormittag dafür nutzen, dann im besagten Kurhaus Bergün einkehren und mir zuletzt Bergün an sich erlaufen – Besuch im Museum inklusive.

Der sonnenverwöhnte Weiler, wo dereinst teils die Heidi-Filme gedreht wurden (er war das "Dörfli"), liegt nämlich so idyllisch wie gut sichtbar auf einer Kuppe oberhalb von Bergün. Und gewährt damit tolle Ausblicke auf Bergün und herrliche Weitsicht auf die sogenannten Bergüner Stöcke. Dahinter verbirgt sich eine imposante Gebirgsgruppe entlang des Albulatals. Sie besteht aus drei recht markanten Hauptgipfeln: dem schon erwähnten Piz Ela (3.339 Meter), der dem Naturpark seinen Namen gab, dem Corn da Tinizong (3.173 Meter) und dem Piz Mitgel (3.159 Meter). Ja, korrekt, die sieht man zwar auch von Bergün aus gut. Aber manche Perspektiven sind halt besser als andere.

Ich mache es kurz: Hinauf führt ein ausgebauter, aber auch steiler Weg. Muss man mögen, wenn man sich tolle Ausblick erlaufen will. Er soll hoch beziehungsweise runter jeweils in einer guten Stunde zu schaffen sein, trotz der über 200 zu überwindenden Höhenmeter. Wenn man nicht ein schmerzendes Knie vom Vortageswanderprogramm hoch über der Rheinschlucht und tief unten in der Viamala hat. Das betraf zwar nicht mich, aber meine ortskundige Reisebegleitung.

Darum zum Lai da Palpuogna

Es gab also durchaus Hintergedanken, als diese mir im Besucherzentrum der Viamala aus einem Infoständer einen Flyer samt Landkarte zum Parc Ela herausglaubte und in die Hand drückte. Um mir dann am nächsten Morgen meinen Tagesplan kreativ durcheinander zu werfen. Ich sage nur: Knie. Was soll ich sagen? Hat funktioniert!

Latsch als Auftakt gab es zwar trotzdem, aber per Auto. Wir schraubten uns dorthin hoch, schauten uns zu Fuß etwas um und kurvten wieder runter. Um unten erneut Bergün wieder nur zu durchfahren und stattdessen den Schildern Richtung Preda und Albulapass zu folgen. Das Ziel? Der Lai da Palpuogna, der, so liest man, "schönste Fleck der Schweiz" und damit bestes Anschauungsbeispiel, für was der Parc Ela vor allem steht. Auch hier hieß es erst wieder: hochkurven und immer wieder Bahnviadukte zu sehen. Denn wir hatten mit der Albulalinie der Rhätischen Bahn, deren Landwasserviadukt wir bereits bei Filisur bestaunt hatten, einen steten Weggefährten.

Was dann kam, war ein zweistündiger Spaziergang ohne nennenswerte Höhenunterschiede, aber Natur pur. Nach Latsch hoch wäre auch der Weg das Ziel gewesen – aber der Weg um diese Bergsee-Idylle auf nahezu 2.000 Höhenmetern war definitiv weniger anstrengend, aber nicht minder grandios. Und dass, obwohl wir den Palpuogna-See nicht für uns alleine hatten, im Gegenteil. Ob es an der Magie dieses glasklaren Bergsees lag, der seit dem Bau eines keinen halben Meter hohen "Staumäuerchens" seit den späten 1890er-Jahren der Elektrizitätsgewinnung dient, aber zum Schutz seines Ökosystems mit einem Badeverbot belegt ist? Denn auch hier war es so erstaunlich wie wunderbar ruhig auf dem Rundweg, über den alles müssen. Er führt teils durch Wald, dann auf  flachen Stegen über Zuläufe sowie Feuchtzonen und entlang Wildkräuter-übersäter Wiesen. Obwohl viele Wanderer unterwegs waren und etliche wahlweise auf Bänken rasteten oder an Buchten oder ausgewiesenen Feuerstellen picknickten.

Endlich runter nach Bergün

Danach hatten wir uns die Einkehr im Kurhaus Bergün redlich verdient, wo wird selbstverständlich so viel Jugendstil wie möglich angeschaut haben (der Saal!). Obwohl wir eigentlich nur Terrassengäste waren, die sich mit einer gar köstlichen Graubündner Gerstensuppe stärkten.

Zuvor mussten wir uns aber erst einmal wieder kurvenreich dorthin runterschrauben, denn das Dorf liegt "nur" 1.367 Meter hoch. Warum ich das erwähne? Weil die Straße vom See beziehungsweise Preda aus nach Bergün im Winter gesperrt ist und dort trotzdem reger Verkehr herrscht. Dann wird dieser Abschnitt zur wohl längsten Naturschlittelbahn Europas. Fährt man vom Palpuogna-See nach Bergün/Bravuogn kann man die elektrische Streckenbeschilderung sehen, die dann anzeigt, wie schnell man ins Tal saust oder ob man abbremsen muss. Rodler können übrigens im Bahnhof Bergün/Bravuogn einen Schlitten mieten und sich von der Rhätischen Bahn nach Preda hinauffahren lassen. Davon zeugen bei unserem sommerlichen Besuch freilich nur etliche, teils historische Postkartenmotive, die es unter anderem im Kurhaus zu kaufen gibt. "Ski und Rodeln gut" heißt es hier nämlich schon im späten 19. und im 20. Jahrhundert.

Und natürlich habe ich danach meine große Dorfrunde bekommen, mit allem, was Bergün, an sich ein langgezogenes Straßendorf und ein Paradebeispiel für die "gelebten" Kulturgüter und intakten Dörfer des Parc Ela, zu bieten hat. Ich war in der Dorfkirche, im Kern romanisch und innen komplett ausgemalt. Habe die Engadiner Häuser an der Hauptstraße betrachtet (und etliche "Fenster & Türen" fotografiert). Und ich weiß seit dem Besuch im Dorfmuseum auch, was es mit ihren Erkerfenstern auf sich hat (mehr Licht!) Auch wie ihre Sgraffiti entstanden, weiß ich nun (eine Kratztechnik!) Ich habe spannende Renovierungsobjekte gesehen, wo alte Fassaden aus dem 16./17. Jahrhundert erhalten wurden, aber im Inneren neue Wohnkuben stehen. Nur ins Bahnmuseum Albula sind wir nicht, wir hatten mehr Freude an den ganzen Zugbeobachtung "in echt".

Bilanz des "Bergüner" Tages?

Man muss flexibel sein, dann sammelt man trotz aller Vorplanung oft die schönsten Erinnerungen ein (und selbst ortskundige Reisebegleitungen erleben noch ihr ein oder anderes "erstes Mal"!). Und: Bergün wie der Palpuogna-See werden jedem Titel und Beinamen gerecht, den man so lesen kann. Da kann man das "Herzlichen Fotografierverbot" von 2017 (längst aufgehoben!) getrost ignorieren.

Parc Ela/Lai da Palpuogna: Die Bergsee-Idylle liegt auf nahezu 2.000 Höhenmetern unweit der Albulapassstraße und ist, selbst bei vielen Besuchern, ein ruhiges Fleckchen Erde.Parc Ela/Lai da Palpuogna: Parc Ela ist seit 2012 einer von 16 Naturparks der Schweiz und mit 659 Quadratkilometern Fläche der größte ist – und steht auch für intakte Dörfer und lebendige KulturParc Ela/Bergün: Das Strassendorf liegt auf einer Höhe von 1.367 Metern, Zentrum des unteren Dorfteils ist der Platzturm la Tuor aus dem 13. Jahrhundert.Parc Ela/Bergün: Das Ortsbild ist geprägt von vielen alte Häuser im Engadiner Stil mit den so typischen Fassadenmalereien und Sgraffiti, Erkern und Fenstergittern – und hoch oben sieht man immer den Weiler Latsch.
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